2.199 Ungeheuerklamm

 

Würdigung

 

 

des Naturschutzgebietes „Ungeheuerklamm" (Gemeinde Bruchsal, Gemarkung Untergrombach und Gemeinde Weingarten)

 

Einleitung

Das Naturschutzgebiet „Ungeheuerklamm" südlich von Untergrombach ist durch ein tief eingeschnittenes Bachtal im Übergangsbereich des Kraichgaus zum Rheintal geprägt, das mit Wald bestockt ist.

Im unteren Hangbereich grenzt nordöstlich ein kleinflächiges Nutzungsmosaik aus Streuobstwiesen, Rebflächen, Fettwiesen, Ackerflächen und Hecken an die Waldzone an.

Die Streuobstwiesen dominieren in diesem Bereich.

Das Gebiet ist gekennzeichnet durch eine besonders vielfältige und gegensätzliche Kombination von verschiedenen Lebensraumtypen, wie der feuchtkühlen Talklinge der Ungeheuerklamm selbst mit direkt angrenzenden trocken-warmen Hangwäldern sowie den reich strukturierten Streuobstbereichen, die noch Reste wertvoller Halbtrockenrasenkomplexe enthalten.

Diese Lebensraumvielfalt bedingt einen großen Artenreichtum.

Nach einer groben Schätzung finden sich im Gebiet ca. 300 verschiedene Arten höherer Pflanzen, ca. 60 Moosarten sowie ca. 50 Flechtenarten.

Die Fauna ist beispielsweise mit ca. 250 Arten von Großschmetterlingen vertreten.

Die Lebensbedingungen der Ungeheuerklamm besitzen darüber hinaus eine Sonderstellung für die Region.

Submontane, feuchtkühle Bedingungen finden sich in der hier vorliegenden Ausprägung im westlichen, normalerweise trockenwarmen Kraichgau ansonsten kaum wieder.

Entsprechend finden sich hier einer Reihe regional seltener Arten.

Hinzu kommt noch eine Anzahl überregional gefährdeter Arten sowohl im Bereich der Klinge als auch im Gebiet der Halbtrockenrasen und Streuobstbestände.

Ziele der Unterschutzstellung sind insbesondere die Erhaltung und Entwicklung der besonderen und kleinklimatisch zum Teil gegensätzlichen Lebensbedingungen und der daraus resultierenden Lebensraum- und Artenvielfalt auf engem Raum im Bereich der Ungeheuerklamm und der angrenzenden Hanglagen als bedeutende Lebensräume verschiedener seltener, zum Teil spezialisierter und gefährdeter Tier- und Pflanzenarten in ihren Lebensgemeinschaften.

Erhalten werden sollen insbesondere die durch feuchtkühle Bedingungen geprägte schluchtartige Talklinge (Klamm) mit ihrer submontanen Vegetation, insbesondere mit ihren seltenen und spezialisierten Arten Höherer Pflanzen, Moose und Flechten.

Weiterhin sollen die durch trockenwarme Bedingungen geprägten Hangwälder mit ihrer charakteristischen Waldgesellschaft und ihren zahlreichen regionalen und überregionalen botanischen Besonderheiten erhalten und entwickelt werden.

Wertvoll sind weiterhin die zum Teil sehr artenreichen übrigen Waldteile mit ihrer Vielzahl an Frühjahrsgeophyten (Hauptblütezeit vor der Belaubung der Laubbäume), Vögeln und Insekten.

Ein weiteres Ziel der Unterschutzstellung ist die Erhaltung der Streuobstbestände mit ihrem kleinflächigen und mosaikartigen Aufbau und den darin insbesondere vorkommenden Vogel- und Insektenarten, sowie der Halbtrockenrasen und des Hohlweges mit ihren Pflanzen- und Insektenarten.

