4.221 Lochmoos

 

Würdigung

 

 

Naturschutzgebiet „Lochmoos“

 

1. Landschaftliche Situation

Zugehörig zum Naturraum Oberschwäbisches Hügelland (032), liegt das Landschaftsschutzgebiet Lochmoos auf Gemarkung Schlier der Gemeinde Schlier im Landkreis Ravensburg (TK 8124 i.M. 1:25.000).

Unweit der Ortschaft Hintermoos gelegen, präsentiert sich das Lochmoos als langgestreckter Niedermoorkomplex am Rand des Altdorfer Waldes.

Das ca. 54,9 ha große Schutzgebiet umfaßt die von der Landesanstalt für Umweltschutz kartierten Feuchtgebiete mit den Biotopnummern 556, 557, 558, 559 und 560 sowie angrenzende Grünflächen auf Niedermoor-und Anmoorgrund.

Unter der Biotopnummer 556 ist der in einem kleinen Seitental gelegene, zum Gesamtlebensraum gehörende Bannbühlweiher miteinbezogen.

 

2. Geologie und Klima

Die Landschaft des Oberschwäbischen Hügellandes wurde nachdrücklich geprägt von der Tätigkeit des Alpenrheingletschers und dessen Schmelzwässern während der verschiedenen Eiszeiten, insbesondere aber der letzten, der Würmeiszeit.

Beim Vordringen des Rheingletschers aus dem Bodenseebecken teilte sich dieser in verschiedene Loben (Zungen) auf, die sog. „Schussenzunge" im Bereich des Oberschwäbischen, die „Argenzunge" im Bereich des Westallgäuer Hügellandes.

Der Höhenzug bei Waldburg mit dem angrenzenden Lochmoos bildete dabei als Mittelmoräne die Trennlinie zwischen diesen beiden Eiszungen.

Mit dem Abschmelzen des Eises gegen Ende der Eiszeit wurde der Waldburg-Rücken von dem ihn umgebenden Eispanzer befreit.

An seinen Rändern, an der jeweiligen Grenze zwischen dem Eis und dem schon herausragenden Rücken sammelten sich Schmelzwässer zu einer Reihe kleiner Eisstauseen, die aber wohl mehr oder weniger kurzlebig waren (German 1976).

Aus diesen kleinen Seen und Versumpfungen hat sich in der Nacheiszeit das heutige Moor, das Lochmoos, entwickelt.

Die Moormächtigkeit beträgt im Süden (Bereich Tannstorren) bis zu 200 cm und hatte hier teilweise - bevor Torf gestochen wurde - Hochmoorcharakter (Göttlich 1986).

Die mittlere Jahrestemperatur im Bereich des Lochmooses beträgt 7,1° C bei einer durchschnittlichen Niederschlagssumme von ca. 1000 mm/Jahr.

 

3. Nutzung und Nutzungsgeschichte

Im frühen Mittelalter bereits erkannten die Mönche des Klosters in Weingarten den Nutzen, der sich aus dem hohen Wasserangebot des Niedermoorkomplexes Lochmoos ziehen läßt.

Sie begründeten damals das noch heute bestehende künstliche Kanalsystem „Stiller Bach", das einst etliche klösterliche Mühlen und bis zu 12 Weiher versorgte.

Den Oberlauf dieses bedeutsamen landeskulturellen Denkmales mit einer Fließlänge von ca. 14,5 km bildet der zentrale Wassergraben im Lochmoos.

Noch heute ist das Naturschutzgebiet mit seinen ihm zahlreich zufließenden Entwässerungsgräben und Weiherabflüssen für die gleichmäßige Wasserführung des Stillen Baches bis hin zum Rößler Weiher verantwortlich.

Zur besseren Regulierung dieser Wasserführung wurde im Jahre 1603 im Norden des heutigen Schutzgebietes ein - weiterhin existierender - Fallenstock errichtet, der Überschußwasser in den natürlichen Schwarzenbach ableitet.

Neben dieser Nutzung als Mühlkanal ist der Lochmoosbach als Forellen- und Krebs-Fischwasser begehrt und genutzt.

Vom Fallenstock an abwärts ist der Stille Bach an den Fischereiverein Ravensburg verpachtet, der ihn in den vergangenen Jahren jährlich mit Bachforellen besetzte.

Eine oberhalb des Fallenstockes gegrabene Aufweitung des Baches wurde lange als durchflossener Fischteich genutzt.

Etwa seit dem Jahre 1970 ist diese Nutzung jedoch aufgegeben.

In herkömmlicher Art und Weise zur Fischzucht mit regelmäßigem Ablassen und Neubesatz wird der Bannbühlweiher genutzt.

Aufgegeben - und zwar seit den 50er Jahren - wurde auch der Torfstich im Gebiet.

Noch heute zeugen bis zu 1 m hohe Torfstichwände im Bereich des „Hintermooser Wasenmooses" von einer über lange Zeit betriebenen kleinbäuerlichen Torfwirtschaft im Südteil des heutigen Schutzgebietes.

