1.127 Gutenberg
Würdigung
Zusammenfassung (Auszug)
Das Naturschutzgebiet umfaßt den
ehemaligen Steinbruch im Gewann Gutenberg.
Da die Abtragung des Oberbodens
nicht vollständig erfolgte, blieben in der Umgebung des Steinbruchs Reste
ehemals beweidete Halbrockenrasen übrig, wie dies durch einige Exemplare von
Juniperus communis demonstriert wird.
Interessant ist hier, daß sich im
Gegensatz zum Steinbruch auf dem Oberboden eine natürliche, autogene Sukzession
einstellte, die durch Aufforstung noch beschleunigt wurde.
Das Gebiet ist somit durch zwei
geobotanisch sehr interessante Zonationen bestimmt, der ökologischen Reihe und
der Sukzession, die auf engstem Raum vorkommen.
Ihre Besonderheit liegt in einem
standörtlich rasch wechselnden Mosaik von vielfältigen Lebensgemeinschaften mit
einer Vielzahl von spezialisierten Einzelarten.
Gesamttext
Geplantes Naturschutzgebiet
„Gutenberg", Wertheim-Dertingen, Main-Tauber-Kreis.
1. Statistische Angaben
Kartenblatt-Nr.: 6223 Weertheim (M 1:25000)
Gemeinde: Wertheim
Gemarkung: Dertingen
Kreis: Main-Tauber-Kreis
Regionalverband: Franken
Regierungsbezirk: Stuttgart
Flächengröße: ca. 10 ha
Meereshöhe: 255-295 m
Rechtswert: 35 44 400
Linkswert: 55 16 300
Naturräumliche Einheit: 132 Marktheidenfelder Platte
Geologie: Unterer Muschelkalk
Klimabezirk: Östlicher Odenwald
Mittlere Lufttemperatur: 15° Grad
Jahresniederschläge: 600 mm
Niederschläge in der
Vegetationsperiode (Mai-Juli): 180 mm
Trockenheitsindex: 35-40
2. Beschreibung des Gebietes
Ungefähr ein Kilometer westlich
von Wertheim-Dertingen zweigt auf der Straße von Dertingen nach Bettingen ein
Feldweg gegen Norden ab.
Er führt durch ein Seitentälchen
mit den Gewannnamen Wetschel, an dessen Ende das geplante Naturschutzgebiet
„Gutenberg" liegt.
Der überwiegende Teil der Fläche
wurde früher als Steinbruch (Parzelle 25693) genutzt.
Die Parzelle direkt um den
eigentlichen Steinbruch und in den weiter westlich gelegenen
Bauernwaldparzellen wurde vor längerer Zeit vorwiegend mit Pinus sylvestis
aufgeforstet.
Das Gebiet hat annähernd die Form
eines Rechteckes und ist gegen Süden geneigt.
Die Hangneigung beträgt im
westlichen Bereich etwa 15 Grad und geht gegen Osten allmählich in eine Ebene
über.
Im Norden läuft die Grenze des
Naturschutzgebietes direkt an der bayrischen Grenze entlang.
Südlich und östlich wird sie durch
geschotterte Feldwege begrenzt.
Die Ostgrenze verläuft entlang den
in einer Linie stehenden Parzellengrenzsteinen.
Eine direkte Zufahrt in den
Steinbruch hinein besteht.
Außerdem führen Stichwege von den
umgebenden Wegen durch den lichten Kiefernwald bis an den Steinbruch heran,
sind aber heute kaum mehr befahrbar.
Die kleinparzellierten Grundstücke
im Osten (Bauernwald) sind nicht erschlossen, zum Teil aber über die Wege ober-
und unterhalb erreichbar.
Durch die rege menschliche
Tätigkeit zum einen durch das Brechen von Steinen zum anderen durch die frühere
Beweidung entstanden verschiedene Bodentypen.