 

A. Allgemeines

1. Lage und Geologie

Das zwischen den Städten Bruchsal und Weingarten im Landkreis Karlsruhe gelegene Gebiet gehört zum Naturraum des „Kraichgauer Hügelland", einer zwischen Odenwald und Schwarzwald gelegenen morphologischen Senke.

Es befindet sich an dessen Westflanke am Rande des oberrheinischen Tieflandes.

Das Grundgestein in diesem Bereich ist der Obere Muschelkalk, der durch unterschiedlich dicke Löß- oder Lehmschichten überdeckt wird.

Die Mächtigkeit dieser Schichten reicht im Gebiet von einigen Dezimetern an Steilhängen bis zu fünf Metern im Bereich von Mulden.

Die Ungeheuerklamm schneidet sich direkt in den Oberen Muschelkalk ein, Löß steht hier nur noch in sehr geringer Auflage an; er ist durch das steile Geländeprofil bereits weitgehend abgetragen.

Teilweise haben sich auch bereits Böden durch direkte Verwitterung des Muschelkalks gebildet, insbesondere an den Steilhängen.

Die Hänge sind im Waldbereich teilweise stark versauert.

Karbonatgehalt und pH-Wert der Böden steigen mit zunehmender Tiefe an.

2. Geomorphologie und Entstehung

Die Ungeheuerklamm ist die größte einer Reihe von schluchtartigen Klingen (Klammen), die sich im Bereich zwischen Bruchsal und Karlsruhe-Durlach ausgebildet haben.

Die Randhügel sind in dieser Region durch den hier anstehenden relativ harten Muschelkalk im Gegensatz zum Gebiet nördlich von Bruchsal lebhaft profiliert.

Im übrigen Kraichgau ist eine Gelegenheit zur Bildung von tiefen Erosionsschluchten oder -rinnen kaum gegeben.

Dort sorgen relativ weicher Keuper bzw. Jura für eine sehr sanfte Geländemodellierung.

Im Muschelkalkgebiet stehen rund 250 m-270 m hohe Berge am Rand der Rheinebene an.

Zwischen ihnen haben sich in manchen Tälern sehr steile Schluchten eingeschnitten.

Dabei wurde die Schluchtbildung durch mehrere Faktoren begünstigt.

Aufgrund der stets nur relativ dünnen und stark sandigen Lößauflage am westlichen Kraichgaurand konnte, anders als im zentralen Kraichgau, nur wenig Löß von den Hügeln in die Täler eingeschlämmt werden.

Die Tatsache, daß die Hügel mit Wald bestanden sind, bedingte eine zusätzliche Verringerung der eingeschlämmten Löß- bzw. Sedimentmenge.

Das lebhafte Geländeprofil und die großen Steigungen führten außerdem zu einer hohen Erosionstätigkeit des Wassers, wie sie im Kraichgau ansonsten nicht bekannt ist.

Zwischen Durlach und Bruchsal bildeten sich so insgesamt fünf Klingen oder Klammen aus, die relativ eng und damit verkehrstechnisch sehr ungünstig sind und daher stets mit Wald bestanden blieben: die „Werrabronner Klamm" zwischen Weingarten und Grötzingen, „Grund" und „Schindgasse" am Eichelberg zwischen Bruchsal und Unter-grombach, der „Roschelweg" zwischen Kopfbuckel und Bergwald südlich von Untergrombach sowie die „Ungeheuerklamm".

Letztere ist bei weitem die tiefste und bedeutendste dieser Klammen.

Die Ungeheuerklamm hat sich in ihren tiefsten Teilen bis zu 15 m eingeschnitten.

Diese Erosion wurde zusätzlich dadurch begünstigt, daß die Ungeheuerklamm, sich als einzige der Klammen, eine konstante Wasserführung hat.

Dabei kann es sich nicht nur um Oberflächenwasser handeln, denn die „Schindgasse" am Eichelberg mit einem größeren Einzugsgebiet führt weniger Wasser als die Ungeheuerklamm.

