2.196 Rastatter Ried

 

Würdigung

 

 

des geplanten Natur- und Landschaftsschutzgebietes „Rastatter Ried"

 

I. Lage und Größe

Das geplante Natur- und Landschaftsschutzgebiet „Rastatter Ried" liegt westlich von Rastatt in der naturräumlichen Haupteinheit 222 „Nördliche Oberrheinniederung" mit der dazu gehörenden Untereinheit 222.41 „Rastatter Rheinniederung".

Es erstreckt sich zwischen der Murg im Norden und der Eisenbahnlinie Rastatt-Wintersdorf im Süden.

Begrenzt wird es im Osten im Wesentlichen durch die jeweiligen Siedlungsgrenzen und Gewerbegebiete und das bestehende Natur- und Landschaftsschutzgebiet „Rastatter Bruch".

Im Westen verläuft die Grenze weitgehend entlang des Rheinhochwasserdammes.

Es umfaßt Teile der Gemarkungen Plittersdorf, Ottersdorf, Wintersdorf und Rastatt der Stadt Rastatt, Teile der Gemarkungen der Gemeinden Steinmauern und Iffezheim sowie Teile der Gemarkung Sandweier der Stadt Baden-Baden.

Die Siedlungsflächen von Plittersdorf, Ottersdorf und Wintersdorf sind ausgenommen.

Das Gebiet hat eine Größe von rund 1749 ha, wobei 687 ha auf das aus 5 Teilgebieten bestehende Naturschutzgebiet und 1062 ha auf das Landschaftsschutzgebiet entfallen.

 

II. Geomorphologie

Die Oberrheinebene als tertiärer Grabenbruch entstand Ende der Kreidezeit mit dem Absinken des Grabens und der Heraushebung der Grabenschultern (Schwarzwald und Vogesen).

Die Flächen des Grabenbruchs sind morphologisch durch den Rhein geprägt.

Dieser lagerte während den Eiszeiten (Pleistozän) Schotter ab und grub sich in den Warmzeiten terrassenbildend wieder in diese ein.

In der Gegenwart (Holozän) grub und gräbt sich der Rhein in seine würmeiszeitlichen Schottermassen ein und gestaltete bzw. gestaltet die Rheinniederungslandschaft.

In der Niederungslandschaft des Rastatter Riedes entstand dadurch ein typisches Flachrelief mit einem engen Netz von Schluten, Mulden und Senken mit dazwischen liegenden Sand- und Kiesrücken.

Die Bodenarten variieren entsprechend den unterschiedlichen Sedimentbedingungen.

Sie sind vor allem durch den geringen Flurabstand des Grundwasserspiegels beeinflußt, der zudem entsprechend den Rheinhochwasserständen häufigen, periodischen Wechseln unterliegt.

Tonig-lehmige Auen- und Gleyeböden finden sich in den Bereichen alter Schlingen, Schluten und Geländevertiefungen, die auch heute als permanente oder temporäre Stillgewässer durch Grundwasser und Druckwasser überstaut werden.

Die höher gelegenen Gebiete sind trockenere Standorte mit sandig-lehmigen Böden.

 

III. Die Naturschutzgebiete

1. Naturschutzgebiet „Rohrlach-Schröckmatterwald"

Das Naturschutzgebiet „Rohrlach und Schröckmatterwald" umfaßt den Schröckmatterwald, die angrenzenden Wiesen- und Ackerfluren einschließlich der Feuchtsenken Rohrlach und Wittmatter Loch sowie den Schröckmattgraben bis zum Riedkanal.

Der Schröckmatterwald weist einen vielfältigen Artenbestand aufgrund seiner stark gegliederten Bodengestalt mit einem Mosaik aus tieferen und höheren sowie feuchteren und trockeneren Standorten auf.

In den tieferen Lagen, die wegen der Nähe zum Rheinhochwasserdamm längere Zeit von Druckwasser überstaut bleiben, sind Restbestände von ursprünglichem, periodisch überfluteten Hartholzauenwald, dem Eichen-Ulmenwald, mit Traubenkirsche und Eschen im Bestand, erhalten.

Vorherrschender jedoch ist der aus dem ehemaligen Hartholzauenwald hervorgegangene Eichen-Hainbuchenwald, der hier in den tieferen Lagen als feuchter Eichen-Hainbuchenwald ausgebildet ist.

Die zahlreichen Schlutenzüge sind aufgrund des hohen Grundwasserstandes und der anmoorigen Böden geeignete und typische Erlen-Eschenwald-Standorte.

In den mittleren, höheren Lagen überwiegen artenreiche Laubwälder, die dem Typ des mäßig trockenen Eichen-Hainbuchenwaldes entsprechen.

