4.254 Höhnriß-Neuben

Verordnung des Regierungspräsidiums Tübingen über das Naturschutzgebiet »Höhnriß-Neuben« vom 21. Januar 1995 (GBl. v. 28.02.1995, S. 265).

Auf Grund von §§ 21, 58 Abs. 2 und § 64 Abs. 1 Nr. 2 des Gesetzes zum Schutz der Natur, zur Pflege der Landschaft und über die Erholungsvorsorge in der freien Landschaft (Naturschutzgesetz - NatSchG) vom 21. Oktober 1975 (GBl. S. 654), zuletzt geändert durch das Gesetz vom 7. Februar 1994 (GBl. S. 73), wird verordnet:

 

§ 1 Erklärung zum Schutzgebiet

(1) Die in § 2 näher bezeichnete Fläche auf dem Gebiet der Stadt Münsingen, Gemarkungen Dottingen und Rietheim, Landkreis Reutlingen, wird zum Naturschutzgebiet erklärt.

(2) Das Naturschutzgebiet führt die Bezeichnung »Höhnriß-Neuben«.

 

§ 2 Schutzgegenstand

(1) Das Naturschutzgebiet hat eine Größe von rund 50 ha. Es umfaßt auf Gemarkung Dottingen und Rietheim im wesentlichen ganz oder teilweise die Gewanne Eisenrüttel, Neuben, Wiesach und Höhnriß.

(2) Die Grenzen des Schutzgebietes sind in einer Flurkarte des Regierungspräsidiums Tübingen vom 20.Oktober 1993 im Maßstab 1:2500, kombiniert mit einer Übersichtskarte im Maßstab 1:25000, gekennzeichnet und in der Grenzziehung rot angelegt. Die Karte ist Bestandteil der Verordnung. Die Verordnung mit Karte wird beim Regierungspräsidium Tübingen in Tübingen und beim Landratsamt Reutlingen in Reutlingen auf die Dauer von zwei Wochen, beginnend am achten Tag nach Verkündung dieser Verordnung im Gesetzblatt, zur kostenlosen Einsicht durch jedermann während der Sprechzeiten öffentlich ausgelegt.

(3) Die Verordnung mit Karte ist nach Ablauf der Auslegungsfrist bei den in Absatz 2 Satz 3 bezeichneten Stellen zur kostenlosen Einsicht durch jedermann während der Sprechzeiten niedergelegt.

 

§ 3 Schutzzweck

Wesentlicher Schutzzweck des Naturschutzgebietes ist:

·               die Erhaltung und Pflege eines für die Mittlere Kuppenalb außergewöhnlich vielgestaltigen Biotopmosaiks aus Quellbereichen mit Ried- und Feuchtwiesen, über Sukzessions-, Wald-, Hecken-. Wiesen- und Ackerflächen bis hin zu den sonst typischen Halbtrockenrasen, das Lebensraum für zahlreiche seltene, bedrohte und geschützte Tier‑ und Pflanzenarten bietet,

·               die Sicherung der diese Vielfalt bedingenden geologischen Besonderheiten des in engster Nachbarschaft befindlichen Vorkommens von Parabasalt und vulkanischen Tuffen aus dem Uracher Vulkangebiet, Zementmergel, Bankkalke, Kalkschutt Lind quartären Lehmen bis zum Auftreten von Quellbereichen und Dolinen als Zeugnis für die besondere geologische und naturgeschichtliche Situation dieses Landschaftsbereichs,

·               der Erhalt, die Pflege und Verbesserung dieses vielfältigen Naturraums als Lebensraum einer den jeweiligen Besonderheiten angepaßten artenreichen Pflanzen‑ und Tiergemeinschaft und als Rückzugsgebiet für zahlreiche Arten aus der umgebenden Agrarlandschaft, insbesondere als Brutstätte stark gefährdeter Vogelarten,

·               die Erhaltung eines weiträumigen Biotopverbundes von der Trailfinger Schlucht
über den Schopflochberg, die Seetalhalde und den Galgenberg zu weiteren westlich und östlich davon gelegenen Haolbtrockenrasenflächen im Münsinger Nordraum bis zu den geologischen Besonderheiten im Bereich Hohnriß, Neuben und Eisenrüttel.

 

§ 4 Verbote im Naturschutzgebiet

(1) In Naturschutzgebiet sind alle Handlungen verboten, die zu einer Zerstörung, Beschädigung oder Veränderung des Schutzgebietes oder seiner Bestandteile, zu einer nachhaltigen Störung oder zu einer Beeinträchtigung der wissenschaftlichen Forschung fuhren können.

