3.234 Kohlersloch

 

Würdigung

 

 

1. Gebietsbeschreibung

Charakterisierung: Mosaik aus beweideten Magerrasen, Gehölzen und Wäldern

Lage: Westlich von Elzach-Oberprechtal (MTB 7714)

Naturraum: Mittlerer Talschwarzwald

Höhe: 450 bis 640 m ü. NN

Fläche: rund 18 ha

Geologie: Gneis (Syenit)

Klima: Mittlere Jahrestemperatur 7-8° C Mittlere jährliche Niederschlagssumme ca. 1300-1400 mm (Elzach-Oberprechtal 1350 mm) Durch Südexposition rel. warmes Lokalklima

Bodennutzung: Großteils beweidet (Rinder und Schafe), z.T. auch „Waldweide", ansonsten Wald

 

2. Schutzwürdigkeit (1-4)

 

2.1. Vegetation

 

2.1.1. Magerrasen und Weiden

Magerrasen kommen über das Gebiet verstreut in unterschiedlicher Ausprägung vor:

In der Regel handelt es sich um beweidete Borstgrasrasen (Polygalo-Nardetum)-, in denen neben allgemein verbreiteten Magerkeitszeigern wie

Kleines Habichtskraut (Hieracium pilosella), Arznei-Thymian (Thymus pulegioides), Blutwurz (Potentilla erecta), Hunds-Veilchen (Viola canina),

auch wärmeliebende, basenreiche Böden anzeigende Arten vorkommen, so z.B.

Silberdistel (Carlina acaulis), Golddistel (Carlina vulgaris) und, Kriechende Hauhechel (Ononis repens).

Bemerkenswerte Grasart ist neben dem Borstgras (Nardus stricta) der Dreizahn (Danthonia decumbens).

Vereinzelt kommt auch Wacholder (Juniperus communis) vor.

Die größte floristische Besonderheit ist das Vorkommen einer stattlichen Population des Herbst-Schraubenstendels (Spiranthes spiralis), einer vom Aussterben bedrohten Orchideenart, auf einer Rinderweide im Norden des Gebiets.

Im zeitigen Frühjahr blüht hier eine andere, stark gefährdete Orchidee, das Kleine Knabenkraut (Orchis morio).

Auch das Stattliche Knabenkraut (Orchis mascula) kommt im Gebiet vor.

An flachgründigen, z.T. gestörten Stellen wachsen Pionierarten wie Ausdauerndes Knäuelkraut (Scleranthus perennis), Ausdauernde Sandrapunzel (Jasione laevis) und - teilweise massenhaft - der seltene Bauernsenf (Teesdalia nudicaulis).

Bereichsweise sind die Magerweiden auch mit Besenginster (Cytisus Sarothamnus scoparius) durchsetzt.

Diese Bestände sind Relikte der ehemals im mittleren Schwarzwald verbreiteten Reutweidewirtschaft; durch das damit verbundene periodische Abbrennen der Flächen wurde die Ansiedlung des Besenginsters gefördert.

Weitere bezeichnende Arten dieser Besenginsterweiden (Sarothamno-Nardetum bzw. Sarothamnus-Ausbildung des Polygalo-Nardetum) sind z.B. Brombeere (Rubus fruticosus agg.), Weiches Honiggras (Holcus mollis) und Salbei-Gamander (Teucrium scorodonia).

Auf sehr extensiv beweideten Flächen dominieren stellenweise Heidekraut (Calluna vulgaris) oder Heidelbeere (Vaccinium myrtillus).

 

2.1.2. Feuchtgrünland

In die Weideflächen eingestreut finden sich stellenweise feuchte, quellige Rinnen.

In der Regel handelt es sich dabei um eine kleinseggenreiche Ausbildung der Silikatbinsen-Wiese (Juncetum acutiflori), kleinflächig auch um Flachmoorbereiche, die dem Sumpfherzblatt-Braunseggensumpf (Parnassio-Caricetum) zugeordnet werden können.

Diese Bestände enthalten eine Reihe seltener und gefährdeter Arten, wie z.B.

Breitblättr. Knabenkraut (Dactylorhiza majalis agg.), Wald-Läusekraut (Pedicularis sylvatica), Gelbe Segge (Carex flava agg.), Schmalblättriges Wollgras (Eriophorum angustifolium), Moor-Labkraut (Galium uliginosum), Borsten-Moorbinse (Isolepis setacea), Faden-Binse (Juncus filiformis), Herzblatt (Parnassia palustris), Sumpf-Veilchen (Viola palustris) und Fieberklee (Menyanthes trifoliata).

An stärker gestörten Stellen tritt vermehrt die Flatterbinse (Juncus effusus) hinzu.

 

2.1.3. Gehölze und Wälder

Der Übergang zwischen Weide und Wald ist im Gebiet fließend; die Beweidung reicht teilweise bis in fast geschlossene Waldbestände hinein, so daß hier ein Modell für die ehemals in weiten Bereichen durchgeführte Waldweide vorliegt.