Die Baumvielfalt wird durch eine Strauch- und Krautschichtvielfalt mit zahlreichen Frühjahrsgeophyten ergänzt.

Beispielhaft seien hier Wintergrün, Wald-Ziest, Bärlauch, Steife Wolfsmilch, Wald-Veilchen als Vertreter der Krautschicht angeführt.

Die floristische Vielfalt hat besondere Bedeutung als Nahrungs- und Lebensraum für eine artenreiche und populationsstarke Fauna der Schmetterlinge und Käfer.

Für die Avifauna stellt es ein wichtiges Nahrungs-und Brutgebiet dar.

Unter den zahlreichen Vogelarten sind besonders gefährdete und geschützte Arten wie der Pirol und die Turteltaube (Rote Liste BaWü, Gef. Kl. 3).

Bedeutsame Lebensräume für diese Tiergesellschaften bieten die Waldsaumgesellschaften im Übergang zwischen Wald und offener Flur, die hier durch Strauchartenreichtum ausgezeichnet sind.

Die an den Wald angrenzenden offenen Fluren sind zum größten Teil ökologisch wertvolle Glatthafer- und Streuobstwiesen, die entsprechend der Reliefgestalt eine ganz unterschiedliche Artenzusammensetzung in Abhängigkeit des Feuchtegradienten aufweisen.

Ausgeprägte punktuelle Feuchtgebiete sind die Rohrlach und das Wittmatter Loch.

Diese Senken sind periodisch durch Druckwasser überstaut und sind daher von Schwimmblatt- und Verlandungsgesellschaften sowie Weidengehölzen besiedelt.

Zahlreiche, typische Vertreter kommen hier vor, wie

die Gelbe Teichrose oder der Gemeine Wasserstern, Schilf, Sumpf-Segge, Sumpfschwertlilie, Silberweide, Schwarzpappel, Gemeiner Schneeball, Korbweide und Purpurweide.

Für die amphibische Tierwelt, die auf temporäre Gewässer angewiesen ist, sind diese Feuchtbiotope unverzichtbare Lebensräume.

2. Naturschutzgebiet „Alte-Murg-Riedkanal"

Das Naturschutzgebiet „Alte-Murg-Riedkanal" umfaßt den Riedkanal mit den beidseitigen Bereichen der Altmurgschlingen von der Mündung in die Murg bis zur Überquerung durch die L 77.

Es besteht aus einem verzweigten System von Altwässern in stetig überfluteten Schlingen oder temporär überfluteten Mulden.

Diese Feuchtbiotope sind mit typischen Aue- und Uferpflanzengesellschaften besiedelt und bieten daher inmitten landwirtschaftlicher Feld- und Wiesenflächen wertvolle Lebensräume für die Tierwelt.

An den Altwässern ist eine ausgeprägte und artenreiche Pflanzenzonierung ausgebildet:

Schwimmblatt- und Laichkrautgesellschaften im Wasserbereich, Verlandungsgesellschaften mit der charakteristischen Gelben Teichrose sowie der gefährdeten und geschützten Wasserfeder neben Seggenriedern und Sumpfschwertlilie sowie Rohrglanzgras-Röhricht im nahen Uferbereich, Hochstaudenfluren mit Mädesüß bis zum Grauweidengebüsch mit Purpurweide, Silberweidengebüsch und Erlengehölzen.

Im ferneren Uferbereich finden sich Feldgehölze mit Stieleiche, Feldulme, Wildkirsche und Pappel.

In den temporär trockenfallenden Senken „Bollmannshauser Loch" und „Breithölzer Löcher" hat sich eine artenreiche Feuchtgebietsvegetation mit verschiedenen Weidengehölzen (Purpurweide, Bruchweide, Korbweide, Salweide), Grauweidengebüsch, Schilfröhricht, Sumpfseggenried mit Sumpfschwertlilie und Beinwell, Mädesüß-Hochstaudenflur bis hin zu Fuchsschwanz-Glatthaferwiesen im Übergangsbereich ausgebildet.

Die durch Hecken, Gehölzgruppen und Einzelbäume gut gegliederten Feld- und Wiesenflächen haben eine wichtige ökologische Vernetzungsfunktion zwischen den verschiedenen Feuchtbiotopen.

Damit ist für die Tierwelt ein strukturierter und bevorzugter Lebensraum erhalten.

Zahlreiche Amphibien und Reptilien, Libellen, Vögel, Schmetterlinge, Käfer und Insekten kommen in diesem Raum vor.

Viele davon gehören zu den gefährdeten und geschützten Arten, z.B.:

Laubfrosch, Moorfrosch, Wasserfrosch, Knoblauchkröte, Erdkröte, Wechselkröte, Rebhuhn und Turteltaube.

