3.032 Schlüchtsee

 

Würdigung

 

 

Gutachten zur geplanten Erweiterung des Naturschutzgebietes „Schlüchtsee" Gemeinde Grafenhausen, Landkreis Waldshut

 

1. Lage, Geologie, Klima (1 *)

Der Schlüchtsee liegt unmittelbar nördlich des Schlüchtseehofs zwischen Grafenhausen und Rothaus in etwa 914 m Meereshöhe, die geplante Erweiterungsfläche liegt bis ca. 940 m über dem Meer.

Vor etwa 200 Jahren wurde der Weiher künstlich aufgestaut.

Nach Süden hin schließt ihn ein Damm ab, der von großen, prächtigen Erlen bestanden wird, denen unter anderem auch Bergahorn, Eschen und Salweiden beigemischt sind.

Den geologischen Untergrund der nördlich gelegenen Wiesen bildet alluviales Material des Granits.

Auch heute werden bei Hochwasser (starke Regenfälle, Schneeschmelze) erhebliche Mengen von Granitgrus durch die Bäche abgelagert, wenn sie über die Ufer treten und die angrenzenden Wiesen überfluten.

Im Westen streift das Gebiet den Buntsandstein, der dem Grundgebirge aufgelagert ist.

Der Glasmattbach führt Wasser mit hohem Humusgehalt (=dystroph), das er aus den moorigen Wäldern („Missen") des Blummoos und den armen Graniten heranbringt.

Der Schlüchtsee selbst ist demzufolge ein dystrophes, saures und nährstoffarmes Gewässer.

Das Klima der Schlüchtseeumgebung ist mit einer jährlichen Durchschnittstemperatur von etwa 6,5° C recht kühl.

An Niederschlägen fallen etwa 1500 mm Niederschlag, wovon nur etwa 450 mm in der Zeit von Mai bis August (Vegetationsperiode) fallen.

Ein relativ großer Teil (ca. 25-30 %) geht im Winter als Schnee nieder.

Das Klima läßt sich somit als kühl-gemäßigt, atlantisch-getönt charakterisieren.

 

2. Vegetation (2,3,4)

Der größte Teil des Schlüchtseeufers ist recht steil und nur von großen Erlen und Fichten bestanden.

Dagegen hat sich am Nordufer im Bereich des Schwemmkegels der hier einmündenden Bäche eine breite Verlandungszone mit einem typischen und naturnahen Vegetationsmosaik entwickelt.

Der Verlandungszone vorgelagert wachsen Bestände der seltenen Kleinen Teichrose (Nuphar pumila), die beim Aufstau des Schluchsees hierher verpflanzt wurden (4).

Die artenarme Gesellschaft der Kleinen Teichrose (Nupharetum pumili) ist typisch für Torfschlammböden in kalten, nährstoffarmen und dystrophen Gewässern.

Die Bestände schwimmen frei im nördlichen Teil des Sees, der durch eine schwimmende Balkenkette vom südlichen Teil abgetrennt ist.

Im äußeren Bereich der Verlandungszone, d.h. im relativ tiefsten Wasser, bildet der Teich-Schachtelhalm (Equisetum fluviatile) lockere, artenarme Bestände, zu dem sich nur noch das schwimmende Laichkraut (Potamogeton natans) gesellt.

Landseitig daran anschließend steht auf dauernd überschwemmten, moorigen Standorten das Schnabelseggenried (Caricetum rostratae) in verschiedenen Ausbildungen.

In dieser Flachmoorgesellschaft kalkarmer Standorte kommen neben

der bestandsbildenden Schnabelsegge (Carex rostrata) auch das Sumpf-Blutauge (Potentilla palustris), das Sumpf-Herzblatt (Parnassia palustris), das Schmalblättrige Wollgras (Eriophorum angustifolium) und der Fieberklee (Menyanthes trifoliata) vor, der teilweise dichte Bestände bildet.

Kleinräumig verzahnt sind damit „Teppiche" verschiedener rasenbildender Moose, in denen die Schnabelsegge zurücktritt.

Hier liegt wahrscheinlich auch der bei Schurhammer (4) angegebene Standort des Rundblättrigen Sonnentaus (Drosera rotundifolia), dessen Vorkommen 1984/85 (2) jedoch nicht bestätigt werden konnte.

