2.039 Seitel

 

Würdigung

 

 

des geplanten Naturschutzgebietes „Seitel", auf Gemarkung Elchesheim der Gemeinde Illingen-Elchesheim im Landkreis Rastatt

 

Südwestlich der Gemeinde Illingen-Elchesheim liegt unweit des Ortsteiles Elchesheim das geplante Naturschutzgebiet „Seitel".

Es wird im Wesentlichen begrenzt durch den Rheinhochwasserdamm, durch den Scheidgraben und durch das Steilufer (Prallhang) einer alten Rheinschlinge.

In diesem Gebeit wurde früher Ton und Lehm abgebaut, jedoch ist die Entnahmestelle schon lange aufgelassen und konnte sich so zu einem äußerst vielfältigen Feuchtgebiet entwickeln, das bei Rheinhochwasser durch Druckwasser auf großen Flächen überflutet wird.

Auf kleinstem Raum sind hier Landschaftselemente vereinigt, wie sie typisch sind für das Rheinniederungsgebiet, wie sie früher in diesem Gebiet weit verbreitet waren, heute jedoch nur noch an ganz wenigen Stellen anzutreffen sind.

Kernstück des künftigen Naturschutzgebietes ist ein ausgedehnter, ständig Wasser führender Flachwasserteich, in dem reichliche Wasserpflanzenbestände wachsen, wie das Glänzende Laichkraut (Potamogetum lucens) und der Wasserschlauch (Utricularia vulgaris).

Umsäumt wird die Wasserfläche von einem breiten Verlandungsgürtel, der sich im Ostteil des Gebietes in der Hauptsache aus Seebinse (Scirpus lacustris) und Schmalblättrigem Rohrkolben (Typha angustifolia) zusammensetzt;

im Westen steht ein ausgedehntes, übermannshohes Schilfgebiet in dem noch reichlich das Sumpfgreiskraut (Senecio paludosus) und die Gelbe Wiesenraute (Thalictrum flavum) vorkommt.

Die beiden letztgenannten Arten sind durch Entwässerungsmaßnahmen und verstärkten Hochwasserschutz auf nur noch kleine Restareale in der Rheinebene zurückgedrängt worden, wo sie früher weit verbreitet waren.

Der Flachwasserteich mit seinem breiten Verlandungsgürtel bildet einen wichtigen Lebensraum für zahlreiche Tierarten aller Klassen, angefangen von den Weichtieren über die Insekten (großer Libellenreichtum) zu den Amphibien und Reptilien bis hin zu den Vögeln und den Säugetieren.

Im Seitel lebt eines der wichtigsten Laubfroschvorkommen im weiteren Umkreis von Karlsuhe, es wird alljährlich von der Erdkröte zum Laichen aufgesucht und auch Grasfrosch und Teichfrosch finden hier reichlich Nahrung und Laichmöglichkeit.

Ein fast regelmäßig anzutreffender Bewohner des Schutzgebietes ist auch die Ringelnatter, die hier einen reich gedeckten Tisch vorfindet.

Geradezu ideale Brut- und Lebensbedingungen finden die röhrichtbewohnenden Rohrsänger.

Selbst der Drosselrohrsänger (Acrocephalus arundinaceus), der an die Schilfbestände große Ansprüche stellt in Bezug auf Halmdicke und Wasserstand im Schilf, ist im Seitel noch Brutvogel.

Wenn man berücksichtigt, daß in der gesamten Rheinaue zwischen Iffezheim und Karlsruhe diese in der Bundesrepublik und in Baden-Württemberg vom Aussterben bedrohte Art, nur noch in 7 Brutpaaren nachweisbar ist, von denen allein 2 Paare im Seitel festzustellen sind, macht dies den hohen Wert dieses Lebensraumes deutlich.

Einige weitere Arten, die im Röhricht des Seitel noch brüten sind

der Teichrohrsänger (Acrocephalus scirpaceus), ebenfalls eine gefährdete Art, der Sumpfrohrsänger (Acrocephalus palustris) und die Rohrammer (Emberiza schoeniclus).

An diesen Kernbereich schließt sich ein breiter Gürtel grundwasserfeuchten Geländes an, das jedoch nicht mehr oder nur selten überflutet wird.

Soweit diese Flächen schon längere Zeit nicht mehr durch Eingriffe gestört oder gemäht wurden, wie im südöstlichen Bereich, haben sie sich zu nassen Riedgrasflächen (Carex) entwickelt.

Diese Entwicklung wird in Richtung Scheidgraben sich fortsetzen, wo die Flächen z. Zt. noch von einer typischen Sukzessionsgesellschaft mit Brombeere, Ackerdistel, Zaunwinde und Goldrute bedeckt ist, die auf frühere Ackernutzung oder aber Ablagerung von Abraum schließen läßt.

