2.134 Auer Köpfle - Illinger Altrhein - Motherner Wörth

 

Verordnung des Regierungspräsidiums Karlsruhe über das Naturschutzgebiet "Auer Köpfle - Illinger Altrhein - Motherner Wörth" im Landkreis Rastatt vom 19. Dezember 1990

 

Auf Grund von §§ 21, 58 Abs. 2 und § 64 Abs. 1 Nr. 2 des Gesetzes zum Schutz der Natur, zur Pflege der Landschaft und über die Erholungsvorsorge in der freien Landschaft (Naturschutzgesetz - NatSchG) vom 21. Oktober 1975 (GBl. S. 654), geändert durch das Gesetz zur Bereinigung des baden-württembergischen Ordnungswidrigkeitenrechts vom 6. Juni 1983 (GBl. S. 199), und von § 22 Abs. 2 und § 33 Abs. 2 Nr. 4 des Landesjagdgesetzes (LJagdG) in der Fassung vom 20. Dezember 1978 (GBl. 1979 S. 12) wird verordnet:

 

§ 1 Erklärung zum Schutzgebiet

 

Die in § 2 näher bezeichnete Fläche auf dem Gebiet der Gemeinden Au am Rhein und Elchesheim-Illingen wird zum Naturschutzgebiet erklärt. Das Naturschutzgebiet führt die Bezeichnung "Auer Köpfle - Illinger Altrhein - Motherner Wörth".

 

§ 2 Schutzgegenstand

 

(1) Das Naturschutzgebiet hat eine Größe von rund 250 ha. Es umfaßt auf dem Gebiet der Gemeinde Au am Rhein die Grundstücke Flst.-Nrn. 5420 (tw.), 542211 (tw.), 5425/2 (tw.), 5428 (tw.), 5430, 5431 (tw.) sowie auf dem Gebiet der Gemeinde Elchesheim-Illingen die Grundstücke Flst. Nrn. 820, 820/1, 820/3, 820/4, 820/5, 820/6, 820/7, 821-832, 833/1, 833/2, 837, 838-848, 849, 850/1, 850/2, 850/3, 851, 852, 874/2 (tw.), 875 (tw.), 875/1 (tw.), 881/1 (tw.).

 

Es wird im wesentlichen begrenzt:

im Westen durch das Ufer des "Goldkanals" zwischen dem außerhalb des Naturschutzgebietes liegenden Kieswerk Illingen und der Mündung des "Goldkanales" in den Rhein sowie durch den außerhalb des Naturschutzgebietes liegenden Leinpfad bis zur Kreisstraße K 3724, im Norden durch die Kreisstraße K 3724 bis zur Zufahrtsstraße zum Auer Baggersee;

im Osten durch den außerhalb des Naturschutzgebietes liegenden Weg entlang des westlichen und südlichen Ufers des Auer Baggersees bis zum Graben "Alte Waldkehle" bis zum innerhalb des Naturschutzgebietes liegenden Haupthochwasserdamm, durch diesen bis zur Kreisstraße K 3725;

im Süden durch die außerhalb des Naturschutzgebietes liegende Zufahrtsstraße zum Kieswerk Illingen (Verlängerung der K 3725).

 

(2) Die Grenzen des Schutzgebietes sind in einer Übersichtskarte im Maßstab 1:25000 mit durchgezogener roter Linie und in einer Detailkarte im Maßstab 1:5000 mit durchgezogener roter, grau angeschummerter Linie eingetragen. Die Karten sind Bestandteil der Verordnung. Die Verordnung mit Karten wird beim Regierungspräsidium Karlsruhe und beim Landratsamt Rastatt auf die Dauer von drei Wochen, beginnend am achten Tag nach Verkündung dieser Verordnung im Gesetzblatt, zur kostenlosen Einsicht durch jedermann während der Sprechzeiten öffentlich ausgelegt.

 

(3) Die Verordnung mit Karten ist nach Ablauf der Auslegungsfrist bei den in Absatz 2 Satz 3 bezeich-neten Stellen zur kostenlosen Einsicht durch jedermann während der Sprechzeiten niedergelegt.

 

§ 3 Schutzzweck

 

Schutzzweck ist:

1.      der Erhalt und die Sicherung des flächenmäßig größten Altrheines im Übergangsbereich zwischen Furkations- und Mäanderzone, der noch voll von der Überflutungsdynamik des Rheins erfaßt wird;

2.      der Erhalt, die Sicherung und Entwicklung der durch diese Dynamik gestalteten Geländemorphologie, der davon abhängigen Gewässerformen sowie daran angepaßten wildlebenden Tier- und Pflanzenwelt;

3.      die Beruhigung und Sicherung der ausgedehnten Wasserflächen als Nahrungs- und Rastbiotop der Brut- und Zugvogelwelt;

4.      der Erhalt und die Sicherung ufernaher Schilfgürtel und Weichholzsäume mit ihren charakteristischen Pflanzengesellschaften;

5.      der Erhalt, die Sicherung und Entwicklung der strukturreichen Waldbestände der Weich- und Hartholzaue mit ihren auetypischen Baumaren, Sträuchern und Kräutern;

6.      der Erhalt und die Sicherung der auetypischen Wiesenfluren;

7.      der Erhalt, die Sicherung und Entwicklung der an diese auentypischen Lebensräume angepaßten aquatischen, amphibischen und terrestrischen Tierwelt als Brut-, Nahrungs-, Rückzugs-, Rast- und Durchzugsbiotope;

8.      der Erhalt von Trockenstandorten auf den Dämmen als Lebensraum der daran angepaßten Pflanzen- und Tierwelt.

