3.238 Bühler Moos

 

Würdigung

 

 

Zum geplanten Naturschutzgebiet „Bühler Moos" Gemeinde Öhningen, Gemarkung Öhningen, Landkreis Konstanz

 

1. Gebietsbeschreibung

Charakterisierung: Südexponierter Hangbereich des Schienerberges mit Magerrasen, Hangquellmooren, Extensivweiden und Wiesen

Lage: Nordöstlich der Gemeinde Öhnigen am Fuße des „Aspenholz"

Naturraum: Bodenseebecken-Schienerberg

Höhe: 500-550 m ü NN

Fläche: ca. 18 ha

Geologie: Grundmoräne der Würmeiszeit, Obere Süßwassermolasse

Klima: Mild mit Jahresmitteltemperaturen von ca. 8,5° C, mittlere Jahresniederschläge ca. 900 mm

Bodennutzung: Wald oberhalb angrenzend und in Feuchtgebieten sich ausbreitend, Grünland an hängigen und feuchten Standorten, Äcker in gering geneigten trockenen Bereichen

Landschaftsentstehung: Würmeiszeitlich überprägte Hänge des aus Molasse aufgebauten Schiener Berges

 

2. Schutzwürdigkeit

 

2.1. Vegetation

 

2.1.1. Hangmoore und Feuchtgrünland

Kernstück des geplanten Schutzgebietes sind ähnlich dem westlich angrenzenden Naturschutzgebiet „Hangried Schrännen" Quellhorizonte, die zur Ausbildung typischer Hangmoore geführt haben.

Durch die unruhige Topographie des Gebietes und die unterschiedliche Beschaffenheit des Untergrundes im Bereich der Molasseablagerungen verzahnen sich diese Feuchtflächen jedoch auf kleinstem Raum mit trockenen und wechseltrockenen Magerrasen, so daß die im Gutachten vollzogene Trennung der Biotope nur z.T.  einer deutlichen räumlichen Trennung im Gelände entspricht.

Die unmittelbare Umgebung von Quellaustritten wird meist vom Kopfbinsenried (Primulo-Schoenetum) eingenommen, welches sich aus folgenden Arten in unterschiedlicher Häufigkeit zusammensetzt:

Breitblättriges Wollgras (Eriophorum latifolium), Davalls-Segge (Carex davalliana,) Einspelzige Sumpfbinse (Eleocharis uniglumis), Gelbe Segge (Carex flava), Gewöhnliche Simsenlilie (Tofieldia calyculata), Gewöhnliches Fettkraut (Pinguicula vulgaris), Herzblatt (Parnassia palustris), Lücken-Segge (Carex distans), Mehl-Primel (Primula farinosa), Saum-Segge (Carex hostiana), Schlauch-Enzian (Gentiana utriculosa), Schwarzes Kopfriet (Schoenus nigricans) und Traunsteiners Knabenkraut (Dactylorhiza traunsteineri).

Etwas nährstoffreichere Stellen, bisweilen auch quellige Bereiche im Wirtschaftsgrünland besiedelt das Knotenbinsenried (Juncetum subnodulos) an dessen Aufbau sich oft Kleinseggen wie Davall-Segge (Carex davalliana) beteiligen.

Weitere Pflanzengesellschaften feuchter Standorte sind

das Sumpfseggenried (Caricetum acutiformis), das Schnabelseggenried (Caricetum rostratae) und Bereiche mit faziesbildender Einspelziger Sumpfbinse (Eleocharis uniglumis).

Die aufgeführten Bestände werden traditionell extensivst beweidet, was der Kleinstrukturierung durch differenzierte Trittbelastung (Rohboden) und Abweidung offensichtlich zugute kommt.

Typische großflächige Ausbildungen von Pfeifengraswiesen (Molinietum caeruleae) kommen im Gebiet nicht vor.

Es finden sich jedoch großflächig Übergänge zu den Halbtrockenrasen (Molinia caerulea-Mesobromion-Gesellschaft), gekennzeichnet durch Arten wie z.B.

die Aufrechte Trespe (Bromus erectus), die Fieder-Zwenke (Brachypodium pinnatum) und das Weidenblättrige Ochsenauge (Buphthalmum salicifolium).

GRÜTTNER (1990) führt dazu aus: „Die Molinia caerulea-Mesobromion-Gesellschaft ist charakteristisch für Hangquellmoore, in denen sie oft ein eng verzahntes Mosaik mit Quellmoorgesellschaften bildet.

Sie findet sich jedoch auch gelegentlich in Talmooren in Randbereichen oder an etwas herausgewölbten Stellen im Kontakt zu Molinieten".

 

2.1.2. Glatthaferwiesen

Vornehmlich im Gewann „Steinetenweg", also westlich des „Bühler Moos", finden sich Glatthaferwiesen unterschiedlicher Ausprägung.

