2.144 Kiesgrube am Hardtwald Durmersheim

 

Würdigung

 

 

Naturschutzgebiet „Kiesgrube am Hardtwald"

 

1. Naturräumliche Lage, Begrenzung und Größe

Das geplante Naturschutzgebiet „Kiesgrube am Hardtwald" liegt östlich der Gemeinde Durmersheim in der naturräumlichen Einheit 223 Hardtebene.

Es wird begrenzt im Osten durch den Hardtwald, im Süden durch die Anlagen der Baustoffwerke Durmersheim, im Westen und Norden durch landwirtschaftliche Flächen.

Die Größe des geplanten Naturschutzgebietes beträgt rund 30,15 ha.

 

2. Nutzungsgeschichte

Das Gebiet ist als Trockenabbaggerung seit etwa 5 Jahren 6 bis 7 m unter dem ehemaligen Geländeniveau abgegraben worden; auf einer Teilfläche wird seit Ende 1989 eine Naßabgrabung durchgeführt.

Deren landschaftspflegerische Begleitplanung wurde so durchgeführt, daß eine optimale Verzahnung zwischen trockenen, wechselfeuchten und dauerfeuchten Standorten erreicht wird.

Die Fläche der Uferbereiche (Flachwasserzonen) umfaßt rund ein Drittel der zukünftigen Seenfläche.

Die Vegetationsentwicklung und faunistische Sukzession wird durch zweijährige Fachgutachten dokumentiert und deren Ergebnisse bei der Umsetzung der Rekultivierung verwendet.

Die Ausweisung als Naturschutzgebiet während der Abbauzeit greift einer möglichen Freizeitnutzung des Gewässers vor und sichert die entstehenden Biotope für den Arten- und Biotopschutz.

Hierauf sind auch die weiter unten erläuterten Ge- und Verbote ausgerichtet.

 

3. Standorte

Die „Kiesgrube am Hardtwald" bietet ein großes Mosaik an Offenbodenstandorten an.

Kiesige und sandige Flächen auf der Grubensohle, teilweise mit lehmigen Verdichtungen, in denen nach Niederschlägen längere Zeit Wasser stehenbleibt, wechseln sich ineinander verzahnt ab.

Auf einer Teilfläche wurde Mutterboden aufgetragen und wenige Jahre ackerbaulich genutzt; hier hat sich inzwischen eine Sukzession mit Hochstauden eingefunden.

Besonders wertvoll sind die sehr trockenen und mageren Bereiche der Böschungen, die Ausweichlebensraum für viele bedrohte und spezialisierte Pflanzen- und Tierarten darstellen.

 

4. Vegetation

Insgesamt wurden bisher 145 Gefäßpflanzen im Bereich des geplanten Naturschutzgebietes „Kiesgrube am Hardtwald" gefunden.

Unter ihnen befinden sich auch einige Arten, die als geschützt oder stark gefährdet auf den Roten Listen stehen.

Vor allem die sehr mageren und trockenen Standorte der Flachhänge und der verdichteten, aber tiefgründigen Böschungsoberkanten beherbergen einige bemerkenswerte Arten wie zum Beispiel

den Kleinfrüchtigen Acker-Frauenmantel (Aphanes micro-carpa) die Rote Schuppenmiere (Spergularia rubra) das Sand-Vergißmeinnicht (Myosotis stricta), das Kahle Ferkelkraut (Hypochorius glabra), den Acker-Krummhals (Anchusa arvensis) oder die Berg-Sasione (Sasione montana).

Die Vielfalt der Vegetation der „Kiesgrube am Hardtwald" zeigt sich auch an dem kleinräumigen Wechsel auf den flachen Hängen und der Grubensohle.

Mit Ginster und Sanddorn verbuschte Abschnitte wechseln mit Glatthafer- (Arrhenaterum elatius), Landreitgras-(Calamagrostis epigeios) und Rotstraußgras (Agrostis tenuis) Beständen ab.

Zwischen ihnen liegen immer wieder offene Rohbodenflächen.

Auf der Grubensohle breitet sich stellenweise ein Federschwingelrasen aus mit bedrohten Arten wie

Trespenfuchsschwingel (Vulpia bromoides), Mäuseschwanzfuchsschwingel (Vulpia mynros), Nelkenhafer (Arva carophyllea) und verschiedenen Filzkrautarten (Filago arvensis, F. minima, F. vulgaris).

Andere Bereiche der Grubensohle sind überzogen von einer reichblühenden, hochwüchsigen Ruderalflora, die in eine Möhren-Steinklee-Gesellschaft (Dauco-Melilotion) bzw. in Rotstrauß-Sandmagerrasen Gesellschaft (Agrostis-capillarion) übergeht.

