3.082 Irrendorfer Hardt

 

Würdigung

 

 

Beschreibung und Würdigung des Gebietes „Irrendorfer Hardt“

 

1. Beschreibung des Gebietes

Das Irrendorfer Hardt ist der letzte größere und geschlossene Landschaftsausschnitt auf der Schwäbischen Alb und von ganz Württemberg, der die uralte schwäbische Wirtschaftsform der Holzwiese in beinahe unveränderter Form heute noch darbietet.

Der Schutz des Gebietes ist also schon aus kultur- und wirtschaftsgeschichtlichen Gründen zu verantworten.

Wenn auch urkundlich über das Irrendorfer Hardt bis jetzt nichts festgestellt werden konnte, so ist doch aus Analogieschlüssen mit Bestimmtheit anzunehmen, daß das Irrendorfer Hardt ursprünglich zur Allmende der Gemeinde Irrendorf gehört hat und höchstwahrscheinlich ein Weidewald war, in den das Vieh getrieben wurde.

Als die Allmende dann unter die Bürger aufgeteilt wurde und die Waldweide aufgehört hatte, sind die Inhaber der einzelnen Parzellen dazu übergegangen, ihre Grundstücke als Magerwiesen unter weitgehender Erhaltung der Holzbestände zu bewirtschaften.

Neben der Heugewinnung fand eine bescheidene Holznutzung von jeher statt.

Die Wiesen wurden nie gedüngt und nur einmal spät im Sommer gemäht.

Ein zweiter Schnitt wäre wegen der langen Winter und der ausgesprochenen Frostlage des beckenförmigen Hardtgebietes auch durch Düngung kaum zu erzielen.

Es gibt keinen Monat im Jahr, in dem kein Reif fällt.

Dies ist auch der Hauptgrund, warum dieses Gebiet in diesem primitiven Zustand erhalten und in seiner wirtschaftlichen Entwicklung zurückgeblieben ist.

Erst neuerdings ist da und dort Kunstdünger gestreut und verschiedene Parzellen sind auch kahlgeschlagen worden.

Auffallend ist auf der Alb die sehr starke Verbreitung von Birken im Irrendorfer Hardt.

Außer Birken beobachtet man viele Eichen, Buchen und Fichten, gelegentlich Mehl- und Vogelbeerbäume.

Die eigenartige Wirtschaftsform der gleichzeitigen Heugewinnung auf Magerwiesen und der Holznutzung hatte zur Folge, daß Landschaftsbilder entstanden, die so vollkommen an die englische Parkanlage erinnern, daß man glauben könnte, es handle sich um eine bewußte Pflanzung und parkartige Gestaltung des Gebietes, und doch sind die entstandenen Bilder das Ergebnis des Zufalls, das durch die Auflockerung des Waldes für die Zwecke der Weide und der Naturheugewinnung entstand (vgl. Beilage 2 u. 3).

Die Lockerung des Waldes und das Eindringen des Sonnenlichtes hatte gemeinsam mit der Grasmahd ohne Anwendung von Dung die Folge, daß ein nur hier vorkommendes Biotop entstand, dessen Zusammensetzung im übrigen nur noch von der wechselnden Bodenbeschaffenheit und von dem besonders frostreichen Klima abhängt, zu dem die heißen Sommertage einen schroffen Gegensatz bilden.

Obwohl die ganze Landschaft in den Lebensbedingungen für die Pflanzen- und Tierwelt sehr stark vom Menschen beeinflußt ist, so ist doch eine große Naturnähe festzustellen, denn der Eingriff des Menschen besteht ja nur in der Mahd, durch die das Aufkommen von Keimlingen der Bäume erschwert wird und eine gewisse Auslesewirkung, weil die Mahd sehr spät im Jahr erfolgt.

Sie verhindert nur das Entstehen eines geschlossenen Waldes.

Die jetzt vorhandenen Baumbestände sind aber als Reste des einstigen Waldes zu betrachten und können sich nur in einer Zeit entwickelt haben, in der die Nutzung weniger intensiv war wie heute.

Jedenfalls ist der überaus reiche Bestand an Pflanzen und Kleintieren nur aus den oben geschilderten Verhältnissen zu erklären und zu verstehen (vgl. Beilage 2) und die dort gemachten Ausführungen, insbesondere die pflanzensoziologischen Aufnahmen von Dr. Faber S. 42 u. ff.

Die Beseitigung der Bäume und die stärkere Düngung würden zur Folge haben, daß die Pflanzen- und Tierwelt in ihrer heutigen Zusammensetzung weithin vernichtet und grundlegend verändert würde.

Dies sind die Gründe, warum auch der Naturschutz im engeren Sinn an der Erhaltung des Irrendorfer Hardtes größtes Interesse hat.

 

2. Bisherige Schutzmaßnahmen

Das Gebiet schützte sich bis vor wenigen Jahren von selbst.

Die große Entfernung (6-7 km) dieses Markungsteiles von Irrendorf erschwerte eine intensive Nutzung.

Dazu kommen die oben erwähnten schlechten klimatischen Bedingungen und ein zum Teil stark ausgelaugter entkalkter Lehmboden.

