4.158 Ofenwisch

 

Würdigung

 

 

zum Naturschutzgebiet „Ofenwisch"

 

1. Landschaftliche Situation

 

1.1. Erscheinungsbild und geographische Lage

Das Naturschutzgebiet „Ofenwisch" liegt südlich von Riedlingen und gehört zum größten Teil zur Gemarkung Riedlingen, Stadt Riedlingen (44,05 ha) und auf den Ufergrundstücken außerhalb des Dammes zum Teil zur Gemarkung Neufra, (1,16 ha), Stadt Riedlingen und zur Gemarkung Altheim (0,53 ha), Gemeinde Altheim.

Das Gebiet umfaßt 45,7 ha und wird in Form einer Halbinsel von der von Süden kommenden Donau und dem von ihr abgezweigten Hochwasserkanal umspült.

Nach Norden wird der Ofenwisch durch einen Damm gegen Riedlingen abgegrenzt.

Er liegt damit im Zentrum der Aue der Donau, die natürlicherweise starken Hochwässern ausgesetzt ist und deshalb ursprünglich von Auewald bedeckt war.

Heute ist sie gekennzeichnet von einem Mosaik von Altarmen, Wiesen, Wald und in ständig zunehmendem Maß von Äckern.

 

1.2. Geologie

Der „Ofenwisch" liegt im Naturraum „Donau-Ablach-Platten", der durch die rißeiszeitlichen Ablagerungen (=Alluvium) der beiden die Gletscher entwässernden Flüsse Donau und Ablach mit jeweils sehr großem Einzugsbereich geformt wurde.

In diese Ablagerungen schnitt sich die Donau wiederum ein und räumte ihre Ablagerungen zwischen den heutigen Terrassen nachträglich wieder aus.

 

1.3. Hydrologie und Siedlung

Gerade an einer der engsten Stellen unterhalb Scheer ist die Stadt Riedlingen auf der nördlichen Terrassenkante gegründet worden.

Sie hat sich heute quer über die Tallage bis zur anderen Terrasse ausgedehnt.

Um diese hochwassergefährdete Lage der Stadt zu schützen, wurde der Hochwasserkanal vor Riedlingen abgezweigt und erst nach der Stadt dem Fluß wieder zugeführt, und der Hochwasserdamm, der den Ofenwisch nach Norden abgrenzt als Querriegel angelegt.

 

1.4. Potentiell natürliche Vegetation

Würde ab sofort kein Eingriff in die Vegetation mehr vorgenommen, würde sich auf dem den Auekies bedeckenden Lehm ein Mosaik aus Mandelweidengebüsch, an den feuchtesten und am längsten überfluteten Stellen ein Silberweidenwald und an den weniger dem reißenden Hochwasser ausgesetzten Stellen ein Hartholzauewald mit Eschen, Ulmen und Eichen einstellen.

 

1.5. Kulturlandschaft und Landnutzung

Die Gewanne „Ofenwisch" (abgeleitet von Rohrkolben = Ofenputzer) und „Öhmdwiesen" (= mindestens zweischnittige Wiesen) werden überwiegend als Wiesen genutzt.

Vor allem nach dem zweiten Schnitt mähen die Bauern abschnittweise Grünfutter für die Dauerstallhaltung oder nutzen die Fläche als Jungviehweide.

Hier werden je nach Bedarf Elektrozäune aufgestellt.

Als Acker genutzt werden die Grundstücke Nr. 1222, 1225 und 1252; sie sind aber 1987 allesamt in das Extensivierungsprogramm aufgenommen worden und werden demnach in Wiesen zurückgeführt.

Das gilt ebenso für einen Garten auf dem Grundstück Nr. 1216.

Der andere Garten auf demselben Grundstück bleibt vorerst erhalten.

Aufgrund von Unebenheiten im Gelände, die vor der Kanalisation der Donau zeitenweise als Seitenarme dienten, existieren bis heute nässere Rinnen, die zum Teil noch Altwässer führen, zum Teil Sumpfdotterblumenwiesen sind, zum Teil aber einfach durch Brachfallen mit Hochstauden, Röhricht, Weidengebüsch und naß stehendem Wald bestanden sind.

Eigentümer der größten Waldstücke sind die Stadt Riedlingen und die Katholische Kirche.

Dieser Wald wird vom Forstamt Riedlingen bewirtschaftet.

Neben einer reichen Strauchschicht aus einheimischen Gehölzen dominieren meist Weiden (Salix alba, Salix caprea), Esche, Traubeneiche, Traubenkirsche und leider oft auch die Hybridpappel (Populus x canadensis).