Es liegt nahe, daß es sich hier um Quellwasser handelt, wie es auch ansonsten in den Muschelkalkgebieten des vorderen Kraichgaurandes und speziell am Grabenbruch häufig auftritt.

Seit Anfang der 90er Jahre ist zu beobachten, daß durch zunehmende Trockenheit und geringe Grundwasserstände auch in der Ungeheuerklamm die Perioden der Trockenheit immer länger werden.

3. Name

Der Name „Ungeheuerklamm" kommt sicherlich nicht, wie heute vielfach erzählt wird, von Ungeheuern.

Auf alten Flurkarten wird noch der Name „Ungeheure Klamm" benutzt, so daß der Name wohl von „ungeheuer tief" abgeleitet worden ist.

Dabei ist auch zu berücksichtigen, daß den Einwohnern des Kraichgaus solche Waldschluchten ansonsten kaum bekannt waren.

 

B. Vegetation

1. Feuchtkühle Talklingen

Das Kleinklima der tiefen Klingen des westlichen Kraichgaurandes ist durch feuchtkühle, für den westlich-zentralen Kraichgau sehr ungewöhnliche Bedingungen geprägt.

Dies wird bedingt durch die, besonders in der Ungeheuerklamm ständig vorhandene Wasserführung und damit Luftfeuchtigkeit, aber auch durch die schattige Lage der tiefen Teile der Klamm.

Die Klingen dienen daher als inselartige Trittsteine für eine submontane Vegetation, die ansonsten nur vom Nordschwarzwald aus bis in den südlichsten Kraichgau ausstrahlt und sich erst wieder im südlichen Odenwald (Königstuhlgebiet) einfindet.

Manche dieser submontanen Arten finden sich allein in der Ungeheuerklamm.

Als Beispiele dafür können dienen: die Bergulme (Ulmus glabra), die Waldsimse (Luzula sylvatica) und der Dornige Schildfarn (Polystichum lobatum).

Weitere in der Region seltene Arten ähnlicher Biotope wie das Christophskraut (Actaea spicata) runden das Bild ab.

Eine für den westlich-zentralen Kraichgau floristische Besonderheit kühlschattiger Laubwälder bildet auch das Lang- oder Schwertblättrige Waldvögelein (Cephalathera longifolia), das über mehrere Jahrzehnte nur von der Ungeheuerklamm bekannt war.

Es wird regelmäßig erst wieder in der Gegend von Durlach gefunden.

In letzter Zeit ist auch bei Heidelsheim noch ein weiterer Standort entdeckt worden.

In ähnlichen Biotopen kommen auch die Hängesegge (Carex pendula) und die Dünnährige Segge (Carex strigosa) vor.

Ziemlich rätselhaft ist ein über Jahre hinaus belegtes Vorkommen eines einzigen Exemplars des Hirschzungenfarns (Phyllitis scolopendrium).

Er kommt normalerweise in Kraichgau und Oberrheinebene nur anthropogen vor (z.B. in Brunnenschächten, PHILIPPI in Flora BW, Bd. 1), könnte aber in der Ungeheuerklamm ein natürliches, weitab vom Hauptverbreitungsgebiet liegendes Vorkommen besitzen.

Die wahre Bedeutung der Ungeheuerklamm liegt allerdings in ihrer Moos- und Flechtenflora.

Sie ist Standort von ungefähr 30-40 submontanen Moosarten, die regional fast nur in diesem Gebiet gefunden werden.

Lebermoose sind durch die Bedingungen besonders begünstigt.

Unter den vielen Moosarten der Klamm sollen hier nur wenige Besonderheiten erwähnt werden:

Das Bäumchenmoos (Thamnobryum alopecurum) wächst in schattigen, feuchten Schluchten auf Felsen.

In der Region existiert möglicherweise nur dieser einzige Fundort.

Das Berandete Sternmoos (Mnium marginatum) und das Moos Amblystegiella confervoides sind an Kalkfelsen gebunden.

