4.010 Trichter-Ehehalde

 

NSG-Atlastext:

Landkreis Tübingen, Stadt Rottenburg

Geschützt seit 1938

Naturraum Obere Gäue

Größe: 2,7 Hektar

Top. Karte 7519

Unmittelbar westlich von Rottenburg bricht das Neckartal durch die enge Schwäbische Pforte (Porta Suebica) aus dem Muschelkalk in die weit erodierten Keuperschichten, die "Gäulandschaft" zwischen Schwarzwald und Schönbuch aus. Hier - kurz vor seiner Mündung in den Neckar - hat ein ehemals kräftiger Bach im Weggental, der heute wegen der Verkarstung kaum noch Wasser führt, eine tiefe s-förmige Schleife mit steilen Prallhängen eingegraben. Besonders beeindruckend im Trichter der S-Schleife ist ein nach Westen ausgerichteter Steilhang im Gewann Ehehalde. Im Süden begrenzt ein 420 Meter hoher Muschelkalksporn das Gebiet. Oben auf den Hängen lagern über dem harten Muschelkalk zusätzlich mehrere Meter starke, verbackene Schotter, die der eiszeitliche Neckar aus dem Schwarzwald herangeschafft hat. Diese Deckschicht und den darunter liegenden Muschelkalk durchbrach der Neckar erst, als er nicht mehr mit den Schottern aus dem Schwarzwald befrachtet war. Der Westhang über der S-Schleife, ein altes Weinbaugebiet, hat sich in mancher Hinsicht verändert, seit der Trichter im Jahr 1938 unter Schutz gestellt wurde. Die Verbuschung und Versaumung nicht mehr bewirtschafteter Flächen einerseits und die intensive "Gütlesnutzung" andererseits führten nach und nach dazu, daß die Artenvielfalt im Naturschutzgebiet schrumpfte. Diesem Schwund fielen nach neuesten Erkenntnissen etwa die Mondraute (Botrychium lunaria), der Kreuz-Enzian (Gentiana cruciata), das Gefleckte Knabenkraut (Orchis maculata) und andere seltene Arten zum Opfer. Selbst einige Vogelarten haben unter der zunehmenden Verbuschung gelitten. Diese Verarmung ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß die Schutzverordnung aus den 30er Jahren kaum detaillierte Vorgaben machte und daß das Gebiet bis in die 70er Jahre praktisch nicht kontrolliert wurde. Außerdem gibt es nach wie vor keinen Pflegeplan. An der Ehehalde läßt sich somit gut zeigen, wie sich die Aufgaben des Naturschutzes im letzten halben Jahrhundert gewandelt haben. Mit Nutzungsverboten allein kann man ein Gebiet auf Dauer nicht in seiner Wertigkeit erhalten. Mehr und mehr ist es heute notwendig, die traditionelle Nutzung festzuschreiben und dort, wo Privatpersonen dies nicht mehr leisten können, in staatlicher Regie pflegend einzugreifen. Ein erster "Kahlschlag" ist in solchen Fällen meistens nicht zu vermeiden, auch wenn es in der Öffentlichkeit häufig an Verständnis für eine derartige Radikalkur fehlt. Auf Dauer reicht ein einmaliger Eingriff in die Vegetation freilich nicht aus, um den Charakter eines Schutzgebietes zu bewahren. Dazu bedarf es ständiger Pflege, und sei es nur, daß man Grasflächen regelmäßig mäht oder extensiv mit Schafen beweidet. Dies gilt auch für das Naturschutzgebiet "Trichter Ehehalde" und dort speziell für die stark verbuschten Parzellen, die der Stadt Rottenburg gehören.