4.155 Blinder See Kanzach

 

Würdigung

 

 

Naturschutzgebiet „Blinder See Kanzach"

 

1. Landschaftliche Situation

Das Naturschutzgebiet „Blinder See Kanzach" befindet sich westlich des Naturschutzgebietes „Federsee" (Top.Karte 1:25000, Blatt 7923 Saulgau-Ost) und liegt in der Gemeinde Kankach (Gemarkung Kanzach) und in der Gemeinde Riedlingen (Gemarkung Neufra).

Im Westen grenzt die Gemeinde Ertingen an.

Es handelt sich um ein vollständig von Wald umgebenes, gestörtes Zwischenmoor mit einem Torfstichsee.

Die Moorfläche umfaßt ca. 10 ha.

 

2. Nutzung

Durch Abtorfungen und vorangegangene künstliche Grundwassersenkungen schuf der Mensch wieder einen Torfstichsee, in dem noch in den 30er Jahren Torf gestochen worden ist.

Zu einem großen Teil ist dieser See heute wieder mit einer Schwingrasendecke überzogen.

An einigen Stellen wird die Wasserfläche künstlich freigehalten, hier dient der See zurzeit zum Baden.

Forstwirtschaftlich ist der Wald bisher nicht genutzt worden.

 

3. Schutzwürdigkeit

 

3.1. Flora

Die offenen Wasserflächen sind zu einem großen Teil bedeckt von den Schwimmblättern und den Blüten der Gelben Teichrose.

Die Moorvegetation wird im wesentlichen durch die Torfmoose Sphagnum cuspidatum, Sphagnum medium und Scphagnum recurvum aufgebaut, zwischen denen das Scheidige Wollgras (Eriophorum vaginatum) teppichbildend hervortritt.

Weitere besondere Arten, die eine Zwischenmoorvegetation anzeigen, sind:

Schlammsegge (Carex limosa), Rundblättriger Sonnentau (Drosera rotundifolia) und die Rosmarinheide (Andromeda polifolia).

Als Baumart kommt im Moorwald hauptsächlich die Waldkiefer (Pinus sylvestris) vor.

 

3.2. Fauna

Besonders auffallend in der langen Liste der seltenen Tierarten, die im Blinden See Vorkommen, ist die große Artenzahl der besonders seltenen Libellen.

Zu den seltensten Arten gehören:

Zwerglibelle, Hochmoor-Mosaikjungfer, Kleine Moosjungfer und Nordische Moosjungfer.

Sie sind ohne Ausnahme Spezialisten von sehr nährstoffarmen Gewässern, und einige von ihnen benötigen außerdem die Schwingrasenvegetation oder die Schwimmblätter zur Ablage der Eier.

 

4. Gefährdung

Ein derartiger, trotz menschlicher Störeinflüsse besonders gut erhaltener Ökotop, wie er durch die o.g. Arten charakterisiert wird, ist unbedingt erhaltenswert.

Der recht gute Zustand des Moores ist wohl auf die geschützte Lage im Wald zurückzuführen, die für ein Fernbleiben größerer Mengen von Menschen sorgte.

Seit einigen Jahrzehnten wird beobachtet, daß der Baumwuchs im Moor zunimmt und die typische Moorvegetation womöglich zu stark beschattet.

Dies sind wohl die Spätfolgen des Torfabbaus, der eine Senkung des mooreigenen Wasserspiegels bewirkt hatte.

Weit größeren Schaden nimmt das Moor jedoch dadurch, daß Besucher auf Trampelpfaden bis ins Innere vordringen.

Dabei wird der empfindliche Schwamm aus Bleichmoosen zusammengedrückt und schwer beschädigt.

Infolgedessen leidet auch die Fauna, indem z.B. Eiablageplätze, wie die Schwingrasen, zerstört werden.

Eine neu ausgezeichnete Fahrradwanderroute, die nahe am Schutzgebiet vorbeiführt, und ein fest installierter Grillplatz direkt am Moor locken in jüngster Zeit zu viele Menschen in das Gebiet.

Trittschäden und Lärmbelästigungen sowie die Störung durch Badende sind wohl die eindeutig größten Gefährdungen für den Blinden See.

 

5. Schutzzweck

Der Blinde See ist noch heute ein wertvoller Lebensraum für zahlreiche Arten, die vom Aussterben bedroht sind (siehe oben).

Über die Regenerierung von Hoch- und Zwischenmooren wird zurzeit intensiv geforscht.

Sinnvolle Ergebnisse sowohl für die Forschung wie auch für die natürliche Regeneration vom Menschen gestörter Moore sind aber nur dann zu erwarten, wenn eine möglichst ungestörte Entwicklung garantiert ist, d.h. wenn Störungen durch menschliche Eingriffe möglichst ausgeschaltet werden.

Schutzzweck ist also einerseits die derzeit hochwertige Flora und Fauna des gestörten Zwischenmoores, andererseits aber auch ein sich über lange Zeit möglichst ungestört entwickelndes Moor.

 

6. Pflege und Schutz

Das Betreten des Moores ist nach den oben genannten Erkenntnissen heute nicht mehr zu verantworten.

Es muß daher vermieden werden, sowohl daß gebadet wird, als auch daß Spaziergänger die Bleichmoosdecke betreten können.

Ein evtl. nötiges Auslichten des Baumbestandes muß unter größter Rücksicht auf die Moorvegetation ausgeführt werden.

Ebenfalls zum Schutz von Flora und Fauna ist eine fischereiliche Nutzung des Gewässers nur im Rahmen der Hegepflicht möglich.

Eine Übertragung der Hegepflicht muß mit der höheren Naturschutzbehörde abgesprochen werden.

Einer jagdlichen Nutzung steht nichts entgegen, solange eindeutig keine Trittschäden verursacht und keine Gesellschaftsjagden abgehalten werden.

Um Anziehungspunkte für Menschen, die nicht nur als stille Betrachter zum Moor kommen, zu vermeiden, muß die Grillstelle am Weiher restlos abgebaut werden.

Ausdrücklich muß das Feuermachen in der Umgebung des Blinden Sees verboten werden.

 

7. Zusammenfassung

Um die Schönheit und die Hochwertigkeit des Hochmoorrestes „Blinder See Kanzach" zu bewahren und die laufenden Forschungsarbeiten über die Regenerierung von Hochmooren weiterhin zu ermöglichen, muß der Blinde See soweit wie möglich vor menschlichen Störungen geschützt werden.

Bade- und Naherholungsbetrieb sind stärkstens einzuschränken und evtl. Pflegeeingriffe dürfen nur im Einvernehmen mit der höheren Naturschutzbehörde unternommen werden.

 

 

 

Tübingen, 10. Februar 1989

 

 

Haag