3. Naturschutzgebiet „Kotlach-Riedkanal"

Das Naturschutzgebiet Kotlach-Riedkanal umfaßt das Waldgebiet des Unterbuschs und des Rastatter Oberwaldes mit angrenzenden ökologisch wertvollen Glatthafer-Wiesenbeständen und den linearen Feuchtbiotopen Kotlachgraben und Riedkanal.

Die ökologisch eine Einheit bildenden Wälder Unterbusch und Rastatter Oberwald besitzen sehr wertvolle Eichen-Hainbuchenbestände verschiedener Feuchtestufen mit artenreicher Krautschicht sowie, bedingt durch das kleinräumig wechselnde Relief, in den tiefergelegenen Schluten und Mulden, auch Restbestände an Erlen-Eschen-Wald, in denen die Sumpfwurz (Rote Liste-Art BRD 3) zu finden ist.

Die Eichen-Hainbuchenwälder sind besonders im Bereich des nördlichen Unterbusch durch eine naturgemäße Aufforstung mit relativ großem Artenreichtum (Eiche, Hainbuche, Kirsche) gekennzeichnet.

Die naturnahen Altholzbestände sind als Schonwald unter Schutz zu stellen und im Sinne eines naturgemäßen Waldbaus zu bewirtschaften.

Im gesamten Waldbereich ist eine vielfältige Krautschicht ausgebildet.

In tieferen Bereichen sind beispielsweise die Knoblauchrauke, Wald-Ziest, Bärenklau, Hexenkraut, Hain-Miere, Dünnährige Segge und Gundelrebe vertreten,

in den höheren, trockeneren Bereichen v. a. Bärlauch, Aronstab, Sanikel, Waldmeister, Goldnessel, Wald-Veilchen, Buschwindröschen, Einbeere, Wald-Schaumkraut, Flattergras, Vielblütiger Salomonssiegel, Wald-Segge und Dünnährige Segge.

Hohen ökologischen Wert besitzen die Waldsaumgesellschaften zum Übergang zu Grünland- und Ackerflächen.

Stark vertreten sind in charakteristischer Vergesellschaftung die Avifauna mit Arten wie

Nachtigall, Rotkehlchen, Singdrossel, Baumpieper, Zilpzalp, Mönchsgrasmücke, Waldlaubsänger, Buchfink, Rabenkrähe und Mäusebussard.

Die Schmetterlinge (Tagpfauenauge, Aurorafalter, Heckenweißling, Braunen Tageule) sowie,

die Käfer (Rüsselkäfer, Blasenkäfer, Ölkäfer, Flohkäfer, Schnellkäfer, Glanzkäfer und Stachelkäfer) seien stellvertretend für die zahlreich vorkommendenden Insekten genannt.

Eine Ausweitung der Säume- und der Randlinien ist dort vorzunehmen, wo dieser ökologisch notwendige Bereich durch landwirtschaftliche Nutzung sehr eingeschränkt und teilweise ganz zerstört ist.

Für die Amphibien- und Reptilienwelt bieten die zahlreichen feuchten oder temporär überfluteten Schluten und Mulden mit entsprechend artenreicher Gewässer- und Ufervegetation hervorragende, vielgestaltige Laich- und Nahrungsplätze.

So kommen zahlreiche Arten, darunter auch viele gefährdete und geschützte Arten, mit jeweils eigenen Lebensraumansprüchen vor:

Teichmolch, Kammolch (BAV 3), Fadenmolch, Gelbbauchunke (BAV 3), Knochlauchkröte (BAV 3), Laubfrosch, Erdkröte, Wechselkröte (BAV 2), Kreuzkröte (Rote Liste BaWü 4), Grasfrosch (Rote Liste BaWü 4), Moorfrosch (BAV 2) und auch der gefährdete Springfrosch (Rote Liste Baden-Württemberg Kl. 3) sowie die Ringelnatter (BAV 3).

In dieser Hinsicht sind der Erhalt und die Förderung des Schluten- und Muldensystems notwendig.

Aufschüttungen sind unbedingt zu unterlassen.

Besonderer Sicherung bedarf die langgezogene Kotlachschlute, die sich in südlicher Richtung bis zum Gewann Muffelheimer Garten und Winkeleck erstreckt.

Inmitten von höhergelegenen Acker- und Grünlandflächen ist sie als langgestrecktes, lineares Feuchtgebiet zu erhalten.

Sie bietet mit ihrer entsprechenden Feuchtvegetation wie Glatthafer-, Kohldistel-Glatthafer-Wiesen, Sumpfseggenried und Resten von Erlen-Traubenkirschenbeständen einen sehr wertvollen Lebensraum für Amphibien, Insekten und Vögel.