Im beweideten Bereich finden sich meist strukturreiche, niederwaldartige Bestände mit

Stiel-Eiche (Quercus robur), Esche (Fraxinus excelsior), Berg-Ahorn (Acer pseudoplatanus), Süß-Kirsche (Prunus avium), Hainbuche (Carpinus betulus) und Hänge-Birke (Betula pendula),

deren Anteil am Bestandsaufbau kleinräumig wechselt.

Unter ihrem lichten Kronendach ist eine reiche Strauchschicht entwickelt aus

Hasel (Corylus avellana), Eingriffligem Weißdorn (Crataegus monogyna), Hunds-Rose (Rosa canina agg.), Faulbaum (Frangula alnus), Besenginster (Cytisus scoparius) und Stechpalme (Ilex aquifolium).

Hangaufwärts nehmen die Deckung der Baumschicht und der Anteil an Fichte (Picea abies) und Buche (Fagus sylvatica) allmählich zu.

In einer Hangmulde im Westen des Gebiets herrscht die Schwarz-Erle (Alnus glutinosa) vor, deren zahlreiche Stockausschläge auf eine (ehemalige) Niederwaldbewirtschaftung hinweisen.

Die farnreiche Krautschicht mit Arten wie

Gewöhnlicher Dornfarn (Dryopteris carthusiana agg.), Männlicher Wurmfarn (Dryopteris filix-mas agg.), Wald-Frauenfarn (Athyrium filix-femina), Wald-Sauerklee (Oxalis acetosella), Fuchs-Kreuzkraut (Senecio fuchsii) und Berg-Ehrenpreis (Veronica montana)

zeigt frische bis feuchte Standortsverhältnisse an.

 

2.2. Fauna

 

2.2.1. Vögel

Der Strukturreichtum des Gebiets und insbesondere der Wechsel von offenen und bewaldeten bzw. verbuschten Flächen kommt den Lebensraumansprüchen vieler Vogelarten entgegen.

Stellvertretend ist hier der Fitis (Phylloscopus trochilus) zu nennen.

In den Waldbereichen kommen u.a. Schwarzspecht (Dryocopus martius), Waldlaubsänger (Phylloscopus sibilatrix) und Sommergoldhähnchen (Regulus ignicapillus) vor.

Weitere, z.T. stark gefährdete Arten treten in der Umgebung des geplanten Schutzgebiets auf (z.B. Haselhuhn, Waldschnepfe, Grauspecht, Grünspecht, Kleinspecht, Baumpieper und Neuntöter), konnten aber im Gebiet selbst bisher nicht nachgewiesen werden.

 

2.2.2. Insekten

Unter den Insekten wurden bisher die Heuschrecken, Ameisen und Käfer (z.T.) des Gebiets erfaßt.

Die Heuschreckenfauna weist einige bemerkenswerte Arten auf: Der Buntbäuchige Grashüpfer (Omocestus ventralis) ist eine wärmeliebende Art, die vegetationsarme Stellen in der Nähe von Waldrändern oder Gebüschen bevorzugt.

In feuchten Wiesen bzw. Weiden sind zwei weitere gefährdete Arten zu finden, der Wiesengrashüpfer (Chorthippus dorsatus) und der Sumpfgrashüpfer (Chorthippus montanus)

Auch für die Ameisen bieten Extensivweiden mit ihrem Strukturreichtum optimale Lebensbedingungen.

Eine wärme- und trockenheitsliebende Art des Offenlands ist die Schwarze Drüsenameise (Tapinoma erraticum, aufgrund der schweren Unterscheidbarkeit hier mit der Zwillingsart T. ambiguum zusammengefaßt).

Dieses Artenpaar konnte besonders häufig auf dem Besenginster festgestellt werden.

In den trockenwarmen Nadel- und Mischwäldern des Gebiets kommt die Rote Waldameise (Formica rufa) vor.

Praktisch ausschließlich auf dem Besenginster lebt eine Käferart aus der Gruppe der Spitzmaulrüssler (Apion immune), die in manchen Gebieten deutlich zurückgegangen ist und in Baden-Württemberg als gefährdet gilt.

 

3. Schutzbedürftigkeit

 

3.1. Beeinträchtigungen

Als Beeinträchtigung kann die teilweise fortgeschrittene Verbuschung der Extensivweiden bewertet werden.

Ansonsten ist das Gebiet aus der Sicht des Naturschutzes in einem sehr guten Zustand.

 

3.2. Gefährdungen

Die größte potentielle Gefährdung besteht in einer Aufgabe oder deutlichen Änderung der extensiven Beweidung des Gebiets, die ein struktur- und artenreiches Vegetationsmosaik gewährleistet.

Das Gebiet wird derzeit wenig von Besuchern frequentiert; dies sollte auch so bleiben.

 

4. Schutzzweck

 

4.1. Bewertung

Im „Kohlersloch" blieb auf kleinem Raum ein sehr struktur- und artenreiches Mosaik aus Magerweiden, Feuchtflächen, Gebüschen und verschiedenen Waldtypen erhalten, wie es nur noch sehr selten zu finden ist.

