2.213 Mistwiesen

 

Würdigung

 

 

über das Naturschutzgebiet „Mistwiesen" auf der Gemarkung Langenalb der Gemeinde Straubenhardt im Landkreis Enzkreis, auf der Gemarkung Pfaffenrot der Gemeinde Marxzell und auf der Gemarkung Ittersbach der Gemeinde Karlsbad im Landkreis Karlsruhe

 

I. Gebietsbeschreibung

 

1. Lage und Größe

Das geplante Naturschutzgebiet „Mistwiesen" liegt im Landkreis Karlsruhe südwestlich der Gemeinde Karlsbad-Ittersbach und im Enzkreis nordwestlich der Gemeinde Straubenhardt-Langenalb.

Die nordöstliche und östliche Grenze bildet die Landesstraße L 622 (Ettlinger Weg) und der Münchweg.

Im Westen verläuft die Grenze des Naturschutzgebietes entlang des Gemeindewaldes von Marxzell-Pfaffenrot, welche hier identisch ist mit der Landschaftsschutzgebietsgrenze „Albtalplatten und Herrenalber Berge".

Die Kreisstraße K 4549 (= Zeller Weg) bildet im Süden die Grenze unter Einschluß der Gewanne „Kleiner Roßacker" und „Mordia".

Das Naturschutzgebiet hat eine Fläche von ca. 50 ha.

 

2. Naturraum

Das Schutzgebiet liegt entsprechend der naturräumlichen Klassifikation am Rande des Kraichgaus in der Untereinheit Pfinz-Alb-Platte (Pfinzhügelland), es grenzt direkt an die Haupteinheit „Nördlicher Talschwarzwald" an.

Die Pfinz-Alb-Platte stellt eine wellige Hochfläche mit mächtiger Lößlehmdecke dar.

Die Sockelplatte wird aus mittlerem und oberem Buntsandstein gebildet.

Der Wald ist stark zurückgedrängt.

Das Naturschutzgebiet wird geprägt durch das ozeanisch getönte Klima des Nordschwarzwaldes und dem mehr kontinental beeinflußten Klima des Kraichgaus.

Die Niederschlagsmengen schwanken zwischen 750 mm / Jahr bis zu 1 000 mm / Jahr.

Die mittlere Jahrestemperatur liegt bei 8° Grad Celsius.

 

II. Schutzwürdigkeit

 

1. Vegetation / Flora

Die Vegetation des Naturschutzgebietes entwickelte sich als Folge einer langen kulturellen Nutzung mit Schwerpunkt auf der Grünlandwirtschaft.

Aus dem Vergleich von alten Gemarkungskarten mit der aktuellen Nutzungskartierung läßt sich belegen, daß die Ackernutzung in den letzten Hundert Jahren stark zurückgegangen ist und es heute nur noch kleine verstreut liegende Ackerflächen gibt.

Nach den Ergebnissen der vegetationskundlichen Untersuchungen sind insgesamt 16 Pflanzengemeinschaften zu nennen.

Die wichtigsten Wiesentypen und Pflanzengemeinschaften im Naturschutzgebiet sind:

-Tal-Glatthafer-Wiesen mit Übergangen zu den

-Berg-Glatthafer-Wiesen

-Rotschwingel-Rotstraußgras-Wiesen (ungedüngte, extensiv bewirtschaftete Magerwiesen)

-Kohldistel-Wiesen

-Waldbinsen-Wiesen

-Mädesüß-Hochstaudenfluren

-Pfeifengras-Röhricht

-Rohrglanzgras-Röhricht

-Blasenseggen-Ried

Die floristischen Untersuchungen belegen die große Artenvielfalt dieser Wiesenlandschaft.

Bisher konnten insgesamt 172 Blütenpflanzen kartiert werden mit einer Fülle von Arten, welche für Feucht- und Nasswiesen typisch sind.

Stellvertretend für diese Wiesentypen zählen hierzu Arten wie

Sumpf-Schafgarbe, Geflecktes Knabenkraut, Schmalblättriges Wollgras, Mädesüß, Sumpf-Vergißmeinnicht, Blaues Pfeifengras, Sumpf-Baldrian und verschiedene Seggen- und Binsenarten.

Charakteristisch für die dort vorkommenden Magerwiesen auf trockenen Standorten sind Arten wie

Zittergras, Knöllchen-Steinbrech, Rundblättrige-Glockenblume, Feld-Thymian und Kleiner Klappertopf.

