4.157 Burglehen
Würdigung
zum Naturschutzgebiet „Burglehen"
Die Kiesgrube mit den
Schlammabsetzbecken ist nördlich des Neckars gegenüber dem 1982 verordneten Naturschutzgebiet
„Oberes Steinach" auf Gemarkung Rottenburg gelegen.
Sie befindet sich in der weiten,
lichten Talebene des Neckars, der „Tübinger Stufenrandbucht", zwischen „Porta
suebica" bei Rottenburg, der engsten Stelle des Neckars, und der
nächstfolgenden Engstelle bei Derendingen, eingerahmt von Rammert, Gäuflächen
und Spitzberg.
Mit einer Fläche von etwa 23 km2
ist dieses 10 km lange Talstück im Gegensatz zu den Talabschnitten oberhalb von
Rottenburg und unterhalb von Tübingen mit bis zu 3 km außerordentlich breit.
Diese Breite hat unter anderem
darin ihren Grund, daß die Talsohle in leicht erodierbaren Ton- und
Mergelsteinen des Gipskeupers liegt, welche die breite Ausräumung des Tales
erlaubten.
Jungpleistozäne Kieslagen füllen
das Neckartal.
Diese sind sowohl für die
Wasserversorgung (Trinkwasserspeicher) als auch für den Kiesabbau von
Bedeutung.
Bis ins vorletzte Jahrhundert war
der Neckarlauf unreguliert.
Der Fluß konnte in dieser weiten
Talebene mäandrieren.
Es entstanden zahlreiche Schlingen
und Altwasserarme, und anstelle von etwa 10 km heute betrug die Flußstrecke
zwischen Rottenburg und Tübingen im natürlichen Zustand etwa 13 bis 15 km.
Diese weite Talaue mit ihren
damals zahlreichen Wasserflächen sowie die für den Vogelflug günstige
geographische Lage zwischen Bodensee im Süden, Donau im Osten und Rhein im
Westen sind der Grund, weshalb das Areal heute noch eines der ornithologisch
wichtigsten Rastgebiete in unserer Gegend ist.
Generelle Flußkorrekturen,
Kraftwerksbau und Bau von Stauwehren zwischen 1779 und 1966 führten zum Verlust
eines naturnahen Flußsystems mit seinen zahlreichen Feuchtbiotopen.
Mit der Anlage von Baggerseen nahmen
die Wasserfläche in diesem Gebiet und damit die ornithologische Bedeutung
wieder zu.
Von sieben Kiesgruben oder
Baggerseen, die nach 1937 in der Talsohle entstanden sind, blieben jedoch nur
vier mit etwa 20 ha Wasserfläche übrig.
Die zahlreichen Einzelbiotope innerhalb
des Naturschutzgebietes „Burglehen", wie beispielsweise Wasser-, Kies- und
Schlickflächen, Lehm-, Sand- und Schotterflächen, Steilufer, Ruderalfluren und
Schilfbestände sind insbesondere für die Vogelwelt von allergrößter Bedeutung.
Das Naturschutzgebiet wird
charakterisiert durch zahlreiche mehr oder weniger steil ausgebildete
Steilufer.
Diese geologischen Aufschlüsse
lassen die fluviatile Tätigkeit des Neckars erkennen: Lagen von Hochflutlehm
wechseln ab mit Sand- und Kiesbänken.
Diese Steilufer sind, nachdem ihre
natürlichen Nistorte, wie Prallhänge entlang unserer Flüsse, zunehmend
verschwunden sind, wichtige Brutplätze für Uferschwalben, die ihre bis zu 60 cm
tiefen Niströhren in die weichen, sandigen und kiesfreien Materialschichten
bauen.
Die Größe der Brutkolonie betrug
1983 125 Paare.
Durch Störungen im Vorjahr ist die
Zahl etwas rückläufig.
Eine vom Deutschen Bund für
Vogelschutz durchgeführte Untersuchung ergab 160 Brutröhren.
Es ist dies die größte Kolonie der
Uferschwalbe (Riparia riparia) im mittleren und oberen Neckartal.
Die Uferschwalbe ist eine gefährdete
Vogelart, die in der „Roten Liste" in Kategorie A 3, - gefährdet -
aufgeführt wird.
Sie war „Vogel des Jahres
1983".
Das Areal ist auch Jagdrevier von
Rauch- und Mehlschwalben, da nur hier im Bereich der Wasserflächen genügend
Insekten als Nahrung zur Verfügung stehen.
Auch der Eisvogel, nach der „Roten
Liste" stark gefährdet, A 2, ist hier anzutreffen.
Zahlreiche seltene und gefährdete
Durchzügler und Wintergäste, insbesondere Limikolen (Watvögel), suchen den See
auf.
Für die einheimischen Brutvögel
ist er als bedeutendes Rückzugsgebiet zu betrachten.
Nach Angaben von HEPP (1982) und
Unterlagen des DBV konnten im Bereich dieser Baggerseen nahezu 120 Vogelarten
beobachtet werden, davon allein 25 Arten aus der „Roten Liste".
