4.227 Lipbachsenke

W ü r d i g u n g

 

1.   Landschaftliche Situation

1.1 Geographische Lage

      Das Natur‑ und Landschaftsschutzgebiet "Lipbachsenke" liegt im Gebiet

       der Gemeinde Immenstaad auf Gemarkung Immenstaad und im Gebiet

      der Stadt Friedrichshafen auf den Gemarkungen Fischbach und Kluftern

      im Bodenseekreis (TK 25, Blatt 8322). Das Naturschutzgebiet hat eine Größe

      von ca. 40,7 ha, das Landschafts­schutzgebiet hat eine Größe von ca. 43,8 ha.

      Das Gebiet liegt ca. 430 m ü.NN und gehört innerhalb der naturräum-

      lichen Haupteinheit "Bodenseebecken" zur Teileinheit "Fischbacher Senke".

      Es befindet sich in dem Freiraum zwischen Immenstaad und Friedrichs-

      hafen- Fischbach, der im Nor­den von Kluftern und im Süden vom Bodensee be-

      grenzt wird.

1.2 Erscheinungsbild

      Die Lipbachsenke besitzt einen offenen Landschaftscharakter. Es handelt sich

      um einen Talzug der Raderacher Drumlinlandschaft, der sich zum Bodensee hin weitet.

      Die ebene Talsohle besteht aus alluvialen Sanden, die eine Lehmdecke

      tragen. Die seitlich ansteigenden Böschungen und Hänge beste­hen dagegen

      aus kiesreichem Moränenmaterial.

      Die während bzw. nach der letzten Eiszeit entstandene Senke wird im Bereich

      des Schutz­gebiets durchflossen von einem natürlich mäandrierenden Bach, dem

      Lip­bach, der in den Bodensee mündet. Der Lipbach mit seinem natürlichen

      Ufer­wald und die Lehmgrubengewässer der ehemaligen Ziegelei Heger bilden

      das Zen­trum des Naturschutzgebietes. Die Gewässer zeichnen sich durch

      meist    rech­teckige Form mit Steilufern aus und sind durch Dämme gegliedert, die

      mit Gehölzen und Röhricht be­standen sind. Nördlich dieser "Heger Weiher" schließt

      sich ein naturnaher Auwald an. Das Feuchtgebiet "Votzenwiesen" leitet in

      einen kleinen Traubenkirschen‑Erlen‑Eschen‑Wald im nordöstlichsten Teil

      des Naturschutzgebietes über. Im Bereich Weiherwiesen im Süden befindet sich

      eine wertvolle Ruderalfläche mit eingestreuten Feldtümpeln, Gehölzgrup­pen

      und Waldresten. Außerdem kommen auch einige Wiesen und Weiden vor.

Innerhalb der Abgrenzung des Landschaftsschutzgebietes liegen weitere

Feucht­ge­biete, die von  Wiesen und Weiden umgeben sind, und Streuobst-

wiesen. Um eine ausreichende Pufferwirkung für das Naturschutzgebiet zu er-

zielen, ist die Fläche des Landschaftsschutzgebietes entsprechend groß gewählt.

Es han­delt sich im wesentlichen um extensiv genutzte Flächen, in die einge­-

streut Äcker mit Getreide‑ und Maisanbau sowie Intensivobstanlagen liegen.

1.3 Geologie

Das Schutzgebiet liegt im Naturraum "Bodenseebecken". Dieser Molassetrog

besteht aus tertiären Sedimenten, die von eiszeitlichen sowie nacheiszeit-

li­chen Ablagerungen des Quartärs überdeckt sind.

Das Bodenseebecken ist zum weitaus größten Teil das Werk des Rheinglet-

schers während der verschiedenen Eiszeiten im Quartär. Die Glet­schervorstöße

der Riß‑ und Würmeiszeit haben das Landschaftsbild Oberschwa­bens am entschei-

densten geprägt. In der Riß‑Eiszeit drangen die Eismassen am weitesten nach

­Norden vor. Während dieser Eiszeit leistete das Eis die Haupt­arbeit der Ausräu-

mung des Beckens. Beim Abschmelzen des Gletschers entstand dann zum ersten

Mal ein "Bodensee" von längerer Dauer.

