4.278 Untere Hellebarten

Verordnung des Regierungspräsidiums Tübingen über das Naturschutzgebiet »Untere Hellebarten« vom 23. Dezember 1996 (GBl. v. 28.02.1997, S. 65).

Auf Grund der §§ 2 und 58 Abs. 2 des Naturschutzgesetzes (NatSchG) in der Fassung vom 29. März 1995 (GBl. S. 385) und von § Abs. 2 des Landesjagdgesetzes in der Fassung vom 1. Juni 1996 (GBl. S. 369) wird verordnet:

 

§ 1 Erklärung zum Schutzgebiet

Die in § 2 näher bezeichnete Fläche auf dem Gebiet der Stadt Blaubeuren, Gemarkung Gerhausen, Landkreis Alb‑Donau‑Kreis, wird zum Naturschutzgebiet klärt. Das Naturschutzgebiet führt die Bezeichnung »Untere Hellebarten«.

 

§ 2 Schutzgegenstand

(1) Das Naturschutzgebiet hat eine Größe von 28,97 ha. Es umfaßt auf Gemarkung Gerhausen:

·               die Flurstücke Nrn. 148 teilweise (tw.), 148/3 tw., 641, 642/1, 764/1, 764/2, 765, 766, 767/1, 767/2, 767/3, 768, 769, 770/1, 770/2, 771/1, 776, 777, 778, 779, 780, 781, 782, 783, 784/1, 784/2, 786, 787, 790, 791, 1003, 1006, 1007, 1008, 1009, 1010 tw., 1017 tw. sowie die Feldwege Nrn. 15 (tw.) und 20.

(2) Die Grenzen des Naturschutzgebietes sind in einer Flurkarte des Regierungspräsidiums Tübingen vom 8. Februar 1994 im Maßstab 1:2500, kombiniert mit einer Übersichtskarte im Maßstab 1:25000, gekennzeichnet und rot angelegt. Im Falle des Widerspruchs zwischen der textlichen Beschreibung und der zeichnerischen Darstellung gelten die in der Karte getroffenen Festlegungen. Die Karte ist Bestandteil der Verordnung. Die Verordnung mit Karte wird beim Regierungspräsidium Tübingen in Tübingen, beim Landratsamt Alb‑Donau‑Kreis in Ulm, Schillerstraße 30 sowie beim Bürgermeisteramt Blaubeuren auf die Dauer von zwei Wochen, beginnend am achten Tag nach Verkündung dieser Verordnung im Gesetzblatt, zur kostenlosen Einsicht durch jedermann während der Sprechzeiten öffentlich ausgelegt.

(3) Die Verordnung mit Karte ist nach Ablauf der Auslegungsfrist bei den in Absatz 2 Satz 4 bezeichneten Stellen zur kostenlosen Einsicht durch jedermann während der Sprechzeiten niedergelegt.

 

§ 3 Schutzzweck

Wesentlicher Schutzzweck ist die Erhaltung eines reich strukturierten Ökosystems, bestehend aus Kalkmagerrasen, Wiesen, Hecken, Brachen, Saumgesellschaften, Wald und Felsstandorten, als Lebensraum für zahlreiche seltene Pflanzen‑ und Tierarten.

Schutzzweck ist insbesondere

·               die Erhaltung des Offenlandes im Gewann »Eichhalde«, das mit seinen vielfältigen Strukturen, bestehend aus Böschungen, Brachen und Halbtrockenrasenresten, Lebensraum für die artenreichen Pflanzen‑ und Tiergesellschaften der Magerrasen‑ bzw. Heideflächen bietet. Zusammen mit Wiesenflächen sowie Hecken und Gehölzen bieten diese Biotopstrukturen vielen Insekten, insbesondere Tagfaltern und Gradflüglern, sowie zahlreichen Vogelarten, z. B. Neuntöter, Goldammer, Lebens‑ und Nahrungsgrundlage;

·               die Erhaltung und Pflege der auf felsenreichem Grund vorkommenden Saumgesellschaften mit Dürrwurz und Straußblütiger Wucherblume;