An seltenen und gefährdeten Arten sind entsprechend der Roten Liste der gefährdeten Tiere und Pflanzen in Baden-Württemberg und der Liste nicht gefährdeter, aber schonungsbedürftiger Farne und Blütenpflanzen in Baden-Württemberg insgesamt 16 in die Kategorien „gefährdet", „potentiell gefährdet" und „schonungsbedürftig" eingestuft worden.

Die Roten Listen fungieren unter Artenschutzaspekten als Indikator u. a. für die ökologische Wertigkeit und für die Beurteilung eines Gebietes.

 

2. Fauna

Mit Hilfe der Erfassung von repräsentativen Tierartengruppen lassen sich über die individuelle Indikatorfunktion einzelner Arten wesentliche Aussagen über die Strukturvielfalt einer Landschaft und die vorhandenen Lebensbedingungen für einzelne Tierarten ableiten.

Genauer untersucht wurden die Tierartengruppen Heuschrecken und Vögel.

Heuschrecken haben unterschiedlichste Lebensraumansprüche.

Sie bewohnen Extrembereiche wie Rohböden, Feucht- und Nasswiesen ebenso wie trockene und frische Wiesen, sind aber auch in höheren Straten wie Hochstaudenfluren, Strauch- und Baumschichten anzutreffen.

Diese Tiergruppe eignet sich gut als Bioindikator, da sie äußerst sensibel auf Lebensraumveränderungen reagiert.

Von den in Baden-Württemberg lebenden 66 Heuschreckenarten konnte für 15 Arten ein Nachweis erbracht werden.

Vier Arten sind nach der Roten Liste von Baden-Württemberg als „gefährdet" eingestuft.

Hierzu zählen beispielsweise der Weißrandiger Grashüpfer oder der Sumpfgrashüpfer.

Vögel besitzen Indikatorfunktion für die meisten Lebensraumtypen und eigenen sich daher gut zur Bewertung von Halboffen- und Offenland sowie von Gehölzbiotopen.

Sie sind in hohem Maße strukturabhängig und eignen sich als hochmobile Artengruppe für die Bewertung zusammenhängender Räume und Biotopkomplexe.

Viele Arten benötigen verschiedene Landschaftsstrukturen als Teillebensräume (Brut- und Nahrungshabitate, Schlafplätze) zur Deckung ihrer Habitatansprüche.

Bei den Begehungen konnten insgesamt 37 Vogelarten registriert werden.

Vergleichbare Ergebnisse liegen für angrenzende Wiesengebiete ähnlicher Biotopausstattung aus der Biotopvernetzung westlicher Enzkreis vor.

Eine spezielle Brutvogelkartierung wurde für das geplante Naturschutzgebiet nicht durchgeführt.

Beispielhaft als ein Vertreter einer gefährdeten Vogelart steht der Neuntöter; er kommt im Gebiet recht häufig vor.

Die in den „Mistwiesen" offene bis halboffene extensiv genutzte Kulturlandschaft dient ihm als Nahrungs- und Brutbiotop.

Aus der Artengruppe der Tagfalter ist eine stark gefährdete Art als typischer Bewohner feuchter Wiesen zu erwähnen.

Der Helle Wiesenknopf-Ameisen-Bläuling benötigt für seine Entwicklung als Nahrungspflanze den Großen Wiesenknopf und ganz bestimmte Wirtsameisen.

Im Rahmen des Artenschutzprogramms des Landes Baden-Württemberg wird dieser Art besondere Aufmerksamkeit zum Schutz der einzelnen Vorkommen gewidmet.

Die Schutzwürdigkeit des geplanten Naturschutzgebietes „Mistwiesen" zeichnet sich insbesondere aus durch

-die große Ausdehnung dieser zusammenhängenden Wiesenlandschaft mit einem standörtlich bedingten, vielfältigen Mosaik unterschiedlichster Biotoptypen;

-die vorwiegend extensiv genutzten, ungedüngten Wiesenflächen mit mageren und daher sehr artenreichen Pflanzengesellschaften;

-die, wegen ihrer Seltenheit inzwischen bedeutsame und stark gefährdete Rotschwingel-Rotstraußgras-Wiesengesellschaft;

-den Orchideenreichtum in den Naßwiesen der Waldbinsen-Sumpf-Gesellschaft, welche nach § 24a NatSchG zu den besonders geschützten Biotopen zählt;

-den eng verzahnten Wechsel von Hochstaudenfluren, Großseggenrieden, Röhrichten und Weidegebüschen entlang der vorhandenen Gräben;

-das Vorkommen einer Vielzahl von seltenen und gefährdeten Tierarten, insbesondere Heuschrecken und Vögel, welche in den „Mistwiesen" geeignete Lebensräume, Nahrungs- und Brutplätze finden.