Es beginnt mit dem
Carbonat-Syrosem (Rohboden) und geht über Syrosem-Rendzina bis hin zur
mullartigen Rendzina mit einem 20-30 cm mächtigen, humusreichen Oberboden im
Waldbereich.
Die relativ geringe Höhe der fast
gleichmäßigen über das Jahr verteilten Niederschläge unterstützte den
xerothermen Charakter dieses Standortes.
Sie sind der entscheidenste
Standortfaktor.
3. Vegetationskundliche Charakterisierung des Gebietes
Im Bereich des ehemaligen
Steinbruches treten zunächst Arten, wie
Arctimcum lappa, Lactuca perennis,
Matricaria matricarioides, Urtica dioica, Verbascum thaspus, Echium vulgare und
Vicia sepium in Erscheinung, die ruderalen Charakter besitzen.
Sie vermögen zwischen den
angefahrenen Lesesteinhäufen noch genügend Feinerde zu finden, zudem sind die
Wasserverhältnisse des Bodens für die Versorgung der Pflanzen ausreichend.
Mit abnehmender Gründigkeit und
Zunahme feinerdearmer Standorte geht diese ruderale Gesellschaft in recht
lückige, offene und produktionsschwache Spezialbestände über.
Im westlichen ist es eine
einschichtige Gesellschaft, die aus verschiedenen Typen von Hemikryptophyten
(Asperula cynanchica, Daucus carota) aufgebaut ist, teilweise auch noch
Therophyten (Bromus sterilis) enthält.
Zusammen mit den dominanten Arten
Melica ciliata und Teucrium chamaedrys bilden sie eine Gesellschaft auf den
mäßig feinerdearmen Carbonat-Syrosem.
Diese hier vorkommenden Arten
sehen sich relativ großen Standortextremen gegenüber und besonders einer
häufigen Trockenheit.
Sie müssen mit wenig Boden
auskommen und auch einstrahlungsfest, d.h. wärmetolerant sein.
Durch spezielle
„Einrichtungen" sind sie an diese xerothermen Standorte gut angepaßt.
An besonders extremen Standorten
behaupten sich Sukkulenten, etwa Sedem acre und Sedum mite, bis schließlich am
nackten Kalkstein noch zahlreiche Algen (Exolithophyten), Flechten
(Rhizolitiphyten) und Moose (Chomophyten) siedeln.
Auf feinerdereicher
Syrosem-Rendzina im nördlichen und östlichen Teil des Steinbruchs treten bald
Elemente der submediterranen Trespen-Trockenrasen hinzu, etwa
Bromus
erectus, Centaurea scabiosa, Dianthus carthusianorum, Helinanthemum nummularia,
Hippocrepis comosa, Scabiosa columbaria, Thymus pulegioides, Pulsatilla
vulgaris und zeigen so die Sukzession an.
Mit der hohen Anzahl an
Frühlingsblühern in dieser Gesellschaft, insbesondere Pulsatilla vulgaris,
dient sie Insekten als erste Weide, bevor sie im Frühsommer bereits wieder
einzieht, um so der Trockenheit zu entrinnen.
Durch Tritt können diese Arten
deshalb kaum beeinträchtigt werden, allerdings durch Lagerfeuer und
Geländeralleys mit Motorrädern und Mofas, wie sie im Gebiet zu beobachten sind.
Größere Gruppen von Sträuchern mit
Prunus spinosa, Rosa spec., Ribes uvacrispa, Sorbus torminalis, u. a. dringen
bereits in den Randbereichen ein und führen allmählich zum Halbtrockenrasen
über oder aber direkt zum Wald.
Juniperus communis zeigt die
ehemalige Beweidung der Halbtrockenrasen noch an, die heute größtenteils mit
Waldkiefernbestände verschiedener Altersklassen bestockt sind.
Jedoch bestehen dazwischen immer
wieder Flächen, wahrscheinlich wegen geringer Gründigkeit, die nur mit
typischen Halbtrockenrasenarten, z.B. Carlina vulgaris, Ononis spinosa,
Gymnadenia conopsea, Orchis militaris und Orchis pupurea bewachsen sind.