In Verdichtungen und Vertiefungen entwickeln sich feuchtliebende Pflanzenarten wie Rohrkolben (Typha latifolia), Schilf (Phragmites communis), Weidenröschen- und Binsenarten sowie in einem Dauertümpel Schwimmendes Laichkraut (Potamogeton natans).

Daneben sind auch Weiden und Pappeln im Jugendstadium zu finden.

Dies deutet bereits das Potential an, welches für die entstehenden feuchten, wechselfeuchten und nassen Standorte zu erwarten ist.

Die aktuelle und potentielle Vegetationsvielfalt ist auch der Tatsache geschuldet, daß die „Kiesgrube am Hardtwald" einerseits Pflanzenarten der trockenen Hardtebene wie der wenige Kilometer benachbarten Rheinniederung Entwicklungsmöglichkeiten bietet.

Vor allem für heute praktisch verschwundene Dünen- und Sandrasenvegetation sind mit der Abgrabung neue Standorte geschaffen worden.

Die vielgestaltige Morphogie der Kiesgrube schafft außerdem für die Vegetation ein reiches Mosaik, in das die Arten mit ihren verschiedenen Ansprüchen sich einnischen können.

 

5. Tierwelt

Ähnliche Aussagen lassen sich auch für bisher aufgefundene und dokumentierte Tierarten treffen.

So sind bisher an Stechimmen (Insecta Aculeata) 75 Arten, davon 16 Rote-Liste-Arten, festgestellt worden.

Diese verteilen sich auf die verschiedenen Familiengruppen wie folgt: Ameisen (3), Goldwespen (6), Rollwespen (2), Faltenwespen (5), Wegwespen (6), Grabwespen (22), Wildbienen (31).

Vor allem die beiden letztgenannten Gruppen lassen die bereits heute vorliegende Bedeutung der „Kiesgrube am Hardtwald" für die Stechimmenfauna erkennen.

Berücksichtigt werden muß außerdem, daß der Kiesabbau durch seine Umlagerungsaktivität im Bodenbereich für viele Arten den Aufbau stabiler Populationen unterbricht.

So konnten auch hohe Arten- und Individuendichte vor allem im Süd- und Westteil der Grube gefunden werden; dort ist inzwischen eine mehr oder weniger dichte Vegetation vorhanden, die eine ausreichende Nahrungsquelle für viele Arten darstellt, die dort Nistmöglichkeiten gefunden haben.

Die morphologische Vielfalt an Standorten der Böschungen, Hänge und Grubensohle bietet den Hautflüglern unterschiedlichster Lebensraumansprüche Nisthabitate.

Die Lehmwespe Odynerus spinipes (R.L.B.W. 3) mit ihrem Prasiten, der Goldwespe (Pseudospinola neglecta (R.L.B.W. 4) konnte ebenso nachgewiesen werden wie die trocken- und sandliebende Wegwespe (Pompilus chevrier), die eine Charakterart der Binnendünen und Flugsandflächen ist.

Die Grabwespen stellen 29 % aller gefundenen Stechimmen im Gebiet.

Unter ihnen befinden sich drei Arten der Roten Liste, die allesamt Charakterarten der Binnendünen und Flugsande darstellen.

Die Wildbienen sind mit 40 % die artenreichste Gruppe der Stechimmen im Gebiet.

Von den 12 Arten der Roten Liste B.W. zählt Anthrophora bimaculata (R.L.B.W. 1) zu den ausgesprochenen Spezialisten für Dünen und Flugsande.

In Baden-Württemberg ist sie an nur vier weiteren Stellen gefunden worden.

Die Arten- und Individuenfülle hängt auch mit dem Nahrungsangebot an speziellen Futterpflanzen für viele Stechimmenarten zusammen.

Von primärer Bedeutung für die Stechimmen ist der Erhalt von offenen, lehmigen, sandigen bis kiesigen Flächen sowie von Kleinstrukturen wie Abbruchkanten, Steilwänden und Böschungen mit südlicher bis westlicher Exposition.

Vor allem sind bedeutsam, die Rohbodenflächen offen liegen zu lassen und nicht mit Mutterboden zu überdecken.

Aufgrund der Biotopstruktur sind derzeit noch kaum Amphibienarten zu beobachten.

Einzelfunde von Bergmolch (Triturus alpestris) im entstehenden Baggersee sowie Erdkröte und Grasfrosch in flachen Tümpeln bei hohem Wasserstand der letzten Jahre liegen vor.

An Brutvogelbeobachtungen liegen derzeit Angaben über eine kleine Kolonie von Uferschwalben an der nördlichen Steilwand vor.

Ebenso wurde auch der Flußregenpfeifer im Gebiet brütend beobachtet.