Auch im Gewann „Glasmatt" befindet sich an einem quelligen Standort ein dichter, allerdings artenarmer Bestand des Schnabelseggenrieds.

Große Teile der sickernassen, durchrieselten Wiesenflächen nimmt die Silikatbinsenwiese (Juncetum acutiflori) ein.

Die Gesellschaft ist im Schwarzwald weit verbreitet und typisch für nasse Wirtschaftswiesen.

Sie ist der Standort vieler an Naßwiesen gebundener Arten wie

Breitblättriges Knabenkraut (Dactylorhiza majalis), der namengebenden Spitzblütigen Binse (Juncus acutiflorus) , Wiesen-Knöterich (Polygonum bistorta), Sumpf-Schafgarbe (Achillea ptarmica) und anderer Arten.

Da diese Flächen am Schlüchtsee seit langem brachliegen, haben sie sich zu artenarmen, hochwüchsigen, im Sommer lagernden Beständen entwickelt, aus denen die konkurrenzschwachen Arten verdrängt wurden.

In den zahlreichen Entwässerungsgräben, die bereits stark zugewachsen sind, finden sich Sumpf-Quendel (Peplis portula) und Rohr-Glanzgras (Phalaris arundinacea), die beide in dieser Meereshöhe an die Höhengrenze ihrer Verbreitung gelangt sind.

Entlang der Grabenränder und Bachläufe haben sich Hochstauden wie

Trollblume (Trollius europaeus), Haariger Kälberkropf (Chaerophyllum hirsutum) und Eisenhutblättriger Hahnenfuß (Ranunculus aconitifolius) angesiedelt.

Wo die feuchten Wiesen genutzt werden, hat sich eine Wirtschaftswiese (im Gewann Tiefmatt) herausgebildet.

Auf mineralischem Standort, vor allem an den teilweise von jungen Fichten durchsetzten Waldrändern, haben sich Reste des Borstgrasrasens (Nardetum) erhalten.

Insbesondere an südexponierten Stellen der Tiefmatt trifft man viele typische Arten dieses bodensauren Magerrasens an:

Bergwohlverleih (Arnica montana), das als Wärmezeiger für die Höhenlage außergewöhnliche Sonnenröschen (Helianthemum nummularium), Bärwurz (Meum athamanticum), Flügelginster (Genistella sagittalis) und Wiesen-Leinblatt (Thesium pyrenacium).

Etliche feuchtere Bereiche der brachliegenden Wiesen sind von einer unduldsamen Honiggras-Fazies (Holcus mollis) überdeckt, die durch ihre Streu alle niederwüsigen, konkurrenzschwachen Arten erdrückt und in der sich nur wenige Pflanzen zu halten vermögen.

Besonders erwähnt werden soll noch der Waldrand in der Tiefmatt, der sich immer im Schatten des angrenzenden Waldes befindet.

Hier bestimmen neben aufkommenden Fichten größere Moosteppiche (Polytrichum spec. Sphagnum spec.) die niederwüchsige Vegetation.

 

3. Tierwelt (2)

Über die Tierwelt des Schlüchtsees ist wenig bekannt.

Die Verlandungszone dient vielen Amphibien im Frühjahr als Laichplatz, z.B.

der Erdkröte (Bufo bufo), dem Grasfrosch (Rana temporaria), dem Bergmolch (Triturus alpestris) und dem Fadenmolch (Triturus helveticus).

Es gibt auch Hinweise dafür, daß der Wasserfrosch (Rana „esculenta") im Schlüchtsee vorkommt, wobei es sich um das höchste Vorkommen im Schwarzwald handeln würde.

Obwohl aufgrund der häufigen Störungen nur wenige Wasservögel hier brüten, u.a. einige Stockentenpaare (Anas platyrhynchos), ist der Schlüchtsee in dem anstehenden gewässerarmen Gebiet ein wichtiger Nahrungs- und Rastplatz für verschiedene Vogelarten.

 

4. Wertung (2)

Der künstlich aufgestaute Schlüchtsee hat sich im Laufe der Zeit hervorragend in die umgebende Landschaft eingefügt.

Seine gut ausgebildeten Ufergehölze und die Verlandungszonen im Norden vermitteln ein naturnahes Bild.

