2.127 Oberbruchwiesen

 

Würdigung

 

 

1. Lage, Geologie, Klima

Das geplante Naturschutzgebiet „Oberbruchwiesen" auf Gemarkung Graben, Gemeinde Graben-Neudorf, Landkreis Karlsruhe liegt unterhalb des markanten Hochgestaderandes im rechtsrheinischen Bereich der ehemaligen Rheinauelandschaft.

Diese Geländeform, die vom unkorrigierten Rheinverlauf durch die geschwungenen, weitausladenden Mäanderbogen geschaffen wurde, bildet gerade in den Außenbuchten der ehemaligen Mäander vor dem Hochgestade die durch torfige, anmoorige Böden, mit Kies, Sand oder Auelehm durchsetzt, gekennzeichneten Wiesenlandschaften.

Es ist ein Charkteristikum der naturräumlichen Haupteinheit Nördliche Oberrhein-Niederung, daß sich ihre Landschaftsbilder durch ausgeprägte Niederungen und Auen auszeichnen, die in der naturräumlichen Untereinheit der Speyerer Rheinniederung besonders deutlich ausgeprägt sind.

Die ehemaligen Rheinarme, die in ihrer größten Ausdehnung bis zum Hochgestaderand reichten, besitzen ein Alter von ca. 8000 Jahren und älter.

Dies konnte durch pollenanalysische Untersuchungen (OBERDORFER 1934) nachgewiesen werden.

Das Klima spiegelt die Lage des Oberrheingebietes zwischen ozeanischem mildem Winterklima und kontinentalem heißem Sommerklima wieder.

Hierauf deuten die Januarmittel nicht unter 0° Grad Celsius, die durchschnittliche Julitemperatur von 19,1° Grad Celsius sowie das Jahresmittel (1881-1930) von 9,8° bis 10,0° Grad Celsius hin, wobei die Beckenlage den kontinentaleren Klimacharakter verstärkt.

Eine hohe Vegetationsdauer von fast 180 Tagen und Sommermaximum der Niederschläge (ca. 600 mm Jahresmittel) herrscht vor.

Durch die rheinnahe Lage sind Nebelbildungen verbreitet.

 

2. Vegetation

Wiesenflächen sind in einem potentiellen Waldgebiet stets eine kulturbedingte Vegetationsformation.

Gerade in Gebieten mit hohem Grundwasserstand stellt die Wiesennutzung die primäre Landnutzung dar.

Insbesondere im ehemaligen Überflutungsbereich des Rheins und seiner weitausgreifenden hydrologischen Beeinflussung vor der Korrektur waren Wiesen die Hauptnutzung der Rheinauen.

Bei fehlender Düngung und oftmals wechselnder Überflutung und Vernässung wurden sie in historischer Zeit überwiegend als Streuwiesen genutzt.

Durch die Rheinkorrektur und der dadurch veränderten Wasserführung sowie durch intensive künstliche Düngung wurden diese artenreichen Streuwiesen in Wirtschaftswiesen umgewandelt, höher liegende Fluren ackerbaulich genutzt, so daß nach der Rheinbegradigung ein stetiger Rückgang von Wiesen festzustellen ist.

Größere zusammenhängende Wiesenflächen sind zur Seltenheit geworden.

Die Oberbruchwiesen stellen einen Restausschnitt der ehemaligen Wiesenlandschaft in der Rheinaue dar.

Wie großflächig Wiesen in den Auengemeinden ehemals vertreten waren, zeigen Angaben aus dem 18. und 19. Jahrhundert.

Danach lag der Anteil der Grünlandnutzung bei den angrenzenden Gemeinden Ende des 17. Jhrdt. bei ca. 30 %, im Jahre 1852 sogar bei 44 %.

Innerhalb der letzten 25 Jahre ist jedoch ein Rückgang der Restflächen von ca. 88 % zu verzeichnen.

Die Oberbruchwiesen gehören mit ihren ca. 126 ha zu den letzten großflächigen Wiesengebieten der nördlichen Oberrheinebene.

Je nach dem Frischegrad des Bodens und der unterschiedlichen Düngung bilden Glatthaferwiese (Dauco-Arrhenatheretum) und Kohldistelwiese (Angelico-Cirsietum) die Hauptanteile der Wiesengesellschaften.

