2.013 Ketscher Rheininsel

 

Würdigung

 

 

1. Lage

Das geplante Naturschutzgebiet Ketscher Rheininsel in der Gemeinde Ketsch, Rhein-Neckar-Kreis, liegt in der naturräumlichen Haupteinheit der Nördlichen Oberrhein-Niederung (222).

Die Haupteinheit wird im Bereich Ketsch von der Speyerer Rheinniederung (222.2) untergliedert.

Sie stellt die ca. 4-9 km breite Stromniederung in einer Höhenlage von 92-100 m + NN zwischen Germersheim-Rußheim im Süden und Ludwigshafen-Mannheim im Norden dar.

Diese naturräumliche Einheit wird durch das ehemals in großen Mäandern pendelnde Flußbett des Rheins bestimmt, der die Niederung zwischen den begrenzenden Hochufern durchzog, bevor er durch die Rheinkorrektion künstlich begradigt und der ehemalige Mäander (Ketscher Altrhein) vom heutigen Rheinbett abgetrennt wurde.

Das geplante NSG grenzt im Westen an das heutige Rheinbett und die Landesgrenze zu Rheinland-Pfalz, die östliche Begrenzung wird durch den Hochgestaderand und die ehemlige Rheinschleife bestimmt, die im Süden und Norden mit dem Rhein in Verbindung steht.

 

2. Klima, Geologie und Boden

Die klimatisch begünstigte Oberrheinebene zeichnet sich durch relativ hohe Sommerwärme, nicht zu kalte Winter und hohe Jahresmittelwerte der Temperatur aus.

Stationen: Mannheim / Heidelberg / Speyer Mannheim: mittl. Januartemperatur 0,9° Celsius mittl. Julitemperatur 19,2° Celsius mittl. Jahrestemperatur 10,2° Celsius

Heidelberg: mittl. Januartemperatur 1,4° Celsius mittl. Julitemperatur 19,0° Celsius mittl. Jahrestemperatur 10,2° Celsius

Speyer: mittl. Januartemperatur 0,8° Celsius mittl. Julitemperatur 19,1° Celsius mittl. Jahrestemperatur  9,8° Celsius

Die Jahresniederschläge sind niedrig, sie liegen in Schwetzingen bei 627 mm, in Mannheim bei 568 mm.

Die jahreszeitliche Verteilung zeigt ein Maximum im Juni, Juli und August.

Obwohl der Raum Ketsch-Schwetzingen am Südostende des Wormser Trockengebietes liegt und die niedrigen Jahresniederschläge eine sommerliche Austrocknung vermuten lassen könnten, scheint das Sommermaximum der Niederschläge in Verbindung mit den frühsommerlichen Hochwässern dies auszugleichen, so daß Austrocknung und zu starke Sommertrockenheit nicht überdeutlich zu erkennen sind.

Die Rheinniederung und ihr stratigraphischer Aufbau werden bestimmt durch die fluviatilen Ablagerungen des Rheins.

Die Geröllfracht, insbesondere bei hohem Wasserstand auch außerhalb des eigentlichen Flußbettes abgelagert, ist durch sandig-schluffige bis sandig-kiesige kalkreiche Ablagerungen charakterisiert.

Durch die Dynamik des Stromes kommt es oft zu kleinflächigem Wechsel zwischen schluffigen bis kiesigen Ablagerungen.

An den Außenbuchten der ehemaligen Mäander zeugen anmoorige und torfige Sedimente von Randvermoorungen, die ihre Genese der damaligen Prallufersituation und den höherliegenden ufernahen Ablagerungen verdanken.

In der Rheinniederung werden die Böden von der periodischen Überflutung beeinflußt.

Es herrschen kalkreiche Schlickrohböden vor, deren Kalkgehalt bis zu 20 % betragen kann.

Es sind kalkreiche Graue Aueböden, die an weniger feuchten und überschlickten Stellen von Kalk-Gleyen abgelöst werden.

Auf Flächen, die nur bei Spitzenhochwasser oder überhaupt nicht berschwemmt werden, herrschen als Bodentyp Pararendzinen.

