3.210 Grasmutter

 

Würdigung

 

 

Gutachten zum geplanten Naturschutzgebiet "Grasmutter", Gemeinde Dürbheim, Landkreis Tuttlingen

 

1. Lage und Geologie (1, 2, 3)

Das geplante Naturschutzgebiet „Grasmutter“ liegt am westlichen Rand der Alb-Hochfläche auf dem Großen Heuberg, nur ca. 600 m von der Traufkante entfernt.

Die „Hohe Schwabenalb", im Gebiet 870-880 m hoch, ist hier durch flache Kuppen und Senken geprägt („Kuppenalb") und wird durch mehrere, tief eingeschnittene Täler, die etwa parallel in Nordnordwest bis Südsüdost Richtung zur Donau hin verlaufen (Ursen-, Lipbach-, Bäratal), in einzelne Platten untergliedert.

Das geplante Naturschutzgebiet ist aus Weißjura-Gamma und Delta aufgebaut; unmittelbar westlich vom Gebiet ist das Weißjura-Delta auch als grobkristalline Fazies (Zuckerkorn-Fazies) ausgebildet.

Der Name „Grasmutter" bezeichnet wahrscheinlich in Feld-Gras-Wirtschaft betriebene Äcker, die aus der dorffernen Allmende ausgegliedert und auf die Abgaben zu entrichten waren.

Seit wann das Gebiet dann als Schafweide genutzt wurde ist nicht bekannt.

Diese Weidenutzung wurde in den letzten 50 Jahren ebenfalls aufgegeben und das mittlerweile mit Kiefern und Wacholdern recht dicht bewachsene Gebiet wurde erst 1990 wieder freigepflegt.

 

2. Klima (4, 5, 6)

Im Gebiet herrscht ein verhältnismäßig kühles und niederschlagarmes Klima bei einer mittleren Jahrestemperatur von ca. 6,0° C. und einem mittleren Jahresniederschlag von 850-900 mm, dessen Hauptanteil im Sommer fällt.

Gegenüber der trauffernen Heuberg-Hochfläche für die starke monatliche Temperaturschwankungen und niedrige absolute Minimaltemperaturen kennzeichnend sind, ist das Lokalklima des Gebietes bereits abgemildert und feuchter.

So können in Traufnähe winterliche Kälteextreme häufig durch Temperaturumkehr abgeschwächt werden und es kann zu Steigungsregen kommen.

Daher ist das Klima in Nähe des nördlichen bzw. westlichen Traufes ozeanisch beeinflußt im Vergleich zur trauffernen Hochfläche mit kontinentalen Zügen.

 

3. Vegetation (7, 8)

Im geplanten Schutzgebiet lassen sich drei verschiedene Vegetationstypen unterscheiden, die kleinräumig miteinander verzahnt sind.

Der größte Teil ist Schafweide, an die sich im Randbereich Magerwiesen anschließen.

Im Südosten gegen den Hochwald zu steht ein Kiefern-Fichten-Aufwuchswald in verbrachter bzw. stark versaumter Kalk-Magerweide.

Die Kalk-Magerweide des Gentiano-Koelerietum ist im Schutzgebiet gekennzeichnet durch kleinräumig wechselnde Ausprägungen.

So finden sich in kurzrasigen (selten steinigen) Bereichen artenreiche Gesellschaften mit

Flügelginster (Genista sagittalis), Hügel-Meister (Asperula cynanchica), Niederem Labkraut (Gahum pumilum), Kleinem Habichtskraut (Hieracium pilosella), Deutschem Enzian (Genista germanica), Schopfigem-Kreuzblümchen (Polygala comosa), Kriechendem und Dornigem Hauhechel (Ononis repens, 0. spinosa), Hornklee (Lotus corniculatus), Zypressen-Wolfsmilch (Euphorbia cyparissias), Kleinem Wiesenknopf (Sanguisorba minor), Rundblättriger Glockenblume (Campanula rotundifolia), Tauben-Skabiose (Scabiosa columbaria), stellenweise gehäuft mit Silberdistel (Carlina acaulis), sowie mit Schillergras (Koeleria pyramidata), Zittergras (Briza media) und Schaf-Schwingel (Festuca ovina).

