4.166 Tuffsteinbruch Weissenbronnen

 

Würdigung

 

 

zum Naturschutzgebiet „Tuffsteinbruch Weissenbronnen“

 

Landschaftliche Situation

Zugehörig zum Naturraum „Oberschwäbisches Hügelland" liegt das NSG Tuffsteinbruch Weissenbronnen auf Gemarkung und Gemeinde Wolfegg im Landkreis Ravensburg (TK 8124 i.M. 1:25.000).

Im Tal der Wolfegger Ach auf ca. 560 m ü.NN gelegen, umfaßt es mit einer Fläche von 6,3 ha ein Hangquellmoor auf Kalktuff und einen daran angrenzenden ehemaligen Kalktuffsteinbruch.

Unter der Feuchtgebietsnummer 2002 wurde das Quellmoor in der Feuchtgebietskartierung des Landes Baden-Württemberg erfaßt.

Das NSG bildet den Fuß des südlich angrenzenden Talhanges zur Wolfegger Ach.

Es ist im Westen und Süden von Wegen begrenzt, nördlich und westlich wird das Schutzgebiet von der Wolfegger Ach umflossen.

Das Schutzgebiet sowie das gesamte Tal der Wolfegger Ach in diesem Bereich gehört zu den bevorzugten Regionalnaherholungsgebieten.

 

Geologische und hydrologische Situation

Die Landschaft des Naturraumes Oberschwäbisches Hügelland ist geprägt von der Tätigkeit des Alpenrheingletschers während der verschiedenen Eiszeiten, insbesondere jedoch von der letzten, der Würmvergletscherung.

Zwischen der inneren und äußeren Endmoräne eben dieser Vergletscherung (Jungendmoräne) hat sich die Wolfegger Ach tief in den Gletscherschutt eingegraben, teilweise bis in tertiäre Ablagerungen hinein.

Die Vielfalt verschiedener Talzüge und vermoorter Umlaufgerinne zeugt vom wechselnden Verlauf der Schmelzwasserströme.

Bis heute noch, mehr als 10 000 Jahre nach Abschmelzen des Eispanzers entwässert die direkt südlich des Schutzgebietes angrenzende innere Jungendmoräne direkt in das Tal der Ach hinein.

Zahlreiche Quellaustritte und Feuchtstellen im Schutzgebiet und im südlich angrenzenden Hang zeugen davon.

Auf dem Wege durch die Ablagerungen, die der Gletscher einst aus den nördlichen Kalkalpen herantransportiert hat, löst das Niederschlagswasser zum Teil beachtliche Kalkmengen aus dem Gestein heraus.

Teils biologisch, teils rein physikalisch bedingt, fällt dieser Kalk beim Austritt des Wassers an die Erdoberfläche wieder aus - Kalktuff entsteht.

So wuchsen im Bereich von Weissenbronnen bis zu 40 m mächtige Tufflager heran.

Wo immer die Bodendecke dies zuließ, stockt heute feuchtgründiger Wald auf dem Tuff.

Im Süden des NSG entwickelte sich, bedingt durch kräftige Quellaustritte, dagegen ein gering mächtiges Hangquellmoor.

 

Nutzungsgeschichte

Wohl mindestens seit dem Mittelalter wurde bei Weissenbronnen im Bereich des heutigen NSG Tuff gebrochen und als begehrtes Baumaterial genutzt.

Den unverwechselbaren gelblichen Farbton des dortigen Materials erkennt man an zahlreichen sakralen und profanen Gebäuden der engeren und weiteren Umgebung.

Als Beispiel sei die Basilika von Weingarten genannt.

Reste des alten, nur teilweise abgebauten Steinbruchareals sind - von lockerem Mischhochwald bestanden - im Westen des NSG erhalten geblieben.

Hier läßt sich die alte, blockweise Nutzung am heutigen Zustandsbild noch nachvollziehen.

In den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts wurde der Abbau nach und nach intensiviert und schließlich in kleinindustriellem Umfang betrieben.

Mit Steinsäge und einem Kalkbrennofen, dessen Fundamente noch vorhanden sind, wurde der Tuff an Ort und Stelle weiterverarbeitet.

1965 schließlich wurde der Abbau eingestellt, die Abbaufläche wenige Jahre später teilweise mit Kiefern aufgeforstet.