In den feuchten bis nassen Mulden bilden sich Anmoorgleye aus.

 

3. Das heutige Landschaftsbild

Die Landschaft der Ketscher Rheininsel hat mit dem Durchstich bei Ketsch (1833-1845) eine einschneidende Veränderung erfahren.

Mit diesem Durchstich und der Begradigung des Rheinlaufes wurde das ehemals linksrheinische Gebiet der natürlichen Flußdynamik des Rheins entzogen.

Durch die nachfolgende Eindeichung kam die jährliche Überflutung des Rheinbogens, seiner Wiesen- und Waldflächen sowie die natürliche Erosion an Ufern in der bisherigen Dimension zum Stillstand.

Die geminderten Fließ-, Erosions- und Sedimentationsprozesse führten zu Veränderungen der Vegetation und der Nutzung.

Ehemalige Weichholzauen konnten intensiver forstwirtschaftlich bestockt werden, trockenfallende Schlickflächen im Überflutungsbereich reduzierten sich auf Kleinflächen bei Spitzenhochwässern, staunasse Mulden und Senken blieben nur noch als wechselfeuchte Standorte zurück.

Die Grundeinheiten der Rheinauevegetation mit der Weichholzaue und der Hartholzaue blieben zwar erhalten, die Vielfältigkeit der Flußdynamik und die daraus resultierenden kleinflächigen Standortsunterschiede jedoch fielen der Rheinkorrektion zum Opfer.

 

4. Die Vegetation der Ketscher Rheininsel

Die Vegetation des NSG Ketscher Rheininsel zeigt die typische Verlandungsabfolge über offene Wassergesellschaften und Röhrichte, zu Weichholz-, Hartholzaue, zu trockeneren kalkreichen Laubholzbeständen und Ersatzgesellschaften.

Innerhalb des Altrheinbogens des Ketscher Altrheins dominieren die Silberweidenwälder (Salicetum albae) der Weichholzaue.

Die Weichholzauenwälder mit dominierender Silberweide (Salix alba) zeigen im Unterwuchs regelmäßig Purpur-Weide (Salix purpurea) und Korb-Weide (Salix viminalis).

Sie stocken auf Standorten, die regelmäßig überflutet werden, einen hohen Wasserstand aufweisen und stark durchströmt werden; entsprechend arm ist die Krautschicht.

Bei geringeren Auswirkungen der Rheinhochstände finden sich im Unterwuchs Gelbe Schwertlilie (Iris pseudacorus), Schilf (Phragmites communis) und Steife Segge (Carex elata).

Diese krautreicheren Standorte mit Weiden sind, da eine Verjüngung der Salix-Arten fehlt, wohl eher als Vorwald-Stadien einzuordnen, die später zu Erlenwäldern vermitteln.

Ausgeprägte Standorte dieser Gesellschaften finden sich im südlichen Bereich des Ketscher Altrheins und in kleineren Vorkommen im nordwestlichen Teil der Rheininsel.

Der Übergang zu höher liegenden, weniger überfluteten Standorten des Ulmenwaldes (Querco-Ulmetum) ist fließend.

Teilweise fehlt hier eine stärkere Überschlickung oder an lichten Stellen dringt die Silberweide vor.

Durchsetzt sind diese Bestände von Schwarz-Pappeln (Populus nigra), die auch stellenweise, dort aber stets an lichten Stellen, in die Hainbuchen-Wälder vordringen.

Das Querco-Ulmetum findet sich besonders im Südteil der Insel sowie an der Altrhein-Brücke und in kleineren Vorkommen im Nordteil.

Der überwiegende Teil der Insel wird von Hainbuchen-Ulmenwäldern (Ulmus carpinifolia-Carpinus betulus-Gesellschaft) Untergesellschaft von Melicanutans) kalkreicher Böden eingenommen.

Die dominierenden Holzarten sind Hainbuche (Carpinus betulus), Feld-Ulme (Ulmus carpinifolia) und Stieleiche (Quercus robur); jedoch fehlen junge Exemplare von Ulmen, die vermutlich im derzeitigen Bestand zu konkurrenzschwach sind.

