4.141 Kugelberg

 

Würdigung

 

 

zum geplanten Naturschutzgebiet „Kugelberg“

 

Das geplante naturschutzgebiet „Kugelberg" liegt ca. 2 km südöstlich von Pfullingen auf der Gemarkung Pfullingen.

Das Gebiet ist sehr vielgestaltig, da es sich aus zahlreichen verschiedenen Biotopen auf relativ engem Raum zusammensetzt:

Südlich liegt der Kugelberg, einer der vielen Vulkanembryonen des Albtraufs, welcher dem gesamten Naturschutzgebiet seinen Namen gibt.

Der Basalttuff (Bt) durchbrach an dieser Stelle im Tertiär die Weißjura-Beta-Stufe.

Der Kugelberg wird von einem Buchen-Steppenheide-Wald eingenommen, der von Kalk-Geröllhalden streckenweise abgelöst wird.

Oberhalb der Geröllhalden stellt sich ein lichter Steppenheide-Wald ein.

Zahlreiche Pflanzen des GRADMANN'schen Steppenheide-Waldes und der Steppenheide kommen hier vor.

Hervorzuheben sind das Stattliche Knabenkraut (Orchis mascula), der Türkenbund (Lilium martagon) und der Blaue Lattich (Lactuca perennis).

Der sich an den Hangwald anschließende Halbtrockenrasenhang ist in sich wieder stark gegliedert und weist sogar kleine Feuchtwiesen mit Hangwasseraustritten, einen kleinen Tümpel und zum Tal hin auch Mähwiesen auf.

Die Flora mit über 200 Pflanzenarten spiegelt das gegensätzliche Nebeneinander von Trockenrasen, Feuchtwiesen und Wald wieder:

Die Küchenschelle (Pulsatilla vulgaris) als wärme- und trockenheitliebende Art auf besonnten Flächen, Waldorchideen, wie z.B. die Nestwurz (Neottia nidusavis) im bewaldeten Teil und das Sumpfstendel (Epipactis palustris) als Wiesenmoorpflanze.

Insgesamt kommen 15 Orchideenarten vor, darunter zwei Hybriden, und vier Enzianarten.

25 Arten sind nach dem Naturschutzgesetz geschützt, 22 Arten werden in der Roten Liste geführt.

Auch in der Tierwelt zeigt sich die Gegensätzlichkeit trockener und feuchter Standorte: So kommt z.B. die Schlingnatter als Bewohnerin trocken-warmer Biotope und die Ringelnatter als im und am Wasser lebende Art vor.

Insbesondere die Insektenwelt ist mit interessanten Arten vertreten.

In den Gutachten von E. JANSEN und W. LÖDERBUSCH konnten über 60 Käferarten, zahlreiche Hautflügler, darunter seltene Wildbienen- und Wespenarten, 9 Heuschreckenarten und 19 Schmettelingsarten allein während eines Untersuchungsjahres registriert werden.

Hervorzuheben sind folgende seltene und bedrohte Insektenarten:

Der in ganz Deutschland sehr seltene Ahlenlaufkäfer (Bembidion inustum),

der seltene, in morschem Holz brütende Puchkäfer (Grynobius planus), der erst 1959 für Württemberg nachgewiesen wurde,

die in morschem Holz brütenden, geschützten Käferarten Cetonie aurata (Rosenkäfer) und Sinodendron cylindricum (Kopfhornschröter),

der Scheinrüssler Rhinosimus ruficollis, der Blatthornkäfer Amphimallon atrum, der auf Jurakalken vorkommt,

der Hautflügler Megalodontos klugi, welcher an Peucedanum und Laserpitium vorkommt,

die Blattwespe (Rhogogaster picta), die gefährdete (A.3) Goldwespe (Chrysis pustulosa), die seltene Mauerbiene (Osmia xanthomelaena), die in Baden-Württemberg seit langer Zeit verschollen war,

die Bienenarten Hylaeus lineolatus, Nomada lepeletieri, Osmia rufohirta,

die Skorpionsfliege Panorpa cognata, die seltene, stark bedrohte Sichelschrecke (Phaneroptera falcata), die geschützte Schnarrheuschrecke (Psophus stridulus), welche im Gebiet eine der häufigsten Schreckenarten ist.

Der im Schutzgebiet enthaltene Wald mit seinem Reichtum an verrottenden und morschen Stämmen bietet wertvolle Brutplätze für holzbrütende, vielerorts zurückgehende Insekten (FREUDE 1971).

Diese sind keine Forstschädlinge, da ihre Larven nur in totem, morschem Holz leben.

Hierunter gehören die oben genannten Käferarten.

Um den Lebensraum zu erhalten, sollte das dort vorhandene Holz nicht entfernt werden.

Eine naturnahe Bewirtschaftung ist hier notwendig.

Eine starke Gefährdung des Gebietes erfolgt durch den intensiven Besucherandrang.

Diese kann nur durch ein Betretungsverbot verringert werden.

Um den Charakter der Vegetation zu erhalten, sollten die im Nordwesten vorhandenen Wiesen nur einmal im Jahr, Ende Juni bis Anfang August, gemäht werden.

Düngung und Rinderbeweidung sollten unterbleiben.

Hier wie auch auf den übrigen Flächen wäre eine Schafbeweidung geeignet, eine Verbuschung der offenen Wiesenflächen aufzuhalten.

 

Literatur:

FREUDE (1971): Gedanken über Naturschutz und Forstnutzung (eine Bitte an die zuständigen Forstbehörden um die Erhaltung anbrüchiger alter Bäume). Fol. Ent. Hung. 24: 281-287.

JANSEN (1981): Gutachten zum geplanten Naturschutzgebiet Kugelberg.

LÖDERBUSCH (1981): Gutachten zum geplanten Naturschutzgebiet Frauenhalde.

 

 

 

Tübingen, den 14.1.1982

 

Bezirksstelle für Naturschutz und Landschaftspflege

 

 

Dr. Schedler