Das durch Glazialerosion entstandene Gebiet des heutigen Bodenseebeckens ist

fast zehnmal größer als der Bodensee. Der heutige Bodensee füllt lediglich die

iefste Stelle des vom Rheingletscher ausgeräumten Zungenbeckens direkt am

Alpenrand.

Auch die Fischbacher Senke verdankt ihre Entstehung dem Rheingletscher. Es han-

delt sich hierbei um ein kleineres Urstromtal. Das Abschmelzen des Eises innerhalb

des Zungenbeckens führte am Eisrand zur Bildung eines Stau­sees.

Auf dem Grund dieses Stausees lagerte sich in Fortsetzung der Schotter und Sande

des Deltas auch feinkörniger Schluff ab. Durch den jah­reszeit­lich wechselnden

Zufluß zeigen diese sohligen Schich­ten eine Hell‑Dunkel‑Zweitei­lung. Man bezeich-

net sie deshalb als "Bändertone". Auf diesen Sedimenten liegt eine Lehmdecke

mit sandiger und gelegentlich humoser Deckschicht.

      Der Lipbach fließt in der nacheiszeitlichen Rinne der Fischbacher Senke zum

      Bodensee. In den Talbuchten des Lipbachs und in den alten Tongruben der

      ehe­maligen Ziegelei "Heger" sind die würmeiszeitlichen Bändertone aufge-

      schlos­sen. In der nördlichen Hälfte des Gebietes tritt diluvialer Talsand und

      Kies auf, der durch einen von West nach Ost verlaufenden Erosionsrand exakt

      von alluvialem Talkies im Süden getrennt wird.

1.4 Hydrologie

Die Lehmgrubengewässer der ehemaligen Ziegelei Heger erhalten ihr Wasser von

zwei kleineren Bächen, die aus Westen von den Hagnauer Wiesen kommen. Alle

Weiher sind relativ flach. Die maximale Tiefe beträgt 170 ‑ 210 cm. Es gibt jedoch

auch Weiher, die nur 30 cm (± 20 cm) tief sind. Dank ihrer Entstehung weisen

die Weiher alle eine ebenmäßige Sohlgestalt auf.

Untereinander sind die Weiher durch Überlaufsysteme verbunden ‑ ein Ausfluß

mündet unterhalb der Weiher in den Lipbach. Bei Hochwasser gelangt Druckwas­ser

vom Lipbach in die Weiher. Die typische Trübung in den Weihern, die ganz­jährig

zu beobachten ist, ist großteils mineralischen Ursprungs und auf die feinen

Tonbestandteile zurückzuführen, die im Wasser schweben. Der hohe Trübstoffanteil

in den Weihern ist für Wasserpflanzen und Tiere der besied­lungsbegrenzende Faktor.

Laut Biotopanalyse von Dr. ALPES vom September 1991 sind die Heger Weiher in

die Trophiestufe II ‑ mesotroph (mäßige Nährstoffbelastung) ‑ einzuordnen. Lediglich

bei drei Weihern wird eine Verschiebung zur eutrophen Situation deutlich.

Gewässergüteuntersuchungen des Lipbachs (September 1990, M. WOLF) ergaben

eine Gewässergüte der Klasse II (mäßig belastet). An zwei der sechs unter­such-

ten Gewässerstrecken zeigte sich allerdings eine Verschlechterung des Gütezustan-

des nach Güteklasse III (stark belastet) bei kritischer Sauer­stoffversorgung:

      1. unterhalb der Heger Weiher

      2. unterhalb der kommunalen Kläranlage und des Grenzhofes.

      Die Änderungen im Gewässergütezustand des Lipbachs sind nach Aussage dieser

      Untersuchungen auf Einwirkungen aus der Fischhaltung in den Heger Weihern

      sowie aus den Einleitungen aus der Sammelkläranlage und aus dem Grenzhof

      zurückzuführen.

