2.216 Stollhofener Platte

 

Würdigung

 

 

Naturschutzgebiet „Stollhofener Platte"

 

1. Gebietsbeschreibung

Lage, Naturraum und Größe

Das Naturschutzgebiet (NSG) „Stollhofener Platte" liegt auf dem Gebiet der Gemeinde Rheinmünster, Gemarkungen Söllingen und Stollhofen, im Landkreis Rastatt.

Es umfaßt auf einer Fläche von rund 206 ha einen wesentlichen Teil der gleichnamigen naturräumlichen Untereinheit auf der trockenen, sandig-kiesigen Niederterrasse („Hardtebenen") der Oberrheinebene.

Landschaftliche Situation, Landschaftsgeschichte

Die Landschaft im und um das NSG ist im Wesentlichen von einem Wechsel zwischen offenen und halboffenen sandigen Flächen und überwiegend lichtem Wald geprägt.

Vor dem Bau des Militärflugplatzes waren die offenen Bereiche kleinteilig landwirtschaftlich genutzt.

Der Wald, der früher überwiegend aus eichenreichen Laubwaldgesellschaften bestand, wird heute vor allem von Nadelholz (Kiefern, Douglasien) geprägt.

 

2. Schutzwürdigkeit

Das NSG weist einige Besonderheiten gegenüber normalen Schutzgebieten auf.

Einerseits umfaßt es einige Bereiche des ehemaligen Militärgeländes mit bestehenden Baulichkeiten, die wichtige Sandrasen enthalten, andererseits liegen großflächige, höchst schutzwürdige Sandrasenformationen im Bereich des „Baden-Airparks".

Das gesamte Gelände - das NSG und die nördlich anschließenden Flächen - mit einer Größe von etwa 700 ha besteht auf mindestens 50 % der Gesamtfläche aus geschützten Biotopen nach § 24a NatSchG, außerdem ist es zumindest in großen Teilen sozusagen eine „chemiefreie Insel“, weil seit Jahren keine Biozide mehr und - abseits des Golfplatzes und des Sportplatzes - kein Dünger verwendet wurden.

Von Zentraler Bedeutung und deshalb wesentlicher Teil des Schutzzweckes sind die verschiedenen ausgedehnten, offenen bis halboffenen Sandrasengesellschaften einschließlich der mageren Glatthaferwiesen und der Heidekrautbestände, die in ihrer Gesamtheit einzigartig hinsichtlich Größe und Ausstattung in Baden-Württemberg sind und als besonders wertvoll gelten.

Die Sandvegetation verschiedener Ausprägung kennzeichnet bedeutende Lebensräume, die sich durch hohe Sonneneinstrahlung, Nährstoffarmut und Wassermangel auszeichnen.

Sie enthalten eine ganze Reihe spezialisierter und gefährdeter Pflanzen- und Tierarten, z. B.

-das Silbergras (Corynephorus canescens) mit seinem südlichsten Vorkommen in Baden-Württemberg; (Teesdalia nudicaulis), Frühlings-Spark (Spergula morisonii) und Roter Spörgel (Spergularia rubra);

-eine besonders artenreiche Stechimmen-Fauna mit 301 Arten, darunter 102 gefährdete und 23, die als ausgestorben galten oder vom Aussterben bedroht sind, u. a. Lasioglossum brevicorne (Wiederfund in Baden-Württemberg nach 61 Jahren!) und mehrere andere Arten, die in Baden-Württemberg bisher nur hier nachgewiesen werden konnten;

-die Heuschrecken-Sandwespe (Sphex rufocinctus), die in Deutschland zuletzt vor 30 Jahren nachgewiesen wurde und die derzeit hier ihr möglicherweise einziges Vorkommen nördlich der Alpen hat;

-als Vertreter einer ebenfalls sehr vielfältigen Heuschrecken-Fauna den Warzenbeißer (Decticus verrucivorus) und die vom Aussterben bedrohte Große Strandschrecke (Aiolophus thalassinus) sowie die Gottesanbeterin (Mantis religiosa);

-den unter den Käfern hervorzuhebenden, vom Aussterben bedrohten Sand-Steppenläufer (Masoreus wetterhallii);

-als Besonderheit unter den Vögeln gleich mehrere Brutpaare der Heidelerche (Lullula arborea), die auf offene, lückig bewachsene Sandflächen angewiesen und inzwischen in Baden-Württemberg vom Aussterben bedroht ist, außerdem das stark gefährdete Schwarzkehlchen (Sacicola torquata) ebenfalls in mehreren Brutpaaren.