Zusammen mit Saumarten (Geranium
sanguineum) sind diese Bereiche wegen des Ökotoneffektes floristisch und
faunistisch sehr vielfältig.
Diese floristische Vielfalt nimmt
in den mit Waldkiefer bewachsenen Bauernwaldparzellen ab, da sie ein
ausgesprochen dichtes Unterholz an Sträuchern besitzen.
Dafür ist die Ungepflegtheit ein
Paradies für Kleintiere, Vögel und Insekten, denen zahlreiche ökologische
Nischen (abgstorbene Bäume, Vegetationsschichtung) geboten werden.
Die Anemone sylvestris kommt stellenweise
noch vor, ist aber durch Aufforstungen bedroht.
Faunistische Untersuchungen wurden
bislang nicht durchgeführt.
Wegen der beschriebenen
Biotopvielfalt handelt es sich mit Sicherheit um Lebensräume für seltene und
bedrohte Arten, insbesondere Insekten, Käfer, Schmetterlinge u. ä.
4. Aussagen für Schutzgebietsverordnungen
Der verlassene Steinbruch dürfte
für die farbenprächtige Smaragdeidechse (Lacerta viridis), die unmittelbar vom
Aussterben bedroht ist, zusagende Lebensbedingungen bieten.
Es sollte deshalb von zoologischer
Seite geprüft werden, ob eine Absiedlung für diese Art möglich wäre.
Die Beifuhr von Lesesteinen im
geringen Umfang muß nicht unterbleiben (neue Sukzessionsflächen), sollte aber
auf den südöstlichen Teilbereich beschränkt bleiben.
Aus Gründen der Pietät wäre es
empfehlenswert, Grabsteine und steinerne Einfriedungen in Zukunft nicht mehr
abzuladen und die jetzt offen herumliegenden unter Lesesteinen zu verdecken.
Die Waldkiefernaufforstungen
sollten allmählich gelichtet werden, (Christbaumverkauf), um der Entstehung
einer vegetationsfeindlichen Rohhumusdecke zu begegnen.
Der starke Verbuschungstendenz im
Bereich der Kiefern-Aufforstungen müßte aus floristischen Gesichtspunkten nicht
begegnet werden, allerdings sollten auch keine Neuaufforstungen erfolgen.
Der Übergangsbereich südlich des
Steinbruchs sollte jedoch durch Pflegeeingriffe den ursprünglichen Charakter
einer offenen Wacholderheide mit Habtrockenrasenarten zurückerhalten, um den
Bestand an Orchideen zu bewahren.
Sollten sich die
Bauernwaldparzellen als potentielle Standorte für Anemone sylvestris
herausstellen, muß auch hier - evtl. parzellenweise - der starke Strauchbewuchs
nieder gehalten werden.
5. Pflanzenliste mit Gefährdungsgraden
Gefährdungsgrade
A 3 gefährdet n. Rote Liste
C 1 geschützte Art n. LArtSchVO
Gefährdungsgrad: Pflanzenart:
A 3 Acer campestre, Anemone sylvestris,
Anthoxanthum odoratum, Anthyllis vulneraria ssp.