Die im Gebiet noch durchgeführte extensive Beweidung mit verschiedenen Tierarten (Rindern, Schafen, wohl auch Ziegen) kann in dieser Form fast als „archaisch" bezeichnet werden und kommt den Zielen des Naturschutzes in optimaler Weise entgegen.

Von besonderem Interesse für den botanischen Artenschutz ist das Vorkommen des vom Aussterben bedrohten Herbst-Schraubenstendels (Spiranthes spiralis); daneben kommen eine Reihe weiterer seltener und gefährdeter Tier- und Pflanzenarten vor.

Das Gebiet beinhaltet mehrere in der FFH-Richtlinie aufgeführte, darunter 2 prioritäre Lebensräume (s. Anhang)

 

4.2. Erforderlichkeit der Unterschutzstellung

Die Erforderlichkeit der Unterschutzstellung als Naturschutzgebiet nach § 21 NatSchG ergibt sich aus der hohen Wertigkeit des Gebiets im Zusammenhang mit den unter Punkt 3 aufgeführten Gefährdungen und Beeinträchtigungen.

Durch die Schutzgebietsausweisung sollen insbesondere die Aufrechterhaltung der extensiven Beweidung und die erforderlichen Pflegemaßnahmen gewährleistet und unterstützt werden.

 

5. Besondere Verbote und Nutzungsbeschränkungen

Über die im Verordnungsmuster für Naturschutzgebiete vorgesehenen Regelungen hinaus sind keine besonderen Verbote erforderlich.

Für die Beweidung ist eine Obergrenze von 1 Großvieheinheit/ha festzulegen.

Eine Düngung sollte untersagt, ggf. auf eine gelegentliche Erhaltungsdüngung beschränkt werden.

Für die forstwirtschaftliche Nutzung sollte eine femelartige Bewirtschaftung (einzelstamm- oder gruppenweise Nutzung) vorgeschrieben bzw. Kahlhiebe über eine bestimmte Flächengröße (0,5 ha) untersagt werden.

Da im Gebiet bereits ein ausreichendes Wegenetz vorhanden ist, wird ein Neu- oder Ausbau von Wegen nicht für notwendig erachtet und sollte bei Bedarf nur im Einvernehmen mit der Naturschutzverwaltung erfolgen.

Die weitere Aufforstung landwirtschaftlich genutzter bzw. offener Flächen ist in jedem Fall zu unterbinden.

Da viele der hier vorkommenden gefährdeten Arten auf offene Flächen angewiesen sind, darf deren in jüngerer Zeit ohnehin drastisch zurückgegangener Anteil aus ökologischer Sicht nicht noch geringer werden.

Die Jagd kann weiterhin ausgeübt werden, die Errichtung jagdlicher Einrichtungen (Hochsitze, Fütterungen, Kirrungen usw.) sollte allerdings unterbleiben oder allenfalls nach Abstimmung mit der höheren Naturschutzbehörde erfolgen.

Ob die Fischerei in den unbedeutenden Gewässern ausgeübt wird, ist nicht bekannt.

Eine ordnungsgemäße Fischerei kann vom Grundsatz her zugelassen werden.

 

6. Vorschläge zur Pflege und Entwicklung

Wichtigste „Pflegemaßnahme" ist die Aufrechterhaltung der extensiven Beweidung in bisheriger Art und bisherigem Umfang.

In diesem Zusammenhang müssen aufkommende Büsche und Bäume immer wieder zurückgedrängt werden, um genügend offene Flächen für die Beweidung und auch die an diese Flächen gebundenen Tier- und Pflanzenarten zu erhalten.

Ziel der Pflegemaßnahmen sollte u.a. sein, bisher isolierte Magerrasen-Kleinflächen miteinander zu verbinden.

Was die ehemaligen Niederwälder betrifft, ist in Erwägung zu ziehen, zumindest Teilbereiche niederwaldartig zu nutzen, d.h. in größeren Zeitabständen auf den Stock zu setzen.

Ansonsten sind artenreiche Laubmischwälder zu erhalten und zu fördern.

 

7. Zusammenfassung

Beim geplanten Naturschutzgebiet „Kohlersloch" im mittleren Schwarzwald bei Elzach-Oberprechtal handelt es sich um ein sehr struktur- und artenreiches Mosaik aus Magerweiden, Feuchtflächen, Gebüschen und verschiedenen Waldtypen, wie es nur noch sehr selten zu finden ist.

Die im Gebiet noch durchgeführte extensive Beweidung mit verschiedenen Tierarten kann in dieser Form fast als „archaisch" bezeichnet werden und kommt den Zielen des Naturschutzes in optimaler Weise entgegen.

Von besonderem Interesse für den botanischen Artenschutz ist das Vorkommen des vom Aussterben bedrohten Herbst-Schraubenstendels (Spiranthes spiralis).

Durch die Schutzgebietsausweisung sollen insbesondere die Aufrechterhaltung der extensiven Beweidung und die erforderlichen Pflegemaßnahmen gewährleistet und unterstützt werden.

 

 

 

Bezirksstelle für Naturschutz und Landschaftspflege

 

Freiburg, den 05.10.95

 

 

Dr. Seitz, Oberkonservator

 

Gesehen: Dr. Meineke, Landeskonservator