Artenreiche Bestände in hängiger Lage können als Salbei-Glatthaferwiesen (Arrhenatheretum salvietosum) und Trespen-Glatthaferwiesen (Arrhenatheretum brometosum) beschrieben werden.

Zum Blütenreichtum tragen folgende Arten bei:

Wiesen-Flockenblume (Centaurea jacea), Gewöhnliche Margerite (Chrysanthemum leucantemum), Wiesen-Knautie (Knautia arvensis), Futter-Esparsette (Onobrychis viciifolia), Knolliger Hahnenfuß (Ranunculus bulbosus), Zottiger Klappertopf (Rhinanthus alectorolophus), Wiesen-Salbei (Salvia pratensis) und Wiesen-Bocksbart (Tragopogon pratensis).

 

2.1.3. Kalkmagerrasen

Die kalkreichen Schichten der Oberen Süßwassermolasse und teilweise auch der Grundmoräne führen bei entsprechender Exposition und Nutzung zur Ausbildung artenreicher Kalkmagerrasen (Mesobrometum).

Mergelreiche Böden mit unausgeglichenem Wasserhaushalt verbessern die Chancen für konkurrenzschwache Pflanzenarten wie z.B. Orchideen, deren Vorkommen zusammen mit anderen Arten zur überregionalen Bedeutung des Gebietes beitragen.

Insgesamt sind für diesen Biotoptyp folgende Arten zu nennen:

Frühlings-Enzian (Gentiana verna), Schlauch-Enzian (Gentiana utriculosa), Stengellose Kratzdistel (Cirsium acaule), Karthäuser-Nelke (Dianthus carthusianorum), Großblütige Brunelle (Prunella grandiflora), Spargelschote (Tetragonolobus maritimus), Wiesen-Leinblatt (Thesium pyrenaicum), Hundswurz (Anacamptis pyramidalis), Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera), Brand-Knabenkraut (Orchis ustulata) und Kleines Knabenkraut (Orchis morio).

An Wald und Gebüschrändern, wo die Nutzung durch Schnitt und vor allem Weidevieh nachläßt, konnten sich in den Magerrasen Saumarten erhalten und ausbreiten.

Zu diesen gehören:

Berg-Klee (Trifolium montanum), Kalk-Aster (Aster amellus), Schwarze Akelei (Aquilegia atrata) und Weidenblättriges Ochsenauge (Buphthalmum salicifolium).

 

2.1.4. Vorwaldgesellschaften und Gebüsche

Auf den trockenen Standorten ist vor allem der Schlehen-Liguster-Busch (Pruno-Ligustretum) anzutreffen bzw. durch die Beweidung ausgelesene Fragmente dieser Gesellschaft.

So sind vor allem in der Jungviehweide z.T. reine Dornstrauchgebüsche mit Schlehe und Weißdorn entwickelt, dabei stehen diese Sträucher teilweise als Einzelpflanzen, teilweise bilden sie auch größere Gebüschgruppen, wo sich dann im Schutz der Dornsträucher auch andere Gehölzarten ansiedeln können.

An feuchten und nassen Stellen treten Weidengebüsche auf, wobei vor allem die Schwarzweide (Salix myrsinifolia) dominiert.

Purpurweide (Salix purpurea) und seltener auch Grau-Weide (Salix cinerea) sind beigemischt; im Bereich der Teiche finden sich auch einzelne junge Silber-Weiden (Salix alba).

 

2.1.5. Wälder und Gehölze

Im Mosaik der Weiden und Brachflächen sind immer wieder auch größere Baumgruppen entwickelt.

An feuchten Stellen stocken Schwarzerlen-Wäldchen (Alnus glutinosa), die vermutlich nicht auf Anpflanzung zurückgehen.

Ein wegbegleitender Streifen von Grau-Erle (Alnus incana) wurde hingegen gepflanzt.

Auf potentiellen Rotbuchenstandorten finden sich Pionierwaldinseln, die sich mit Sicherheit spontan entwickelt haben.

Hier treten gemeinsam mit Pionierwaldarten wie

Sal-Weide (Salix caprea), Espe (Populus tremula), Hasel (Corylus avellana), Hänge-Birke (Betula pendula) auch einzelne Buchen (Fagus sylvatica), Stiel-Eichen (Quercus robur) und Süß-Kirschen (Prunus avium) auf.

Besonders naturnah ausgebildet ist die tief und eng in die Molasse eingeschnittene Bachaue des Klingerbaches oberhalb des Bruderhofes.

Entlang der gewässerbegleitenden Steilhänge tritt verbreitet kalkreiches Hangwasser aus und führt zu Sinterbildungen, deren Umfeld von dichten Beständen des Winter-Schachtelhalms (Eqisetum hyemale) eingenommen werden.

