4.104 Kapfhalde

 

Würdigung

 

 

Naturschutzgebiet „Kapfhalde“

 

Als Ergebnis der Biotopkartierung hat sich gezeigt und wiederum bestätigt, daß der rechte Steilhang des Starzeltals zwischen Bietenhausen und Frommenhausen als hervorragendes Gebiet der Wertklasse A zu bezeichnen ist und sich somit besonders schutzwürdig erweist.

Der etwa 80 m hohe Prallhang des oberen Muschelkalkes ist teils mit Trockengebüsch oder Trockenhangwald, teils mit Wacholderheide oder steppenheideähnlichen Volltrockerasen auf flachgründigen und kalkhaltigen Böden bewachsen.

Durch gelegentliche Beweidung werden sowohl dieser Vegetationstyp wie auch das Landschaftsbild geprägt.

Das Mosaik wird ergänzt durch eingeschobene Bereiche mit Buchenwald und Eichenmischwald.

Über eine Zone mit Talwiesen läuft der Hang zur Starzel hin aus.

Die Uferzone ist uneinheitlich ausgebildet.

Sie ist stellenweise flach auslaufend, mit wertvollem Gehölz, einem seltenen Ulmen-Auenwald bestanden und bildet andernorts auch steilere Abschnitte.

Fischlaichplätze, Vogelschutzgehölze, Amphibienlebensräume und seltene Pflanzengesellschaften in geographischer Grenzlage seien als wertbestimmende Gesichtspunkte erwähnt.

Ökologisch am wertvollsten ist der mittlere Abschnitt der abgegrenzten Fläche.

Er zeichnet sich durch eine starke morphologische Gliederung aus, welche einen großen Nischenreichtum auf relativ kleinem Raum mit einem beachtlich hohen Artenreichtum von Flora und Fauna bedingt.

Im etwa 12 Hektar großen Gebiet wurden 11 geschützte Pflanzenarten festgestellt, darunter 6 Orchideen und der Türkenbund (Lilium martagon) (s. Artenliste).

Von ganz besonderer Bedeutung sind die zahlreichen Schmetterlingsarten.

Während einer 4jährigen Beobachtungszeit durch das Institut für Biologie III der Universität Tübingen konnten von etwa 400 Schmetterllingsarten rund 30 in der „Roten Liste“ geführte Arten identifiziert werden, darunter zahlreiche wärmeliebende Arten.

In einer Auswahl seien nur folgende aufgeführt:

Aricia agestis (Dunkelbrauner Bläuling), Catocala fraxinii (Ordensband), Clossiana dia (Hainveilchen-Perlmutterfalter), Coenonympha glycerion (Rostbraunes Wiesenvögelchen), Colias australis (Gelbling), Cupido minimus (Zwergbläuling), Iphiclides podalirius (Segelfalter), Maculinea arion (Bläuling), Mellicta britomartis (Scheckenfalter), Papilio machaon (Schwalbenschwanz) und Thecla betulae (Nierenfleck).

Die weiteren Schmetterlingsarten sind der beigefügten Artenliste zu entnehmen.

Weitere Bedeutung kommt diesen Hangflächen durch den hohen Anteil an süd- und osteuropäischen Schneckarten zu.

Die sonnenexponierte Lage ist ebenfalls für die zahlreichen wärmeliebenden Vertreter (fast 50%) verantwortlich (s. Artenliste).

Ebenso ist das Gebiet ornithologisch von größter Bedeutung.

Der DBV gibt hierzu 67 Brutvogelarten an, darunter 6 Arten, die in der „Roten Liste“ der Vögel als gefährdet geführt werden, wie z.B.:

Hohltaube, Wendehals, Wasseramsel, Braunkehlchen, Neuntöter und Uhu.

Für den Uhu ist dies sogar der einzige bekannte Standort mit Bruterfolg im Landkreis Tübingen.

Als Durchzügler und Wintergäste wurden 42 Arten beobachtet; hiervon sind 22 aus der „Roten Liste“.

Stellvertretend seien erwähnt:

Graureiher, Roter und Schwarzer Milan, Baum- und Wanderfalke, Schleiereule und Eisvogel.

Diese einmalige Artenfülle und die große vorhandene biologische Diversität innerhalb einer harmonischen Landschaft beweist die Schutzwürdigkeit des Biotops.

Da das Gebiet durch Steinbruchbetriebe, Besucher und z.T. infolge Bewirtschaftung stark gefährdet ist, erscheint uns eine Unterschutzstellung als Naturschutzgebiet gerechtfertigt und dringend notwendig.

Abschließend sei bemerkt, daß die Bemühungen, das Gebiet unter Schutz zu stellen, schon bis in das Jahr 1938 zurückgehen.

Der damalige Bezirksbeauftragte für Naturschutz, Herr Neusch, stellte am 18.6.1939 den Antrag auf Unterschutzstellung.

Durch die Kriegsereignisse geriet diese Angelegenheit in Vergessenheit.

Am 1.10.1946 wurde sie vorläufig zu den Akten gelegt.

 

 

 

Tübingen, den 4.3.1980

 

 

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