 

§ 4 Verbote

 

(1) In dem Naturschutzgebiet sind alle Handlungen verboten, die zu einer Zerstörung, Beschädigung oder Veränderung des Schutzgebietes oder seiner Bestandteile, zu einer nachhaltigen Störung oder zu einer Beeinträchtigung der wissenschaftlichen Forschung führen können.

 

(2) Insbesondere ist verboten:

1.      bauliche Anlagen im Sinne der Landesbauordnung in der jeweils gültigen Fassung zu errichten oder der Errichtung gleichgestellte Maßnahmen durchzuführen;

2.      Straßen, Wege, Plätze oder sonstige Verkehrsanlagen anzulegen, Leitungen zu verlegen oder Anlagen dieser Art zu verändern;

3.      die Bodengestalt zu verändern;

4.      fließende oder stehende Gewässer zu schaffen, zu beseitigen, zu verändern sowie Entwässerungs- oder andere Maßnahmen vorzunehmen, die den Wasserhaushalt des Gebietes verändern;

5.      Abfälle oder sonstige Gegenstände zu lagern;

6.      Plakate, Bild- oder Schrifttafeln aufzustellen oder anzubringen;

7.      Pflanzen oder Pflanzenteile einzubringen, zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören;

8.      Tiere einzubringen, wildlebenden Tieren nachzustellen, sie mutwillig zu beunruhigen, sie zu fangen, zu verletzen oder zu töten oder Puppen, Larven, Eier oder Nester oder sonstige Brut-, Wohn- oder Zufluchtstätten dieser Tiere zu entfernen, zu beschädigen oder zu zerstören;

9.      die Art der bisherigen Grundstücksnutzung zu ändern;

10.  zu baden, zu tauchen, zu reiten, zu zelten, zu lagern, Wohnwagen, sonstige Fahrzeuge oder Verkaufsstände aufzustellen;

11.  außerhalb von eingerichteten und gekennzeichneten Feuerstellen Feuer anzumachen oder zu unterhalten;

12.  ohne zwingenden Grund Lärm, Luftverunreinigungen oder Erschütterungen zu verursachen;

13.  das Gebiet außer auf befestigten Wegen mit Ausnahme der Wiese südlich des Auer Baggersees zu betreten;

14.  die Wege mit Fahrzeugen aller Art zu befahren (mit Ausnahme von Fahrrädern ohne Hilfsmotor und Rollstühlen);

15.  die Wasserflächen mit Booten oder Wassersportgeräten jedweder Art zu befahren;

16.  Hunde frei laufen zu lassen;

17.  Flugmodelle oder Modellboote zu betreiben;

18.  Dauergrünland umzubrechen;

19.  außerhalb von Ackerland Pflanzenbehandlungsmittel zu verwenden;

20.  Gehölze, Hecken und Sträucher zu beseitigen und zu zerstören;

21.  die Dämme landseits vor dem 1. August und wasserseits vor dem 1. Mai zu mähen oder zu mulchen.

 

§ 5 Zulässige Handlungen

 

§ 4 gilt nicht:

1.      für die ordnungsmäßige Ausübung der Jagd mit der Maßgabe, daß nur Ansitzleitern aus Holz landschaftsgerecht sowie keine weiteren Futterstellen und keine Entenbrutkörbe erstellt bzw. errichtet werden und daß die Wasservogeljagd auf den Zeitraum vom 15. September bis 31. Dezember beschränkt ist und mit nicht mehr als vier Schützen pro Jagdbezirk durchgeführt wird;

2.      für die ordnungsmäßige Ausübung der Berufsfischerei;

3.       für die ordnungsmäßige Ausübung der Sportfischerei mit der Maßgabe, daß nur von den in der Karte und im Gelände gekennzeichneten Uferstrecken und Standplätzen und auf den in der Karte und im Gelände gekennzeichneten Wasserflächen geangelt wird, daß die Boote nur an den in der Karte und im Gelände gekennzeichneten Sammelplätzen angelegt werden, daß die Höchstzahl der Boote im Illinger Altrhein auf 70 begrenzt ist, nur landschaftsgerechte Holznachen verwendet werden und die Zufahrt zu den Anglerplätzen am Rhein ab der Rinnbrücke nur mit einer sichtbar an der Windschutzscheibe angebrachten Sondergenehmigung des jeweiligen Anglervereins erfolgt;