In der Baumschicht dominieren Schwarzerle (Alnus glutinosa), Esche (Fraxinus excelsior) und Traubenkirsche (Prunus padus).

Der Geophytenreichtum verleiht der Krautschicht im Frühjahr einen farbenprächtigen Aspekt; insgesamt sind zu nennen:

Bärlauch (Allium ursinum), Aronstab (Arum maculatum), Sumpfdotterblume (Caltha palustris), Echte Brunnenkresse (Nasturtium officinale agg.), Stattliches Knabenkraut (Orchis mascula), Große Schlüsselblume (Primula elatior) und Einbeere (Paris quadrifolia).

Als Einzelbäume finden sich neben Stieleichen, die als schattenspendende Weidbäume dienen, u.a. einige Exemplare der Walnuß (Juglans regia) und ein alter Birnbaum  (Pyrus communis).

 

2.2. Fauna

Der große Artenreichtum, die Vielzahl z.T. seltener Blütenpflanzen, vor allem in den Halbtrockenrasen, und die vielfältigen, oft wärmebegünstigten Standortsverhältnisse sind die Grundlage für die große Bedeutung des Gebietes für blütenbesuchende Insekten, insbesondere Schmetterlings- und Hautflügler-Arten.

Hervorzuheben sind unter den Schmetterlingen die Vorkommen von Baldrian-Scheckenfalter (Melitaea diamina) und Hufeisenklee-Widderchen (Zygaena hippocrepidis).

Die Sickerfluren und Quellabflüsse sind Lebensraum zahlreicher Libellenarten.

Einige stark gefährdete und vom Aussterben bedrohte Arten konnten hier nachgewiesen werden, darunter der Kleine Blaupfeil (Orthetrum coerulescens) und die Zweigestreifte Quelljungfer (Cordulegaster boltonii).

Unter den Heuschrecken-Arten sind die teils individuenreichen Vorkommen der Sumpfgrille (Pteronemobius heydenii) zu erwähnen.

Auch Vogelarten profitieren vom Strukturreichtum des Gebietes, so stellt das „Bühler Moos" beispielsweise für den Neuntöter einen idealen Lebensraum dar.

Zahlreiche Dornsträucher bieten reichliche Nistmöglichkeiten, die bunten insektenreichen Halbtrockenrasen liefern Nahrung, die extensive Bewirtschaftung der Flächen und die abseitige Lage garantiert die notwendige Störungsarmut.

 

3. Schutzbedürftigkeit

 

3.1. Beeinträchtigungen

Unter dem Druck des landwirtschaftlichen Strukturwandels sind kleinräumig gegliederte hängige Gebiete von geringer Produktivität klassische Problemflächen für die Bewirtschafter.

Sie wurden bereits zu einem Teil aus der Nutzung entlassen und drohen zu verbuschen oder aufgeforstet zu werden.

Gleichzeitig ist auf einigen wenigen Flächen eine Nutzungsintensivierung zu beobachten, die dann auch negative Auswirkungen auf Nachbarflächen nach sich zieht.

Als Glücksfall kann in diesem Zusammenhang die extensive Beweidug durch die Rinder eines benachbarten Hofes angeführt werden.

In der jüngsten Vergangenheit war eine erhebliche Beeinträchtigung durch die Fassung einer Quelle im Ostteil des Gebietes festzustellen.

 

3.2. Gefährdungen

Potentielle Gefährdungen erwachsen weiterhin aus der Art und Intensität der landwirtschaftlichen Nutzung, die auf absehbare Zeit ohne die ökonomischen Rahmenbedingungen für eine naturschutzorientierte Bewirtschaftung erfolgen wird.

Damit verbunden ist die Gefahr der Nutzungsaufgabe oder Aufforstung von wenig rentablem Grünland wie z.B. Salbei-Glatthaferwiesen, deren Bestand nicht durch den § 24a Naturschutzgesetz gesichert ist.

Die dauerhafte Sicherung des gesamten Hangabschnittes gerade auch in Verbindung mit dem benachbarten Naturschutzgebiet „Hangried Schrännen" für den Arten und Biotopschutz macht die Ausweisung des geplanten Schutzgebietes erforderlich.

 

4. Schutzzweck

 

4.1. Bewertung

Das geplante Naturschutzgebiet „Bühler Moos" beinhaltet ein reiches Mosaik von Magerrasen, Feuchtgebieten, Gebüschen und naturnahen Wäldern.

Landesweit stark bedrohte Pflanzengesellschaften finden sich hier z.T. in typischer Ausprägung (Kopfbinsenried, wechseltrockene Kalkmagerrasen), zahlreiche Arten höherer Pflanzen der Roten Liste treten in diesen Lebensräumen mit z.T. großen Individuenzahlen auf.