Auffallend ist der Strauchreichtum der Insel; dies beruht auf der langen Nutzung als Faschinenwald.

Eiche und Ulme sind der Hainbuche und der vereinzelt auftretenden Rotbuche (Fagus silvatic) unterlegen, so daß sich Buche und Hainbuche bei ungestörter Entwicklung durchsetzen dürften.

Im Nordteil der Insel bilden Silber-Pappel (Populus alba), Schwarz-Pappel (Populus nigra), Wald-Kiefer (Pinus silvestris) und Hänge-Birke (Betula pendula) lockere Bestände.

In der Strauchschicht dominiert Hasel (Corylus avellana).

Vermutlich beruht die Artenzusammensetzung auf anthropogener Nutzung und späterem Durchwachsen dieser ehemaligen Vorwälder auf offenen, trockenen Schlickböden.

Auch hier wird die Entwicklung wohl in Richtung Eichen-Ulmenwald gehen und später von Ulmen-Hainbuchenwald abgelöst werden.

Forstlich eingebracht sind Winterlinde (Tilia cordata), Bergahorn (Acer pseudoplatanus) und Spitzahorn (Acer platanoides).

Diese Bestände gleichen in ihrer Krautschicht jedoch den kalkreichen Ulmen-Hainbuchen-Wäldern.

Die Krautschicht besteht überwiegend aus Nickendem Perlgras (Melica nutans), Wald-Fliederzwenke (Brachypodicum silvaticum), Einbeere (Paris quadrifolia) und Wald-Segge (Carex silvatica).

Vereinzelt kommen Nestwurz (Neottia nidusavis) und Weißes Waldvögelein (Cephalanthera damasonium) vor.

Standörtlich sind auf der Ketscher Rheininsel zwei Ausbildungen zu unterscheiden: eine reine Ausbildung mäßig frischer bis mäßig trockener Standorte und ein trockener Standort, der durch das Vorkommen der Vogelfuß-Segge (Carex ornithopoda) gekennzeichnet ist.

An diesen trockenen Standorten gedeiht auch die Weiße Segge (Carex alba), deren Vorkommen ähnlich wie an anderen Standorten südlich Ketsch anthropogen bedingt sein dürfte.

An schattigen Stellen tritt der Winter-Schachtelhalm (Equisetum hiemale) faziesbildend auf.

Als floristische Besonderheit muß das Vorkommen der Wilden Weinrebe (Vitis silvestris) bewertet werden, die in Ketsch mit ca. 20 Stöcken noch vorhanden sind.

Die Wälder der Rheininsel bei Ketsch können trotz veränderter Nutzung und Rheinkorrektur als naturnah bezeichnet werden.

Die Zusammensetzung der Flora gibt keinen Anhaltspunkt für stärkere Austrocknung und damit Veränderung der Auenvegetation.

Auch die kalkreichen Ulmen-Hainbuchenwälder dürften grundsätzlich in ihren Artenbestand auch vor der Rheinkorrektur so bestanden haben, damals allerdings auf Grund der Niederwaldwirtschaft weniger gefördert wie Ulme, Pappel oder Wildobst.

Demnach ergibt sich aus der Waldzusammensetzung ein naturnahes Artenspektrum, das weitgehend von den forstlichen Kulturen abgesehen der potentiellen natürlichen Vegetation entsprechen dürfte.

Im westlichen Teil der Rheininsel sind die Waldbestände durch Wiesen unterbrochen, die weitgehend der natürlichen Reliefsituation (schwache ehemlige Schluten und trockene Rücken) in nordwestlicher Richtung folgen.

Sie bestehen überwiegend aus Pfeifengraswiesen und mageren Salbei-Glatthaferwiesen.

Diese Wiesenflächen sind floristisch interessant und bilden wertvolle Saumgesellschaften zum angrenzenden Wald.

