1.208 Hörschbachschlucht

 

Würdigung

 

 

Tief eingeschnittene, schroffe Schluchten und Felsklingen gehören zum charakteristischen Bild des Schwäbisch-Fränkischen Waldes.

Dabei kann die Hörschbachschlucht bei Murrhardt zu den schönsten des Murrhardter Waldes gezählt werden.

Schon in der Oberamtsbeschreibung Backnang von 1871 konnte man lesen:

„Durch die hier anstehende Gebirgsart bedingt, ist das Gebirge in eine Menge von Kuppen, Mulden, Rinnen und Schluchten verzweigt und bietet so ganz reizend mannigfaltige und feine Formen...rauscht in allen diesen Schluchten und Tälchen ein klarer Bach, oft über hohe Sandsteinbänke nieder; der schönste und stärkste Wasserfall ist der des Hörschbaches in der malerischen Hörschklinge".

Sicher gilt diese Beschreibung auch heute noch.

Die steilen Rutschhänge der Bunten Mergel und des Gipskeupers machen eine intensive forstliche Nutzung unmöglich.

Dadurch blieben ein naturnaher Ahorn-Eschen-Schluchtwald und Eschen-Erlen-Wald erhalten.

Von Süden herkommend beginnt der Mähderbach sich etwa ab der Rottmannsberger Sägmühle tiefer in die Keuperschichten einzugraben.

War sein Lauf vorher der eines eher ruhigen Wiesenbaches wird nun die starke Kraft des Wassers wirksam.

Steil fallen die Wände zum Bach hin ab.

Hier konnte der Buchen-Tannen-Wald seinen Platz behaupten.

Dort wo der Hang etwas flacher wird, nimmt der Fichtenanteil zu.

Mit dem Eintritt in den Kieselsandstein ändert sich auch das Bild des Baches.

Die Schlucht wird etwas breiter, die Ufer flacher.

Mit ständig wechselndem Lauf sucht sich das Wasser seinen Weg.

In mehreren Stufen überwindet er die Sandsteinbänke, an einigen Stellen ist der Stein flächenhaft mit den roten Flecken der Süßwasseralge Hildenbrandtia rivulare überzogen.

Die Wasseramsel findet hier noch ihren natürlichen Lebensraum.

An der Hangkante wächst der Sprossende Bärlapp (Lycopodium annotium).

Das Schutzgebiet wird durch die an den Hangkanten verlaufenden Wege begrenzt.

Dadurch werden zwar auch reine Fichtenaufforstungen mit eingeschlossen, doch sollte dies zugunsten einer sinnvollen Abgrenzung in Kauf genommen werden.

Im Süden wird das Schutzgebiet durch den Feldweg Nr. 2 begrenzt.

Dieser ist gleichzeitig die Nutzungsgrenze zwischen der Waldschlucht und landwirtschaftlich genutzten Flächen.

Lediglich die nördlich des Feldweges gelegenen Wiesen und Äcker, sowie eine daran angrenzende Aufforstungsfläche werden ausgespart.

Den südöstlichen Bereich des Schutzgebietes bildet ein Teil des Langenwaldbachtales.

Von Südosten kommend schneidet er sich etwa ab der Hörschhofer Sägmühle, ähnlich wie der Mähderbach im Südwesten tiefer in die Keuperschichten ein.

An den steilen Schluchthängen überwiegt die Buche mit Bergahorn, Bergulme und Esche mit einer reichen Farnflora.

Hangaufwärts nimmt der Fichtenanteil bereits erheblich zu.

Bevor sich die beiden Teilbäche des Hörschbaches vereinigen, überwinden sie die Bänke des Kieselsandsteins in mehreren Meter hohen Wasserfällen.

Diese harten Schichten bieten der Erosionskraft des Wassers mehr Widerstand als die umliegenden weichen Mergel und werden dadurch als Geländestufe herausgebildet.

Die „Zwillingswasserfälle" bilden zusammen mit dem nachfolgenden Schluchtbereich das Kernstück des Schutzgebietes.

An den rutschgefährdeten Hängen der Unteren Bunten Mergel ist der Ahorn-Eschen-Schluchtwald in seiner Schönheit und in weiten Bereichen unberührter Urwüchsigkeit erhalten.

Große Sandsteinblöcke, die aus höheren Schichten nachgerutscht sind, säumen das Bachbett, häufig überzogen mit einer reichen Moosflora.

Eine Vielzahl von Farnen wie den Bruchfarn (Cystopteris filix-fragilis), den Dornfarn (Dryopteris austriaca) und den Eichenfarn (Gymnocarpium dryopteris) findet man hier ebenfalls.