Horste von Seggen und von Schwertlilie zeigen jedoch deutlich die allmähliche Rückentwicklung dieses Geländeteiles in Feuchtwiesen an.

Deutlicher Anzeiger für diese Entwicklung ist auch das Vordringen des Schilfes auf dem mit Pappeln bestandenen Grundstück am Rande der Wasserfläche.

Im Westteil des Geländes ist ein sehr lebhafter Wechsel von Vegetationseinheiten je nach Grundwasserentfernung zu beobachten.

Auf den halbtrockenrasenähnlichen Dammflächen sind mitunter Orchideen zu finden.

Die überflutungsfreien, sandigen bis kiesigen Bereiche am Fuß des Hochwasserdammes tragen, soweit sie noch alljährlich gemäht werden, die Trespenreiche Salbei-Glatthaferwiese (Dauco-Arrenatheretum).

Auf grundwassernäheren Stellen ist die Heilziest-Pfeifengraswiese (Stachyno Molinietum) anzutreffen, die jedoch nach Einstellung der regelmäßigen Mahd durch das Waldschilf (Calamagrostis epigeios) verdrängt wird.

Eine Besonderheit der Heilziest-Pfeifengraswiese im Seitel ist der Arznei-Haarstrang (Peucedanum officinale), eine Pflanze, die sich bei Elchesheim an der südlichen Grenze ihres Verbreitungsgebietes im Oberrheingebiet befindet.

Diese Grünflächen sowie der in das Schutzgebiet ragende kleine Teil des Niederungswaldes bieten für die Tierwelt einerseits eine wertvolle Ergänzung zum Kerngebiet, andererseits wiederum eigene Lebensstätten.

Der Insektenreichtum der Grünlandflächen bietet Nahrungsgrundlage nicht nur für viele Vögel, die im Wald oder im Schilf brüten, sondern auch für die zahlreichen Frösche und Eidechsen, die hier ihr Revier haben.

Auch die Körnerfresser unter den Vögeln finden ein reichhaltiges Nahrungsangebot an Sämereien verschiedenster Art.

Nicht vergessen werden soll, daß diese Flächen zumindest poteniell Brutbiotope sind für das Braunkehlchen (Saxicola rubetra), eine ebenfalls bundesweit stark gefährdete Vogelart.

Um das Naturschutzgebiet Seitel auf Dauer in seinem Wert zu erhalten, ist es notwendig, jährlich ein Minimum an Pflegemaßnahmen durchzuführen.

Die heute im Seitel liegenden Wiesenflächen sollen jährlich gemäht werden, außerdem ist Sorge zu tragen, daß die Wasserbestände im Seitel stabil bleiben und der Flachwasserteich nicht austrocknet.

Im Sinne eines aktiven Naturschutzes bietet es sich im Seitel an, durch gezielte Pflegemaßnahmen, die über die jährliche Mindestpflege hinausgehen, eine Verbesserung der Lebensbedingungen für Tiere und Pflanzen zu erreichen.

So wird durch regelmäßige Mahd der Flächen außerhalb des Röhrichtgürtels bei gleichzeitigem Abfahren des Mähgutes und Unterlassen einer weiteren Düngung eine Pfeifengraswiese entstehen, in den dem Röhricht anschließenden Flächen wird die z. Zt. nur rudimentär erkennbare Kantenlauchgesellschaft sich wieder einstellen.

Eine Vergrößerung der Wasserfläche, insbesondere im Ostteil des Gebietes in Richtung Scheidgraben, könnte die Regenerierung dieser Flächen beschleunigen, neuen Lebensraum für Wasservögel schaffen und im Seitel sogar zur Wiederbesiedlung mit dem in der Oberrheinebene selten gewordenen Zwergtaucher führen.

Das geplante Naturschutzgebiet „Seitel" ist zwar klein an Ausdehnung, aber durch seine vielfältige Ausstattung eine wertvolle ökologische Zelle,

-die einerseits als Flucht- und Rückzugsbereich dient für viele Tiere und Pflanzen,

-die durch anderswärtige menschliche Aktivitäten gestört, zerstört und vertrieben werden,

-die aber andererseits auch wieder befruchtend auf die nähere und weitere Umgebung wirken kann.

Das Seitel ist ein Teil eines weitmaschigen, ökologischen Netzes, das wir erhalten müssen, wenn wir die weitere Artenverarmung in unserer Landschaft wirklich verhindern wollen.

 

 

 

G. Schenkel

 

 

Karlsruhe, 14.09.1979