Geprägt aber wurde und wird das Lochmoos durch die landwirtschaftliche Nutzung.

Noch vor wenigen Jahrzehnten waren ca. 90 % der Schutzgebietsfläche entweder als einmähdige Streuwiesen oder als zweischürige Futterwiesen genutzt.

Erst in den letzten 10-20 Jahren fielen große Flächen brach, andere - vor allem im südlichen Bereich - wurden durch Melioration und Düngung in mehrschnittige Futterwiesen umgewandelt.

Insbesondere die früher weitverbreiteten Feuchtwiesen - Zweischnittnutzung wird nur noch auf kleinen Restflächen betrieben.

Forstwirtschaftliche Nutzungen spielen im Gebiet eine nur untergeordnete Rolle.

Neben 3 Altholzinseln innerhalb des Schutzgebietes und einem nahezu nicht genutzten Erlenbruchwald beschränkt sich der eigentliche Wirtschaftswald auf einige kleinflächige Fichtenaufforstungen.

 

4. Schutzwürdigkeit

In seiner vom Altdorfer Wald umgebenen Tallage präsentiert sich das Naturschutzgebiet Lochmoos als Kulturlandschaftsteil von besonderem landschaftlichem Reiz.

Es ist geprägt von einem kleinräumigen Mosaik unterschiedlicher Vegetationsformen, wobei es sich überwiegend um von menschlicher Nutzung überprägte Formen, nämlich die verschiedenen Typen von Feucht- und Naßwiesen handelt.

Bei den in der Regel zweimal jährlich genutzten und in der Vergangenheit höchstens schwach gedüngten Feuchtwiesen handelt es sich um Engelwurz/Kohldistel- bzw. Waldbinsenwiesen.

Dieser auch als Roßheuwiese bezeichnete, früher weit verbreitete Grünlandtyp mit einer hohen Zahl an gefährdeten Pflanzenarten, besitzt heute Seltenheitswert.

Bei den Streuwiesen des Gebietes handelt es sich vorwiegend um Enzian-Pfeifengraswiesen.

In ihrer Artenvielfalt und Farbenpracht wird diese basische und leicht nährstoffliebende Variante der Pfeifengraswiese nur noch von den Pflanzengesellschaften der Kalk-Trockenrasen übertroffen.

Neben seltenen Kleinseggen wie der Flohsegge (Carex pulicaris) finden sich Orchideenarten wie das Kleine Knabenkraut oder die Glanzstendel, aber auch die Mehlprimel.

In trockeneren Bereichen findet man z.B. die Kugelrapunzel, die Prachtnelke oder das Spatelblättrige Greiskraut.

Daneben kommt auch die weniger basenreiche, im Gebiet brachliegende Variante der Pfeifengraswiese vor.

Arten wie der Rundblättrige Sonnentau, die Moosbeere, das Alpen-Wollgras und ein hoher Bleichmoosanteil weisen als Folge der aufgegebenen Streunutzung bereits auf eine Entwicklung zum Übergangsmoor bzw. auf Reste der weitgehend abgetorften Hochmooranteile hin.

Die im Gebiet vorkommenden Erlenbruchwälder sind durch einen hohen Artenreichtum charakterischer Pflanzen im Unterwuchs gekennzeichnet.

Hier finden sich Frühjahrsblüher wie der Märzenbecher, aber auch Großseggen wie die Schein-Zypergras-Segge (Carex pseudocyperus).

Artenreich und als Lebensraum von hoher Bedeutung sind auch die zahlreichen Wassergräben sowie der ehemalige Fischteich.

Insgesamt konnten im geplanten Schutzgebiet bisher 221 höhere Pflanzenarten kartiert werden, von denen sich 29 in den verschiedenen Gefährdungskategorien der Roten Liste wiederfinden.

Entsprechend der floristischen Vielfalt mit einem Nebeneinander ungenutzter Bereiche bietet das Naturschutzgebiet Lochmoos auch einen reich strukturierten Lebensraum für zahlreiche gefährdete und geschützte Tierarten.

Dies gilt vor allem für die Amphibien.

Die 7 hier vorkommenden Arten finden im weitgehend intakten Gesamtlebensraum Lochmoos alle Habitatansprüche befriedigt, wobei der Bannbühlweiher als Laichgewässer einen wichtigen Teillebensraum darstellt.

Von ganz besonderer Schutzwürdigkeit ist der sichere Nachweis des vom Aussterben bedrohten Moorfrosches ebenso wie ein stabiles Vorkommen des Laubfrosches.

Unter den ans Wasser gebundenen bedrohten Arten anderer faunistischer Gruppen sollen noch die Vorkommen von Steinkrebs und Ringelnatter genannt werden.

Mit bisher 23 kartierten Arten ist die Libellenfauna vertreten.

Als Besonderheiten können die Blauflügel- und die Gebänderte Prachtlibelle ebenso wie die Sibirische Winterlibelle gelten.