Frische Hangrutschungen deuten immer wieder auf die starke Erosionskraft des Wassers hin.

Dabei werden oft die geologischen Schichten des Keupers freigelegt.

An quelligen Stellen findet man Arten wie den Riesenschachtelhalm (Equisetum maximum), Mädesüß (Filipendula ulmaria), Hängesegge (Carex pendula) und den Wasserdost (Eupatorium cannabium).

Den unmittelbaren Schluchtbereich schließen sich hangaufwärts die flacheren Hänge des Kieselsandsteins an.

Damit ändert sich auch das Waldbild, Bergahorn und Esche treten zurück.

Die Buche wird auf den trockeneren, weniger bewegten Böden wieder Hauptbaumart.

Das Schutzgebiet wird beidseitig von, an den Hangkanten parallel laufenden, Wegen begrenzt.

Miteingeschlossen wird ein Teil der von Westen kommenden Seitenschlucht.

Besonders der mittlere Bereich zeichnet sich durch eine typische Quellflur aus, mit dem Bitteren Schaumkraut (Cardamine amara) und einer Vielzahl vom Moosen wie Trichocolea tomentella, Ctenidium molluscum, Mnium punctatum und Homalia trichomanoides.

Dazu kommen mehrere Farne und sehr reiche Bestände des Winterschachtelhalmes (Equisetum hyemale).

Weitere bezeichnende Arten sind Sauerklee (Oxalis acetosella) und das Springkraut (Impatiens nolitangere).

Im unmittelbaren Schluchtgrund sind die begleitenden Gehölze die Buche, Esche, Bergulme, Schwarzerle, Tanne und Hasel.

Hangaufwärts nimmt auch hier der Fichtenanteil bereits stark zu.

Im mittleren Teil der Hörschbachschlucht, etwa ab der Einmündung der oben beschriebenen Seitenschluchten talabwärts, wechseln beschattete, farnreiche mit staudenreichen, besonnten Abschnitten mit flachen Uferzonen.

Im Schluchtgrund findet man den Waldgeißbart.

Von Westen mündet das Saubächle als eine weitere Seitenschlucht in das Tal ein.

Auch hier findet man reiche Bestände des Waldgeißbartes.

Eine Quellflur im unmittelbaren Hangbereich ist besonders schön ausgebildet.

Flächenhaft tritt Thuidium tamariscinum mit schönen Tuffbildungen auf, dazu kommen das Scharfe Schaumkraut (Cardamine amara), das Gegenblättrige Milzkraut (Chrysosplenium Oppositifolium) und größere Bestände des Ruprechtsfarns (Gymnocarpium robertianum).

Im unteren Teil der Schlucht überwindet der Hörschbach nochmals einen mehrere Meter hohen Wasserfall.

Dieser wird durch die nur wenige Zentimeter starke Engelhofer Platte gebildet.

Am Fuße des Wasserfalls ist das Bachbett breit ausgekolkt.

Beispielhaft kann hier dem Betrachter die Entstehung eines Wasserfalls vor Augen geführt werden.

Schäden durch starke Trittbelastung werden in diesem Abschnitt besonders deutlich.

Ein enges Netz von Pfaden durchzieht den gesamten Bereich.

 

Vegetation

Die verschiedenen geologischen Schichten mit feuchten, kalkreichen Standorten auf Mergel und nährstoffarmen, sauren Standorten auf Sandstein sind der Grund für ein vielfältiges Mosaik verschiedener Pflanzengesellschaften, wie sie für die natürlichen Vegetation der Keuperklingen des Murrhardter Waldes typisch sind, häufig aber durch den Menschen verändert wurden.

Diese natürliche Vielfalt kann jedoch nur erhalten werden, wenn sich die gegenwärtige Baumartenzusammensetzung nicht wesentlich ändert.

Dominierend ist ein Buchen-Tannen-Wald.

Hauptbaumart ist die Buche, die Tanne ist eigestreut.

In einigen Bereichen nimmt die Fichte jedoch schon stark zu, teilweise ist sie in Reinkultur angebaut.

Auf frischen, mäßig basenarmen Böden tritt besonders der Waldschwingel hervor, dazu kommen der Sauerklee (Oxalis acetosella), das Rundblättrige Labkraut (Galium rotundifolium) und der Hasenlattich (Prenanthes purpurea).

Auf mäßig trockenen und extrem basenarmen Standorten der Sandsteinbänke überwiegen Arten wie die Heidelbeere (Vaccinium myrtillis), Wiesenwachtelweizen (Melampyrum pratense), Heidekraut (Calluna vulgaris), und Polytrichum formosum.