Die seltene Kleine Teichrose, ein Eiszeitrelikt des Schwarzwaldes, hat hier eine zweite Heimat gefunden, in der sie gut gedeiht.

Die vielfältige Vegetation - Magerrasen, Flachmoore, Binsenwiesen und Verlandungszonen - fügt sich zu einem interessanten Mosaik mit einer Vielzahl gefährdeter und geschützter Tier- und Pflanzenarten (siehe Anhang) zusammen.

Arten wie die Sumpf-Schafgarbe, das Rohr-Glanzgras und der Sumpfquendel befinden sich am Schlüchtsee an der Höhengrenze ihrer Verbreitung.

Da mit der bisherigen Verordnung vom 11.10.1940 nur der Schlüchtsee selbst und seine Verlandungszone als Naturschutzgebiet ausgewiesen wurde, die angrenzenden Feucht- und Magerwiesen aber einen ähnlich hohen ökologischen Wert aufweisen, ist eine Erweiterung des NSG und eine Neufassung der Verordnung erforderlich.

 

5. Gefährdungen, Schutz- und Pflegemaßnahmen (2)

Der Schlüchtsee ist vor allem an Sonntagen ein beliebtes Ausflugsziel.

Neben einem Betretungsverbot außerhalb der Wege sollten zusätzlich die benutzbaren Wanderwege genauer festgelegt werden.

Der nördlich der Verlandungszone gelegene, für Besucher freigegebene Bereich kann in der jetzigen Form erhalten bleiben, da eine „Renaturierung" derzeit kaum möglich erscheint.

Dagegen sollte angestrebt werden, die vereinzelt in den Wiesen aufgestellten Bänke wieder zu entfernen.

Die Auszäunung des Ufers sollte bis in Höhe des alten Badehauses erweitert werden, um die Flachwasserzone als wichtigen Amphibien-Laichplatz besser vor Störungen zu schützen.

Die Absperrung des nördlichen Seeteils mit einer Reihe schwimmender Holzbalken hat sich bewährt.

Sie sollte auch in Zukunft beibehalten werden.

Schwimmen und Bootsfahren bleiben dadurch auf den größeren Südteil beschränkt.

Die Nutzung der derzeit bewirtschafteten Tiefmattwiese darf nur unter Naturschutzgesichtspunkten erfolgen; so ist insbesondere eine Düngung oder Entwässerung zu unterlassen.

Ggf. ist ein Ankauf durch das Land bzw. die Gemeinde anzustreben.

Die brachliegenden Feuchtwiesen (v.a. die überständigen Silikatbinsenwiesen) und Magerrasen sollten mit leichtem Gerät im Spätsommer oder Herbst gemäht werden (mit anschließender Abfuhr des Mähgutes).

Insbesondere sollte durch entsprechende Pflege eine Entwicklung zu artenreicheren Wiesen angestrebt werden, wo heute noch artenarme, hochwüchsige Bestände vorherrschen.

In Teilbereichen ist von Zeit zu Zeit das Ausstocken aufkommender Fichten nötig.

Die langsam zuwachsenden Entwässerungsgräben sollten so belassen werden bzw. höchstens in geringer Tiefe erhalten bleiben, falls sich dies für die Durchführung von Pflegemaßnahmen als notwendig bzw. vorteilhaft erweisen sollte.

Entlang des Glasmattbachs sollten autochthone Erlen und Weiden angepflanzt werden, um dessen erosionsgefährdete Ufer zu sichern.

Die jagdliche Nutzung braucht nur insoweit eingeschränkt zu werden, als die Einrichtung von Wildfütterungen und Wildäckern zum Schutz der nährstoffarmen Vegetation unterbleiben sollte.

Ein bereits bestehender Wildacker im Gewann Tiefmatt ist nach Möglichkeit an anderer Stelle außerhalb des Schutzgebiets anzulegen.

Die Fischerei sollte im nördlichen, abgegrenzten Seeteil (Verlandungs- und Schwimmblattzone) untersagt werden.

In der Verlandungszone sind keine Pflegemaßnahmen nötig, vielmehr würden diese sogar dadurch in ihrer natürlichen Entwicklung gestört.

 

 

 

Freiburg i. Br., den 13.03.90

 

Bezirksstelle für Naturschutz und Landschaftspflege Freiburg

 

 

Dr. Seitz

 

Landeskonservator  Fuchs