 

1.6. Jagd und Fischerei

Die Jagd ist im Ofenwisch von der Stadt an eine Jägergemeinschaft verpachtet, die auf Federwild maximal einmal pro Woche (sonntags) jagt.

Einmal  pro Jahr findet eine Treibjagd auf Hase, Fasan, Stockente und Fuchs statt.

Als Angelgewässer dienen auf dem Ofenwisch der Fischweiher, auf dem Grundstück 1177/1 und die Ufer der Donau und des Hochwasserkanals.

 

2. Schutzwürdigkeit

 

2.1. Vegetation

Große zusammenhängende Sumpfdotterblumenwiesen, durchsetzt von Hochstaudenvegetationen mit

Mädesüß, Brennessel, Engelwurz und der seltenen Gelben Wiesenraute (Thalictum flavum) wechseln sich mit Weidengebüschen, Pestwurzfluren und Rohrglanzgras-Röhrichten ab.

Sehr naß stehender Wald entlang des Kanaldammes und Reste der ehemaligen Donaualtarme beheimaten Ufervegetation mit

Gelber Schwertlilie (Iris pseudacorus), Schlanksegge (Carex gracilis), Steifsegge (Carex acutiformis) und dem sehr seltenen Schierling (Cicuta virosa).

Stark vom Menschen überprägt durch Trockenlegung, Eindämmung des Flußbettes in ein festes Bett und den Kanal und intensive landwirtschaftliche Grünlandnutzung konnte sich, nachdem sich die Nutzung der nassen Rinnen nicht mehr lohnte, eine Sekundärvegetation entwickeln, die die verbliebene landwirtschaftliche Landschaft auflockert und so für zahlreiche Tierarten, vor allem Vogelarten, Amphibien, Libellen wieder interessant macht.

Gerade das Mosaik aus genutzten und ungenutzten Bereichen ist besonders erhaltenswert.

 

2.1. Fauna

Die besondere Bedeutung des Gebiets liegt in der hervorragenden Eignung als Nahrungsbiotop für den Weißstorch.

In den letzten 100 Jahren hat der Weißstorch einen starken Rückgang erlebt aufgrund der zunehmend intensiveren Nutzung der Landwirtschaft, vor allem durch Umbruch der Wiesen in Äcker, durch bauliche Maßnahmen und elektrische Freileitungen.

Er ist heute vom Aussterben bedroht.

Seine wichtigsten Brutgebiete sind noch der Federseeraum und das Donautal (Riedlingen, Unlingen, Zwiefaltendorf, Herbertingen, Altheim).

Auch für den Graureiher ist die Donauaue in weiten Bereichen ein günstiger Lebensraum, weil er hier in Altwässern, Wiesengräben und auf Wiesen noch genug Fisch- und Mäusenahrung findet.

Die Donauniederung besitzt außerdem eine große Bedeutung als Rast- und Nahrungsbiotop für durchziehende Vogelarten.

Auf den im Frühjahr infolge des alljährlichen Donauhochwassers überschwemmten Wiesen und in den Feuchtgebieten wurden zahlreiche seltene Arten beobachtet:

Rotschenkel, Dunkler Wasserläufer, Waldwasserläufer, Bekassine, Flußuferläufer, Flußregenpfeifer, Knäckente, Krickente, Löffelente, Tafelente, Reiherente, Eiderente, Uferschnepfe, Schafstelze und Trauerschnäpper.

Sie ist außerdem ein bedeutendes Brut- und Nahrungsgebiet z.B. für

Teichhuhn, Bläßhuhn, Kiebitz, Eisvogel, Neuntöter, Teichrohrsänger, Sumpfrohrsänger, Weidenmeise und Schwanzmeise.

Ebenso finden die im Folgenden genannten Greifvogelarten hier ihre Nahrung oder ihren Brutplatz:

Habicht, Rotmilan, Schwarzmilan, Wiesenweihe, Baumfalke, Turmfalke und Mäusebussard.

 

3. Bedrohung

In der derzeitigen wirtschaftlichen Lage der Landwirtschaft besteht die große Gefahr, wie dies im „Ofenwisch" und vor allem in Randgebieten zu sehen ist, daß Auewiesen im großen Stil zu Äckern umgebrochen werden.

Dies wiederum entzieht der Flora und Fauna der Aue die Lebensgrundlage und muß in derart wertvollen Gebieten durch Festschreibung der Nutzung vermieden werden.

