2.087 Beim Roten Kreuz

 

Würdigung

 

 

Die Umgebung des Roten Kreuzes bei Zeutern stellt eine für den Kraichgau sehr typische Löß-Ackerlandschaft dar.

Landschaftlich besonders reizvoll und für die Flora von entscheidender Bedeutung ist die starke Gliederung der Landschaft in Terrassen mit steilen, trocken-heißen Lößböschungen, Rainen und Hohlwegen, die Zeugen der früheren Landbewirtschaftung sind.

Durch die Pferdefuhrwerke erodierten die Wege so stark, daß der Boden abgeschwemmt wurde und sich zu Hohlwegen verschiedener Ausprägung, ja bis über 10 m Tiefe entwickelten.

In den steilen Hübeleinhängen versuchte der Bauer durch talseitiges Pflügen am Hang „ebene" Flächen zu erhalten, deren Höhenunterschiede durch eine Steilböschung, dem Stufenrain, überbrückt wurden.

Diese nicht genutzten, oft sonnenexponierten Steilböschungen dienten den Floren- und Faunenelementen des Halbtrockenrasens (MESOBROMETUM) als Fluchtstandorte inmitten unserer intensiv genutzten Flur.

 

1. Halbtrockenrasen–Mesobrometum

a) Pflanzenwelt des Halbtrockenrasens

Als auffälligste Charakterart blühen im Frühsommer die Waldanemone (Anemone sylvestris) in oft flächigen Beständen, die als die größten unserer Region einzustufen sind und in Baden-Württemberg als gefährdet (A 3) auf der Roten Liste stehen.

Mit Ihnen vergesellschaftet befinden sich

die Schopfige Traubenhyazinthe (Muscari comosum, A 2), das Helmknabenkraut (Orchis militaris) als häufigste Orchidee, der Gelbe Zahntrost (Odontis lutea, A 3) sowie die sommer- und herbstblühenden Enziane als Kreuzenzian (Gentiana cruciata, A 2) und der Gefranste Enzian (Gentiana ciliata, A 3).

Nur noch an einem Standort beschränkt ist das Vorkommen der Gewöhnlichen Küchenschelle (Pulsatilla vulgaris), ein Zeichen dafür, daß sich die Standortbedingungen in den letzten dreißig Jahren erheblich verschlechtert haben, da sie früher noch als häufig galt.

Von besonderem Interesse sind die Moos- und Flechtengesellschaften der senkrecht, nackten Flanken der Lößhohlwege in der Umgebung des Roten Kreuzes.

Besonders an den trocken-warmen, südexponierten Flanken hat sich eine interessante, xerotherme Kleinmoosflora entwickelt.

Ihrer Artenkombination nach sind sie wohl am ehesten zu der Gemeinschaft zuzuordnen, welche auch aus den Kaiserstühler Lößhohlwegen bekannt geworden ist.

Gute Bestände dieser Gesellschaft kommen vor allem in der Rennweghohle vor und sind sicher schützenswert.

Bemerkenswert ist an diesem Fundort das Vorkommen des südlichen Mooses Didymodon cordatus.

b) Tierwelt des Halbtrockenrasens

Bei der Fülle verscheidenartigster, teils stark duftender Halbtrockenrasenpflanzen und den angrenzenden Gehölzen ist es nicht verwunderlich, daß eine Vielzahl typischer und teilweise sehr seltener Schmetterlinge festgestellt wurden:

Schwalbenschwanz (Papilio machaon, A 3), Schwarzfleckiger Bläuling (Maculiea arion, A 2), Kleiner Malvendickkopffalter (Charcharodus alceae, A 3), Veränderliches Widderchen (Zygaena ephialtes peucedani, A 3) und Gelbes Ordensband (Ephesia fulminea, A 4)

Insbesondere für die Tiergruppe der Aculeaten Hymenopteren - Stechimmen - ist die unbewachsene, sonnenexponierte Lößböschung des Hohlweges der bedeutenste Biotop, der hier Brutplatz, Überwinterungsstätte, Verpuppungsort und Jagdrevier ist.

Diese Arten, die überwiegend Röhren in die Lößwand graben, um dort ihre Brutnester anzulegen, sind hier in 106 Arten aus 51 Gattungen nachgewiesen worden, von denen acht Arten bundesweit als gefährdet eingestuft werden, eine sogar für den Regierungsbezirk Karlsruhe vom Aussterben bedroht ist.

Kein Wunder, daß bei dieser hohen Insektenzahl auch deren Fraßfeinde, die Spinnen, ein wichtiges Glied im Ökosystem darstellen, denen die gleiche Aufmerksamkeit gewidmet sein muß, wie den auffälligen „schönen" Arten.

Wichtig ist für sie insbesondere die vertikale Krautschichtabstufung.

Welche Bedeutung die Spinnen innerhalb der Nahrungskette haben wird vielleicht dadurch klar, daß eine Spinnenpopulation eines Hektars innerhalb eines Jahres 47 500 kg Beute fängt!

Grund genug, daß die beschriebenen Biotopflächen nicht nur dem Schutz seltener Arten dienen, sondern unverzichtbare Regenerationsräume in einer teils stark begifteten Umgebung sind!

Die Vogelwelt hat in der Artenvielfalt eine relativ geringe, ökologisch jedoch eine gleiche Bedeutung wie die anderen Tiergruppen.

Auf die schlehen- und brombeerbestandenen, sonnenbeschienen Feldhecken ist der Neuntöter (Lanius collurio, A 2) und die Dorngrasmücke (Sylvia communis, A 4) angewiesen, die in Baden-Württemberg stark im Rückgang begriffen sind.