Auf frischen Böden bei hoher Luftfeuchtigkeit nehmen Farne wie der Gelappte Schildfarn (Polystichum lobatum), der Breitblättrige Dornfarn (Dryopteris austriaca) und der Frauenfarn (Athyrium filix-femina) zu.

Auf tonigen und nährstoffreichen Böden des Schluchtgrundes und der sickerfeuchten Mergelhänge sind Bergahorn und Esche die vorherrschenden Baumarten, die Buche zum Teil auch die Schwarzerle sind eingestreut, als weitere typische Arten seien genannt:

Haselwurz (Asarum europaeum), Waldziest (Stachys sylvatica), das Flattergras (Milium effusum), Waldsegge (Carex sylvatica) und die Pendelsegge (Carex pendula).

Die Bodenvegetation ist hier besonders üppig.

An quelligen, tonigen Stellen dominieren der Riesenschachtelhalm (Equisetum maximum), Springkraut (Impatiens noli-tangere), Wasserdost (Eupatorium cannabium) und das Scharfe Schaumkraut (Cardamine amara).

In typischen Quellfluren findet man charakteristische Moose wie Thuidum tamariscinum und Ctenidium molluscum.

Im unmittelbaren Bachbereich stellen sich an lichteren Standorten die Bachbunge (Veronica beccabunga) und die Sumpfdotterblume (Caltha palustris) ein.

Einen besonderen Standort bieten auch die frischen Rutschhänge der Bunten Mergel.

Der Huflattich (Tussilago farfara), Löwenzahn (Taraxacum officinalis) und der Ackerschachtelhalm (Equisetum arvense) sind einige der ersten Pflanzen, die sich an solche Stellen „wagen" und damit der Konkurrenz anderer Pflanzen ausweichen können.

Die geologische Eigenart und das naturnahe Vegetationsbild der Schlucht bilden eine Einheit.

Lehrbuchhaft werden durch die starke Erosionskraft des Hörschbaches die verschiedenen Schichten des Keupers vom Kieselsandstein (genaues Profil in der Geologischen Karte von Baden-Württemberg, Erläuterungen zu Blatt 7023 Murrhardt) bis zum Gipskeuper freigelegt.

Der natürliche Wechsel des Vegetationsbildes der geologischen Schichten ist noch deutlich erkennbar.

Dadurch ist die Schlucht mit ihrem naturnahen Waldbild auch aus wissenschaftlich-naturkundlichen Gründen bedeutsam.

Auf kleinstem Raum können die Zusammenhänge von Geologie, der entsprechenden Böden und der dadurch bedingten verschiedenen Pflanzengesellschaften studiert werden.

Durch die starke Erosionskraft und die Dynamik des Hörschbaches erhält die Schlucht eine natürliche Vielfalt und das urwüchsige Gepräge mit Hangrutschungen, natürlichen geologischen Aufschlüssen, tiefen Gumpen, flachen Wasserzonen und wechselnd steilen und flachen Ufern.

Floristisch besonders hervorzuheben ist das reiche Farnvorkommen, dabei sind besonders zu erwähnen:

der Ruprechtsfarn (Gymnocarpium robertianum), der Zerbrechliche Blasenfarn (Cystopteris filix-fragilis) und der Rippenfarn (Blechnum spicant).

Dazu kommen reiche Bestände

des Winterschachtelhalms (Equisetum hyemale), Riesenschachtelhalm (Equisetum maximum), Waldgeißbart (Aruncus dioicus), Moschuskraut (Adoxa moschata), Wolliger Hahnenfuß (Ranunculus lanuginosus), Dünnährige Segge (Carex strigosa) und das Gegenblättrige Milzkraut (Chrysosplenium oppositifolium).

Das Leberblümchen (Hepatica nobilis) hat in der Hörschbachschlucht einen seiner westlichsten Standorte in Nordwürttemberg.

Die Moosflora ist in der Hörschbachschlucht sehr reichhaltig, darunter finden sich auch charakteristische Arten, die auf ganz bestimmte Standortbedingungen angewiesen sind.

Zwar gibt es für die Schlucht keine genauen Untersuchungen der Fauna, doch deutet das Vorkommen von Steinkrebs, Bachforelle, Feuersalamander und Wasseramsel auf ein ebensoreiches Tierleben und einen noch weitgehend intakten Lebensraum hin.

Durch den Hauptteil der Schlucht führt ein viel begangener Wanderweg.

Für Schulklassen ist sie ein beliebtes Ausflugsziel.

Aufgrund ihrer reichen naturkundlichen Gehalte eignet sie sich vorzüglich als Exkursionsgebiet.