Eine große Artenvielfalt besitzen die Wiesen im Gewann Mufflerherrl und Muffelheimer Feld, wo auf stickstoffarmen (nicht überdüngtem) Boden ökologisch wertvolle Glatthafer-Trespen-Halbtrockenrasen ausgebildet sind.

Hier kommt auch die gefährdete Schopfige Traubenhyazinthe (Rote Liste BRD 2) vor.

Solche Standorte sind durch die Intensivierung der Landwirtschaft immer seltener geworden.

In Hinblick auf das angrenzende ökologisch wertvolle Waldgebiet Unterbusch und Rastatter Oberwald und das System von Feuchtgebiets-Schluten und -Mulden haben gerade diese naturnahen Wiesen sehr hohe ökologische Bedeutung und bedürfen der Sicherung und Förderung.

Die gesamte Wiesennutzung ist unter dem Gesichtspunkt der Erhaltung der Artenvielfalt durchzuführen.

Dazu gehören 1-2 schürige Mährhytmen, die Entfernung des Mähguts von den Wiesen, Verzicht auf Wiesendüngung, Erhalt und Entwicklung von Streuobst, Feldgehölzen und Hecken, Einzelbäumen und Baumreihen entlang von Feldwegen.

4. Naturschutzgebiet „Ottersdorfer Oberwald-Geggenau"

Das Naturschutzgebiet „Ottersdorfer Oberwald-Geggenau" umfaßt das Waldgebiet Geggenau mit den angrenzenden Wiesenbereichen.

Der Gemeindewald Dist. XIII Ottersdorfer Oberwald, der Gemeindewald Distr. XII Unteres Jagen sowie der zu Baden-Baden gehörende Gemeindewald Distr. III Geggenau sind eine ökologische Einheit.

Sie bilden in der Region das größte zusammengehörende Waldgebiet des Typs feuchter Eichen-Hainbuchenwald, der aus dem ehemaligen Hartholzauenwald der alten Auenlandschaft hervorgegngen ist.

Die Artenzusammensetzung ist weitgehend naturnah und birgt sehr wertvolle Altbestände, besonders Eichenbestände im Bereich des Gemeindewaldes Geggenau.

Das kleinräumig stark wellige Relief, ein morphologisches Relikt der charakteristischen Bodengestalt der ehemaligen Überflutungsaue, erlaubt einen vielgestaltigen, standortbedingten Wechsel von Waldbeständen verschiedener Feuchtestufen.

In den höheren, trockeneren Bereichen finden sich v. a. Rotbuche, Feld-Ahorn, Berg-Ahorn, und Eiche.

Die Krautschicht zeichnet sich durch Arten wie

Sanikel, Aronstab, Hain-Miere, Vielblütiger Salomonsiegel, Wald-Veilchen, Blaustern, Bärlauch und Einbeere aus.

In den tiefergelegenen Bereichen stockt die Erle und Esche.

In der dazugehörigen Krautschicht finden sich u. a. die Hain-Miere, Winkelsegge und Dünnährige Segge.

Durchzogen wird das Waldgebiet durch den Mühlbach, der in einer ehemaligen Rheinschlinge fließt.

Die ehemalige morphologische Gestalt mit breit ausgeräumten Fließbett und ausgeprägten Prallhangkanten ist noch gut erhalten und bietet Raum für das artenreiche, ökologisch bedeutsame Feuchtgebiet, das sich linear entlang des Mühlbachs erstreckt.

Die Pflanzenzonierung ist sehr ausgeprägt.

Sie reicht von typischen Wasserschwebern und Schwimmblattpflanzengesellschaften (Kammlaichkraut, Schmalblättriges Laichkraut, Durchwachsenes Laichkraut, Pfeilkraut, die nach BAV geschützte Wasserfeder) im Wasserbereich, über Verlandungsgesellschaften mit Schilf, Sumpfsegge, Gelber Schwertlilie, im Uferbereich bis zu Grauweidengebüsch und Erlengehölz.

Der Erlenbruch mit Schwarzerle und Traubenkirsche ist sehr gut entwickelt.

In seiner Krautschicht finden sich Walzensegge, Sumpfsegge, Sumpf-Schwertlilie, Aufrechter Merk und die nach der Bundesartenschutzverordnung (BAV) geschützte Wasserfeder.

Dieses ökologisch vielfältige Waldgebiet bietet wertvolle, vielseitige Lebensräume für die Tierwelt.

Die Feuchtgebiete sind besonders attraktiv als Laichgewässer für die Amphibienwelt (Grasfrosch, Kreuzkröte - geschützte Arten Kl. 4) sowie als Lebensraum für zahlreiche Libellenarten, darunter die nach BAV geschützte Prachtlibelle (Gef. Kl. 3).