In hochrasigen Säumen wachsen

Gamander-Ehrenpreis (Teucrium chamaedrys), Märzen-Veilchen (Viola odorata), Echtes Labkraut (Galium verum), Acker-Witwenblume (Knautia arvensis), Skabiosen-Flockenblume (Centaurea scabiosa), Zweiblättrige Waldhyazinthe (Platanthera bifolia) sowie Aufrechte Trespe (Bromus erectus) und Fieder-Zwenke (Brachypodium pinnatum).

An nährstoffreicheren Stellen, insbesondere mit offenem, beim Roden der Gehölze entblößtem Boden steht auch

Scharfer Hahnenfuß (Ranunculus acris), Sauerampfer (Rumex acetosa), Stechender Hohlzahn (Galeopsis tetrahit), Mehlige Königskerze (Verbascum thapsus) und Wiesen-Schafgarbe (Achillea millefolium).

Der Kiefern-Fichten-Aufwuchswald am südöstlichen Gebietsrand enthält bereits typische Artendes Buchenwaldes wie

Einbeere (Paris quadrifolia), Haselwurz (Asarum europaeum), Waldmeister (Gahum odoratum), Wald-Bingelkraut (Mercurialis perennis) und Wald-Erdbeere (Fragaria vesca).

Am Nord-, Süd- und Ostrand der Schafweide grenzen Wiesen an, die Übergänge zwischen Kalkmagerrasen und Goldhafer-Bergwiesen zeigen.

Insbesondere auf den unmittelbar an die Wacholderheiden angrenzenden Wiesenstreifen dominieren Magerkeitszeiger wie

Aufrechte Trespe (Bromus erectus), Schaf-Schwingel (Festuca ovina), Zittergras (Briza media), Flaumhafer (Helictotrichon pubescens), Schillergras (Koeleria pyramidata), Berg-Segge (Carex montana), Flügelginster (Genista sagittalis), Kleines Habichtskraut (Hieracium pilosella), Rauhe Gänsekresse (Arabis hirsuta) usw.

Liste der geschützten, gefährdeten und schonungsbedürftigen Pflanzen

Art  Rote Liste  BartSchVO  Bad.-Württ.

Botrychium lunaria (Echte Mondraute 2 §), Carlina acaulis (Silberdistel 5 §), Genista sagittalis (Flügelginster 5 -), Genista germanica (Deutscher Enzian 5 §), Juniperus communis (Wacholder 5 -) und Platanthera bifolia (Zweiblättrige Waldhyazinthe 5 §).

Gefährdungskategorien der Roten Liste der Farne und Blütenpflanzen Baden-Württembergs

0 = ausgestorben oder verschollen

1 = vom Aussterben bedroht

2 = stark gefährdet

3 = gefährdet

4 = potentiell durch Seltenheit gefährdet

5 = schonungsbedürftig: Arten, die zwar nicht unmittelbar gefährdet sind, deren Bestände aber zurückgehen oder die relativ selten sind.

 

4.  Fauna (7, 9)

Die Tierwelt des Gebietes weist Vogel-, Heuschrecken- und Hautflügler-Arten auf, die vom kleinräumigen Wechsel von Gehölzen mit Magerrasen abhängig sind.

Dies soll beispielhaft anhand einzelner Vertreter erläutert werden.

a) Vögel

Im Gebiet häufige Arten der halboffenen Landschaft nutzen Bereiche mit dichterem Bewuchs bzw. Gehölzgruppen meist als Brutplatz und lückig-kurzrasige Flächen häufig zur Nahrungssuche.

Dabei ist auch die Übersichtlichkeit des Geländes wichtig.

Mit dem „Dichterwerden" der Landschaft bei zunehmender „Verwaldung" der offenen Magerweide verschwinden die für halboffene Lebensräume typischen Arten wieder, so

Baumpieper (Anthus trivialis), Goldammer (Emberiza citrinella) und Hänfling (Acanthis cannabina).