Eine zweite große Bedrohung der Vielfalt des Lebensraumes ist die Belastung der Wiesen und Gewässer durch Gülle und Jauche.

Allein die jährlichen Hochwässer düngen diese Wiesen so stark, daß sie, wie der Gewann-Namen zeigt, immer schon „Öhmdwiesen" waren.

Eine Extensivierung der Flächen ist anzustreben.

Abfallhaufen von altem Heu oder Stroh oder gar von Mist beeinträchtigen die Flora an Grenzstrukturen (Waldrand, Schilfrand) sehr und schädigen auch Feuchtgebiete.

Flutmulden, in denen sich das Hochwasser bei fallendem Wasserstand längere Zeit staut, dürfen nicht aufgefüllt oder eingeebnet werden, da sie in trockeneren Perioden wichtig sind für die Nahrung von Zugvögeln.

Insgesamt sind diese Formen der Bedrohung unter dem Stichwort: „Intensivierung der Landwirtschaft" zusammenzufassen und sie sind im Schutzgebiet zu vermeiden, weil eine Vielfalt des Lebensraums ein reichhaltiges Nahrungsangebot für die genannten Vögel sowohl in der Brut- wie auch in der Zugzeit bedeutet.

Im Übrigen bringt jede Beunruhigung der Zugvögel, etwa durch häufige Bejagung des Federwildes eine Beeinträchtigung (Literatur: Avifauna), indem z.B. die für die Winterzeit notwendige „Depotfettbildung" gestört wird.

Treib- und Drückjagden und die Jagd auf Enten sollten auf die Winterzeit vom 1.11. bis zum 15.1. beschränkt werden, um eine Beruhigung in den Hauptzugzeiten Herbst und Frühjahr zu erreichen.

Gegen das Bejagen des Fuchses über die Winterzeit außerhalb von Treib- und Drückjagden ist im Übrigen nichts einzuwenden, es soll sogar zum Schutz der Brutvögel verstärkt werden.

 

4. Schutzzweck

Ziel der Unterschutzstellung des „Ofenwisch" ist die Erhaltung bzw. Wiederherstellung der Kulturlandschaft der Riedlinger Donauaue im „Ofenwisch".

Dazu gehört einerseits die extensive landwirtschaftliche Grünlandnutzung und der naturnahe Waldbau und andererseits die Erhaltung und Pflege der restlichen Altarme und der Feuchtvegetation.

Alle Bedingungen zusammen sind Voraussetzung für eine ausreichende Nahrungsgrundlage für den Storch und für einen intakten Lebensraum für Zugvögel, Brutvögel, Amphibien, Kleinsäuger und Insekten.

Zum Erhalt dieser Lebensraumfunktionen gehört auch die Beruhigung des Gebietes, was die menschliche Anwesenheit betrifft.

Besonders sportliche und freizeitliche Betätigungen in diesem Außenbereich, wie z.B. die Fischerei müssen auf das notwendige Maß reduziert werden.

Dasselbe gilt für die Ausübung der Jagd.

 

5. Pflegemaßnahmen

Die vorhandenen Gewässer bzw. verlandeten Altarme sollen nach einem noch zu erstellenden Pflegeplan so gestaltet werden, daß sie der Funktion ehemaliger Seitenarme des Flusses näherkommen.

Der Wald soll nach und nach, soweit dies derzeit noch nicht erfüllt ist, in naturnahen Laubwald überführt werden, d.h. so umgetrieben werden, daß die Artenzusammensetzung der Hartholzaue bzw. der Weichholzaue erreicht wird.

 

6. Zusammenfassung

Das Naturschutzgebiet „Ofenwisch" südlich Riedlingen ist bekannt für seine Funktion als Storchennahrungsbiotop und als Rastplatz für Wintergäste und Zugvögel.

Seine Vielgestaltigkeit in der Vegetation, von Wirtschaftsgrünland über Hochstaudenvegetation, Röhricht, Feuchtgebüsch und Wald bis zu Altarmresten ist insgesamt erhaltenswert und unabdingbare Voraussetzung für die Nahrungsgrundlage zahlreicher geschützter Tierarten.

Ziel ist es auch, infolge der Unterschutzstellung eine Extensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung erreichen zu können und, wo dies nötig ist, die historische Kulturlandschaft durch Pflegemaßnahmen aufzuwerten.

 

 

 

Tübingen, den 29.6.1988

 

 

gez. Venth