Gerade die Schlickflächen der
Schlammabsetzbecken mit ihren Verlandungszonen und Flachwasserbereichen sind
für die durchziehenden Watvögel lebensnotwendig.
Der westliche, schon völlig aufgeschlämmte
Bereich zeigt eine artenreiche Ruderalflora mit aufkommendem Weidenwald und
Schilfbestand.
Die Randbereiche und die Uferzonen
zum Neckar hinweisen viele Pionierpflanzen und Gebüsche auf.
Diese sind wichtige
Nahrungsgrundlage für bestimmte Vogelarten.
Die Baggerseen innerhalb und
außerhalb des Naturschutzgebietes sind, zusammen mit dem bestehenden
Naturschutzgebiet „Oberes Steinach" rechts des Neckars, im Hinblick auf
die Vogelwelt gekennzeichnet durch größte Arten- und Individuenzahl im gesamten
Landkreis Tübingen.
Als Rastplatz für unsere
nordischen Durchzügler kommt den Baggerseen überregionale Bedeutung zu, da das
Neckartal hier in der Mitte der ornithologisch wichtigen Rastgebiete Donauraum,
Bodenseegebiet und südbadische Rheinebene liegt.
Mit seinen Wasser-, Schlick- und
Schilfflächen bietet das Seengebiet besonders solchen Vögeln Möglichkeiten zur
Ruhe und Nahrungssuche, die an Feuchtgebiete gebunden sind.
Durch benachbarte
Wasserschutzgebiete und die damit verbundenen Düngerrestriktionen wird den
Vögeln eine chemisch wenig belastete Umwelt und daher weitgehend giftfreie
Nahrung geboten.
Aus diesem Grunde ist es
notwendig, die Jagd auf Federwild (mit Ausnahme von Stockente, Fasan und
Ringeltaube) einzuschränken und das Angeln entlang des Neckarufers am südlichen
Rand des Naturschutzgebietes auf die Monate außerhalb der Hauptbrutzeit
(von15.7.-15.4.) einzuschränken.
Dasselbe gilt auch für das Angeln
in den Baggerseen, wobei nur der See auf Flurstück 1713, Gewann Spitalwiese,
befischt werden soll.
Auch die Amphibien- und
Reptilienfauna ist von Bedeutung.
Hier befindet sich unter anderem
eine Wechselkröten-Population (Bufo viridis).
Dies ist eine seltene und
gefährdete (A 3) Amphibienart, die nur noch an zwei bis drei weiteren Stellen
im Landkreis Tübingen vorkommt.
Die kleineren Wasserflächen sind
Lebensraum für den Teichfrosch (Rana esculenta).
Die Bedeutung der Seen für den
Naturschutz wird auch schon anhand der zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten
und Veröffentlichungen deutlich (vgl. Anlage zur Würdigung).
Zudem sind die Baggerseen als
Biotop in der Biotopkartierung ausgewiesen und als naturschutzwürdig
vorgeschlagen worden.
Der DBV (Stellungnahme des
DBV-Landesverbands vom 2.12.1969 und 9.12.1980) sowie die Aktion
Biotopsofortschutz (ABS) (ABS-Jahresbericht 1982) emfpehlen ebenfalls die
Ausweisung als Naturschutzgebiet.
Die Baggerseen sind erheblichen
Gefährdungen ausgesetzt, insbesondere durch das Baden, das fast immer mit
Lagern, Zelten und Feuermachen verbunden ist.
Verstärkt zu beobachten ist das
Befahren mit Pkw's und Moto-Cross-Rädern.
Hierdurch werden Gelege von
bodenbrütenden Vogelarten zerstört, z.B. die des Flußregenpfeifers.
Der Eisvogel konnte aufgrund der
Störungen seine Brutgeschäfte 1983 nicht aufnehmen.
Zugenommen haben auch im
vergangenen Sommer die Störungen im Bereich der Schlammbecken, z.B. durch
Schlammbäder und Durchwaten der Schlammflächen.
Zugenommen haben ebenso die
Störungen der Uferschwalben.
So wurden mutwillige Zerstörungen
einiger Niströhren durch Verstopfen mit Flaschen und Holzpfählen, aber auch das
Bewerfen der Bruthöhlen mit Steinen beobachtet.
Durch die Ausweisung als
Naturschutzgebiet muß dieser ökologisch hochwertige Bereich zukünftig beruhigt
werden.
Die Abbau- und Rekultivierungspläne
der Firma sind mit der Naturschutzgebietsplanung abgestimmt.
In Absprache mit der Stadt
Rottenburg sollen die neu durch den Kiesabbau entstehenden Wasserflächen Zug um
Zug für Naturschutzzwecke erworben und unter Schutz gestellt werden.
Als nächster Abschnitt kommt
hierfür der noch im Abbau befindliche Kiessee im Gewann „Rank" unmittelbar
östlich des Betriebsgeländes in Frage.
Tübingen, 4. März 1987
Dr. Schedler
Literatur
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