Die blumenreiche Kalk-Magerweide - mit verstreuten Kleinbüschen, Bäumen und Stellen niederem, lückigem Bewuchses - dient wenigstens 15 Vogel-Arten als Brut- bzw. Nahrungsplatz; so neben

Hänfling, Baumpieper und Goldammer z.B. auch Gartenrotschwanz (Phoenicurus phoenicurus), Schwarzmilan (Milvus migrans), Mäusebussard (Buteo buteo) und Turmfalke (Falco tinnunculus).

An den Kiefern-Aufwuchswald sind mindestens 16 Arten enger gebunden; so an stark gestufte, mit Büschen durchsetzte Bereiche Fitis (Phylloscopus trochilus), Garten- und Mönchsgrasmücke (Sylvia bonn, S. atricapilla);

an ältere Bestände Fichtenkreuzschnabel (Loxia curvirostra) und Tannenmeise (Parus ater);

an bereits abgestorbene, stehende Totholz-Stämme die Haubenmeise (Parus cristatus), die hier ihre Höhle selbst in mürbes Holz baut.

Die Magerwiesen im Randbereich der Schafweide werden von wenigstens 14 Arten, ebenso wie die kurzrasigen Teile der Kalk-Magerweide, vor allem zur Nahrungssuche genutzt.

In dem nur rund 10 ha großen Gebiet der Grasmutter sind mindestens 27 Arten, davon 22 brütend nachgewiesen.

Besonderheiten sind die relativ großen Bestände zweier Arten, die nur in extensiv genutzten Gebieten der Alb-Hochfläche noch häufiger vorkommen: Baumpieper und Goldammer.

In landwirtschaftlichen intensiv genutzten Flächen sind diese Arten dagegen stark rückläufig oder vollständig verschwunden.

b) Heuschrecken

Besonderheiten unter der Heuschrecken-Fauna des Gebietes sind der eher feuchtigkeitsliebende Wiesen-Grashüpfer (Chorthippus dorsatus, Rote Liste A 3), dessen Vorkomensschwerpunkt eigentlich im Randbereich von Mooren liegt, und die beiden Heupferd-Arten (Tettigonia viridissima, T. cantans).

Das Vorkommen von Chorthippus dorsatus ist ein Hinweis darauf, daß im Gebiet zumindest mikroklimatisch feuchte Bedingungen herrschen.

Chorthippus dorsatus siedelt schwerpunktmäßig auf mäßig feuchten Wiesen, besonders auf Streuwiesen im Randbereich von Mooren, aber auch an trockeneren Stellen.

Dementsprechend kommt die Art in anderen Schafweiden des Heubergs und benachbarten Oberen Donautales nicht vor.

Das Vorkommen von Zwitscher-Heupferd (Tettigonia cantans) und Grünem Heupferd (T.viridissima) unmittelbar nebeneinader im Gebiet ist für die Alb-Hochfläche außergewöhnlich.

Im Allgemeinen findet sich auf der Hochfläche nur das Zwitscher-Heupferd (z.B. Alter Berg, Böttingen) und im nördlichen Alb-Vorland nur das Grüne Heupferd.

Das Grüne Heupferd ist die Art des Flachlandes und das Zwitscher-Heupferd die Gebirgsform.

Auch im oberen Donautal (zwischen Geisingen und Gutenstein) das sich südlich anschließt, kommt überwiegend das Zwitscher-Heupferd und nur selten beide Arten gemeinsam vor.

Möglicherweise wird die Artverbreitung durch Unterschiede in der Bodenqualität beeinflußt:

das Zwitscher-Heupferd siedelt auf Verwitterungsböden auf anstehendem Stein im Bergland bzw. auf Böden mit höherem Lehmanteil,

wohingegen das Grüne Heupferd auf leichten Böden aus Sand, lehmigem Sand bis stark lehmigem Sand zu finden ist.

 

5. Wertung

Mit dem geplanten Naturschutzgebiet „Grasmutter" kann eine weitere Wacholderheide, die bislang nur den Status eines Landschaftsschutzgebietes innehatte als Dokument früherer extensiver Wirtschaftsweise mit den von dieser Nutzung abhängigen Tier- und Pflanzenlebensgemeinschaften erhalten werden.