Lediglich entlang dem ca. 20 km langen Grabensystem, das die Oberbruchwiesen durchzieht, kommt stellenweise durch weniger intensive Bewirtschaftung und Düngung bedingt neben der Kohldistelwiese in schwacher Ausbildung eine weitere Gesellschaft der gedüngten Feuchtwiesen (Calthion) vor, die früher stärker verbreitet war, nämlich die Kalk-Binsenwiese (Juncetum subnodulosi).

 

3. Fauna

 

3a. Libellen

Die Bedeutung der Oberbruchwiesen als Lebensraum für Libellen ist stark an das vorhandene Grabensystem geknüpft.

Ansprüche an die Wasserreinheit und Fließgeschwindigkeit sind u.a. die wesentlichen Biotopvoraussetzungen, die in den Oberbruchwiesen noch vorhanden sind.

Als herausragend und höchst bedeutsam muß der Nachweis der Helmazurjungfer (Coenagrion mercuriale) gewertet werden, die vom Aussterben bedroht ist und im geplanten Naturschutzgebiet ihr einziges Vorkommen in Nordbaden besitzt.

Gleiches gilt für den kleinen Blaupfeil (Orthetrum coerulescens), der eng mit der vorherigen Art vergesellschaftet ist.

Unterstrichen wird die Bedeutung als Libellenbiotop durch das Auftreten weiterer Arten wie:

Geänderte Prachtlilie (Calopteryx splendens), Große Binsenjungfer (Lestes viridis), Frühe Adonislibelle (Pyrrhosoma nymphula), Gemeine Pechlibelle (Ischnura elegans), Becherazurjungfer (Enallagma cyathigerum), Hufeisenazurjungfer (Coenagrion puella), Blaugrüne Mosaikjungfer (Aeschna cyanea), Große Königslibelle (Anax imperator), Gemeine Smaragdlibelle (Cordulia aenae), Plattbauch (Libellula depressa), Großer Blaupfeil (Orthetrum cancellatum), Gemeine Heidelibelle (Sympetrum vulgatum), Blutrote Heidelibelle (Sympetrum sanguineum).

 

3b. Heuschrecken

Eng mit dem Biotop der Libellen verbunden ist die Sumpfschrecke (Mecostethus grossus), die hohe Luftfeuchtigkeit, lückige oder niedrige Vegetation verlangt und ebenfalls als gefährdet gilt.

 

3c. Schmetterlinge

Sehr intensiv sind die Oberbruchwiesen als Lebensraum für Schmetterlinge untersucht.

Neben dem Vorkommen von 9 Arten der Roten Liste wurden bisher 44 weitere Arten nachgewiesen.

Sie verdeutlichen die herausragende Stellung des Wiesenbiotops.

Folgende, in den Oberbruchwiesen vorkommende Schmetterlingsarten gelten als potentiell bis stark gefährdet:

Büttners Schrägflügeleule (Sedina buettneri), Nachtkerzenschwärmer (Proserpinus proserpina), Birkengabelschwanz (Harpyia bisuspis), Erlen-Sichelflügler (Drepana curvatula), Lindenwald-Sichelflügler (Drepana harpagula), Schönbär (Panxia dominula), Rothalsspinner (Pelosia muscerda), Violettgraues Laubgrauspinnchen (Nola cuculatella), Grünlicher Gebüschschlappenspanner (Trichopteryx viretata).

 

3d. Amphibien

Amphibienlebensräume erfordern durch die entwicklungsbedingte Abhängigkeit der Larvalstadien vom Wasser stets die räumliche Nachbarschaft von Laichgewässer, Lebensraum und Überwinterungsplatz.

Die Oberbruchwiesen erfüllen mit ihren verschieden strukturierten Gewässern sowohl die Funktion als Laichbiotop als auch mit den Wiesenflächen die Funktion als Nahrungsbiotop.

Als stark gefährdete Art kommt der Springfrosch (Ran dalmatina), als potentiell gefährdete Art der Grasfrosch (Rana temporaria) vor.

Außer diesen wurden Wasserfrosch (Rana esculenta) und Teichmolch (Triturus vulgris) nachgewiesen.

 

3e. Vögel

Neben dem Vorkommen bedrohter Libellen, Amphibien und Schmetterlingsarten besitzen die Oberbruchwiesen eine große Bedeutung als Brut-, Nahrungs-, Rast- und Überwinterungslebensraum für die Vogelwelt.

Unter ihnen sind die wiesenbewohnenden Arten durch den Wiesenrückgang besonders gefährdet.

