4.159 Müsse

 

Würdigung

 

 

Naturschutzgebiet „Müsse" bei Obersulmetingen Landkreis Biberach

 

Landschaftliche Situation

Das Naturschutzgebiet „Müsse" ist Teil des früher ausgedehnten Niedermoorkomplexes der Ingerkinger Moore und liegt auf der Gemarkung Obersulmetingen, Stadt Laupheim, Landkreis Biberach (TK 1:25.000. Blatt 7724).

Ähnlich wie die vergleichbaren und schon unter Naturschutz stehenden Ingerkinger Moorrelikten „Schand" (Untersulmetingen) und „Gedüngtes Ried" (bei Ingerkingen) handelt es sich um ein Niedermoorrelikt mit verlandeten Torfstichen, ungenutzten Streuwiesen und einzelnen Gehölzgruppen.

Es hat eine Größe von ca. 13 ha.

Inmitten des Gebietes befindet sich eine kegelförmige Bauschuttdeponie.

Angefahren wird diese Deponie über einen asphaltierten Hauptwirtschaftsweg, der die Müsse in ost-westlicher Richtung durchschneidet.

Westlich der Deponiefläche wurde eine langgezogene Wasserfläche neu geschaffen, die landschaftlich gut eingebunden ist und eine Bereicherung der Biotopvielfalt darstellt.

Die an die Müsse angrenzenden Flächen wurden im Zuge eines Flurbereinigungsverfahrens teilweise dräniert und aufgefüllt.

Sie wurden ausnahmslos als Grün- oder Ackerland landwirtschaftlich intensiv genutzt.

 

Geologie und Böden

Durch schlickreiche Ablagerungen der rißzeitlichen Grundmoräne, die sich über der Unteren Süßwassermolasse auflagerten, wurde eine Entwässerung des Gebietes verhindert.

Die Sedimentation von Pflanzenresten und die allmähliche Verlandung von Wasserflächen legten die Grundlage für die nachfolgende Flachmoor-Entwicklung.

Heute stellt sich die Müsse als ein Niedermoor aus Seggen und Braunmoostorfen dar.

 

Nutzung des Gebietes

In der Vergangenheit wurden die Niedermoorflächen überwiegend als Streuwiesen genutzt.

Vereinzelte Torfstiche sind inzwischen wieder verlandet, und in den vergangenen Jahrzehnten wurde auf kleinen Parzellen auch eine ackerbauliche Nutzung versucht, inzwischen jedoch wieder aufgegeben.

Im Zuge der extensiven Streuwiesennutzung hat sich eine artenreiche Flora entwickelt, die wiederum Lebensraum für viele selten gewordene Tierarten bietet.

Im Flurbereinigungsverfahren Obersulmetingen konnte der größte Teil dieser Flächen vom Land für Naturschutzzwecke erworben werden.

Landwirtschaftliche Nutzung findet heute lediglich noch auf einem schmalen, als Grünland genutzten Streifen von Flurstück 1102 statt; dieses Flurstück befindet sich im Besitz der Stadt Laupheim.

Auf einer ca. 2 ha großen Teilfläche dieser Parzelle wurde seit etwa 1960 eine Müll- und seit ca. 1975 eine Bauschuttdeponie betrieben.

Eine rasche Rekultivierung der Anlage ist erforderlich.

 

Flora und Fauna

Im Zuge einer botanischen Bestandsaufnahme des Gebietes wurde eine Florenliste mit 121 im Gebiet nachgewiesenen Blütenpflanzen erstellt.

Darunter befinden sich etliche geschützte sowie eine ganze Reihe in der Roten Liste als gefährdet klassifizierte Arten wie

Mehlprimel, Breitblättriges Wollgras, Trollblume, Prachtnelke, Breitblättriges Knabenkraut, Fleischrotes Knabenkraut, Nordisches Knabenkraut, Kugel-Teufelskralle, verschiedene Klein- und Großseggenarten.