Sie sind ebenso bevorzugte Nahrungs- und Brutstätten für zahlreiche Vogelarten

(Mäusebussard, Eichelhäher, Buchfink, Blaumeise, Kohlmeise, Zilpzalp, Mönchsgrasmücke, Teichrohrsänger, Nachtigall, Kuckuck, Rotkehlchen, Singdrossel, Rabenkrähe, Baumpieper, Waldlaubsänger, Buchfink, die nach der Roten Liste BaWü (Gef. Kl. 3) geschützten Arten Pirol, Turteltaube).

Ökologisch bedeutsam und für die Entfaltung der Tierwelt von großer Wichtigkeit sind auch hier die Waldrandgesellschaften im Übergang zu den artenreichen Wiesenflächen.

Die Gefährdung dieses Naturschutzgebietes wird insbesondere von baulichen Eingriffen verursacht, die bis zum Stadium der Zerstörung reichen.

Die im östlichen Bereich des Waldgebietes betriebene Kiesgrube Kaltenbronn zerstörte bislang bereits große Flächen an naturnahem Wald.

Das planfestgestellte Industriestammgleis, das am Waldrand entlang geführt wird, stellt einen starken Eingriff dar.

Ein ökologischer Ausgleich kann annähernd nur dadurch erreicht werden, daß in den Waldgebieten die Altbestände durch Ausweisung von Schonwald gesichert werden und in den aufgeforsteten Bereichen eine Strukturverbesserung planmäßig und langfristig vorgenommen wird, daß angrenzendes Ackerland in wertvolle Wiesenbestände zurückgeführt wird, bisheriges Wiesengelände als solches gesichert und entwickelt wird, Auffüllung von Senken unterbleiben und die Kiesgrube Kaltenbach sorgfältig, nach rein ökologischen Gesichtspunkten renaturiert wird und nur Naturschutzzwecken überlassen wird.

Die ökologische Ausstattung und Wertigkeit dieses Gebietes rechtfertigt seine Höherstufung vom Landschaftsschutzgebiet zum Naturschutzgebiet.

5. Naturschutzgebiet „Teilergrund-Wißbelt"

Das Naturschutzgebiet „Teilergrund-Wißbelt" umfaßt die Feuchtgebietsflächen im Gewann Teilergrund und das Altwasser Wißbelt nordwestlich des Rastatter Freizeitparadieses.

Direkt hinter dem Hochwasserdamm im unmittelbaren Druckwasserbereich gelegen stellt es ein reich strukturiertes ökologisch sehr wertvolles Feuchtgebiet dar.

Die Stromtalwiesen im Gewann Teilergrund setzen sich zusammen aus Streuwiesen (Molinieten), Großseggenbeständen (vorwiegend Caricetum elatae), Schilfröhricht (Phragmitetum communis) und Weidengebüsch (vorwiegend Purpurweide und Grauweide).

Die brachliegenden Stromtal-Streuwiesen sind durch das Vorkommen des Landreitgrases (Calamagrostis epigeios) gekennzeichnet.

Sie bieten Lebensraum für zahlreiche gefährdete Pflanzenarten.

So z. B. für das Niedrige Veilchen (Viola pumila), das zu den Charakterpflanzen der basenreichen Pfeifengraswiesen gehört.

In Baden-Württemberg ist es akut vom Aussterben bedroht (1987 konnten in ganz Baden-Württemberg nur noch 6 Wuchsorte aufgefunden werden).

Als weitere typische Stromtalwiesenarten finden sich

der Wiesen-Alant (Inula britannica, Rote Liste 3) und der Kanten-Lauch (Allium angulosum, Rote Liste 3) sowie Echte Sumpfwurz (Epipactis palustris, Rote Liste 3) und als floristische Besonderheiten das Sumpf-Herzblatt (Parnassia palustris, Rote Liste 3) und die Natternzunge (Ophioglossum vulgatum, Rote Liste 3).

Im östlichen Teil gehen die Streuwiesen in ein verschilftes Steifseggen-Röhricht (Caricetum elatae) bzw. in Schilfröhricht (Phragmitetum communis) über.

Auch hier finden sich gefährdete Pflanzenarten wie z. B.

die Sumpf-Platterbse (Lathyrus palustris, Rote Liste 2) und die Sumpf-Wolfsmilch (Euphorbia palustris, rote Liste 3) sowie der Rauhzähnige Schachtelhalm (Equisetum trachyoden, Rote Liste 2).

Aufgrund der fehlenden Bewirtschaftung konnte in die Feuchtwiesen stellenweise die Goldrute (Solidago gigantea) eindringen, die aufgrund ihrer Fähigkeit zur Massenausbreitung und ihrer starken Konkurrenzkraft die einheimischen Pflanzen verdrängt.