Dickblatt-Plattmoos (Plagiothecium succulentum) und Hohlblättriges Plattmoos (Plagiothecium cavifolium) besiedeln feuchte Waldböden in schattigen Wäldern.

Beide sind in der Region bisher nur an schattigen Stellen des vorderen Kraichgaurands gefunden worden.

Weitere submontane Arten der Klamm sind Kamm-Moos (Ctenidium molluscum), Etagenmoos (Hylocomium splendens) und Felsenschlafmoos (Homomallium incurvatum).

2. Trockenwarme Hangwälder

An den südwestexponierten, sehr steilen Hängen des vorderen Kraichgaurandes wird überwiegend Wein angebaut.

Nur an ganz wenigen Stellen ist noch standortheimischer Waldbestand erhalten.

In Anpassung an die trockenheißen Bedingungen und dünne Humusauflage findet sich hier eine der wärmeliebendsten Waldgesellschaften Süddeutschlands, der Steinsamen-Eichenwald (Lithospermo-Quercetum).

Er schließt fast nahtlos an die kühlfeuchten Schluchtwälder der Klinge an; an manchen Stellen beträgt die Übergangszone nur wenige Meter!

Im übrigen Bereich des Bergs geht die Vegetation langsam in einen Buchen-Hallenwald (Luzulo-Fagetum) über, wie er sich im vorderen Kraichgau an vielen Stellen findet.

Zu ihm sind große Teile des Schutzgebiets zu rechnen.

Kleinflächig sind auch zu reicheren und feuchteren Wäldern überleitende Gesellschaften wie der Waldmeister-Buchenwald (Asperulo-Fagetum) zu finden.

Sowohl der normalerweise recht artenarme Buchen-Hallenwald als auch Waldmeister-Buchenwald sind im Bereich der Ungeheuerklamm besonders artenreich, etliche Frühjahrsgeophyten finden hier gute Wuchsbedingungen.

Die Leitart des Steinsamen-Eichenwalds, der Blaurote Steinsame (Lithospermum purpureo-caeruleum), ist im westlichen Kraichgau nur inselartig verbreitet: im NSG „Ungeheuerklamm", am Eichelberg sowie an wenigen Standorten südlich davon.

Die andere Leitart der Gesellschaft, die Flaumeiche (Quercus pubescens) kommt im Gebiet nicht vor und ist nur bei Weingarten-Werrabronn noch an wenigen Stellen vorhanden.

Im Steinsamen-Eichenwald der Ungeheuerklamm (sowie am vorderen Eichelberg zwischen Bruchsal und Untergrombach) wachsen zahlreiche regionale und überregionale botanische Raritäten.

Diese lassen sich in verschiedene Gruppen einteilen:

a) Arten der Halb- und Saumtrockenrasen (Mesobrometa und Geranio-Sanguineta), die aufgrund der lichten, warm-trockenen Bedingungen in den Steinsamen Eichenwald eindringen können, so z. B.

Schwalbenwurz (Vincetoxicum hirundinaria), Bergminze (Calamintha sylvatica), Heilziest (Betonica officinalis), Mittlerer Klee (Trifolium medium) und besonders auffällig die Ästige Graslilie (Anthericum ramosum), normalerweise eine Art der Steppenheide-Trockenrasen des Michaelsbergs.

b) Regionale Charakterarten der Gesellschaft sind neben dem bereits angesprochenen Blauroten Steinsamen auch

Ebensträußige Wucherblume (Tanacetum corymbosum), Schwarze Platterbse (Lathyrus niger), Frühlingsplatterbse (Lathyrus vernus) sowie das ebenfalls im Frühjahr blühende Gefleckte Habichtskraut (Hieracium glaucinum).

Erst 1992 wurde die Acker-Glockenblume (Campanula rapunculoides) für die Region wiedergefunden.

Der Hügelklee (Trifolium alpestre) besitzt hier und am Eichelberg einen weitab von seinen normalen Vorkommen liegenden Außenposten.