Immerhin zeigten sich schon vor Jahren die Anfänge der künstlichen Düngung.

Auch wurden verschiedene Grundstücke kahlgeschlagen oder stark ausgeholzt und insbesondere vielfach Bäume in häßlicher Weise ausgeastet.

Durch die Düngung waren die Pflanzenbestände bedroht und durch die Eingriffe in den Holzbestand das Landschaftsbild.

Aus diesem Grund hat auf Vorschlag der einstigen Abteilung Naturschutz des Landesamts für Denkmalfplege der Verein für vaterländische Naturkunde damit begonnen, besonders schöne Stücke mit reichen Baumbeständen und schöner Flora aufzukaufen.

Der erste Kauf wurde für die Parz. Nr. 3506/6 am 8.2.1932 getätigt.

Zum Teil wurden diese Käufe durch Staatsbeiträge unterstützt.

Eine Stiftung „Württ. Naturschutzgebiete“ ermöglichte weitere Zukäufe (bis jetzt insgesamt 10 000 RM).

Die bisherige Grasnutzung wurde uneingeschränkt zugelassen; sie ist zur Erhaltung des jetzigen Zustandes erforderlich.

Nur Eingriffe in die Baumbestände bleiben untersagt, desgleichen die künstliche Düngung, die ohnehin bisher in ganz wenigen Fällen gelegentlich stattfand.

Die in den württ. Etat von 1936 eingesetzten besonderen Mittel sowie die Zuschüsse des Reichsforstamts ermöglichten weitere Zukäufe.

Solche sind trotz der durch das Reichsnaturschutzgestz gegebenen Handhaben (§ 24) geboten, weil die Besitzer der Parzellen im Irrendorfer Hardt zum allergrößten Teil arme Kleinbauern und Taglöhner sind, denen auch kleine wirtschaftliche Opfer nicht oder nur vorübergehend zuzumuten sind.

 

Gutachten des Herrn Prof. Dr. Schwenkel

Das Irrendorfer Hardt ist in seiner Art fur die ganze Schwäbische Alb, ja für ganz Süddeutschland, etwas Einmaliges sowohl in landwirtschaftlicher Hinsicht wie in seiner reichen Pflanzen und Tierwelt.

Beides ist bedingt durch die besondere Form der Bewirtschaftung als Holz- und Magerwiesen mit geringer Düngung.

Auf die Weise sind die parkartigen Landschaftsbilder entstanden, hat sich aber auch eine Pflanzen- und Tierwelt eingestellt, die ungedüngten Naturboden verlangt und das harte Klima mit strengen Wintern, viel Kaltluft und im Hochsommer starke Bestrahlung aushält.

Sobald die Rasenflächen beweidet oder gedüngt werden, sei es mit Stalldünger oder mit Kunstdünger, geht die jetzige Pflanzenwelt verloren; erst recht natürlich, wenn Äcker entstünden.

Wir verstehen durchaus, daß heute der deutsche Boden stärker ausgenutzt werden muß als je, und daß man für die vertriebenen Deutschen Raum sucht.

Aber das Irrendorfer Hardt is bekannt durch außerordentlich hartes Klima, lange Winter und die Ansammlung von Kaltluft.

Es ist daher für eine intensive Nutzung sehr ungeeeignet; zu diesem Ergebnis werden auch landwirtschaftliche Sachverständige kommen.

Jedenfalls wäre vor unüberlegten Versuchen ernstlich zu warnen, da sie u.U. schwere Zerstörungen anrichten und dennoch zu keinem Erfolg führen.

Das Irrendorfer Hardt ist seit Jahzehnten von Botanikern hoch geschätzt und durch die Naturschutzbewegung weithin berühmt, man kann sogar sagen, in ganz Deutschland bekannt geworden.

Und da es sich in der Tat um einen letzten Rest dieser Art überhaupt handelt, sollte das Gebiet unbedingt im jetzigen Zustand erhalten bleiben und muß es Ehrensache der Gemeinde Irrendorf sein, von diesem einst auch von der Gemeinde gefassten Entschluß nicht abzuweichen.

Die unter grossen Opfern und Mühen für Zwecke des Naturschutzes aufgekauften Grundstücke können nicht an die Gemeinde zurückgegeben werden, umsoweniger, als die Gemeinde mit den Mitteln, die sie für ihre eigenen Grundstücke erhalten hat, bessere Felder aufgekauft hat.

Wohl oder übel müsste sich der Naturschutz damit abfinden, daß auf den Privatparzellen stärker gedüngt wird und vielleicht sogar, wo der Boden es zuläßt, Fettwiesen mit zweimaliger Mahd entstehen.

Niemals aber sollen anstelle der Wiesen Äcker entstehen.

Auch dürfen keine Bäume gefällt und keine Bauernhöfe zugelassen werden.

Eine Besprechung all dieser Fragen an Ort und Stelle unter Zuziehung landwirtschaftlicher Sachverständiger dürfte sich für den Sommer sehr empfehlen.

 

 

 

Schwenkel, H. (1936/37): - Ms., 4 S. (LfU-BW, Karlsruhe)