Von weiterer Bedeutung sind diese Biotoptypen für Kleinsäuger, in denen neben

Fuchs, Marder, Igel, Kaninchen auch eine Vielzahl von Mausarten wie Rötelmaus, Waldmaus, Gelbhalsmaus, Feld- und Erdmaus vorkommen.

Die Reptilien sind insbesondere vertreten durch die Zauneidechse (Lacerta agilis) und als besondere Seltenheit das Vorkommen der Schlingnatter (Corolla ustriaca, A 2).

 

2. Feuchtgebiete

In den Talmulden haben sich kleine Feuchtgebiete mit Quellaustritten gebildet, die neben der charakteristischen Vegetation wie Erle, Esche und einer Krautschicht aus Sumpfdotterblume (Caltha palustris), auch reiche Bestände des Riesenschachtelhalmes (Squisetum maximum) aufweist.

Sind offene Wasserflächen vorhanden, dienen diese den charakteristischen Amphibienarten als Laichgebiet.

In flachen, sonnenbeschienen Randgräben lebt die Gelbbauchunke (Bombina variegata, A 2), in den tieferen Wasserflächen laicht die Erdkröte (bufo bufo, A 4) und in den flächigen, teils stark beschatteten, kühleren Gewässern des Erlenwaldes lebt der Bergmolch (Triturus alpestris) und der Feuersalamander (Salamandra, A 2).

 

3. Waldelemente

Zwei Waldteile geringerer Fläche wurden gezielt mit in das Schutzgebiet einbezogen, da gerade sie als Nahtstelle zwischen den Landschaftselementen von größter Bedeutung sind.

Das Attackewäldchen stellt mit den davorliegenden Halbtrockenrasenflächen eine ökologische Einheit dar.

So sind z. B. in der Krautschicht u. a. mehrere Orchideenarten zu finden, halbschattenliebende Übergangsgesellschaften ergeben eine artenreiche Flora und Fauna in typischer Ausprägung.

Der Bössinger Wald - Dimpfelter Wald ist im geplanten naturschutzwürdigen Bereich als Feuchtgebiet entsprechend § 16 NatSchG zu werten, wie es unter Pkt. 2.) Feuchtgebiete beschrieben ist.

Die Hauptholzart ist die Schwarzerle, der einzelne Eschen in den Rändern beigemischt sind.

 

Probleme

Im Zug der agrarstrukturellen Veränderungen sind die hier genannten schützenswerten Flächen in der Regel Hindernisse in der Großflächenbewirtschaftung.

Mit dieser Zielsetzung wird seitens der Landwirtschaft die Neuordnung der Landschaft im Flurbereinigungsverfahren gefordert.

Die Flurbereinigung bemüht sich gerade in diesem Verfahren auch den Naturschutzbelangen und somit der Gesunderhaltung unserer Flur durch Mithilfe und Bereitstellung der Flächen im größtmöglichen Umfang zu entsprechen.

Daß sich trotzdem manche, dem Naturschützer nicht willkommene Änderung in der Landschaft vollzieht, liegt in der Natur der Sache.

Die Hauptgefahr für die beschriebenen Biotoptypen liegt im Umbruch, also der erneuten Ackernutzung von jahrzehntelang brachliegenden Fluren, in die sich o. a. Lebensformen zurückgezogen haben.

Die Gefahr illegaler Müll- und Bauschuttablagerung, der ca. 1/3 der Rennweghohle zum Opfer fiel, scheint heute gemindert.

Insbesondere dieser Hohlweg soll wieder als Fuß-, Reit- und Fahrweg mit offenem Lößboden erhalten werden.

 

Pflege

Die Hohlwege sollen aus o. a. Gründen ihre senkrechten Abbruchflächen bewahren, so daß die sich auffüllenden Böschungen zeitweilig freigeschoben werden müssen.

Zu starker Gehölzbewuchs beschattet die sonnenexponierten Lößhänge, so daß eine vorsichtige Gehölzreduzierung in größeren Zeitabständen erfolgen muß.

Die Halbtrockenrasen sind erst nach Abschluß der Samenreife der Spätblüher zu mähen (ca. November) und um den Standort mager zu halten, ist das Mähgut zu entfernen.

Um auch dem besonderen Erholungsbedürfnis und dem wachsenden Interesse dem Biotop „Hohlweg" Rechnung zu tragen, halten wir die Anlage enes Hohlwegpfades im Bereich der Rennweghohle für vertretbar.

 

Zusammenfassung

Mit dem Naturschutzgebiet „Rotes Kreuz" wird versucht, eine Vielzahl kleiner naturschutzwürdiger Biotope, bestehend aus Halbtrockenrasenflächen, Hohlwegen, Stufenrainen, Feuchtgebieten und kleinen Waldteilen in einer Verordnung zusammenzufassen, um ihren Fortbestend in einer Phase der agrarischen Umstrukturierung zu sichern, durch Pflege die typische Artenvielfalt zu erhalten und der Bevölkerung das Verständnis für die Heimatlandschaft mit seinen besonderen Flurelementen wieder zu wecken.

 

Folgende Untersuchungen als Basis für das Schutzverfahren wurden durchgeführt

1. Botanischer Bericht über die Umgebung des Roten Kreuzes nordöstlich von Zeutern im Kraichgau  von Mathias AHRENS - 03.09.1979

2. Aculeate Hymenopteren in Lößhohlwegen bei Zeutern/Baden von Peter KUNZ - Januar 1981

3. Darstellung der Spinnenfauna und deren ökologischen Bedingungen für den Trockenrasenbereich und Lößhohlwege des Gebietes 3 „Beim Hohlweg" Gemarkung Östringen von Hartmut IDLER - Mai 1981

4. Zum Vorkommen der Säuger in den Hohlwegen des Kraichgaus von Monika BRAUN - zurzeit in Bearbeitung.