 

III. Schutzbedürftigkeit

An Gefährdungen und Beeinträchtigungen und somit möglichen Konflikten durch einzelne Nutzungsansprüche sind für dieses Gebiet zu nennen:

Landwirtschaftliche Nutzung

Akut kann bei den großflächig vorhandenen mageren und sehr artenreichen Wiesen eine Nutzungsintensivierung nicht festgestellt werden.

Grundsätzlich sind diese seltenen Wiesenstandorte aber auch Intensivierung der Bewirtschaftung wie z. B. Düngung und zu häufige Mahd gefährdet.

Für die Naßwiesen besteht eine Gefährdung darin, daß durch Entwässerungsmaßnahmen eine Umwandlung in ertragreichere Wirtschaftswiesen erfolgt.

Gefahr besteht auch für die extensiv genutzten Gräben durch Verrohrung und Auffüllung von Grabenabschnitten.

Als sehr problematisch erweist sich das regelmäßige Ausräumen eines Grabens im Gewann „Reut" mit einhergehender Mahd der grabenbegleitenden Saumvegetation und starker Beeinträchtigung der naturnah ausgebildeten Grabensohle.

Erholungsnutzung

Bedingt durch die Ortsnähe zu Ittersbach wird das Naturschutzgebiet gerne von Sparziergängern aufgesucht.

Sofern die Wiesenflächen nicht durchquert werden und das mit den Zielen des Schutzgebietes.

 

IV. Schutzzweck

Schutzzweck und Ziel der Unterschutzstellung des Naturschutzgebietes ist

-die Erhaltung einer großflächigen Wiesenlandschaft im Quellgebiet der Pfinz;

-die Sicherung und Erhaltung der vielfältigen Feucht- und Nasswiesen insbesondere mit ihrem Orchideenreichtum sowie der Hochstaudenfluren, Röhricht- und Seggenbestände;

-die Sicherung und Erhaltung der extensiv genutzten mageren Wiesenflächen mit ihrem floristischen Artenreichtum;

-die Erhaltung und Förderung der Vielfalt von seltenen und gefährdeten Tierarten, insbesondere Heuschrecken und Vögel.

 

V. Besonder Verbote und Erlaubnisvorbehalte

Die im § 4 der Verordnung üblicherweise formulierten Verbote und die im § 5 beschriebenen „Zulässigen Handlungen im Naturschutzgebiet" mit den Maßgaben für die landwirtschaftliche Bodennutzung und die Ausübung der Jagd sind ausreichend, um den Schutzzweck nicht zu gefährden.

 

VI. Vorschläge zur Pflege und Entwicklung

Für das geplante Naturschutzgebiet wurde 1994 im Rahmen einer Diplomarbeit ein umfassender Pflege- und Entwicklungsplan erarbeitet.

In einem speziellen Katalog werden die einzelnen Pflegemaßnahmen beschrieben und konkretisiert.

Bisher werden im Schutzgebiet seit mehreren Jahren die wertvollen Wiesenflächen gepflegt.

Die Mahd organisieren die Gemeinden mit ortsansässigen Landwirten und die Bezirksstelle für Naturschutz und Landschaftspflege Karlsruhe.

 

VII. Zusammenfassung

Das geplante Naturschutzgebiet „Mistwiesen" liegt im Übergangsbereich vom Nordschwarzwald zum Kraichgau in den Landkreisen Karlsruhe und Enzkreis auf den Gemarkungen von Karlsbad, Marxzell und Straubenhardt mit einer Größe von ca. 50 ha.

Grünlandgesellschaften, vor allem extensiv bewirtschaftete Magerwiesen unterschiedlichster Feuchtestufen aber auch wertvolle Naßwiesen, Hochstaudenfluren und Seggenrieder, prägen das Landschaftsbild.

Ihre große Bedeutung liegt darin, daß das großflächige Vorkommen dieser Magerwiesen für Süddeutschland inzwischen eine Seltenheit darstellt.

Aufgrund seiner ökologischen Ausstattung stellt das Gebiet einen wertvollen Lebensraum für besonders gefährdete Pflanzen und Tiere dar.

Im vorliegenden Pflegeplan werden die Entwicklungsziele für dieses Schutzgebiet formuliert und aufgezeigt, wo im Rahmen der weiteren Pflegemaßnahmen ein Handlungsbedarf besteht.

 

 

 

R. Herrmann-Kupferer Wissenschaftlicher Angestellter

 

 

BNL Karlsruhe

 

Karlsruhe, 08.08.1996