Solche Streu- und Riedwiesen waren noch vor einigen Jahren ein typisches Landschaftselement der Oberrheinischen Tiefebene, so auch der Rastatter Riedgemeinden Wintersdorf, Ottersdorf und Plittersdorf, wurden aber, da ihr wirtschaftlicher Wert gering ist (ihr Heu wurde früher als Pferdefutter und als Einstreu für Großvieh verwendet), durch Entwässern in Ackerland und Fettwiesen umgewandelt oder aufgeforstet.

Zudem verbuschten viele Streuwiesen nach Aufgabe der Bewirtschaftung allmählich.

Deshalb gehören diese einstmals unsere Kulturlandschaft prägenden Feuchtwiesen heute zu den am meisten bedrohten Biotopen.

Ihre wenigen verbleibenden Vorkommen besitzen Seltenheitswert.

Einmal zerstört, sind sie mittelfristig (d. h. innerhalb von 20 bis 30 Jahren) kaum wieder herzustellen.

Das Altwasser Wißbelt zeichnet sich durch das Auftreten ausgeprägter, periodischer Wasserstandsschwankungen aus.

Es stellt ein Refugium für viele, zum Teil selten gewordene Pflanzen- und Tierarten (Rote-Liste-Arten) der amphibischen und aquatischen Lebensräume dar.

Die verschiedenen Bereiche des Stillgewässers werden von typischen Pflanzengesellschaften schwach fließender bzw. stehender Gewässer besiedelt.

Sehr schön ausgebildet ist im Wißbelt die Tausendblatt-Seerosengesellschaft (Myrophyllo-Nupha retum), die durch das Vorkommen

der Gelben Teichrose (Nyphar lutea, Rote Liste 5), der Weißen Seerose (Nymphea alba, Rote Liste 3) und des Quirlblütigen Tausendblattes (Myriophyllum verticillatum, Rote Liste 3) gekennzeichnet ist.

Als weitere floristische Besonderheiten treten

die Wasserfeder (Hottonia palustris, Rote Liste 3), der Wasserschlauch (Utricularia vulgaris agg, Rote Liste 3) und der Tannenwedel (Hippuris vulgaris, Rote Liste 3) auf.

Auf den sommerlich trockenfallenden Schlickflächen im Uferbereich, insbesondere im Süden des Gewässers findet sich eine Pflanzengesellschaft mit der Wasserkresse (Roprippa amphibia) und dem Roßkümmel (Oenanthe aquatica) als kennzeichnenden Arten (Wasserkressen-Flur).

 

IV. Das Landschaftsschutzgebiet „Rastatter Ried"

Das Landschaftsschutzgebiet umschließt die fünf Naturschutzgebiete.

Es stellt den ökologisch notwendigen Ergänzungsraum für die als Naturschutzgebiet ausgewiesenen Feuchtgebiete und Feuchtwälder dar.

Gleichzeitig kommt ihm eine ganz wichtige Puffer- und Biotopverbundfunktion für das überregional bedeutsame Naturschutzgebiet „Rastatter Rheinaue" zu.

Dem bereits in der Rheinauenschutzgebietskonzeption formulierten Gedanken des groß- und naturräumlich angestrebten Verbundes schon bereits ausgewiesener Schutzgebiete wie hier der „Rastatter Rheinaue" und des „Rastatter Bruchs" wird mit dieser Planung Rechnung getragen und ein Biotopsystemverbund hergestellt.

Der reichhaltig gegliederte Landschaftsraum des im Volksmund sogenannten „Riedes" bzw. der jetzigen Altaue zeigt bis heute noch ein vielfältiges und durch kleinparzellierte Bewirtschaftungsweise charakteristisches landwirtschaftliches Nutzungsmosaik.

Hier schlägt sich in der Nutzung zum einen die durch den Rhein und die Murg prägenden geländemorphologischen Standortverhältnisse bzw. hydrodynamischen Verhältnisse nieder, zum anderen zeigt das Realerbteilungsprinzip im Landschaftsbild bis heute sein charakteristisches Gepräge.

Typisch sind bis heute wechselnde Grundwasserstände mit niedrigen Grundwasserflurabständen.

Standörtlich bedingt sind die verschiedenen Ausprägungen der dort vorkommenden Glatthafer- und Streuwiesen mit ihrer typischen Artenzusammensetzung.

Zusammmenhängende Wiesenbestände finden sich bei Wintersdorf, Ottersdorf und Plittersdorf.

Streuobstwiesen und zum Teil noch Reste von ehemaligen Streuobstgürteln, welche die Rieddörfer einst umgaben, stellen ökologisch wertvolle, landschaftstypische Alt-Kulturflächen dar, die es heute zu schützen, zu erhalten und zu pflegen gilt.