·               die Erhaltung und Pflege der Trockenrasen- und Halbtrockenrasenflächen als Lebensraum für seltene und vom Aussterben bedrohte, speziell an diese Standorte angepaßte licht‑ und wärmeliebende Pflanzen‑ und Tierarten;

·               die Erhaltung und Pflege der Waldränder mit dem Ziel, lichte Flächen als Teilhabitate seltener licht‑ und wärmeliebender Tier‑ und Pflanzenarten zu bewahren oder zu entwickeln;

·               die Erhaltung der Felsen mit der an diese Standorte angepaßten Flora und Fauna;

·               die Erhaltung und der Schutz der landschaftsprägenden Schönheit dieses Gebietes, das als Relikt früherer Wirtschaftsweise von hohem landeskulturellen Wert ist.

 

§ 4 Verbote

(1) In dem Naturschutzgebiet sind alle Handlungen verboten, die zu einer Zerstörung, Beschädigung oder Veränderung des Schutzgebietes oder seiner Bestandteile, zu einer nachhaltigen Störung oder zu einer Beeinträchtigung der wissenschaftlichen Forschung führen können.

(2) Insbesondere ist verboten:

1.            bauliche Anlagen im Sinne der Landesbauordnung in der jeweils geltenden Fassung zu errichten oder der Errichtung gleichgestellte Maßnahmen durchzuführen, Sport‑, Spiel‑ oder Erholungseinrichtungen zu schaffen sowie Einfriedigungen jeder Art zu errichten;

2.            Straßen, Wege, Plätze oder sonstige Verkehrsanlagen anzulegen, Leitungen zu verlegen oder Anlagen dieser Art zu verändern;

3.            die Bodengestalt zu verändern;

4.            Entwässerungs‑ oder andere Maßnahmen vorzunehmen, die den Wasserhaushalt des Gebiets entgegen dem Schutzzweck verändern;

5.            Abfälle oder sonstige Gegenstände zu lagern;

6.            Plakate, Bild oder Schrifttafeln aufzustellen oder anzubringen;

7.            neu aufzuforsten;

8.            Pflanzen oder Pflanzenteile einzubringen, zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören;

9.            Tiere einzubringen, wildlebenden Tieren nachzustellen, sie mutwillig zu beunruhigen, sie zu fangen, zu verletzen oder zu töten oder Puppen, Larven, Eier oder Nester oder sonstige Brut‑, Wohn‑ oder Zufluchtstätten dieser Tiere freizulegen, zu entfernen, zu beschädigen oder zu zerstören;

10.        Störungen an den Lebens‑, Brut‑ und Wohnstätten wildlebender Tiere, insbesondere durch Fotografieren, Filmen oder ähnliche Handlungen zu verursachen;

11.        die Art der bisherigen Grundstücksnutzung entgegen dem Schutzzweck zu ändern;

12.        zu zelten, zu grillen, zu lagern, Wohnwagen, sonstige Fahrzeuge oder Verkaufsstände aufzustellen;

13.        das Schutzgebiet außerhalb der Wege zu betreten oder mit Fahrzeugen aller Art ‑ einschließlich geländegängigen Fahrrädern ‑ zu befahren;

14.        Feuer zu machen;

15.        ohne zwingenden Grund Lärm, Luftverunreinigungen oder Erschütterungen zu verursachen;

16.        Düngemittel einzubringen;

17.        chemische oder biologische Mittel zur Bekämpfung von Schadorganismen und Pflanzenkrankheiten sowie Wirkstoffe, die den Entwicklungsablauf von Pflanzen beeinflussen, anzuwenden;

18.        Hunde frei laufen zu lassen;

19.        außerhalb öffentlicher Wege zu reiten;

20.        Modellfahrzeuge und Modellfluggeräte aller Art zu betreiben.

 

§ 5 Zulässige Handlungen

§ 4 gilt nicht:

1.            für die ordnungsgemäße Ausübung der Jagd unter Beachtung des Schutzzweckes mit der Maßgabe, daß
1.1 die Jagd unter größtmöglicher Rücksichtnahme auf die Tier‑ und Pflanzenwelt erfolgt,
1.2 jagdliche Einrichtungen und Kirrungen nur dort gestattet sind, wo keine wertvollen Pflanzenstandorte beeinträchtigt werden,
1.3 neue jagdliche Einrichtungen nur in der Form einfacher Ansitzleitern aus naturbelassenen Rundhölzern im unbedingt notwendigen Umfang und unter Beachtung des Landschaftsbildes errichtet werden dürfen,
1.4 keine Wildfutterstellen und Wildäcker eingerichtet werden;

2.            für die ordnungsgemäße forstwirtschaftliche Nutzung in der bisherigen Art, im bisherigen Umfang und in bisheriger Intensität;
§ 4 der Verordnung über Anwendungsverbote für Pflanzenschutzmittel (Pflanzenschutz-Anwendungsverordnung) in der jeweils gültigen Fassung bleibt unberührt;

3.            für die ordnungsgemäße landwirtschaftliche Nutzung in der bisherigen Art, im bisherigen Umfang und in bisheriger Intensität, wobei eine Schafbeweidung nur in Absprache mit der Bezirksstelle für Naturschutz und Landschaftspflege erfolgen darf und ein Umbruch von Grünland nicht zulässig ist; § 4 der Verordnung über Anwendungsverbote für Pflanzenschutzmittel (Pflanzenschutz‑Anwendungsverordnung) in der jeweils gültigen Fassung bleibt unberührt;

4.            für die sonstige bisher rechtmäßigerweise ausgeübte Nutzung der Grundstücke sowie der rechtmäßigerweise bestehenden Einrichtungen in der bisherigen Art und im bisherigen Umfang sowie deren Unterhaltung und Instandsetzung;

5.            für die bestimmungsgemäße Nutzung, Unterhaltung und Instandsetzung der öffentlichen Straßen, Gewässer und Wege, Bahnanlagen, sonstiger Ver‑ und Entsorgungsanlagen sowie Fernmeldeanlagen;

6.            für Pflegemaßnahmen, die von der höheren Naturschutzbehörde oder der von ihr beauftragten Stelle ‑im Wald im Einvernehmen mit dem zuständigen staatlichen Forstamt ‑ veranlaßt werden;

7.            für behördlich angeordnete oder zugelassene Beschilderungen;

8.            für die Ausführung der Umfahrung von Gerhausen im Zuge der Bundesstraße 28 auf der Grundlage des Vorentwurfs vom 10, Januar 1992 und weiterführender Pläne sowie die Aufnahme des öffentlichen Verkehrs, die Unter‑ und Instandhaltung dieser Straße, wenn die verfahrensrechtlich vorgeschriebene Umweltverträglichkeitsprüfung berücksichtigt wurde.

 

§ 6 Befreiungen

Von den Vorschriften dieser Verordnung kann nach § 63 NatSchG Befreiung erteilt werden.

 

§ 7 Ordnungswidrigkeiten

(1) Ordnungswidrig im Sinne des § 64 Abs. 1 Nr. 2 NatSchG handelt, wer in dem Naturschutzgebiet vorsätzlich oder fahrlässig eine der nach § 4 und § 5 Nr. 2 bis 5 verbotenen Handlungen vornimmt.

(2) Ordnungswidrig im Sinne des § 40 Abs. 2 Nr. 7 Landesjagdgesetz handelt, wer im Naturschutzgebiet vorsätzlich oder fahrlässig entgegen § 4 und § 5 Nr. 1 die Jagd ausübt.

 

§ 8 Inkrafttreten

(1) Diese Verordnung tritt am Tage nach Ablauf der Auslegungsfrist des § 2 Abs. 2 Satz 4 in Kraft.

(2) Gleichzeitig tritt die Verordnung des Landratsamts Alb‑Donau‑Kreis vom 15. Januar 1994 über das Landschaftsschutzgebiet »Blaubeuren«, soweit es sich auf den Geltungsbereich dieser Verordnung bezieht, außer Kraft.

 

TÜBINGEN, den 23. Dezember 1996 

DR. GOGLER