Charakteristisch für Flachmoore mit Streuwiesen- und extensiver Feuchtwiesennutzung ist der Reichtum an Schmetterlingen (169 kartierte Arten aus 20 Familien).

Gründliche Untersuchungen liegen darüberhinaus zur Heuschreckenfauna und zu den Wanzen des Gebietes vor.

Aus der Avifauna des Schutzgebietes seien nur die Rohrammer, der Feldschwirl und der Sumpfrohrsänger, sowie die am Bannbühlweiher brütenden Zwergtaucher und Reiherente genannt.

 

5. Schutzzweck

Wesentlicher Schutzzweck für das Naturschutzgebiet Lochmoos sind die Erhaltung und nach Möglichkeit Verbesserung der ökologischen Wertigkeit einer Niedermoorlandschaft als

-wertvolles Element der herkömmlichen Kulturlandschaft;

-Lebensraum und Rückzugsgebiet für eine artenreiche und teilweise hochgradig gefährdete Tier- und Pflanzenwelt;

-Quellgebiet und Wasserspeicher für das kulturhistorisch bedeutsame Gewässersystem des „Stillen Baches";

-wichtiger Bestandteil im Lebensraumverbund oberschwäbischer Feuchtgebiete.

 

6. Gefährdung und Pflege

Die Gefährdung des Gebietes durch Änderung der herkömmlichen landwirtschaftlichen Nutzung hat sich in den vergangenen Jahren verringert.

Hierbei spielte die Tatsache eine Rolle, daß große Teile des Gebietes vom Land Baden-Württemberg, Landes-forstverwaltung, erworben werden konnten.

Dennoch wird auch heute noch auf Niedermoorflächen im Südteil des Gebietes intensive Grünlandwirtschaft betrieben.

Dies beeinträchtigt zum einen den Wert der Flächen selber, zum anderen gehen von einer Düngung - vor allem mit flüssigem Wirtschaftsdünger - Gefährdungen für benachbarte, nicht intensiv genutzte Flächen aus.

Weitgehend verschwunden, und insofern hochgradig gefährdet, ist die früher übliche Zweischnittnutzung im Gebiet.

Sie hatte charakteristische Lebensgemeinschaften in den Flächen zur Folge, die heute durch artenarme Bestände ersetzt sind.

Diese intensiv genutzten, artenarmen Flächen trennen und verinseln die im Südteil des Naturschutzgebietes gelegenen Feuchtgebiete untereinander und vom Nordteil des Gebietes.

Durch Extensivierungsangebote an die Landwirte ebenso wie durch Grunderwerb muß dieser Zerschneidung Einhalt geboten werden.

Als Gefährdung des vorhandenen Strukturreichtums ist auch die Verbrachung ehemaliger Streuwiesen anzusehen.

Die bereits seit 1984 angelaufene Pflege durch die Staatliche Forstverwaltung sollte auf weitere Flächen ausgedehnt werden.

Für die gebietsuntypischen Fichtenreinbestände sollte ein langfristiger Umbau in einen standortgemäßen Erlen-Bruchwald angestrebt werden.

Als sehr folgenreiche Störung, die sich im Brutvogelbestand deutlich niederschlägt, sind die zahlreichen tieffliegenden oder sogar landenden deutscher und französischer Militärs zu betrachten.

Hier ist mit der Ausweisung als Naturschutzgebiet eine Beendigung zu erwarten.

Wegen der zahlreichen, im Detail zu klärender Pflegenotwendigkeiten im Lochmoos ist ein zusammen mit der Forstverwaltung zu erstellender Pflegeplan der Bezirksstelle für Naturschutz und Landschaftspflege Tübingen notwendig.

 

7. Literatur

DETZELl, P. (1983): Das Lochmoos. Unveröffentlichte Diplomarbeit, Uni Tübingen.

DETZEL, P. (1984): Das geplante Naturschutzgebiet Lochmoos. Auftragsarbeit BNL Tübingen (unveröff.).

EGE, M. (1990): Das geplante Naturschutzgebiet Lochmoos. Auftragsarbeit BNL Tübingen (unveröff.).

GERMAN, R. (1976): Geologie und Geographie in: Der Kreis Ravensburg. Konrad-Theiß-Verlag Tübingen.

GÖTTLICH, K.H. (1986): Moorkarte von Baden-Württemberg (1:50.000). Erläuterungen zu Blatt Bad Waldsee (L 8124).

HERBST, H.-D. (1989): Der Stille Bach und seine Gewässer im: Führer zum wasserbauhistorischen Wanderweg der Gemeinden Schlier und Weingarten. Hrsg. Landkreis Ravensburg.

HERTHER, H. (1981): Die Schmetterlingsfauna im Lochmoos bei Unterankenreute. Zula PH Weingarten (unveröff.).

 

 

 

Tübingen, den 25.6.1991

 

 

Dr. Kracht