Gliederungselemente wie Hecken, Feldgehölze, Baum- und Gebüschgruppen, die Waldflächen im „Niederwald" und „Kleiner Brufert" sowie Gräben bilden im Ried die Trittsteine und Vernetzungslinien der jeweiligen Biotope.

Auf der ökologisch wertvollen und vielfältig ausgestatteten Riedlandschaft beruht letztendlich auch ihr landschaftsästhetischer Reiz und ihre Schönheit sowie Bedeutung als Naherholungsgebiet für die ortsansässige Bevölkerung.

 

V. Schutzwürdigkeit

Anhand der vorstehenden Erläuterung und Beschreibung des geplanten Natur- und Landschaftsschutzgebietes „Rastatter Ried" ergibt sich die Schutzwürdigkeit ins-besondere durch

-die geomorphologisch bedingte Reliefstuktur einer Altauenlandschaft;

-die damit verbundene naturräumliche Strukturvielfalt, welche sich ökologisch in einer Fülle von standörtlich unterschiedlichen Vegetationsgesellschaften und Zozönosen niederschlägt;

-den kleinräumigen Wechsel von Feuchtbiotopen wie ehemalige Schluten, Mulden, Senken, Stillgewässer und Altwasser in enger Verzahnung mit den Biozönosen der trockeneren Standorte und die an diese vielfältigen Habitatstrukturen gebundenen Tier- und Pflanzenarten;

-das Vorkommen von zum Teil noch großflächig zusammenhängenden Wiesen mit unterschiedlichen Ausprägungen von Glatthaferwiesen bis zu typischen Salbeiglatthaferwiesen mit Übergängen zu Halbtrockenrasen mit aufrechter Trespe;

-durch das regional größte zusammenhängende Waldgebiet Oberwald-Geggenau des Typs „Feuchter Eichen-Hainbuchenwald", welches genetisch, geographisch und ökologisch eine Einheit bildet;

 

VI. Schutzbedürftigkeit

Die ständig beschleunigende Intensivierung und räumliche Ausdehnung antropogener Nutzungsansprüche auf die Landschaft, die einhergeht mit einem rasanten Verlust an Tier- und Pflanzenarten, erfordert eine zügige Sicherung des beschriebenen Natur- und Landschaftsschutzgebietes „Rastatter Ried".

Seine naturräumliche Vielfalt, Eigenart und Ausstattung ist nur durch Schutzgebietsverordnungen nach dem Naturschutzgesetz vor weiterer Degradierung zu bewahren.

Als Gefährdungen sind zu nennen:

-Flächeninanspruchnahme von Industrie und Siedlung durch Überbauung

-Bau von neuen Strassen, Leitungstrassen mit entsprechenden Zerschneidungseffekten

-Aufschüttung von Feuchtgebieten

-Intensivierung der Landwirtschaft, dadurch starke Gefährungen durch Düngemitteleintrag in die Gewässer

-Kiesnutzung

-Müllablagerung in Feuchtgebieten.

 

VII. Schutzzweck

Schutzzweck und Ziel der Unterschutzstellung des Naturschutzgebietes ist

1. für den Teilbereich „Rohrlach-Schröckmatterwald"

-die Sicherung der kleinräumig gegliederten Oberflächengestalt der ehemaligen Auenlandschaft, die heute wechselnden Grundwasserständen unterliegt und vielgestaltige Lebensräume bietet;

-die Sicherung und die Entwicklung der feuchten, zeitweise überstauten Geländevertiefungen, besonders der „Rohrlach", als Überreste des ehemaligen Schlingensystems des Rheins und der Murg und als wertvolles Amphibienlaichgewässer;

-die Erhaltung und die Entwicklung des „Schröckmatterwaldes" als besonders naturnaher, vielfältig gegliedeter Eichen- und Hainbuchenwald mit wertvollen Altbeständen an Eichen-Ulmen-Wald und mit sehr artenreicher Krautschicht;

-die Erhaltung und die Entwicklung der artenreichen Waldsaumgesellschaften als wichtigen und wertvollen Lebensraum für zahlreiche, darunter auch gefährdete und geschützte Tierarten im Übergangsbereich „Wald - offene Flur".

