2.199 Ungeheuerklamm

 

Verordnung Des Regierungspräsidiums Karlsruhe über das Naturschutzgebiet "Ungeheuerklamm" (Stadt Bruchsal und Gemeinde Weingarten, Landkreis Karlsruhe) vom 2. April 1996 (GBl. v. 24.05.1996, S. 365).

 

Auf Grund der §§ 21, 58 und 64 des Naturschutzgesetzes (NatSchG) in der Fassung vom 29. März 1995 (GBl. S. 385) wird verordnet:

 

§ 1 Erklärung zum Schutzgebiet

 

Die in § 2 näher bezeichneten Flächen auf dem Gebiet der Stadt Bruchsal, Gemarkung Untergrombach und der Gemeinde Weingarten werden zum Naturschutzgebiet erklärt. Das Naturschutzgebiet führt die Bezeichnung "Ungeheuerklamm".

 

§ 2 Schutzgegenstand

 

(1) Das Naturschutzgebiet hat eine Größe von rund 51 ha. Es umfaßt die Talklinge der Ungeheuerklamm (zwischen dem Gemeindewald Distrikt II Bergwald auf Gemarkung Bruchsal-Untergrombach und dem Gemeindewald Distrikt II Katzenberg auf Gemarkung Weingarten) mit den an die Klamm angrenzenden Hangwäldern. Weiterhin gehört zum Schutzgebiet der Streuobst- und Wiesengürtel am Westhang des Bergwaldes in den Gewannen Ruß und Wehrgraben, nach Westen begrenzt durch die B 3 sowie einige Grundstücke im Gewann Galgenberg, Gemeinde Weingarten.

 

(2) Die Grenzen des Naturschutzgebietes sind in zwei Übersichtskarten im Maßstab 1:25000 und 1:5000 mit durchgezogener roter Linie sowie in drei Detailkarten im Maßstab 1:2500 mit durchgezogener roter, grau angeschummerter Linie eingetragen. Die Karten sind Bestandteil dieser Verordnung. Die Verordnung mit Karten wird beim Regierungspräsidium Karlsruhe, beim Landratsamt Karlsruhe und der Großen Kreisstadt Bruchsal auf die Dauer von zwei Wochen, beginnend am Tag nach Verkündung dieser Verordnung im Gesetzblatt, zur kostenlosen Einsicht durch jedermann während der Sprechzeiten öffentlich ausgelegt.

 

(3) Die Verordnung mit Karten ist nach Ablauf der Auslegungsfrist bei den in Absatz 2 Satz 3 bezeichneten Stellen zur kostenlosen Einsicht durch jedermann während der Sprechzeiten niedergelegt.

 

§ 3 Schutzzweck

 

Schutzzweck des Naturschutzgebietes ist die Erhaltung, Pflege und Entwicklung der Ungeheuerklamm und der angrenzenden Bereiche als bedeutende Lebensräume seltener, zum Teil spezialisierter und gefährdeter Tier- und Pflanzenarten in ihren Lebensgemeinschaften:

 

·               die durch feuchtkühle Bedingungen geprägte schluchtartige Talklinge mit ihrer submontanen Vegetation, die sich insbesondere durch seltene und spezialisierte Arten Höherer Pflanzen, Moose und Flechten sowie ihre Insekten- und sonstigen Kleintierfaunen auszeichnet einschließlich des Schluchtwaldes;

·               die trockenwarmen Hangwälder mit ihren charakteristischen Waldgesellschaften und ihren zahlreichen regionalen und überregionalen botanischen Besonderheiten, wie dem Blauroten Steinsamen und der Graufilzigen Schlüsselblume;

·               die zum Teil sehr artenreichen übrigen Waldteile mit ihrer Vielzahl an Frühjahrsgeophyten, Vögeln und Insekten;

·               die Streuobstbestände und extensiv genutzten Wiesen mit ihrem kleinflächigen und mosaikartigen Aufbau und den darin vorkommenden Vogel- und Insektenarten sowie Flechten und Höheren Pflanzen;

·               die Halbtrockenrasen mit ihren Pflanzen- und Insektenarten;

·               der Hohlweg im Gewann Ruß mit seinen für Lößböden typischen Pflanzen- und Insektenarten.

 

§ 4 Verbote

 

(1) In dem Naturschutzgebiet sind alle Handlungen verboten, die zu einer Zerstörung oder Veränderung im Schutzgebiet oder seines Naturhaushalts oder zu einer Beeinträchtigung der wissenschaftlichen Forschung führen oder führen können, insbesondere die in den Absätzen 2 bis 6 genannten Handlungen.

 

(2) Zum Schutz von Tieren und Pflanzen ist es verboten:

1.            Pflanzen oder Pflanzenteile einzubringen, zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören;

2.            Tiere einzubringen, wildlebenden Tieren nachzustellen, sie mutwillig zu beunruhigen, sie zu fangen, zu verletzen oder zu töten oder Puppen, Larven, Eier oder Nester oder sonstige Brut-, Wohn- oder Zufluchtstätten dieser Tiere zu entfernen, zu beschädigen oder zu zerstören;

3.            Hunde frei laufen zu lassen.

 

(3) Verboten ist es, bauliche Maßnahmen durchzuführen und vergleichbare Eingriffe vorzunehmen, wie:

1.            bauliche Anlagen im Sinne der Landesbauordnung zu errichten oder der Errichtung gleichgestellte Maßnahmen durchzuführen;

2.            Straßen, Wege, Plätze oder sonstige Verkehrsanlagen anzulegen, Leitungen zu verlegen oder Anlagen dieser Art zu verändern;

3.            fließende oder stehende Gewässer anzulegen, zu beseitigen oder zu verändern sowie Entwässerungs- oder andere Maßnahmen vorzunehmen, die den Wasserhaushalt verändern;

4.            Plakate, Bild- oder Schrifttafeln aufzustellen oder anzubringen, mit Ausnahme behördlich zugelassener Beschilderungen.