4.      für die ordnungsmäßige landwirtschaftliche Nutzung in der bisherigen Art und im bisherigen Umfang mit der Maßgabe, daß § 4 Abs. 2 Nr. 18, 19 und 20 eingehalten und Wiesen nur zweimal jährlich gemäht und nicht gemulcht werden;

5.      für die ordnungsmäßige forstwirtschaftliche Nutzung in der bisherigen Art und im bisherigen Umfang mit der Maßgabe, daß
a) der Privatwald im "Motherner Wörth" wie ein Schonwald bewirtschaftet wird,
b) im Schonwaldbereich "Alter Wald" die in der Schonwalderklärung der Forstdirektion Karlsruhe genannten Regeln gelten mit der Ausnahme, dass die Kahlhiebsgröße in diesem Schonwaldbereich nur bis zu 0,5 ha betragen darf,
c) außerhalb der Schonwaldbereiche die Kahltriebsgröße 2 ha nicht überschreiten darf und
d) entlang der Gewässer je nach standörtlicher Gegebenheit ein ca. 10 - 20 m breiter Weidensaum aus vorzugsweise Silberweiden als Strauch- und Baumweiden erhalten bleibt bzw. neu begrünt wird,
e) Kopfholzpflege nur noch nach Pflegeplan erfolgt;
f) bei der Verjüngung standortgemäße, rheinauenheimische Laubbaumbestände begründet werden,
g) die Möglichkeiten zu femelartiger Bestandserhaltung ausgeschöpft werden,
h) der an den Schonwaldbereich "Alter Wald" angrenzende Ahornbestand im Rahmen der Forsteinrichtung in Richtung eines eichenreichen Bestandes in Anlehnung und zur Abrundung des Schonwaldbereiches entwickelt wird und nach Abschluß der Entwicklung ebenfalls eine Schonwaldbewirtschaftung eingerichtet wird und
i) § 4 Nr. 19 mit Ausnahme der Verwendung von Wildverbißschutzmitteln zu beachten ist;

6.      für die Ausübung des Kanusportes mit der Maßgabe, daß nur der in der Karte und im Gelände gekennzeichnete Kanuwanderweg befahren wird und das Vereinshaus des Kanuclubs Au am Rhein nur über den direkt zuführenden Forstweg vom Baggersee her angefahren wird;

7.      für die sonstige bisher rechtmäßigerweise ausgeübte Nutzung der Grundstücke (einschließlich der Liegewiese südlich des Auer Baggersees), Gewässer, Hochwasserdämme, Straßen und Wege sowie der rechtmäßigerweise bestehenden Einrichtungen in der bisherigen Art und im bisherigen Umfang sowie deren Unterhaltung und Instandsetzung;

8.      für Pflegemaßnahmen, die von der höheren Naturschutzbehörde oder der von ihr beauftragen Stelle angeordnet werden;

9.      für behördlich angeordnete oder zugelassene Beschilderungen.

 

§ 6 Schutz- und Pflegemaßnahmen

 

Schutz- und Pflegemaßnahmen werden in einem Pflegeplan oder durch Einzelanordnung festgelegt. Soweit Wald betroffen ist, geschieht dies im Einvernehmen mit der Forstverwaltung, die ihrerseits die höhere Naturschutzbehörde bei der periodischen Forsteinrichtung beteiligt.

 

§ 7 Befreiungen

 

Von den Vorschriften dieser Verordnung kann nach § 63 NatSchG oder nach jagdrechtlichen Bestimmungen Befreiung erteilt werden.

 

§ 8 Ordnungswidrigkeiten

 

(1) Ordnungswidrig im Sinne des § 64 Abs. 1 Nr. 2 NatSchG handelt, wer in dem Naturschutzgebiet vorsätzlich oder fahrlässig ein der nach § 4 dieser Verordnung verbotenen Handlungen vornimmt.

 

(2) Ordnungswidrig im Sinne des § 33 Abs. 2 Nr. 4 LJagdG handelt, wer in dem Naturschutzgebiet vorsätzlich oder fahrlässig entgegen § 4 in Verbindung mit § 5 Nr. 1 dieser Verordnung die Jagd ausübt.

 

§ 9

Unberührt von dieser Verordnung bleiben die Rechte der Gemeinde Mothern, die sich aus dem Vertrag zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich über die Festsetzung der Grenze vom 14. August 1925 (RGBl 1927 II S. 960) ergeben.

 

§ 10 Inkrafttreten

 

Diese Verordnung tritt am Tage nach Ablauf der Auslegungsfrist in Kraft.

 

§ 11 Außerkrafttreten

 

Mit Inkrafttreten dieser Verordnung tritt die Verordnung für das Landschaftsschutzgebiet "Rheinwald" vom 24. Januar 1975 für die betreffenden außer Kraft.

 

Karlsruhe, 19. Dezember 1990

gez.: Dr. Miltner