Als floristische Besonderheit sind hier anzuführen: Brand-Knabenkraut (Orchis ustulata), Helm-Knabenkrut (Orchis militaris), Natternzunge (Ophioglossum vulgatum), Kantiger Lauch (Allium angulosum), Wiesen-Alant (Inula britannica) u.a.

 

5. Die Tierwelt

Die große Vielfalt und naturnahe Ausprägung der Pflanzengesellschaften bedingt zugleich eine arten- und individuenreiche Tierwelt.

Die Wirbellosenfauna ist hier besonders durch Land- und Wasserwanzenarten (30 Arten), Libellen (18 Arten), Großschmetterlinge (ca. 120 Arten), Schnecken (16 Arten), Kleinkrebse (23 Arten) in hoher Artenzahl vertreten.

Die Bestandaufnahme der Vogelwelt zeigt mit ca. 25 Arten der Roten Liste den hohen Stellenwert der Ketscher Insel für die Vögel.

Als Brutvögel kommen u.a. vor:

Schwarzmilan, Wespenbussard, Flußregenpfeifer, Steinkauz, Waldkauz, Eisvogel, Grün-, Schwarz-, Buntspecht, Teichrohrsänger, Sumpfrohrsänger, Pirol.

Als Durchzügler und Wintergäste treten auf:

Zwergtaucher Krickente, Knäck- und Löffelente, Bekassine, Rotschenkel, Grünschenkel, Flußuferläufer u.a.

 

6. Landschaftliche Bewertung

Die Ketscher Rheininsel ist als ehemaliger Mäander mit Prallufer im Osten und Gleitufer im Westen durch den Durchstich im Zuge der Rheinkorrektur entstanden.

Durch den Ketscher Altrhein wird diese ehemalige Flußauenlandschaft noch verdeutlicht, insbesondere bei Hochwasser wird die ehemalige Flußdynamik angedeutet.

Durch den naturnahen Bestand als Wald mit eingesprengten Wiesenflächen konnte die Ketscher Rheininsel in naturnahem Zustand erhalten werden.

Fehlende Baulichkeiten und fehlende intensive ackerbauliche Nutzung erhöhen den Wert als großes zusammenhängendes Auengebiet.

Im Bereich der Mäanderzone des Rheines ist die Ketscher Rheininsel das einzige Schutzgebiet, das in seiner Gesamtheit als relativ ungestört bezeichnet werden kann.

 

7. Zusammenfassung

Das Naturschutzgebiet Ketscher Rheininsel begründet sich durch folgende Schutzinhalte:

a) Das Schutzgebiet umfaßt in seiner Gesamtheit einen typischen Ausschnitt der ehemaligen Mäanderzone des Rheins.

Prallufer mit Hochgestade am Westrand von Ketsch, Altrhein mit beidseitigem Anschluß an den Rheinstrom, Gleitufer mit höherliegender - vom Hochwasser nur  schwach beeinflußten - durch die Rheinkorrektion entstandener Insel.

b) Die Vegetation besteht aus naturnahen Vegetationsgesellschaften, die sich als Auewälder linear dem Altrheinbereich zuordnen lassen und eine typische Abfolge von der Weichholzaue über Hartholzaue zu Ulmen-Hainbuchen-Wäldern aufweist.

Floristische Besonderheiten sind vor allem das Vorkommen der Wilden Weinrebe sowie die artenreichen Halbtrockenrasen- und Pfeifengrasgesellschaften der Wiesen.

c) Die Tierwelt wird vor allem durch den Artenreichtum der Vogelwelt und der Großschmetterlinge geprägt.

d) Der landschaftliche Reiz liegt vor allem in der Gesamtsituation einer Rheinauelandschaft, die auf der Ketscher Rheininsel, durch raumbeanspruchende Baulichkeiten und Maßnhmen nicht beeinträchtigt, naturnah zu erleben ist.

Vor allem im Westteil der Insel wird der Landschaftswert durch den Wechsel zwischen Wiese und Wald gesteigert, der dort in Verbindung mit gut ausgebildeten Waldsäumen und dem Reinrelief ehemaliger Schluten besonders hoch einzustufen ist.