In der Ungeheuerklamm sind aber nur wenige Exemplare bekannt.

Eine besondere botanische Rarität ist eine Unterart der Echten Schlüsselblume, die sogenannte Graufilzige Schlüsselblume (Primula veris ssp. canescens).

Diese kommt im Gegensatz zur Nominatunterart nicht in Wiesen, sondernn in warmen Wäldern vor.

Nach der „Flora von Baden-Württemberg" sind die nächsten Vorkommen erst wieder am Kaiserstuhl bekannt.

c) Aus anderen Pflanzengesellschaften eindringende Arten

Die Färberscharte (Serratula tinctoria) hat hier einen der wenigen Standorte in der Region; sie ist ansonsten eine typische Art magerer Feuchtwiesen.

Der Standort mit seiner sehr geringen Löß- oder Bodenauflage versauert extrem stark, wie beispielsweise durch das Vorkommen von säureliebenden Pflanzen wie dem Besenginster (Sarothamnus scoparius) angezeigt wird.

Auf diesen ausgehagerten und versauerten Stellen bilden sich dann Moospolster aus, die ebenfalls Standort von zahlreichen seltenen und manchmal aus dem Gebirge stammende Arten sind.

Das Weißmoos (Leucobryum glaucum) ist hier lokal häufig, ansonsten aber nur aus den sauren Wäldern der Oberrheinebene bekannt.

3. Halbtrockenrasen

Zu einer völlig anderen Vegetationszone zählen die Halbtrockenrasenreste, wärmeliebenden Gebüsche und Streuobstgebiete im vorderen, westlichen Teil des Schutzgebiets.

Sie sind floristisch und faunistisch dem Michaelsberg sehr ähnlich.

Die Zone der Trockenrasen des Michaelsberges zog sich auch im Süden des Grombachtals entlang der Hügel über den vorderen „Kopfbuckel" bis auf Höhe der Ungeheuerklamm, teilweise sogar bis Weingarten, wo ebenfalls Trockenrasenkomplexe besonders um das Mauertal bestanden.

Im hinteren Teil des Wiesentales, nahe dem Eingang der Ungeheuerklamm, befinden sich noch Reste eines artenreichen Halbtrockenrasens, der mittlerweile sehr stark verbuscht ist und dringend einer Pflege bedarf.

Er war floristisch dem Blutstorchschnabel-Saumtrockenrasen (Geranio-Sanguinetum) zuzuordnen.

Reste der einst reichen Pflanzengesellschaft sind noch vorhanden: neben dem Blutstorchschnabel sind Mittlerer Klee (Trifolium medium), Bergminze (Calamintha sylvatica) und Helmknabenkraut (Orchis militaris) zu nennen.

Im unteren Bereich ist noch eine kleine Fläche offen, die von einem Halbtrockenrasen (Mesobrometum) in Sukzession bedeckt wird.

Prägende Art ist hier der im Juli und August blühende Berghaarstrang (Peucedanum oreoselinum).

Er ist in der Region nur noch hier und am „Habichtsbuckel" im geplanten NSG „Michaelsberg" zu finden.

Weitere wichtige Insektenfutterpflanzen wie der Wilde Majoran (Origanum vulgare) und Greiskräuter (Senecio spp.) machen diesen Teil des Gebiets im Hochsommer zu einer wichtigen Nahrungsgrundlage für Insekten.

4. Streuobstbereiche

Der vordere (westliche) Teil des Gebiets entlang der Bundesstraße 3 und dem Grabenrand der Oberrheinebene ist sehr kleinteilig aufgebaut, wird aber im Wesentlichen vom Streuobst geprägt.

Die Nährstoffgehalte der Böden sind je nach Nutzungsgrad sehr unterschiedlich; dementsprechend variabel ist auch Erscheinungsbild und Flora.