Ziel einer Unterschutzstellung soll u.a. sein, den Besucherstrom durch ein Wegegebot so gut wie möglich zu kanalisieren.

Beeinträchtigungen durch die Besucher wie wilde Feuserstellen und Trittschäden können besser unterbunden werden.

Ein Ausbau mit Erholungseinrichtungen muß unterbleiben.

Besonders im Schluchtgrund und an den Hängen ist der Wald zum größten Teil noch naturnah erhalten.

Dort wo er Fichtenaufforstungen weichen muß, ändert sich auch die Bodenflora.

Das natürliche Vegetationsbild in Abhängigkeit von den geologischen Verhältnisssen geht verloren.

Wie abhängig die übrige Vegetation von der Baumartenzusammensetzung ist, wird am Beispiel der Moose deutlich.

Viele epiphytische Moose sind auf Laubbäume und hier besonders auf den Bergahorn und die Esche spezialisiert.

Verschwinden diese Bäume, verschwinden mit ihnen eine Vielzahl von Moosen.

Wie die Frühjahrsgeophyten zum Vegetationsbeginn sind viele Moose im Winter auf ausreichend Lichteinfall angewiesen.

Wird der Nadelholzanteil zu hoch, reicht das Licht im Winter nicht mehr aus.

Laubbäume, die ihre Blätter verlieren und somit im Winter und Frühjahr mehr Licht durchlassen würden fehlen.

Die davon abhängigen Moose und Frühjahrsgeophyten verschwinden.

Der Wald befindet sich zum Teil im Privatbesitz.

Dadurch wird eine wünschenswerte Regelung der forstlichen Nutzung erschwert.

Anderseits liegt in dem bislang noch naturnahen Waldbild ein großer Wert dieser Schlucht.

Bereits in Fichtenreinbestände umgewandelte Teile zeigen die Gefährdung des Gebietes.

Um die Umwandlung dieser Fichtenreinbestände zu ermöglichen, sollte der Erwerb oder Tausch der Flächen durch die öffentliche Hand erwogen werden.

Im Schluchtgrund und den steilen Hangbereichen muß die forstliche Nutzung, die ohnehin nur mit erheblichem Aufwand möglich wäre, unterbleiben.

Der Schluchtwald wie auch der Erlen-Eschenwald, der im Nahbereich des Baches vorkommt, sollen sich ungestört entwickeln.

Lediglich die Fichten, die z. T. unmittelbar eingebracht wurden oder sich durch in der Nähe liegende Fichtenforste ausgesamt haben, sollten bestmöglichst reduziert werden.

Bei der forstlichen Nutzung der anderen Bereiche ist die Erhaltung und Förderung der Pflanzen-und Tiergemeinschaft des Buchen-Tannenwaldes, wie er für den Murrhardter Wald typisch ist, besonders zu berücksichtigen.

Vorhandene Altholzinseln sind so lange als möglich zu erhalten bis sich an anderer Stelle Neue entwickelt haben, so daß ständig ausreichend Lebensraum, Wohn- und Nahrungsraum für an diese Althozinseln gebundene Tier- und Pflanzenarten vorhanden ist.

Ein weiterer Ausbau des Wegenetzes soll unterbleiben.

Durch die leichtere Begehbarkeit der Schlucht würde der Besucherstrom vergrößert werden.

Ein Ausbau des Wegenetzes könnte auch zu Veränderungen des Lufthaushaltes führen und die Luftfeuchtigkeit verringern.

Besonders die empfindliche Moosflora könnte dadurch beeinträchtigt werden.

Schon mit der Verordnung vom 28.10.1965 war die Hörschbachschlucht als Naturdenkmal unter Schutz gestellt worden.

Das Schutzgebiet erstreckte sich ca 50 m oberhalb des Oberen Wasserfalles bis ca. 50 m unterhalb des Unteren Wasserfalles.

Damit wurde durch die Verordnung des Landratsamtes Backnang eine Fläche von ca. 20 ha geschützt.

Da nach § 24 NatSchG flächenhafte Naturdenkmale nicht größer als 5 ha sein können, beantragt die Bezirksstelle auf Anregung des Naturschutzbeauftragten Dr. Scheerer, die Hörschbachschlucht als Naturschutzgebiet auszuweisen.

Die Hörschbachschlucht erfüllt nach § 21 NatSchG aus wissenschaftlichen und ökologischen Gründen, zur Erhaltung von Lebensgemeinschaften und Lebensstätten bestimmter Tier- und Pflanzenarten, wegen Vielfalt, Eigenart und Schönheit ihrer naturhaften Ausstattung die Voraussetzungen, zum Naturschutzgebiet erklärt zu werden.