1.5 Klima

Das Schutzgebiet befindet sich im südwestdeutschen Klimabereich und gehört

zum Klimabezirk Rhein‑Bodensee‑Hügelland. Aufgrund der Lage des Bodensee-

ge­bietes am Nordrand der Alpen ergeben sich aus dem Zusammenwirken von Gebir­-

ge, Hügelländern, Beckenraum und der Wassermassen des Sees eigene Klimaver­

hältnisse. So ist das Bodenseegebiet eines der ausgeprägtesten Sommerregen­

gebiete Deutschlands. Der Juli ist durchweg der niederschlagsreichste, der Februar

der trockenste Monat. In Friedrichshafen fallen in den Monaten Juni, Juli und August

allein 40 Prozent der Jahresniederschlagsmenge. Infolge der Stauwirkung der Alpen

ist im gesamten Gebiet eine Niederschlagszunahme von West nach Ost nachzu-

weisen. Die mittlere Jahresniederschlagsmenge liegt in Friedrichshafen zwischen

900 und 950 mm.

Beckenlage, Föhneinfluß und vor allem der See selbst bewirken eine klimati­sche

Begünstigung des Bodenseeraumes: Der See dient dabei als Wärmespeicher. Vom

Mai an speichert der See Wärme und gibt sie bis in den Winter hinein wie­der ab.

In Friedrichshafen liegt die mittlere Jahrestemperatur bei 8,4° C.

1.6 Nutzung

      a)  Naturschutzgebiet

Die Heger Weiher im Naturschutzgebiet waren ehemalige Lehmabbauge-

biete. Hier wurde der nacheiszeitlich abgelagerte Bänderton, dessen Korngrö-

ßen­frak­tionen sich gut zur Tonziegelherstellung eignen, abgebaut. Heute

besteht eine Nutzung der Gewässer durch einen Angelsportverein. Die

Pacht­verträge für die fischereiliche Nutzung der Heger Weiher laufen jedoch

1992 ab. Der Wald im Naturschutzgebiet ist Wirtschaftswald. Direkt am Wald-

rand auf  dem Flurstück 507 befinden sich zwei kleine Obstanlagen. Das Grün-

land wird als Wiese und Weide genutzt.

      b)  Landschaftsschutzgebiet

Innerhalb des Landschaftsschutzgebietes überwiegt die landwirt­schaft-

liche Nutzung. In den Randbereichen des Landschaftsschutzgebietes gibt es

Streu­obstwiesen. Auch Äcker mit Getreide‑ und Maisanbau, Intensivobstan­-

lagen, sowie Wiesen, Weiden und nicht mehr genutzte Streuwiesenflächen

kommen im Gebiet vor.

2.   Schutzwürdigkeit

Maßgeblich für die ökologische Bedeutung des Gebietes ist die durchgängige

­Bachaue des Lipbachs, die als "Grünachse" den Bodensee und dessen Ufer-

­bereich mit dem Hinterland verbindet. Durch diese "Zentrale Achse" besteht eine

Verknüpfung verschiedener wertvoller Biotope, wie sie vergleichbar im Boden-

seegebiet nur noch selten anzutreffen ist.

Das Schutzgebiet "Lipbachsenke" bildet mit seiner Umgebung einen zusam-

men­hängenden, ökologisch besonders hochwertigen Raum: Es handelt sich dabei

um eine strukturreiche Talsenke, in der Waldflächen, Röhrichtbe­stände, Weiher

und Feuchtgebiete sich mit Wiesen und Weiden, in die Getrei­deäcker und In­ten­siv­

obstanlagen eingestreut sind, abwechseln. Aus der Sicht des Arten‑ und Biotop-

schutzes gilt eine derart vielförmige Landschaft als besonders wert­voll. Das

im Januar 1992 in Kraft getretene Biotopschutzgesetz stellt nach § 24a natur-

­nahe und unverbaute Bachabschnitte einschließlich der Ufer­vegeta­tion, Streu­-

wiesen, Röhrichtbestände, naturnahe Uferbereiche und natur­nahe Auwälder

als besonders gefährdete Biotope in Baden‑Württemberg unter gesetz­lichen Schutz.