Es finden sich Magerwiesen mit Übergängen zum Halbtrockenrasen, sonnige Wegraine, extensiv gepflegte Streuobstgebiete mit unterschiedlich oft gemähten Wiesen, Äcker und Gärten aller Art sowie wärmeliebende Gebüsche.

Einige Grundstücke sind fast vollständig mit der Goldrute (Solidago) bedeckt und müssen dringend gepflegt werden.

Flora und Fauna entsprechen hier weitgehend den Streuobstbereichen im geplanten NSG „Michaelsberg".

Der Artenreichtum ist sehr hoch und wird noch weiter erhöht, da das Gebiet ein Nahrungsbiotop für Arten der direkt westlich anschließenden „Bruchwiesen", einem Feuchtwiesen- und Erlenbruchgebiet von ebenfalls überragender Bedeutung, bildet.

5. Hohle

Eine kleine Hohle zieht sich von Nord nach Süd durch das Gebiet.

Sie ist auf der Südseite bis zu 2 m, auf der Hangseite dagegen bis zu 5 m tief, mittlerweile V-förmig und stark verbuscht.

Böschungen und Hänge sind durch wärmeliebendes Buschwerk, stellenweise aber auch durch Reste von Halbtrockenrasen, Magerwiesen und sonnige Hänge geprägt.

 

C. Fauna

1. Vögel

Die Vogelwelt der Ungeheuerklamm ist außerordentlich reichhaltig.

So kommt beispielsweise der Schwarzspecht (Dryocopus martius, RL4) in den alten Buchen-Eichenwäldern vor.

Auch der Mittelspecht (Picoides medius, RL3) ist als Gast aus den angrenzenden feuchten Wäldern der Rheinebene häufig hier zu finden.

In den durch Spechte hinterlassenen Baumhöhlen nistet die seltene Hohltaube (Columba oenas, RL 2).

Der kühlfeuchte Charakter der Talklinge begünstigt Vorkommen des Wintergoldhähnchens (Regulus regulus), das ansonsten auf Bruchsaler Gemarkung nur lokal in sehr kühlfeuchten Wäldern vorkommt.

In den Streuobstgebieten des geplanten NSG wurde der Steinkauz (Athene noctua, RL2) schon mehrfach beobachtet; Brutnachweise sind aber noch nicht bekannt.

Ebenfalls regelmäßig zu finden ist der an Streuobstgebiete gebundene Wendehals (Jynx torquilla, RL3); Sichtungen des Wiedehopfs (Upupa epops, RL 2) haben dagegen in den letzten Jahren in der gesamten Region stark abgenommen.

Unter den zahlreichen weiteren Vogelarten des Gebietes sollen hier

Waldohreule (Asio otus), Grünspecht (Picus viridis, RL3), Grauspecht (Picus canus), Pirol (Oriolus oriolus, RL4), Weidenmeise (Parus montanus,RL3), Gartenrotschwanz (Phoenicurus phoenicurus), Mönchsgrasmücke (Sylvia attricapilla), Dorngrasmücke (Sylvia communis, RL4), Klappergrasmücke (Sylvia curruca), Sommergoldhähnchen (Regulus ignicapillus), Neuntöter (Lanius collurio, RL2), Grauschnäpper (Muscicapa striata) und Trauerschnäpper (Ficedula hypoleuca) herausgegriffen werden.

Neun der hier erwähnten Arten sind auf der Roten Liste der Vögel Baden-Württembergs verzeichnet (RLx) und unterliegen z. T. starken Bestandsgefährdungen.

Grünspecht und Gartenrotschwanz wie auch die oben erwähnte Hohltaube zählen bundesweit zu den bedrohten Vogelarten.

Mittelspecht, Neuntöter, Wendehals und Steinkauz sind auf Bundesebene bereits als stark bedroht einzustufen.

2. Insekten und Niedere Tiere

Die Mollusken- und Kleintierfauna der Ungeheuerklamm wurde bisher noch nicht systematisch untersucht.

Auch in diesen Gruppen sind jedoch Besonderheiten und submontane Arten zu erwarten.