(2) Im Naturschutzgebiet ist insbesondere verboten:

1.            bauliche Anlagen im Sinne der Landesbauordnung in der jeweils geltenden Fassung, insbesondere Einfriedigungen zu errichten oder der Errichtung gleichgestellte Maßnahmen durchzuführen, sowie Sport‑, Spiel‑ oder Erholungseinrichtungen zu schaffen;

2.            Straßen, Wege, Plätze oder sonstige Verkehrsanlagen anzulegen, Leitungen und Unterstützungen zu verlegen bzw. zu errichten oder Anlagen dieser Art zu verändern;

3.            Bodenbestandteile abzubauen, Grabungen, Sprengungen oder Bohrungen vorzunehmen oder die Bodengestalt in sonstiger Weise, vor allem durch Boden‑ oder Materialablagerungen zu verändern;

4.            Abfälle oder sonstige Gegenstände abzulegen, zu lagern oder zu behandeln;

5.            Plakate, Bild‑ oder Schrifttafeln aufzustellen oder anzubringen;

6.            zu zelten, zu lagern, Wohnwagen, sonstige Fahrzeuge oder Verkaufsstände aufzustellen oder Massenveranstaltungen aller Art (Volkswanderungen, Sportveranstaltungen) durchzuführen;

7.            ohne zwingenden Grund Lärm, Luftverunreinigungen oder Erschütterungen zu verursachen oder Tonwiedergabegeräte zu benutzen;

8.            außerhalb von eingerichteten und gekennzeichneten Feuerstellen Feuer zu entzünden oder zu unterhalten;

9.            Hunde frei laufen zu lassen;

10.        Luftfahrzeuge und Flugmodelle aller Art zu betreiben;

11.        Störungen an den Lebens‑, Brut‑ und Wohnstätten wildlebender Tiere, insbesondere durch Fotografieren, Filmen oder ähnliche Handlungen zu verursachen;

12.        wildlebenden Tieren nachzustellen, sie mutwillig zu beunruhigen, sie zu fangen, zu verletzen oder zu töten oder Puppen, Larven, Eier oder Nester oder sonstige Nist‑, Brut‑, Laich‑, Wohn‑, Rast‑, Nahrungs‑ oder Zufluchtstätten dieser Tiere zu entfernen, zu beschädigen oder zu zerstören sowie zum Fang von Tieren geeignete Vorrichtungen zu errichten, zu betreiben oder mit sich zu führen;

13.        gebietsfremde Tiere auszusetzen oder anzusiedeln;

14.        die Art der bisherigen Grundstücksnutzung entgegen dem Schutzzweck zu ändern, insbesondere Grünland umzubrechen;

15.        Neuaufforstungen vorzunehmen, die Entwicklung von Laubholz- oder Mischbeständen hin zu Nadelholzreinbeständen aktiv zu fördern, Schmuckreisig- oder Weihnachtsbaumkulturen oder Vorratspflanzungen von Bäumen oder Sträuchern anzulegen sowie Gehölze aller Art neu zu pflanzen oder auf andere Weise nicht standortheimische Pflanzen oder Pflanzenteile einzubringen;

16.        Pflanzen oder Pflanzenteile, insbesondere Bäume, Hecken, Gebüsche, Feldgehölze im Ganzen oder Teile davon auszugraben. abzupflücken, abzusägen oder in sonstiger Weise zu beschädigen, zu roden oder zu zerstören;

17.        Mittel zur Bekämpfung von Schadorganismen, Wildkräutern und Pflanzenkrankheiten sowie Wirkstoffe, die den Entwicklungsablauf von Pflanzen oder Tieren beeinflussen, anzuwenden;

18.        Düngemittel zu verwenden;

19.        außerhalb der dein öffentlichen Verkehr gewidmeten Straßen und Wege mit Fahrzeugen aller Art, ausgenommen Krankenfahrstühle, zu fahren oder zu reiten.

 

§ 5 Zulässige Handlungen im Naturschutzgebiet

(1) Abweichend von § 4 ist es zulässig:

1.            die Jagd in der bisherigen Art und in bisherigem Umfang mit der Maßgabe auszuüben, daß neue jagdliche Einrichtungen nur in Form einfacher Ansitzleitern aus naturbelassenen Rundhölzern im unbedingt notwendigen Umfang und in unmittelbarem Anschluß an vorhandene hochwüchsige Gehölze landschaftsgerecht errichtet werden. Neue jagdliche Einrichtungen, insbesondere Wildäcker, Futterstellen o.ä., dürfen nicht im Bereich der Feuchtflächen oder Halbtrockenrasen angelegt werden;