2. für den Teilbereich „Alte Murg-Riedkanal"

-die Erhaltung der ausgeprägten Oberflächengestalt der ehemaligen Flußschlingenlandschaft;

-die Erhaltung und die Entwicklung der zeitweise überfluteten Mulden, besonders der „Bollmannshauser Löcher" und der „Breithölzer Löcher", sowie der ständig wasserführenden Altwässer als wertvolle Feuchtbiotope mit artenreicher Feuchtvegetation und als bevorzugte Amphibienlebensräume;

-die Sicherung und die Entwicklung der landschaftstypischen, ökologisch bedeutsamen und flächenhaft noch weit verbreiteten Glatthaferwiesen verschiedener, standörtlich bedingter Ausprägung sowie der Streuobstwiesenbestände;

-die Sicherung und die Entwicklung der Biotopvernetzung mit Hecken, Baum- und Gebüschgruppen und Einzelbäumen zwischen Wiesen, Ackerflächen und Feuchtgebieten.

3. für den Teilbereich „Kotlach-Riedkanal"

-die Erhaltung und die Entwicklung des Kotlachgrabens als Relikt einer alten Flußschlinge und des Riedkanals, der ebenfalls einer alten Flußschlinge folgt;

-die Erhaltung des kleinräumig gegliederten Geländereliefs in den Waldgebieten „Unterbusch" und „Rastatter Oberwald";

-die Erhaltung und die Entwicklung der ökologisch wertvollen Feuchtvegetationsgesellschaften mit einem Bestand an gefährdeten und geschützten Arten als Lebensraum für zahlreiche Tierarten, besonders der reichen Amphibien- und Libellenfauna;

-die Erhaltung und die Entwicklung der naturnahen Eichen-Hainbuchenwälder verschiedener Feuchtestufen mit artenreicher Krautschicht und der naturnahen Bestände an Erlen- Eschenwald und Erlen-Bruchwald in den tiefer gelegenen Schluten;

-die Erhaltung und die Entwicklung der ökologisch wertvollen Glatthaferwiesen, vor allem im Gewann Mufflerherrl;

-die Erhaltung und die Entwicklung der artenreichen Waldsaumgesellschaften als vielfältiger, notwendiger Lebensraum für zahlreiche, darunter auch gefährdete und geschützte Tierarten.

4. für den Teilbereich „Ottersdorfer Oberwald-Gegenau"

-die Erhaltung und die Entwicklung des in der Region größten zusammenhängenden Waldgebietes des Typs feuchter Eichen-Hainbuchwald;

-die Sicherung des auffallend kleinräumig gegliederten Reliefs im Bereich des „Ottersdorfer Oberwald" und der „Gegenau" als morphologisches Zeugnis des ehemaligen Schlingen- und Schlutensystems der Rheinaue;

-die Erhaltung und die Entwicklung der alten Rheinschlinge, in der heute der Mühlbach fließt, als höchst wertvolles lineares Feuchtgebiet, das mit dem Riedkanal ökologisch verbunden ist;

-die Erhaltung und die Entwicklung der vielfaltigen Pflanzenzonierung und des sehr gut ausgebildeten Erlenbruchs mit artenreicher Krautschicht und der entsprechend reichen Feuchtgebietsfauna.

5. für den Teilbereich "Teilergrund-Wißbelt"

-die Erhaltung und die Sicherung der dortigen Stromtal-Streuwiesen mit einer Vielzahl an gefährdeten und geschützten Pflanzenarten;

-die Erhaltung und die Sicherung eines Altauen-Altwassers als Refugium für viele seltene u. gefährdete Pflanzen und Tierarten des aquatischen und amphibischen Lebensraumes.

Schutzzweck und Ziel der Unterschutzstellung des Landschaftsschutzgebietes ist

-die Sicherung und die Entwicklung des notwendigen ökologischen Ergänzungsraumes für die umschlossenen fünf Naturschutzgebiete sowie die angrenzenden Naturschutzgebiete „Rastatter Rheinaue" und „Rastatter Bruch";

-die Erhaltung des vielgestaltigen Kleinreliefs der Altauenlandschaft mit zahlreichen feuchten Schluten und Mulden und trockeneren höhergelegenen Standorten;

-die Erhaltung und die Entwicklung der Gliederungselemente der Wiesen- und Ackerlandschaft - Hecken, Baumgruppen, Einzelbäume, Gebüsche, Kanäle, Gräben - als wichtige Elemente der Biotopvernetzung und zur Erhaltung der landschaftlichen Vielfalt und Schönheit;

-die Erhaltung und die Förderung der ökologisch vielfältigen extensiven Glatthaferwiesen und Streuobstwiesen;

-die Erhaltung und die Förderung des reich gegliederten harmonischen Landschaftsbildes der alten Natur- und Kulturlandschaft in der Rheinniederung;

-die Erhaltung des besonderen Erholungswertes der Altauenlandschaft für die Bevölkerung.

 

 

 

R. Herrmann-Kupferer Wissenschaftlicher Angestellter

 

 

Bezirksstelle für Naturschutz und Landschaftspflege Karlsruhe

 

01.10.1993