Die Sandrasen sind - das ergaben die bisherigen Untersuchungen - aufgrund ihrer Ausdehnung und Qualität als Lebensräume für eine Vielzahl seltener und hochgradig gefährdeter Arten im höchsten Maße naturschutzwürdig.

Sie werden selbst immer seltener, weil sie durch Nährstoffeintrag und nachfolgende Veränderung bedroht und schon von daher heute bei uns auf wenige, meist sehr kleine Flächen beschränkt sind.

Die heute von Kiefern dominierten Wälder waren ursprünglich vor allem von Buchen und Eichen aufgebaut, die nur noch unter den ältesten Bäumen einen wesentlichen Anteil ausmachen.

Eine Besonderheit sind daher die 140 bis 250 Jahre alten Buchenbestände im Südosten, die aufgrund ihrer Struktur geeignete Habitate für bestimmte Tierarten darstellen.

Geringere Bedeutung haben die von Douglasien dominierten Bestände.

Offenere Bereiche sind von Birkenaufwuchs geprägt, wo auf bisher offengehaltenen Flächen die Sukzession eingesetzt hat.

Durch die Art der Pflege und Offenhaltung großer Bereiche sind im Gebiet „harte", also ungestufte offene Waldränder die Regel, die den Vorteil haben, daß trockene besonnte Bereiche bis in den Wald hinein reichen.

Der feuchte Waldbereich im Südosten zeichnet sich durch das Vorkommen einiger alter Exemplare des Holzapfels (Malus sylvestris) aus.

Die Wälder sind allgemein von geringerer floristischer Bedeutung, aber faunistisch wertvoll, u. a. wegen der relativ großen Standort- und Strukturvielfalt (Alt- und Totholz, lichte trockene Bestände, offene Waldränder mit Südexposition, Feuchtwald), wofür folgende Arten als Indikatoren dienen können:

-für die Altholzbestände der Schwarzspecht (Dryocopus martius), der aufgrund seiner Höhlenbautätigkeit gleichzeitig „Wegbereiter" für Hohltaube (Columba oenas), Fledermäuse, Siebenschläfer (Glis glis) und Baumschläfer (Dryomys nitedula) sowie bestimmte Stechimmen ist;

-Greifvögel wie der Mäusebussard (Buteo buteo), der Habicht (Accipiter gentilis) und - als „Folgesiedler" - der Baumfalke (Falco subbuteo), die schon aufgrund der Größe ihrer Horste auf Großbäume angewiesen sind;

-in den lichten alten, gut durchsonnten Kiefernwaldbereichen thermophile Insektenarten;

-in stehendem Totholz (überwiegend Kiefern) spezielle wirbellose Arten, z. B. der Birken-Glasflügler (Synanthedon culiciformis) und der Birken-Gabelschwanz (Harpyia bicuspis);

-im feuchten Waldbereich im Südosten Pirol (Oriolus oriolus) und Erlen-Sichelflügler;

-an den Waldrändern der Baumpieper (Anthus trivialis) in sehr hoher Dichte, der vom Aussterben bedrohte Ginsterbläuling (Lycaeides idas), der vom Besenginster (Sarothamnus scoparius) als Raupenfutterpflanze abhängig ist, die Grabwespe Miscophus spurius, die nur in drei weiteren Gebieten vorkommt, und weitere seltene und gefährdete Stechimmenarten außerdem wurde ein Walker (Polyphylla fullo) festgestellt (Lichtanflug).

Die enge Verzahnung zwischen den Sandrasen und dem Wald über offene Waldränder und Flächen in unterschiedlichen, oft blütenreichen Sukzessions- und Brachestadien mit offenen Stellen sowie die differenzierte Nutzung als Nist- und Nahrungshabitate durch die verschiedenen Tierarten.