Andere beobachtete Vogelarten wie Mäusebussard, Schwarzmilan, Turmfalke, Hohltaube, Turteltaube und Gimpel sind Nahrungsvögel im Gebiet.

Bei Vergrößerung des Biotopangebotes durch die Naßbaggerung und Schaffung von Feuchtzonen und Flachwasserbereichen wird das Angebot an Biotopstrukturen für die Vogelwelt vergrößert werden.

 

6. Schutzwürdigkeit

Die Schutzwürdigkeit begründet sich einerseits durch die Lage des Gebietes in einem ehemaligen Dünen- und Flugsandbereich zwischen den Flußniederungen des Rheines und der Kinzig-Murg-Rinne.

Andererseits bietet die Kiesgrube am Hardtwald bereits heute ein reichhaltiges Mosaik an Biotopstrukturen, welches sich durch die weitere Abgrabung und die Realisierung der landschaftspflegerischen Begleitplanung noch weiter steigern wird.

Um dieses Mosaik an Biotopen und Biotopstrukturen sowie die damit verbundenen Pflanzen- und Tierarten und Lebensgemeinschaften zu sichern, zu erhalten und zu entwickeln, ist die Ausweisung eines Naturschutzgebietes bereits zum heutigen Zeitpunkt notwendig.

Die Schutzwürdigkeit bezieht sich vor allem auf Strukturen wie:

-offene, teils lockere, teils verdichtete Rohbodenflächen,

-Steilböschungen mit und ohne Uferschwalbenkolonien,

-blütenreiche Ruderalflächen auf der Grubensohle und auf Mutterbodenanschüttungen,

-kleinteilige Flächen in unterschiedlichen Sukzessionsstadien auf den Böschungen und der Grubensohle,

-Nistmöglichkeiten vor allem für Bodenbrüter und bodennistende Insektenarten,

-Nahrungs-, Zufluchts- und Rückzugshabitate für verschiedene teils gefährdete Tierarten,

-bereits vorhandene und noch entstehende feuchte Lebensräume.

 

7. Schutzbedürftigkeit

Um die angezeigten Lebensräume zu sichern und ihre selbstgesteuerte Entwicklung weitestgehend zu ermöglichen, sind Gefährdungen und Störungen möglichst auszuschließen.

Da der Abbaubetrieb als Voraussetzung für die Schaffung von feuchten und nassen Standorten hingenommen wird, beziehen sich die möglichen Gefährdungen vornehmlich auf die Begehbarkeit des Gebietes.

Um diese zu unterbinden, wurde das Gebiet bereits vollständig eingezäunt.

Aus Gründen der Sicherung gefährdeter Vogelarten ist eine Überprüfung der Bruthöhlen der Uferschwalbe angebracht.

In Bereichen, in denen der Flußregenpfeifer brütet, muß das Begehen während der Brutzeit ausgeschlossen sein.

Dies gilt vor allem für jagdliche Praktiken.

Ebenso darf im entstehenden See keine Entenkirrung vorgenommen werden, da auch auf und im Wasser der selbstgesteuerten Sukzession der Vorrang gegeben ist.

Es ist deswegen auch dringend nötig, keinerlei fischereiliche Tätigkeit wie Fischbesatz oder Angelpraxis am entstehenden See zuzulassen.

Ebenso ist jegliche Badetätigkeit oder sonstige Freizeitaktivität aus Arten- und Biotopschutzgründen zu untersagen.

Landwirtschaftliche Tätigkeit auf der mit Mutterboden aufgefüllten Grubensohle würde weitere Gefährdung durch Einbringen von Dünge- und Pflanzenbehandlungsmitteln in den Boden, die Umgebung und den entstehenden Wasserkörper bedeuten, da diese Gefahr auch aus den umliegenden und höher gelegenen Ackerflächen besteht, ist sie innerhalb der Kiesgrube zu vermeiden.

Eine Extensivierung auf der Hardt liegenden angrenzenden Ackerflächen ist anzustreben.

 

9. Zusammenfassung

Das geplante Naturschutzgebiet „Kiesgrube am Hardtwald" ist ein Sekundärbiotop, welches sich zu einem wertvollen Ersatzgebiet für ehemalige Binnendünen und Flugsande entwickelt hat.

Dies läßt sich sehr deutlich an der Vegetation und vor allem an der Stechimmenfauna ablesen.

Trotz der noch laufenden Auskiesung muß das Gebiet bereits jetzt durch einen gesetzlichen Schutzstatus gesichert werden.

Nur so läßt es sich für die an diese Standorte angepaßten Arten und Lebensgemeinschaften als Nahrungs-, Brut-, Rückzugs- und Ausweichbiotop erhalten und entwickeln.

 

 

 

R. Dilger

 

 

Karlsruhe, den 21. Oktober 1990