2.1 Schutzwürdigkeit des Naturschutzgebietes

      a)  Flora

Die "Lipbachsenke" umfaßt viele bedrohte Biotop­typen mit ihren seltenen

Lebensgemeinschaften. Entlang des im Schutzgebiet meist frei mäandrieren­den

Lipbachs zieht sich ein Uferwald, der sich im Bereich der Tongruben z­u einem

auwaldartigen Bestand weitet. Der Gehölz‑ und Krautbestand dieses Waldes ist

naturnah. Im Frühjahr werden weite Berei­che von ge­schlossenen Beständen des

Bär­lauchs geprägt. Man findet eine artenreiche, geschlossene Krautvegeta­tion,

die typisch ist für den Auwald. Eigens zu erwähnen sind hier die reich­haltigen

Moos‑ und Pilzvorkommen.

Besonders schützenswert ist die Flora im Bereich der Heger Weiher. Hier findet

man die seltenen Pflanzen Quirlblütiges Tausendblatt (Myriophyllum verticillatum,

R 3), Schein‑Zypergras‑Segge (Carex pseudocyperus, R 5) und die Berg‑Wald-

hyazinthe (Platanthera chlorantha, R 3).

Außer dem Auwald am Lipbach kommen im Naturschutzge­biet seltene natur­nahe

Waldgesellschaften vor, so z.B. ein Trau­benkirschen‑Erlen‑Eschen-Wald mit

Waldmeister (Galium odoratum), Wald‑Ziest (Stachys sylvatica) und Aron­stab

(Arum maculatum).               

      b)  Fauna

Der faunistische und floristische Artenreichtum des Gebietes um die Heger Weiher

basiert auf dem kleinräumigen Strukturwechsel dieses Bio­tops: auf kurzen

Abschnitten wechseln besonnte und unbesonnte Uferstrecken, Schilf­bestände

und Auwaldstücke miteinander ab. Gehölzzonen sowie die Schilf‑ und Hoch-

staudenbestände um die Heger Weiher bieten vor allem Nachtfal­tern Lebens-

möglichkeiten. Je unterschiedlicher die Pflanzengesellschaf­ten, desto breiter

ist das Artenspektrum der Schmetterlinge sowie der übrigen Insekten.      

An Insekten sind in diesem Gebiet 12 Libellenarten kartiert worden, von denen

die Gefleckte Smaragdlibelle (Somatochlora flavomaculata, R 3), die Braune

Mosaikjungfer (Aeschna grandis, R 4) und die Herbst‑Mosaikjungfer (Aeschna

mixta, R 4) zu den gefährdeten Arten der Roten Liste Baden‑Würt­tembergs

gehören. Aber auch Amphibien bewohnen diesen Abschnitt des Na­

turschutzgebietes. So wurde hier neben Grasfrosch (Rana temporaria, R 4) und

Laubfrosch (Hyla arborea, R 2) eine große Population der Erdkröte (Bufo bufo,

R 4) mit ca. 1.000 Exemplaren entdeckt.

Die Vegetation um die Heger Weiher bietet einen idealen Lebensraum, so­wohl als

Brut‑ wie auch als Nahrungshabitat, vor allem  für Vögel und Insekten. Es wurden

hier 64 Brutvogelarten festgestellt. Darunter sind 10 Arten, die in ihrem Vor­kom­

men gefährdet sind. Der auf Schilfröhricht angewiesene Drosselrohrsänger (Acro­

cephalus arundinaceus, R 1) sei hier als Beispiel genannt. Er baut sein Nest

zwischen Schilfstengeln etwa einen Meter über dem Wasserspiegel. Seine

Nahrung besteht aus Insekten und ihren Larven, wie Libellen, Eintagsfliegen,

Schmetterlinge und Käfer, sowie gelegent­lich Molchlarven und winzigen Frö­

schen. Zur Vogelfauna des Gebietes gehört auch der Pirol (Oriolus oriolus, R 4),

der gerne in Auwäldern brütet.

           Am Lipbach gibt es Eisvogelvorkommen (1 Brutpaar). Sandige oder lehmige Steil-

           wände, wie sie am Lipbachufer auftreten, dienen den Eisvö­geln als Brutplätze.

           Der Eisvogel (Alcedo atthis, R2) gehört zu den stark gefähr­deten Tierarten, deren

           Be­stände im nahezu ge­samten einheimi­schen Verbrei­tungsgebiet auf­fallend

           zurückgehen. Er ist besonders geschützt und vom Aussterben bedroht nach

           BArtSchVO.