Die faunistischen Aufnahmen sind mit Ausnahme der Vogelwelt Zufallsbeobachtungen.

Insbesondere beherbergt das Gebiet eine arten- und individuenreiche Schmetterlingsfauna.

Intensive avifaunistische Untersuchungen der Müsse erbrachten den Nachweis von

63 Durchzüglerarten,

25 Wintergästen,

20 Brutvogelarten.

Insbesondere für die Durchzügler und Wintergäste ist die „Müsse" als Stützpunkt in der Vogelzugstrecke Rißtal von besonderer Bedeutung.

So konnten z.B. individuenreiche Trupps des vom Aussterben bedrohten Kampfläufers beobachtet werden.

Als Winterquartier wird die Müsse u.a. von der Kornweihe (ebenfalls vom Aussterben bedroht) benutzt.

Sie hat hier im Winter ihren Schlafplatz und ist aufgrund dessen in der Vogelzugzeit vom 30.8. bis zum 15.4. besonders empfindlich gegen menschliche Störung.

Begehen und Jagen sind in dieser Zeit also auszuschließen, um eine Störung der rastenden Zugvögel und Wintergäste zu vermeiden.

Von der Liste der Brutvögel seien

Neuntöter (gefährdet), Braunkehlchen (gefährdet), Mönchsgrasmücke, Sumpfrohrsänger, Schaftstelze (gefährdet) und Baumpieper genannt, die regelmäßig im Gebiet brüten.

 

Gefährdung

Die wohl stärkste Gefährdung des Gebietes geht von Ablagerungen und Auffüllungen im Niedermoor aus.

Auch außerhalb der eigentlichen Schuttdeponie, die zur Zerstörung eines Teils des Moores geführt hat, wurden und werden immer wieder Flächen an den Rändern des Gebietes aufgefüllt, bzw. es werden landwirtschaftliche Abfälle abgelagert, die durch ihren Nährstoffeintrag den Charakter des Gebietes verändern.

Weiterhin wurde die Müsse in der Vergangenheit durch die Ausdehnung der landwirtschaftlichen Intensivnutzung an den Rändern immer wieder verkleinert, so daß z.B. Kulturflüchter wie der Große Brachvogel - einst Brutvogel - heute nicht mehr vorkommen.

Schließlich ist insbesondere der Charakter des Niedermoores heute auch durch das Zuwachsen der früher als Streuwiesen genutzten Flächen stark gefährdet, so daß eine regelmäßige Mahd unbedingt erforderlich ist.

 

Schutzzweck

Wesentlicher Schutzzweck ist die Erhaltung und Beruhigung des Niedermoores Müsse als Lebensraum für zahlreiche gefährdete und teilweise vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten einschließlich deren Lebensgemeinschaften.

Der Schutzzweck umfaßt darüber hinaus die Erhaltung als Bestandteil eines Feuchtbiotopverbundes in der Vogelzugstraße zum Bodensee, der als Rastplatz und Nahrungsrevier einer Vielzahl durchziehender Vogelarten dient.

 

Pflege

Zur Erhaltung und Wiederherstellung des Streuwiesencharakters sind eine regelmäßige Mahd der Flächen im Wechsel von längstens drei Jahren sowie das Abräumen des Mähgutes notwendig.

Ebenso ist als Schutz gegen weitere Ablagerungen und Auffüllungen die Bepflanzung der wegbegleitenden Schutzgebietsränder mit standortgemäßen Gehölzen erforderlich.

Ebenfalls durch die Anpflanzung entsprechender Gehölzgruppen ist die Schuttdeponie entsprechend den Belangen des Naturschutzes zu rekultivieren.

Die Pflegemaßnahmen werden in einem Pflegeplan der Bezirksstelle für Naturschutz und Landschaftspflege Tübingen detailliert dargestellt.

 

 

 

Tübingen, 3. Mai 1988

 

 

Venth