Auch unter dem Gesichtspunkt der Biotopvernetzung spielt das „Bühler Moos" mit seiner zentralen Lage am Südhang des Schiener Berges und der Verbindung zum NSG „Hangried Schrännen" eine wichtige Rolle.

Obwohl verhältnismäßig klein, sind im geplanten Schutzgebiet mit den oben beschriebenen Vegetationseinheiten die repräsentativen Lebensräume des Schiener Berges vetreten.

In Zusammenhang mit einer gleichermaßen großen faunistischen Bedeutung bedingen diese Faktoren die hohe Schutzwürdigkeit des Gebietes.

 

4.2. Erforderlichkeit der Unterschutzstellung

Die Erforderlichkeit der Unterschutzstellung als Naturschutzgebiet nach § 21 Naturschutzgesetzt ergibt sich aus der hohen Wertigkeit im Zusammenhang den unter Punkt 3 aufgeführten Beeinträchtigungen und Gefährdungen.

 

5. Besondere Verbote und Nutzungsbeschränkungen

Die Intensität der landwirtschaftlichen Nutzung magerer und feuchter Grünlandbereiche muß bezüglich der Düngung zumindest auf dem jetztigen Niveau festgehalten werden, um die Erhaltung der Bestände zu sichern; die Vorgabe von Schnittzeitpunkten ist nicht erforderlich.

Die bisherigen Ackerflächen können weiter als solche genutzt werden.

Die Jagd kann weiterhin ausgeübt werden, die Errichtung jagdlicher Einrichtungen sowie von Kirrungen insbesondere auf den sensiblen schutzwüdigen Feuchtflächen ist zu untersagen.

Angesichts der hohen floristischen und faunistischen Wertigkeit und Sensibilität des Gebietes ist ein Wegegebot vorzusehen.

 

6. Vorschläge zur Pflege und Entwicklung

Entscheidend für den Erhalt des Kerngebietes ist die Fortsetzung der extensiven Beweidung im Gewann „Bühler Moos".

Sie sichert sowohl die Erhaltung der schutzwürdigen Grünlandbestände als auch des Strukturreichtums im östlichen Gebietsteil.

Für die übrigen, gemähten Grünlandflächen ist eine extensive Nutzung ohne Dünger bzw. mit Festmist wünschenswert.

Der Abschluß von Pflege- und Extensivierungsverträgen - wie bereits in Teilflächen geschehen - kann eine naturverträgliche Nutzung für die Bewirtschaftung finanziell absichern.

Die v.a. im Westteil des Gebiets befindlichen Äcker liegen alle bis auf eine Ausnahme auf landeseigenen Grundstücken und grenzen oft an schutzwürdige Flächen auf demselben Grundstück.

Mit der Einbeziehung der Gesamtfläche in das geplante Schutzgebiet wird eine für den Naturschutz positive Nutzungsentwicklung (Extensivierung, Umwandlung in Grünland) erleichtert.

 

7. Zusammenfassung

Das geplante Naturschutzgebiet „Bühler Moos" beherbergt ein vielfältiges Mosaik verschiedener typischer Lebensräume der Kulturlandschaft des Schiener Berges.

Im geplanten Schutzgebiet herrschen artenreiche Grünlandgesellschaften insbesondere Feuchtwiesen, Hangmoore, Kalkmagerrasen und Glatthaferwiesen vor.

Gegliedert wird das Gebiet durch zahlreiche Gebüschbestände und Heckenzüge, nach Norden schließen sich naturnahe und standortstypische Laubwälder an.

Im Westteil  grenzt das Gebiet unmittelbar an das bereits ausgewiesenen NSG „Hangried Schrännen" und bildet mit diesem eine ökologisch funktionale Einheit.

 

 

 

Bezirksstelle für Naturschutz und Landschaftspflege

 

Freiburg, den 19.11.1996

 

 

Genser

 

gesehen: Dr. Meinke Konservator Landeskonservator

 

 

8. Anhang

b) Lebensräume nach FFH-Richtlinie

3210: Natürliche und halbnatürliche Fließgewässerabschnitte

6210: Trespen-Schwingel-Kalk-Trockenrasen (Festuco-Brometalia) (besondere Bestände mit bemerkenswerten Orchideen)

6410: Pfeifengraswiesen auf kalkreichem Boden und Lehmboden (Eu-Molinion)

6430: Feuchte Hochstaudenfluren

6510: Magere Flachland-Mähwiesen (Alopecurus pratensis, Sanguisorba officinalis)

7220: Kalktuffquellen (Cratoneurion)

7230: Kalkreiche Niedermoore