2.2 Schutzwürdigkeit des Landschaftsschutzgebietes

Inmitten der intensiv bewirtschafteten Talsenke gibt es noch mehrere Feucht­ge­

biete. Es handelt sich dabei um ehemalige Streuwiesen mit Arten der Mäde­süß­

hochstau­denflur und der Großseggenriede: Mädesüß (Filipendula ulmaria),

Kohldistel (Cirsium oleraceum), Rohrglanzgras (Phalaris arundinacea), Flat­

terbinse (Juncus effusus), Sumpfschachtelhalm (Equisetum palustre) und

Schilfrohr (Phragmites communis). Auch weist der weitere Auenbereich ein

dichtes, von Quellwasser gespeistes Grabennetz auf. Hier gibt es artenreiche

Wiesen und Gräben mit standortspezifischen, z.T. in ihrem Bestand zurück­

gehenden Arten. Die Wiesen und Weiden zwischen den Intensivobstanlagen sowie

die Streuobst­wiesen in den Randbereichen des Schutzgebietes tragen zur Auf­

lockerung des Landschaftsbil­des bei. Die alten Obstbäume der Streuobstwiesen

sind ein ökologisch hochwertiges und optisch belebendes Element.

Die Talsenke mit ihren Feuchtgebieten und Gräben bietet Lebensraum für eine Fülle

von Tieren. Die Gräben und die noch vorhandenen ehemaligen Streuwiesen sind

wert­volle Amphibienbiotope. Auf den Wiesen findet man Kiebitze (Vanel­lus vanel­

lus).

Die Streuobstflächen bilden ein Strukturangebot für Arten, die ursprünglich ihr

Habitat in sehr lichten Feldgehölzen und Einzelbäumen gefunden haben. Aus diesem

Grund übernehmen sie vielerlei Funktionen: Singwarte für Vögel, Deckung vor

Feinden, Nistplatz für Höhlenbrüter (z.B. Eulen, Spechte), und Quartier für

baumhöhlenbewohnende Säugetiere wie Siebenschläfer und Abend­seg­ler.

Den Freiflächen am Waldrand kommt eine besondere Bedeutung zu. Sie schaffen

eine Verbindung zwischen den einzelnen schutzwürdigen Landschaftselementen und

sind ein wichtiger Lebensraum für waldrandspezifische Tierarten. Darun­ter versteht

man z.B. Arten, deren Wohnstätten im Wald liegen, die zum Nah­rungserwerb jedoch

auf Offenland angewiesen sind.

3.   Schutzzweck

3.1 Schutzzweck des Naturschutzgebietes

Die Lipbachsenke ist einer der wenigen Auebereiche im Bodenseegebiet, dessen

Verbindung zum Hinterland nicht durch Bebauung unterbrochen ist. Eine Gegen­

überstellung der umgebenden Landschaf­ten mit vergleichbaren Biotopen ergibt eine

Sonderstellung des Gebietes.

In dem dicht besiedelten Bodenseeraum mit einem hohen Siedlungsdruck vor allem

auf den seenahen Bereich um die Stadt Friedrichshafen stellt die Lip­bachsenke ein

wertvolles, naturnahes Rückzugsgebiet für bedrohte Tier‑ und Pflanzenarten dar. Zu

den bedrohten Tierarten zählen zehn Brutvogelarten und  mehrere gefährdete

Amphibien‑ und Libellenarten. Bei den bedrohten Pflanzen­arten handelt es sich

vorwiegend um selten gewordene Arten der Verlandungs­zonen, Streuwiesen oder

Auwälder.

Die durchgängige Bachaue des frei mäandrierenden Lip­bachs, die als "Zentrale

Achse" den Bodensee und dessen Uferbereich mit den verschiedenen Biotopen im

Auebereich verbindet, ist für die Ökologie des Gebietes von größter Bedeu­tun­g.