C 1 Aquilegia vulgaris, Agropyron
repens, Agrimonia eupatoria, Articum lappa, Arrhenatherum elatior, Artemisia
vulgaris, Asperula cynanchica, Aster amellus, Brachypodium
pinnatum, Brachypodium sylvaticum, Briza media, Bromus erectus, Bromus
sterilis, Bupleurum falcatum, Campanula rotundifolia, Carex flacca, Carlina
vulgaris agg, Centaurea scabiosa, Cichorium intybus, Cirsium acaule, Cirsium
vulgare, Clematis vitalba, Convolvulus sepium, Cornus sanguinea, Dactylis
glomerata, Daucus carota, Dianthus carthusianorum, Echium vulgare, Epilobium
angustifolium, Eryngium campestre, Euphorbia cyparissias, Falcaria vulgaris,
Festuca rubra, Festuca ovina, Fragaria vesca, Fragaria viridis, Galium mollugo,
Galium verum
A 3 Gymnadenia conopsea, Helleborus
foetidus, Helianthemum nummularia, Hieracium pilosella, Hieracium sylvaticum,
Hieracium umbellatum, Hippocrepis comosa, Hypericum perforatum, Juniperus
communis, Koeleria pßyramidata, Lactuca perennis, Leontodon autumnalis,
Leontodon hispidus
A 2 Linum tenuifolium, Ligustrum
vulgare, Lolium perenne, Lonicera xylosteum, Lotus
corniculatus ssp, Matricaria matricarioides, Medicago lupulina, Melampyrum
pratense, Melilotus alba, Onobrychis viciifolia, Ononis repens, Ononis
spinosa
A 3 Orchis purpurea, Orchis militaris, Patinaca
sativa, Peucedanum cervaria, Pimpinella saxifraga, Pinus nigra, Pinus
sylvestris, Poa pratense, Poa annua, Potentilla tabernaemontani,
Plantago lanceolata, Prunella vulgaris, Prunus spinosa, Prunus avium
ssp, Quercus robur, Ribes uva-crispa, Rosa spec, Rumex
acetosa, Sambucus nigra, Satureja calamintha, Salvia pratense, Scabiosa columbaria,
Sedum acre, Sedum mite, Silene cucubalis, Senecio erucifolius, Sorbus
torminalis, Stachys rectus
C 1 Pulsatilla vulgaris, Teucrium chamaedrys,
Trifolium aureum, Thymus pulegioides, Tripleurospermum inodorum, Trisetum
flavescens, Urtica dioica, Verbascum thaspus, Vicia angustifolia, Vicia sepium
6. Würdigung des Schutzgebietes
Das
Naturschutzgebiet umfaßt den ehemaligen Steinbruch im Gewann Gutenberg.
Die Massenkalke wurden nur bis zu einer
geringen Tiefe von einigen Metern abgebaut, sodaß das Gelände grubenartigen
Charakter hat.
Nach der Einstellung des Abbaus
siedelten sich auf diesem rohen Kalkstein Pflanzengesellschaften an, die mit
zunehmender Tiefgründigkeit des Bodens von der am tiefsten abgetragenen Stelle
eine ökologische Reihe auf diesem sekundären Pflanzenstandort bilden.
Im Gegensatz zur zeitlichen
Änderung, wie bei einer Sukzession liegt hier eine räumliche Standortsänderung
(Tiefgründigkeit) vor, die recht stabil ist.
Von der kryptogamenreichen
Felsflur, über die seltene Wimpernperlgrasflur, bis hin zum primären Felsrasen
mit der geschützten Küchenschelle (Pulsatilla vulgaris).
Die Arten dieser Gesellschaften
konnten sich nur Dank ihrer Anpassungsfähigkeit an diesen extrem xerothermen
Standorten ansiedeln; allerdings sind sie aber wenig konkurrenzfähig und damit
tragen sie typische Charakteristika gefährdeter Pflanzenarten.
Da die Abtragung des Oberbodens
nicht vollständig erfolgte, blieben in der Umgebung des Steinbruchs Reste
ehemals beweidete Halbtrockenrasen übrig, wie dies durch einige Exemplare von
Juniperus communis demonstriert wird.
Interessant ist hier, daß sich im
Gegensatz zum Steinbruch auf dem Oberboden eine natürliche, autogene Sukzession
einstellte, die durch Aufforstung noch beschleunigt wurde.
Das Gebiet ist somit durch zwei
geobotanisch sehr interessante Zonationen bestimmt, der ökologischen Reihe und
der Sukzession, die auf engstem Raum vorkommen.
Ihre Besonderheit liegt in einem
standörtlich rasch wechselnden Mosaik von vielfältigen Lebensgemeinschaften mit
einer Vielzahl von spezialisierten Einzelarten.
Nürk/Arnold