4.037 Tannenhalde

 

Würdigung

 

 

Naturschutzgebiet „Tannenhalde"

 

Das nunmehr auf 33,2 ha erweiterte Naturschutzgebiet „Tannenhalde" umfaßt Hänge beiderseits des durch das Kohltal (Trockental zur Zwiefalter Ach) führenden Weges diesseits und jenseits der Landkreisgrenze Reutlingen-Biberach.

Eine intensive Forstwirtschaft war auf den bis ca. 80 m über den Talgrund ansteigenden, steilen und mit Felspartien und Geröllhalden duchsetzten Hängen nicht möglich.

Nach gelegentlicher Nutzung - selbst wenn sie teilweise im Kahlschlagbetrieb durchgeführt wurde - entwickelte sich aus Naturverjüngung (Aussaat und Stockausschlag) recht schnell wieder ein artenreicher Mischbestand.

Nur kleinflächig ist auf tiefgründigeren Böden gelegentlich reiner Fichtenforst gepflanzt worden, dessen weitere Entwicklung im Hinblick auf nunmehr unterbleibende Pflegeeingriffe (Naturschutzgebiet und Bannwald) wertvolle Erkenntnisse über die Umschichtung derartiger Bestände liefern wird.

Nahezu das gesamte Gebiet ist mit baumartenreichen, sehr naturnahen Waldgesellschaften bestockt, in denen besonders im Bereich des bereits bestehenden Naturschutzgebietes prächtige, alte Baumgestalten auffallen.

Die Wälder setzen sich zusammen aus Buche, Fichte, Bergahorn, Spitzahorn, Esche, Bergulme und Sommerlinde.

Das Naturschutzgebiet weist Expositionen nach nahezu allen Himmelsrichtungen auf.

Durch die stark wechselnden Verhältnisse im Kleinklima und durch verschiedenartige Bodentypen bedingt ist auch die Pflanzenwelt recht unterschiedliche ausgeprägt.

Die nach Süden, Südwesten und Westen gerichteten oberen Hangbereiche sind nahezu mit reiner Buche bestockt.

Hier dominiert der Orchideen-Buchenwald (Cephalanthera-Fagetum) mit vielen wärmeliebenden Arten wie z.B.:

Waldvögelein (Cephalanthera sp.) und Seggenarten (Carex montana u.a.).

Auf den felsigen Partien bleibt die Wuchskraft der Bäume besonders wegen der mangelnden Wasserversorgung so eingeschränkt, daß sie nurmehr gebüschartig wachsen.

Noch Jahrzehnt werden dort offene Flächen verbleiben, die Lebensraum für die Florenelemente der Steppenheide-, Trocken- und Halbtrockenrasengesellschaften bieten.

Die mittleren Hanglagen der oben genannten Expositionen und die oberen und mittleren Hanglagen aller übrigen Expositionen sind Wuchsorte für verschiedene, frische bis mäßig feuchte Buchenwaldgesellschaften wie Waldmeister-Buchenwald (Asperulo-Fagetum) oder Waldgersten-Buchenwald (Elymo-Fagetum) mit zahlreichen Subassoziationen.

Bedingt durch die steilen Hanglagen wechselt sowohl der Bodentyp als auch die Wasserversorgung oft sehr kleinflächig, so daß sich die verschiedenen Buchenwaldgesellschaften teilweise mosaikartig durchdringen.

Als charakteristische Pflanzenarten sind zu nennen:

Buschwindröschen (Anemone nemorosa), Aronstab (Arum maculatum), Wald-Segge (Carex sylvatica), Seidelbast (Daphne mezereum), Waldmeister (Galium odoratum), Waldhabichtskraut (Hieracium sylvaticum), Waldgerste (Hordelymus europaeus), Goldnessel (Lamium galeobdolon), Wald-Heckenkirsche (Lonicera xylosteum), Salomonsiegel (Polygonatum multiflorum), Wirbelblättrige Weißwurz (Polygonatum verticillatum), Lungenkraut (Pulmonaria officinalis) u.a.m.

Die unteren Hangpartien des relativ engen Tales mit ihrem kühlen und feuchten Kleinklima besiedelt der Eschen-Ahorn-Schluchtwald (Acero-Fraxinetum).

Eine vorläufige Artenliste dieser Pflanzengesellschaft ist beigefügt. die Böden sind stark steinig bis blockreich, teilweise sogar regelrechte Blockhalden mit organischer Kluftfüllung.

Ihre erosionsbedingte, zum Tal gerichtete Bewegung läßt sich besonders gut an den vielen säbelwüchsigen Bäumen erkennen.

Der Ahorn-Eschen-Schluchtwald kann als botanisch wertvollster Bestandteil des Schutzgebietes angesehen werden.

Aus dieser artenreichen Pflanzengesellschaft sind zwei Pflanzen besonders erwähnenswert:

die seltene Hirschzunge (Phyllitis scolopendrium) und die Alpen-Heckenkirsche (Lonicera alpigena).

Letztere tritt als praealpines Florenelement selten im Südwesten der Schwäbischen Alb und auf der Baar auf.

Die stark variierenden Bodenverhältnisse, die wechselnden Expositionen, die unterschiedlichen Kleinklima- und Feuchtigkeitsverhältnisse im Naturschutzgebiet „Tannenhalde", welche an der reichen Abfolge von Pflanzengesellschaften ablesbar sind, bieten einer äußerst artenreiche Tierwelt natürliche Lebensräume.

Die geschilderte Vielfältigkeit auf einer relativ kleinen Fläche erfordert strengen Schutz und absolute Erhaltung dieses Naturwaldreservates nicht zuletzt, um auch wissenschaftliche Untersuchungen über die natürliche Entwicklung unserer Wälder, die bisher auf relativ kurzfristige Beobachtungen angewiesen waren, auf Jahrhunderte hinaus Grundlagenmaterial liefern zu können.

Nördlich grenzt an das Naturschutz- und Bannwaldgebiet Schonwald an.

Die Auswirkungen von gezielten und auf die Standortverhältnisse abgestimmten forstlichen Maßnahmen können mit dem eingriffsfreien Bannwald verglichen werden.

Die Ergebnisse derartiger Beobachtungen und Untersuchungen sind besonders aussagekräftig, da die Standortverhältnisse der beiden unterschiedlich geschützten Waldbereiche gut miteinander vergleichbar sind.

 

 

 

Dr. Petermann

 

 

20.12.1976