Mit Erlen aufgeforstet wurde auch eine Teilfläche des im Süden gelegenen Hangquellmoores, dessen frühere Streuenutzung gleichzeitig in den 70er Jahren endete.

Kurz vor Ende der Abbauarbeiten, im Jahre 1963 machte ein im Tuff eingebetteter prähistorischer Fund deutlich, wie lange bereits menschliche Aktivitäten im Tal der Wolfegger Ach zurückreichen.

Die teilweise besonders schönen Grabbeigaben des keltischen Doppelgrabes aus der Zeit um 600 v.Chr. befinden sich heute im Federseemuseum Bad Buchau.

Die tiefe Lage des Fundes im Tuff machte eindrucksvoll das rasche, nacheiszeitliche Wachstum der Tuffmächtigkeit deutlich.

 

Schutzwürdigkeit

Im NSG Weissenbronnen werden direkt benachbarte Primär- und Sekundärbiotope zusammengefaßt und unter Schutz gestellt.

Sie bilden geologisch und hydrogeologisch eine große Seltenheit in Oberschwaben und haben sich darüberhinaus zu Lebensräumen mit einer für die Region äußerst seltenen Bandbreite verschiedener Vegetationstypen entwickelt.

Zu der reichhaltigen Pflanzenwelt zählen eine Reihe botanischer Besonderheiten, die in dieser Zusammensetzung nur selten anzutreffen sind.

Im Süden des Schutzgebietes befindet sich der noch weitgehend intakte Rest des einst großflächigeren Hangquellmoores auf Tuffuntergrund.

Dieses Kalkflachmoor baut sich auf aus Seggentorfen von geringer Mächtigkeit.

Auffällig ist sein besonderer Orchideenreichtum.

Eine Teilfläche des Quellmoores ist vor einigen Jahren mit Erlen aufgeforstet worden, die durch Veränderung des Wasserhaushaltes, Laubfall und Beschattung die Schutzwürdigkeit dieser Teilfläche gefährden.

Nördlich an den Primärbiotop Hangquellmoor anschließend erstreckt sich die teilweise mit Kiefern aufgeforstete einstige Abbaufläche.

Aufgrund der schlechten Standortbedingungen kümmert die Aufforstung und zeigt nur noch geringes Wachstum.

Der nahezu ohne Bodenbedeckung anstehende Kalktuff ist bis zur Oberfläche von kalkreichem Wasser erfüllt bzw. an vielen Stellen von kleinen Wasseradern überflossen.

Aufgrund des unregelmäßigen Reliefs im Abbaugebiet stellt sich die Oberfläche infolgedessen als kleinräumiges wechselndes Mosaik von teils feuchten, teils nassen, aber teilweise auch über den Wasserspiegel hinausragenden trockenen Kleinstandorten dar.

Diese, von menschlicher Aktivität geformte Abbaufläche hat sich im Zuge eines ersten Sukzessionsschrittes zu einem Sekundärbiotop von außerordentlicher naturschützerischer Wertigkeit entwickelt.

Aufgrund der kleinräumig wechselnden Standortbedingungen finden sich im ehemaligen Abbaubereich heute Elemente der Kalk-Trockenrasenflora wie z.B.

das Helmknabenkraut (Orchis militaris), die Gemeine Eberwurz (Carlina vulgaris) in direkter Nachbarschaft zu großen Beständen von Arten und insbesondere Orchideen der Kalkflachmoore wie z.B.

Mückenhändelwurz, Dichtblütige Händelwurz, Sumpfstendelwurz, Violette Stendelwurz etc.

Im kleinräumigen Standortmosaik finden sich aber auch Arten und Gemeinschaften nasser Pionierstandorte

(z.B. Pyrenäenlöffelkraut, Cochlearia pyrenaika) und Wäldern (z.B. Dunkle Ackelei, Aquilegia aterata).

Dieses momentane Arten- und Pflanzengesellschaftsspektrum ist unbedingt schützenswert und - solange dies möglich ist - erhaltenswert.

Es sei darauf hingewiesen, daß dieser jetzige Zustand jedoch lediglich einen zeitlichen Ausschnitt aus einer unabänderlich ablaufenden Sukzessionsabfolge ist.

Es soll durchaus versucht werden, den jetzigen Zustand durch Pflegemaßnahmen so lange wie möglich zu bewahren.

Ohne Zweifel werden jedoch auch die späteren Sukzessionsstadien wichtige und schützenswerte Extensiv-Lebensräume sein.