Die wasserführenden Teile der Ungeheuerklamm besaßen eine reiche Fauna an Kleinkrebsen.

Von besonderer Bedeutung ist die Käferfauna der Ungeheuerklamm, da durch die großen Mengen von Totholz in der unwegsamen Schlucht sowie die feuchtkühlen Bedingungen sehr viele Käferarten besondere Lebensbedingungen finden, die ansonsten auf der Gemarkung nicht vorkommen.

In den Eichen leben etliche seltene Prachtkäferarten (z. B. Agrilus sp.); der warme Buchenwald ist Lebensraum für einen Rüsselkäfer (Acalles micros), der erst 1987 neu für Baden-Württemberg bei Ettlingen identifiziert wurde.

Auch die Insekten- und Vogelfauna des Trockenrasen- und Streuobstbereiches ist außerordentlich reichhaltig.

Regional bemerkenswert sind beispielsweise Vorkommen des Silbergrünen Bläulings (Lysandra coridon) und des in der nördlichen Oberrheinebene und im Kraichgau vom Aussterben bedrohten und seit Jahrzehnten nicht mehr nachgewiesenen Kleinen Perlmutterfalters (Issoria lathonia).

Erste Kartierungen gehen von über 100 Schwebfliegenarten und ebenfalls über 100 Wildbienen- und Wespenarten im Gebiet aus.

Typisch sind z. B. Kleine Hornisse (Dolichovespula media, RL 3), die bevorzugt in Höhlungen von alten Streuobstbäumen lebende Hornisse (Vespa crabro, RL 3) sowie zahlreiche Grabwespen der Gattung Ectemnius.

Eine Molluskenbesonderheit des Streuobst- und Halbtrockenrasengebietes ist die Schöne Landdeckelschnecke (Pomatias elegans), die an warmen Waldsäumen und Halbtrockenrasen von Michaelsberg, Eichelsberg und an der Ungeheuerklamm große Populationen bildet.

Die Karthäuserschnecke (Monacha carthusiana), normalerweise nur in der Oberrheinebene heimisch, kommt am südwestlichen Rand des Gebietes häufig auf Trockenrasenresten vor.

Die Gehäuse mittelgroßer Schnecken des Gebiets, wie z. B. Heideschnecken, Karthäuserschnecke und Landdeckelschnecke, bieten Nistmöglichkeiten für die Mauerbienenarten der Gattung Osmia.

 

D. Abgrenzung und Größe

Das Naturschutzgebiet „Ungeheuerklamm" (Gemeinde Bruchsal - Gemarkung Untergrombach und Gemeinde Weingarten) hat eine Größe von ca. 51,1 ha.

Das Schutzgebiet umfaßt die sich in West-Ost-Richtung erstreckende Talklinge der Ungeheuerklamm zwischen dem Gemeindewald Distrikt I Bergwald auf Gemarkung Bruchsal-Untergrombach und dem Gemeindewald Distrikt II Katzenberg auf Gemarkung Weingarten mit den an die Klamm angrenzenden Hangwäldern.

Weiterhin gehört zum Schutzgebiet der sich von Süd nach Nord ziehende Streuobst- und Wiesengürtel am Westhang des Bergwaldes in den Gewannen Ruß und Wehrgraben, nach Westen begrenzt durch die B 3 (Weingarten-Untergrombach), sowie einige Grundstücke im Gewann Galgenberg, Gem. Weingarten.

 

E. Pflege und Entwicklung

Zur Erreichung der Ziele der Unterschutzstellung ist es erforderlich, den Wald schonwaldartig zu behandeln, welches die Auswahl standortheimischer Baumarten zur Neubestockung und eine sehr kleinflächige Verjüngung erfordert.

Ziel ist die natürliche Verjüngung der Bestände durch die Förderung des natürlichen Jungwuchses sowie die Entnahme von Einzelstämmen bis Kleingruppen von Bäumen.