2.            die ordnungsgemäße landwirtschaftliche Nutzung in der bisherigen Art, im bisherigen Umfang und in bisheriger Intensität mit der Maßgabe fortzusetzen, daß
2.1 die Bestimmungen des § 4 Abs. 2 Nr. 1-3, 14, 17 und 18 zu beachten sind. Die Verwendung von Düngemitteln (§ 4 Abs. 2 Nr. 18) auf Wirtschaftsgrünland, nicht aber auf den Feuchtflächen Flst.Nr. 1284 und 1285/1, Gemarkung Dottingen, sowie von Düngemitteln und Pflanzenschutzmitteln (§ 4 Abs. 2 Nr. 17) auf Ackerflächen bleibt unberührt;
2.2 auf Halbtrockenrasen nur Schafbeweidung in Form der Hüteschafhaltung erfolgt. Das Mitführen von Tieren anderer geeigneter Arten, insbesondere von Ziegen, in geringer Zahl bleibt unberührt. Die Koppelschafhaltung oder das Pferchen von Schafen ist nicht zulässig. Unberührt bleibt das Pferchen über die Nachtzeit, wobei der Pferch nicht auf Halbtrockenrasen eingerichtet werden darf;
2.3 die landwirtschaftliche Nutzung im vorgenannten Umfang wieder aufgenommen werden darf, die auf Grund vertraglicher Bewirtschaftungsbeschränkungen oder der Teilnahme an einem Extensivierungs- oder Stillegungsprogramm zeitweise eingeschränkt oder aufgegeben worden war;

3.            die ordnungsgemäße forstwirtschaftliche Nutzung in der bisherigen Art und im bisherigen Umfang fortzusetzen, wobei § 4 Abs. 2 Nr. 15 zu beachten ist;

4.            die bestimmungsgemäße Nutzung, Unterhaltung und Instandsetzung der öffentlichen Straßen und Wege, sonstiger Ver- oder Entsorgungsanlagen sowie Fernmeldeanlagen fortzusetzen, wobei § 4 Abs. 2 Nr. 17 zu beachten ist;

5.            die sonstige bisher rechtmäßigerweise ausgeübte Nutzung der Grundstücke und Wege sowie der rechtmäßigerweise bestehenden Einrichtungen in der bisherigen Art und im bisherigen Umfang sowie deren Unterhaltung und Instandsetzung fortzusetzen mit der Maßgabe, daß § 4 Abs. 2 Nr. 3 und 17 zu beachten ist;

6.            Maßnahmen im Rahmen des Flurbereinigungsverfahrens Münsingen-Dottingen im Einvernehmen mit der höheren Naturschutzbehörde durchzuführen;

7.            die bisherige Wintersportnutzung fortzuführen;

8.            Pflegemaßnahmen, die von der höheren Naturschutzbehörde oder der von ihr beauftragten Stelle zur Erhaltung, Verbesserung oder Wiederherstellung des Schutzgebietes oder seiner Bestandteile veranlaßt werden, durchzuführen;

9.            behördlich angeordnete oder zugelassene Beschilderungen anzubringen.

(2) Die zulässigen Handlungen sind so auszuüben, daß sie den Schutzzweck (§ 3) mit größtmöglicher Rücksicht beachten und im Rahmen der Möglichkeiten fördern. Errichtungs-, Unterhaltungs- und Instandsetzungsarbeiten sollen nicht in der Vogelbrutzeit vom 1. März bis 31 Juli ausgeführt werden.

 

§ 6 Schutz-, Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen

Schutz-, Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen können für das Naturschutzgebiet vom Regierungspräsidium durch Einzelanordnung oder in einem Pflegeplan festgelegt werden. Soweit Wald im Sinne des Landeswaldgesetzes betroffen ist, werden diese Maßnahmen vom zuständigen Staatlichen Forstamt im Einvernehmen mit der höheren Naturschutzbehörde in der Forsteinrichtungsplanung festgelegt.

 

§ 7 Befreiungen

Von den Vorschriften dieser Verordnung kann nach § 63 NatSchG Befreiung erteilt werden.

 

§ 8 Ordnungswidrigkeiten

Ordnungswidrig im Sinne des § 64 Abs. 1 Nr. 2 NatSchG handelt, wer in dem Naturschutzgebiet vorsätzlich oder fahrlässig eine der nach § 4 und § 5 Abs. 1 Nr. 2 bis 7 verbotenen Handlungen vornimmt.

 

§ 9 Inkrafttreten

Diese Verordnung tritt am Tage nach Ablauf der Auslegungsfrist in Kraft.

 

TÜBINGEN, den 21. Januar 1995

DR. GÖGLER