Ein Beispiel hierfür stellt der Große Brachvogel (Numenius arquata) dar, dessen Vorkommen in Baden-Württemberg auf die Oberrheinebene und Oberschwaben beschränkt ist.

Die Bestände weisen einen starken Rückgang auf, der vielerorts bereits zum Erlöschen von Populationen führte.

Bei den Oberbruchwiesen handelt es sich um einen der drei letzten Brutplätze in Nordbaden, im Landkreis Karlsruhe sogar um das einzige Vorkommen dieser Art.

Jedoch bestimmt nicht der Brachvogel allein die ornithologische hohe Wertigkeit der Oberbruchwiesen.

Braunkehlchen (Saxicola rubetra), Bekassine (Gallinago gallinago) oder Schafstelze (Motacilla flava) finden hier Lebensraum und geeignete Lebensbedingungen; sie sind in ihrer Lebensweise eng mit Grünflächen vergesellschaftet.

Obwohl von der Größe und äußeren Form unscheinbarer als der Brachvogel, müssen die obigen Vogelarten als gefährdet eingestuft werden.

Der vorhandene gesetzliche Artenschutz kann jedoch nur durch einen wirksamen Biotopschutz zum Erfolg führen.

Als weitere gefährdete Brutvogelarten kommen in den Oberbruchwiesen Grauammer (Emberiza calandra) und Teichrohrsänger (Acrocephalus scirpaceus) vor.

Das geplante Naturschutzgebiet gilt für folgende Arten als Rast- und Überwinterungsplatz:

Kornweihe (Circus cyaneus), Graureiher (Ardea cinerea), Sperber (Accipiter nisus), Rotmilan (Milvus milvus)Rohrweihe (Circus aeruginosus), Kiebitz (Vanellus vanellus) und Raubwürger (Lanius excubitor).

Für die Kornweihe stellen die Oberbruchwiesen eines von insgesamt 8 regelmäßig besetzten Überwinterungsgebieten in Baden-Württemberg dar.

 

4. Landschaftsästhetik und Erlebniswirksamkeit

Die Oberbruchwiesen stellen als zusammenhängende Wiesenlandschaft ein eindruckvolles Beispiel einer Kulturlandschaft dar.

Sie repräsentieren eine Landnutzung, die früher in Abhängigkeit von Boden und Wasserregime die einzig mögliche Wirtschaftsform der Rheinaue in solchen Lagen war.

Dieser Wiesenlandschaft sind lediglich die kulturbedingten Einrichtungen wie Erd- und Graswege, Grabensystem oder Einzelgehölze eingegliedert, ein Minimum an infrastrukturellen Notwendigkeiten, die den Erlebniswert der Landschaft steigern.

Landschaftsgestalterische oder gar touristische Baukörper fehlen.

Die Wiesenlandschaft der Oberbruchwiesen wirkt durch ihre Flächengröße erlebnisreich und intensiv spürbar, da im geplanten Naturschutzgebiet der Biotop Wiese nicht als Einzelstück wie im Museum, sondern als komplexe Kulturlandschaft mit einer Fülle natürlicher Elemente angeboten wird.

Sie bieten eine Landschaft dar, die durch die Übergangszone von Wald zur Wiesenflur belebend wirkt, die freie Wiesenfläche in ihrer optischen Wirkung verstärkt und dies für den Menschen durch die Betretbarkeit und die Möglichkeit des Aufenthalts nachvollziehbar macht.

 

5. Zusammenfassung

Die Oberbruchwiesen stellen als eine der letzten größeren Wiesenfläche in den Rheinauen einen gefährdeten Lebensraum dar.

Dieser Lebensraum der Wiese und des begleitenden Grabensystems bieten Tierarten der Roten Liste die notwendigen ökologischen Voraussetzungen.

Eine Veränderung des Biotoptyps würde unweigerlich den Verlust der aufgeführten Tier- und Pflanzenarten herbeiführen.

Gleichzeitig würde eine Kulturlandschaft verschwinden, die ehemals landschaftstypisch war.

Als erlebbare und für den Beschauer nachvollziehbare Landschaft besitzen die Oberbruchwiesen einen hohen Erlebniswert.

Die Notwendigkeit eines Schutzes nach den Bestimmungen des § 21 NatSchG sind gegeben.

 

 

 

E. Frey

 

 

Karlsruhe, im Februar 1987