 

(4) Bei der Nutzung der Grundstücke ist es verboten:

1.            die Bodengestalt zu verändern, insbesondere durch Auffüllungen oder Abgrabungen;

2.            die Art der bisherigen Grundstücksnutzung entgegen dem Schutzzweck zu ändern;

3.            neu aufzuforsten oder Christbaum- und Schmuckreisigkulturen und Vorratspflanzungen von Sträuchern und Bäumen anzulegen;

4.            Dauergrünland oder Dauerbrache umzubrechen;

5.            Pflanzenschutzmittel oder Düngemittel zu verwenden;

6.            die Wiesen zwischen dem 1. März und dem 15. Juni zu mähen.

 

(5) Insbesondere bei Erholung, Freizeit und Sport ist es verboten:

1.            die Wege zu verlassen;

2.            die Wege zu befahren; zulässig sind Fahrräder auf Wegen über zwei Meter Breite und Krankenfahrstühle;

3.            zu reiten, außer auf befestigten Fahrwegen;

4.            zu zelten, zu lagern, Wohnwagen oder Verkaufsstände aufzustellen oder Kraftfahrzeuge abzustellen;

5.            Luftfahrzeuge, insbesondere Luftsportgeräte und Flugmodelle zu betreiben.

 

(6) Weiter ist es verboten:

1.            Abfälle oder sonstige Gegenstände zu hinterlassen oder zu lagern;

2.            Feuer anzumachen oder zu unterhalten;

3.            Lärm, Luftverunreinigungen oder Erschütterungen zu verursachen.

 

§ 5 Zulässige Handlungen

 

(1) Die Verbote des § 4 gelten nicht für die:

1.            ordnungsgemäße landwirtschaftliche Bodennutzung in der bisherigen Art und im bisherigen Umfang mit der Maßgabe, daß
a) die Bodengestalt nicht verändert wird;
b) durch Entwässerungs- oder andere Maßnahmen der Wasserhaushalt nicht verändert wird;
c) Dauergrünland oder Dauerbrache nicht umgebrochen wird;
d) Pflanzenschutzmittel nur auf Ackerflächen unter Beachtung der Pflanzenschutzanwendungsverordnung verwendet werden;
e) Bäume, Hecken, Gebüsche sowie Böschungen nicht beseitigt oder zerstört werden;
f) der vorhandene Obstbaumbestand erhalten bleibt; die Entfernung einzelner abgängiger Bäume ist bei Neupflanzung von Obsthochstämmen zulässig;
g) die Wiesen nicht zwischen dem 1. März und dem 15. Juni gemäht werden;

2.            ordnungsgemäße Ausübung der forstwirtschaftlichen Bodennutzung in der bisherigen Art und im bisherigen Umfang mit der Maßgabe, daß die Schonwalderklärung der Körperschaftsforstdirektion Karlsruhe vom 17. Januar 1994 mit folgenden Bewirtschaftungsgrundsätzen gilt:
a) im unteren Hangbereich sind die Bestände (meist Buchen) soweit möglich als Dauerwald zu erhalten;
b) die Wiederbegründung erfolgt mit standortgerechten einheimischen Laubbäumen durch kleinflächige Verjüngungsverfahren;
c) im oberen Hangbereich ist durch möglichst kleinflächige Verjüngung ein standortgerechter Laubbaumbestand aufzubauen (Buche, Eiche);
d) eichenreiche Teile sind langfristig zu erhalten;
e) Kahlhiebe auf einer Fläche von mehr als 0,5 ha sind ausgeschlossen;

3.            ordnungsgemäße Ausübung der Jagd mit der Maßgabe, daß
a) Hochsitze nur landschaftsgerecht, aus naturbelassenen Rundhölzern und außerhalb von trittempfindlichen Bereichen errichtet werden; außerhalb des Waldbereichs dürfen keine Jagdkanzeln errichtet werden;
b) keine Futterstellen oder Wildäsungsäcker eingerichtet werden.

 

(2) Unberührt bleibt auch die sonstige bisher rechtmäßigerweise ausgeübte Nutzung der Grundstücke und Gewässer sowie der rechtmäßigerweise bestehenden Einrichtungen in der bisherigen Art und im bisherigen Umfang sowie deren Unterhaltung und Instandsetzung.

 

§ 6 Schutz- und Pflegemaßnahmen

 

Schutz- und Pflegemaßnahmen werden durch die höhere Naturschutzbehörde in einem Pflegeplan oder durch Einzelanordnung festgelegt. § 4 dieser Verordnung ist insoweit nicht anzuwenden.

 

§ 7 Befreiungen

 

Von den Vorschriften dieser Verordnung kann nach § 63 NatSchG Befreiung erteilt werden.

 

§ 8 Ordnungswidrigkeiten

 

Ordnungswidrig im Sinne des § 64 Abs. 1 Nr. 2 NatSchG handelt, wer vorsätzlich oder fahrlässig nach § 4 dieser Verordnung verbotene Handlungen vornimmt.

 

§ 9 Inkrafttreten

 

Diese Verordnung tritt am Tage nach Ablauf der Auslegungsfrist in Kraft.

 

Karlsruhe, 2. April 1996

Hämmerle