Im Westen des Schutzgebietes gelegen ist der Rest der in früheren Jahrhunderten nur teilweise abgebauten Steinbruchfläche.

Hier hat sich ein überwiegend feuchtgründiger Hochmischwald angesiedelt, der einer nur extensiven forstlichen Nutzung unterlag.

Der bis in die jüngste Vergangenheit erfolgte sporadische Abbau einzelner Tuffblöcke führte dazu, daß in diesem Bereich des Schutzgebietes Tuffoberflächen mit Besiedlungssukzessionen unterschiedlichen Alters anzutreffen sind.

Im Interesse dieser ökologisch durchaus interessanten Vielfalt wäre auch künftig nichts gegen eine gelegentliche Entnahme einzelner Tuffblöcke für den Eigenbedarf des Eigentümers einzuwenden.

Ein systematischer Abbau oder ein Abbau in größerem Umfang muß jedoch ausgeschlossen bleiben.

Von besonderer Schutzwürdigkeit sind in diesem Bereich, insbesondere aber auch am Abhang zur abgebauten Steinfläche mehrere kleine, zum Teil in Terrassen und Absätzen fließende Quellbäche.

In ihrem Umfeld ebenso wie im Umfeld der Wasserläufe der tiefer liegenden Steinbruchfläche fällt eine besondere Artenvielfalt von Moosen und Farnen ins Auge z.B.

Grüner und Brauner Streifenfarn, Asplinium viride, A. trichomanes.

Als Beispiele nahezu ungestörter Quellbäche mit Quellsumpf, deutlicher Tuffneubildung und für solche kaltstenothermen und kalkoligotrophen Quellbäche charakteristischen Lebensgemeinschaften tragen die Bäche und ihr Umfeld zur hohen Schutzwürdigkeit des NSG bei.

 

Schutzzweck

Besonderer Schutzzweck ist neben der Erhaltung des Gebietes als geologisches, hydrogeologisches und kulturgeschichtliches Denkmal, nämlich als ein sehr seltenes Beispiel mächtiger Tuffbildungen im Jungmoräneland und deren Nutzungsgeschichte in Stadien unterschiedlicher Intensität insbesondere der Schutz der außerordentlich wertvollen, mosaikartigen ausgebildeten Lebensgemeinschaften von Pflanzen und Tieren im Quellmoor, in Abbauflächen und in Quellbächen.

 

Gefährdung und Pflege

Eine künftige Gefährdung durch weiteren Tuffabbau ist nicht zu befürchten.

Vorstellbar und mit dem Schutzzweck durchaus vereinbar ist dagegen auch zukünftig ein gelegentlicher Abbau einzelner Tuffblöcke für den Eigenbedarf des Eigentümers.

Eine Abstimmung mit der Naturschutzverwaltung ist jedoch im Einzelfall notwendig.

Ebenso besteht angesichts der kümmerlichen Ergebnisse von Aufforstungsversuchen wohl auch kein Interesse mehr an einer waldbaulichen Nutzung der Fläche.

Sie wäre mit dem Schutzzweck nicht vereinbar.

Derzeitige und künftige Gefährdungsursachen sind vielmehr Schäden durch einen zunehmenden Druck auf das Gebiet durch Wanderer, Ausflügler und Pflanzenliebhaber.

Das Schutzgebiet ist nicht durch Wege erschlossen.

Eine weitere Gefährdung stellt die sich fortsetzende Sukzession dar.

Während diese Gefährdung im Bereich des Hangquellmoores durch Entfernung der Erlenaufforstung  und eine Mahd im mehrjährigen Turnus aufgehalten werden kann und sollte, muß die künftige Behandlung der abgebauten Steinbruchflächen einer detaillierten Bestandsaufnahme und gründlichen Zieldefinition in einem Pflegeplan vorbehalten bleiben.

Bis zu dessen Fertigstellung wird durch Pflegemaßnahmen des Bundes Naturschutz Oberschwaben auf Teilflächen die Sukzession zum Wald aufgehalten und so die bisherige lichtbedürftige Vegetation geschützt.

Um die Magerkeit sämtlicher Standorte im Schutzgebiet nicht zu gefährden, sollte eine Wildfütterung, aus landschaftsoptischen Gründen die Errichtung von anderen jagdlichen Einrichtungen ausgeschlossen bleiben.

 

 

 

Tübingen, den 28.12.1988

 

 

Dr. Kracht