Kahlhiebe sind zu vermeiden.

Die Buchenwälder rund um die Ungeheuerklamm wären durch Kahlschlagnutzung sehr stark beeinträchtigt.

Weiterhin notwendig ist die Verlängerung der Umtriebszeiten.

Um die Eigenart des Gebietes und die vorherrschenden Lebensbedingunen zu erhalten ist es erforderlich, die Altholzbestände möglichst lange zu erhalten und die Verjüngung möglichst schonend durchzuführen.

Durch die Ausstockung von Einzelstämmen bzw. kleiner Baumgruppen soll sich die Dauer der Verjüngung über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten erstrecken.

Im Bereich der warmen Hangwälder sollen weiterhin die Eichenbestände gefördert werden.

Die Naturverjüngung ist Bepflanzungen vorzuziehen.

Die Bereiche mit nichteinheimischen Baumarten sollen langfristig in standortheimische Bestände umgewandelt werden.

Totholz stellt einen wichtigen Lebensraum für Insekten und andere wirbellose Tiere dar.

Es darf daher nicht entnommen werden.

Aus ökologischer Sicht sehr negative Beispiele einer Aufforstung mit hier nicht standortheimischem Nadelholz lassen sich im östlichen Teil der Ungeheuerklamm (außer-halb des Schutzgebietes) beobachten.

Diese Bestände bleiben auch im Alter von 20-30 Jahren extrem artenarm, teilweise sogar völlig frei von Unterwuchs.

Die Bereiche der Halbtrockenrasen und des Hohlweges sollen durch geeignete Pflegemaßnahmen in ihrer Eigenart wiederhergestellt werden, um insbesondere ihre artenreichen Pflanzengesellschaften und ihre Lebensgemeinschaften an zum Teil gefährdeten Insektenarten zu bewahren und zu entwickeln.

Für die verbuschten Halbtrockenrasenbereiche und die verbuschte Hohle ist eine vorsichtige und schonende Freistellung erforderlich.

Diese sollte insbesondere im Falle der Halbtrockenrasenkomplexe kleinflächig erfolgen.

Bei der Pflege dieser Bereiche ist auf eine extensive Mahd Wert zu legen, andererseits sollten nicht alle Bereiche alljährlich gemäht werden, um auch den mehrjährigen Pflanzen eine Chance zu geben.

Besonders wichtig ist auch die Bekämpfung der Kanadischen Goldrute (Solidago canadensis), die auf einer Teilfläche bereits in dichten Beständen vorkommt.

Um die Goldrutenbestände erfolgreich zurückdrängen zu können, müssen diese zwei- bis viermal jährlich vor der Blüte gemäht werden.

Bei konsequenter Durchführung der notwendigen Maßnahmen nimmt die Pflegeintensität in diesen Bereichen jedoch bereits nach wenigen Jahren stark ab.

Ein Luzerneacker im südwestlichen Teil des Schutzgebietes an der Straße bietet Schmetterlingen Lebensraum und kann durchaus als solcher erhalten bleiben, darf aber nicht gespritzt werden.

Erhalten werden sollen insbesondere auch die Streuobstbestände des Gebietes.

Obstbäume dürfen nicht entfernt werden, einzelne, abgängige Bäume können durch Neupflanzungen alter Sorten ersetzt werden.

Zur Erreichung des Schutzzweckes ist es außerdem erforderlich, daß die Jagdausübung schonend und nur in Übereinstimmung mit dem Schutzzweck erfolgt, und daß jagdliche Einrichtungen beschränkt werden.

So sind beispielsweise Schußschneisen oder Wildäcker sowie eine Wildfütterung mit dem Ziel der Unterschutzstellung nicht vereinbar.

Durch entsprechende bestandsregulierende Maßnahmen für Rehwild ist die Naturverjüngung des Waldes sicherzustellen.

 

 

 

Karlsruhe, den 10. November 1992

 

 

S. Delker