      Wesentlicher Schutzzweck des Naturschutzgebietes ist daher:

       -   die Erhaltung der in ihrer Struktur noch weitgehend natürlichen Bachaue des

     Lipbachs, die den Uferbereich des Bodensees und das Naturschutzgebiet­

"Lipbachmündung" mit verschiedenen Biotopen im Auebereich sowie

dem Bodenseehinterland verbindet,

-     die Erhaltung und Verbesserung des noch weitgehend frei mäandrierenden

      Lipbachs mit seinem naturnahen Bachbett, Ufer und Uferbewuchs,

  -  die Erhaltung und Förderung selten gewordener Lebensgemeinschaften

      und ‑räume im Bereich der Lehmgrubengewässer sowie des angrenzenden

            Auwaldes als Rückzugsgebiet für eine Vielzahl seltener oder in ihrem

            Bestand gefähr­deter Tier und Pflanzenarten.

3.2  Schutzzweck des Landschaftsschutzgebietes

       Das Landschaftsschutzgebiet dient als Pufferzone zur Vermeidung nachteiliger

       Einflüsse auf das Naturschutzgebiet. Die Freiflächen vor dem Wald tragen dazu

       bei, daß die Funktionen des Naturschutzgebietes erfüllt werden können. Eine Viel-

       zahl von Tierarten, zum Teil aus dem Natur­schutzgebiet, sucht das umgebende

       Landschafts schutzgebiet als Nahrungs habi­tat auf. Die Wiesen und Weiden gliedern

       die vom Intensivobstbau geprägt Landschaft. Die verbliebe­nen Streuobstwiesen

       zeugen von der frühe­ren Bewirt­schaftungsweise.

       Schutzzweck des Landschaftsschutzgebietes ist

-         die Schaffung einer die Naturschutzflächen umgebenden Pufferzone zur Erfüllung

     des Schutzzweckes des Naturschutzgebietes

-         die Erhaltung dieser abwechslungsreichen Auenlandschaft als Freiraum in einer

     vom Menschen stark beanspruchten Landschaft

-         das Bewahren des besonderen Erholungswertes dieses reizvollen Gebietes

     für die Allgemeinheit.

4.   Gefährdung

4.1 Gefährdung des Naturschutzgebietes

      Der anwachsende Erholungsverkehr bewirkt eine zunehmende Beunruhigung und

      Störung besonders der ökologisch sensiblen Auenwaldberei­che. Viele Tram­pelpfade

      sind ein Beleg hierfür.

Die Lehmgrubengewässer im Bereich der ehemaligen Ziegelei erfahren durch die

Sportfischerei eine negative Beeinflussung. Durch den Besuch der Angler kommt

es zu einer stärkeren Erholungsnutzung in dem Gebiet, das als reich­haltiges Vogel-

biotop gilt, wobei auch naturinteressierte Fischer einen Stör­faktor für die Vögel dar-

stellen.

Problematisch für den Lipbach ist die Tatsache, daß die landwirtschaftliche Nutzung

an mehreren Stellen bis an den Bachrand heranreicht. Es kommt zu einem

Einschwemmen von Dünge‑ und Pflanzenschutzmitteln in den Bach und damit zu

einer erheblichen Gewässer­belastung.

4.2 Gefährdung des Landschaftsschutzgebietes

Eine Gefährdung des Gebietes besteht in mehrfacher Hinsicht. Die intensiv betrie-

bene Landwirtschaft hat einen starken Eintrag von Dünger und Bioziden zur Folge.

Düngung mit Gülle läßt die im Gebiet vorhandenen Wassergräben und den Lipbach

für dort laichende Amphibien als Laichgewässer unbrauchbar wer­den. Von den

land­wirtschaftlichen Flächen werden Nährstoffe in die wenigen dort noch beste­hen­-

den Feuchtgebiete eingeschwemmt. Dies führt zu Eutrophie­rungen und verändert

die bestehende Artenvielfalt der Feucht­gebiete.

Im Auebereich besteht die Gefahr, daß weiteres Grünland in intensiv genutzte

landwirtschaftliche Flächen umgewandelt wird, wodurch wertvolle Offenland­biotope

verloren gehen würden.

Ein weiteres Problem stellt die landwirtschaftliche Nutzung bis an den Waldrand dar.

Hierbei kann sich kein naturgemäßer mehrstufiger Waldrand ausbilden. Wald­ränder

sind wichtige vernetzende Saumbiotope für die Land­schaft. Als Grenz­biotope

zwischen zwei verschiedenen Biotopen (wald‑ und landwirtschaftliche Nutzfläche)

bieten sie Lebensraum für charakteristische Pflanzen und Tiere.