Sollen die noch heute auf dem Heuberg verbliebenen Wacholderheiden ihre Funktion als landschaftsbestimmende Elemente, sowie als Lebensraum für gefährdete Tier- und Pflanzenarten behalten, so ist ihre Ausweisung als Naturschutzgebiet unbedingt erforderlich, vorausgesetzt es kann gleichzeitig gewährleistet werden, das Gebiet durch Pflegemaßnhhmen in einem beweidungsfähigen Zustand zu erhalten, um es auf jeden Fall wieder der regelmäßigen Schafbeweidung zuzuführen.

 

6. Schutz- und Pflegemaßnahmen

Um den schutzwürdigen Zustand zu erhalten bzw. noch zu verbessern ist in aller Regel die Fortsetzung der historischen Nutzung die geeignete Methode.

Dies ist in Wacholderheiden jedoch oft nur noch in modifizierter Form möglich.

Die Schafherden sind heute in aller Regel größer und die Schafrasse ist nicht mehr dieselbe.

Heute wird überwiegend auf Fleischproduktion gezüchtet.

Das Interesse des Schäfers, etwas länger auf einer mageren Wacholderheide zu weiden ist dadurch sehr gering geworden.

Mechanisches Offenhalten der Fläche ist auch bei Schafbeweidung erforderlich, jedoch ungleich aufwendiger, wenn keine Beweidung mehr stattfindet.

Durch Mahd in bestimmten Abständen läßt sich jedenfalls ein gewisser Nährstoffentzug erreichen.

Andererseits verändert sich ohne Beweidung der Charakter der Heide, die Artenzusammensetzung verschiebt sich und es kommen höherwüchsige, konkurrenzkräftigere Arten zur Dominanz.

Durch intensive Pflegemaßnahmen wurde der Zustand des geplanten Naturschutzgebietes und bestehenden Landschaftsschutzgebietes in den vergangenen Jahren erheblich verbessert.

Das Entfernen zahlreicher Gehölzflächen führte zu einer erheblichen Vergrößerung der baum- und gebüscharmen Flächen, wobei andererseits gezielt einzelne Bäume belassen wurden, um die so für viele Vogel- und Insektenarten optimale, halboffene Struktur der Landschaft zu bekommen.

Noch sind allerdings weitere Enthurstungsmaßnahmen erforderlich, um das Gebiet in einen optimalen Zustand zu bringen.

Quer durch das Schutzgebiet verläuft eine Skilanglauf-Loipe, auf der im Sommer eifrig gejoggt wird.

Zumindest im Winter sollte die Schutzgebietsfläche in völliger Schneeruhe belassen werden und dementsprechend die Loipe auf den Hauptweg an der Südostgrenze des Schutzgebietes entlang des Hochwaldes verlegt werden.

Auch dieser Weg verläuft noch innerhalb des Naturschutzgebietes.

Um störungsempfindlichen Vogelarten wenigstens gewisse Rückzugsbereiche zu garantieren, ist es erforderlich, das Verlassen der zahlreichen Wege im geplanten Schutzgebiet zu verbieten.

Es wäre wichtig langfristig auch die Zahl dieser Wege zu verringern.

Als zukünftige Nutzung darf im geplanten Schutzgebiet nur die extensive Schafbeweidung ohne Pferchen und Koppeln zulässig sein und die jagdliche Nutzung nicht intensiviert werden.

Derzeit besteht ein Hochsitz am Westrand von Flst. Nr. 4922.

Weitere Verbesserungen, insbesondere des Nährstoffhaushaltes im geplanten Schutzgebiet ließen sich durch Extensivierung der an das Schutzgebiet angrenzenden Wiesenflächen auf den Flurstücken Nrn. 4761, 4766, 4887, 4908, 4918, 4923, 4927, 4928, 4933 und 4935 erreichen.

Die von der auf Flst. Nr. 4887 stehenden Fichtenaufforstung ausgehende Barrierenwirkung läßt sich nur durch ein Entfernen dieser Aufforstung erreichen.

 

 

 

Witschel, Dr. M. (1995)