5.   Pflege

5.1 Pflege des Naturschutzgebietes

      Zur Verbesserung der ökologischen Situation des geplanten Schutzgebietes sind fol-

      gende Maßnahmen notwendig:

      -  Das Feuchtgebiet "Votzenwiesen" sollte durch Mahd offengehalten werden. Es

         darf nicht gedüngt werden.            

      -  Eingestreute, reine Fichtenbestände im Wald sollen im Zuge der Waldbewirt­-

 schaftung entfernt und durch standortsgemäße Bäume ersetzt werden: Der Aufbau

 einer standortheimischen Laubmischwaldvegetation mit Krautschicht ist anzu­streben.

      -  Erhalt von Alt‑ und Totholz aus Gründen des Artenschutzes (Lebensräume für

          Moose, Pilze, Insekten u.a.).

      -  Extensivierung der Landnutzung entlang des Lipbaches und insbesondere an Wald-

 rändern:

         Eine Verbesserung der Waldränder (> 20 m) ist anzustreben:

         Die Waldränder sollten durch Zurücknahme der landwirtschaftlichen Nutzung

         und Wiederherstellung des stockwerkartigen Aufbaus von Kraut‑, Strauch‑

         und Niederbaumschicht naturschutzgerecht renaturiert werden.

         Entlang der Ufer des Lipbachs muß ein Gewässerrandstreifen ausgewiesen werden

         (10 ‑ 15 m):

         Die Uferbereiche sollten nach den biotopverbessernden Maßnahmen einer mög-

         lichst unbeeinflußten Entwicklung überlassen werden; standorttypische Gehölz

         streifen und Auwaldrelikte an Ufern sollen in ihrem Bestand erhalten werden.

      -  Fischerei an den Heger Weihern:

         Es sollte nur der Naturertrag abgefischt werden. Zeitliche Begrenzungen für die

         Fischerei ergeben sich im Hinblick auf Vogelbrut‑ und Zugzeiten, Amphibienruhe-

         zeiten und Fischruhezeiten.

         Die Extensivierungsmaßnahmen sollten unter Berücksichtigung der Situation der

         ansässigen Landwirte stufenweise durchgeführt werden. An erster Stelle sollen

         die Gewässerrandstreifen extensiviert werden.
         Übersicht über die Vogelbrutzeiten der Rote‑Liste‑Arten an den Heger Weihern

                         März  April  Mai   Juni  Juli  Aug.  Sept.  Okt.

                                                                               

Kolbenente            A 2                                                          

Schnatterente       A 2                                     

Zwergtaucher        A 3                                                       

(Schachtelbruten)       

Teichrohrsänger   A 3                                     

Eisvogel                A 2                                                        

Wasserralle           A 2                                        

                                      Daten aus HÖLZINGER: Die Vögel Baden‑Württembergs,

                                      Teil 2 und Bezzel, Kompendium der Vögel Mitteleuropas

5.2 Pflege des Landschaftsschutzgebietes

 

-         Das Feuchtgebiet "Votzenwiesen" sollte durch Mahd offengehalten werden. Es

   dürfen keine Biozide ausgebracht werden.

-         Erhalt des alten Baumbestandes auf den Streuobstwiesen und nachhaltige

     Sicherung durch rechtzeitiges und kontinuierliches Nachpflanzen von ge-

     eig­neten Obstbäumen.

-         Eine Extensivierung der übrigen Flächen im Landschaftsschutzgebiet mit inten-

     siver landwirtschaftlicher Nutzung wäre begrüßenswert.

6.   Zusammenfassung

Bei dem Natur‑ und Landschaftsschutzgebiet "Lipbachsenke" handelt es sich um

einen Talzug in dem Freiraum zwischen Immenstaad und Friedrichshafen‑Fisch­bach.

Er wird durchflossen vom Lipbach, der im Bereich des Schutzgebietes noch einen ur-

sprünglichen Verlauf zeigt und in natürlichen Mäandern zum Bodensee fließt.

Das Schutzgebiet befindet sich westlich des Lipbachs auf der Gemarkung Im­men-

staad, Gemeinde Immenstaad und östlich des Lipbachs auf den Gemarkungen

Fischbach und Kluftern, Stadt Friedrichshafen im Bodenseekreis (TK 25, Blatt 8322).

Das Naturschutz gebiet umfaßt eine Fläche von ca. 40,7 ha, das Land­schaftsschutz-

gebiet von ca. 43,8 ha.

Die Lipbachsenke stellt eine strukturreiche Talsenke dar, in der Waldflä­chen,

Röhrichtbestände, Bach, Weiher und Feuchtgebiete sich mit Wiesen, Weiden,

Getreideäckern und Intensivobstanlagen abwechseln. Sie bildet mit ihrer Umgebung

Einen zusammenhängenden, ökologisch bedeuten­den Raum. Beson­ders hervorzu

heben für die ökologische Funktion des Gebietes ist die durch­gängige Bachaue des

Lipbachs, die als "Grünachse" den Bodensee und dessen Uferbereich mit dem Hinter-

land verbindet. Der Lipbach mit seinem natürlichen Uferwald und die Lehmgrubenge-

wässer der ehemaligen Ziegelei Heger zusammen mit dem nördlich anschließenden

naturna­hen Auwald bilden das Zentrum des Naturschutzgebietes. Gleichfalls zum

Na­turschutz gebiet gehören die bachbegleitenden Wiesen westlich des Lipbachs,

der naturnahe Traubenkirschen- Erlen‑Eschen‑Wald im Osten und ein Teil des

Feuchtge­bietes "Votzenwiesen". Aus der Sicht des Arten‑ und Biotopschutzes gilt

eine derart vielförmige Landschaft als besonders wertvoll. Vor allem in dem dicht

besiedelten Bodenseeraum ist die Lipbachsenke als naturnahes Rück­zugsgebiet für

bedrohte Tier‑ und Pflanzenarten besonders wichtig.

Das umgebende Landschaftsschutzgebiet dient als Pufferzone zur Vermeidung

nachteiliger Einflüsse auf das Naturschutzgebiet. Schutzzweck ist daher der

Erhalt dieser Talsenke als Freiraum in einer vom Men­schen stark beanspruch­ten

Landschaft und die Verbesserung des Biotopverbun­des vom Bodenseeufer

über Lipbach zum Hinterland als zusammenhängender Le­bensraum. Eine Bedro-

hung besteht durch die intensive Landwirtschaft, die im Naturschutzgebiet stel­len-

weise bis an den Bachrand heranreicht, und durch den anwachsenden Erho­lungs-

verkehr vor allem im Bereich der Lehmgrubengewäs­ser und des ökologisch

sensiblen Auwaldes. Ohne Unterschutzstellung und Pflege besteht die Gefahr, daß

dieser Lebensraum vernichtet wird. Daher verdient die Lipbachsenke den

Schutzstatus eines Naturschutzgebietes mit zugeordnetem Landschaftsschutzge­biet.

 

7.   Literaturverzeichnis

 


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                 kartierung des Landes Baden‑Württemberg, Karlsruhe.

LANDRATSAMT BODENSEEKREIS (1986): Feuchtgebiete im Bodenseekreis, Fried­-

                  richshafen                    

REGIONALPLAN BODENSEE‑OBERSCHWABEN (1981), Hrsg.: Regionalverband

               Bodensee‑ Oberschwaben, Ravensburg.

WAGNER, G. (1962): Zur Geschichte des Bodensees in: Jahrbuch des Vereins zum

              Schutze der Alpenpflanzen und ‑tiere, S. 98‑113, 27. Jahrgang, Selbst-

              verlag des Vereins, München.

WAGNER, G., KOCH, A. (1963): Raumbilder zur Erd‑ und Landschaftsge-

              schichte Südwestdeutschlands, Spektrum Verlag GmbH, Stuttgart.

WOLF, M. (1991):Bericht zu den limnologischen Gewässeruntersuchungen im Lipbach/

              Bodensee im Rahmen der Erstellung eines Landschaftspflege­rischen

              Begleitplanes im Auftrag der Stadt Friedrichshafen.


 

Tübingen, den 15.11.1992

 

Hoffmann                             gesehen: