4.205 "Vollmershalde"

 

 Würdigung

 

 

1.       Landschaftliche Situation

1.1     Geographische Lage

Das Naturschutzgebiet liegt am Rande des Rammert zwischen Dettingen und

Hemmendorf am Waldrand, der von Norden her vom Katzenbachtal und

im Süden vom Schellental mit dem Krebsbach durchzogen wird, auf Gemarkung

Hemmendorf (Stadt Rottenburg) im Landkreis Tübingen. Das 52,0 ha große

Gebiet er­streck­t sich über die nordwest‑ bis südwest­exponierten Hänge

zwischen "Schel­menlöchle" (528 m ü.NN) und "Königshalde". Das Gebiet ist auf

der topographischen Karte Nr. 7519 als Biotop Nr. 13 und Nr. 21 der Biotopkar­-

tierung für Baden-Württemberg aufgeführt.

1.2     Geologie

Der Rammert bildet als südlicher Flügel des Keuperlandes die Grenze zum

oberen Gäu (Muschelkalk‑Neckartal) In Aufbau und Höhenverhält­nis entspricht

er dem Schönbuch, jedoch trägt hier die oberste Stufe noch Reste der Rät­-

sandsteinplatte. Die Geländestufen sind durch bestimmte unterschiedlich

verwitterungsresistente geologische Schichten bedingt (Rät, Knollenmergel,

Stubensandstein). Den oberen Abschnitt der Vollmershalde bilden die Bunten

Mergel des Mittel­keupers, deren Verwitterungsböden den Untergrund für

Baum­wiesen bilden.

Boden:

Die flachgründigen Hanglagen mit ihren schweren Böden (Mergelrend­zinen)

tragen trockenes bis sehr trockenes Grünland. An steilen Stellen wird der

Boden leicht abgespült und kalkreicher Rohboden freigelegt. Starke Tempera­

turschwankungen mit z.T. sehr großer Wärme und Abspülung durch Regen ver­-

hindern eine Ansammlung von Humus. Der ruhende Boden am Hangfuß ist

dagegen der Auslaugung ausgesetzt, der Kalkgehalt nimmt hier stark ab und

Säurezei­ger stellen sich ein.

1.3     Landnutzung

Zum größten Teil sind die ehemaligen Weinberghänge heute der Brache über­

lassen, auch die Obstbäume sind meist sehr alt und teilweise bereits abge­-

storben. Von oben her sind die Grundstücke bewaldet; diesem Waldrand folgt

nach unten entweder sehr magere Wiese oder Brache, die bis zur Verbuschung

fortgeschritten sein kann oder in zunehmendem Maße Fichtenaufforstungen.

Gelegentlich erinnern noch terrassenartig abgestufte Hänge mit überwucher­ten

Treppchen und Mäuerchen teilweise noch mit alten Rebstöcken und ehema­ligen

Wein­baubegleitern (Alium sativa/Knoblauch, Ribes uva‑crispa/Stachel­beere

und Iris germanica/Deutsche Iris) an die histori­sche Wein­bergnutzung. Nach

unten schließen große zusammenhängende Streu­bostbestände auf mageren,

bunten Wiesen an, ab und zu unterbrochen von schmalen Acker‑ oder Fettwie­-

senstreifen.

2.       Schutzwürdigkeit

2.1     Flora

Die ehemaligen Weinberghänge, die nach ihrer Auflassung verbracht sind und

jetzt wieder beweidet werden, sind heute großteils von Halbtrockenrasen und

verschiedenen Sukzessionsstadien geprägt. Sie beheimaten 13 verschiedene

Orchideenarten: hervorzuheben sind vor allem Bocksriemenzunge

(Himantoglos­sum hircinum, G 2) und Purpur-Knabenkraut (Orchis purpurea, G

3), das in großer Zahl auf einer gemähten Fläche vorkommt. Weitere seltene

und gefähr­dete Orchideen­arten sind:

G 3 Anacamptis pyramidalis               Hundswurz

G 3 Orchis mascula                           Männliches Knabenkraut

G 3 Orchis militaris                            Helm‑Knabenkraut

G 3 Plathanthera chlorantha               Grünliche Waldhyazinthe

G 3 Ophrys apifera                                      Bienen‑Ragwurz.

Folgende, weniger seltene Orchideenarten sind überwiegend in verbuschten

Bereichen, an Waldrändern und zum Teil auch im Wald anzutreffen:

Plathanthera bifolia                            Weiße Waldhyazinthe

Listera ovata                                     Großes Zweiblatt

Gymnadenia conopsea                      Mücken‑Händelwurz

Dactylorhiza maculata                       Geflecktes Knabenkraut

Epipactis helleborine                           Breitblättrige Stendelwurz

Cephalanthera damasonium               Weißes Waldvögelein

          Weitere bemerkenswerte Pflanzen sind:

G 2 Veronica opaca                           Glanzloser Ehrenpreis

G 2 Hypochoeris maculata                 Geflecktes Ferkelkraut

G 3 Lathyrus aphaca                         Ranken‑Platterbse

G 3 Thymus serpyllum                       Sand‑Thymian

G 3 Rosa micrantha                           Kleinblütige Rose

Von den vom Menschen in den Weinberghängen eingebrachten Frühjahrs­-

blühern sind bis heute die verwilderte Dichternarzisse (Narcissus poeticus), die

Wilde Tulpe (Tulipa sylvestris, G 2), die Deutsche Iris (Iris germanica) und die

Große Trauben‑Hyazinthe (Muscari racemosum, G 3) erhalten.

Am Rande der Halbtrockenrasen sind Saumgesellschaften mit Hirsch­haarstrang

(Peucedanum cervaria und Blutstorchschnabel (Geranium sanguineum)

ausgebil­det. Sie umgeben die Schlehengebüsche und Waldmändel, die dem

lichten (Flaum‑)Eichen‑Buchenwald vorgelagert sind. Als Charakterarten dieser

Säume können ferner die Schwarz­werdende Platterbse (Lathyrus niger), der

Geißklee (Cytisus nigri­cans) und die Astlose Graslilie (Anthericum liliago, G 3)

genannt werden.

Alle vorkommenden Pflanzengesellschaften, wie Halbtrockenrasen, Saumgesell­-

schaften, Salbei‑Glatthafer Wiesen, gehören zu den mehr oder weniger ge­-

fährdeten Elementen unserer historisch gewachsenen Kulturlandschaft und sind

daher, besonders in ihrer Verzahnung, schützenswert und auch schutzbe­-

dürftig.

2.2     Fauna

Die Vollmershalde zeichnet sich durch eine große Vielfalt an Vogel‑ und

 Insektenarten aus.

          1991 konnten allein 36 verschiedene Vogelarten mit 282 Brutpaaren nachge­wiesen werden (STADELMAIER, 1991).

Die Streuobstbestände weisen eine ungewöhnlich hohe Dichte an Höhlenbrütern

auf, was auf ein hohes Alter der Bäume schließen läßt und die Hochwertig­keit

dieses Lebensraumes belegt. Dazu gehören Charakterarten der Streuobst­-

wiesen, die selten und gefährdet sind, wie Wendehals (G 3) und Gartenrot­-

schwanz. Weitere, zum Teil sehr häufig zu beobachtende Höhlenbrüter sind

Grün‑ und Buntspecht, Star, Feldsperling und verschiedene Meisenarten.

Hervorzuheben ist das Brutvorkommen des Braunkehlchens (G 2) im nördlichen

Gebietsteil, einer Charakterart extensiv bewirtschafte­ter Kulturlandschaft.

Die insektenreichen Halbtrockenrasenhänge mit verbuschten Bereichen bieten

dem stark gefährdeten Neuntöter (G 2) einen idealen Lebens­raum; bemerkens­

wert ist hier außerdem die hohe Dichte an Baum­piepern und Grasmückenarten.

Die extensiv bewirtschafteten Streuobstwiesen mit einem hohen Anteil an alten,

höhlenreichen Bäumen sind potentielle Brutgebiete des im Neckarraum

inzwischen praktisch ausgestorbenen Wiedehopfs, der 1982 im Gebiet noch

beobachtet wurde.

Unter den Insekten sind die Wildbienen gut untersucht, von denen allein 54

Arten nachgewiesen werden konnten, u.a. neu für Baden-Württemberg:

                                        Andrena falsifica

                                       Andrena ferox

                                       Nomada braunsiana

                                       Nomada furva

Auf der Roten Liste der gefährdeten Stechimmen Baden‑Württemberg stehen

folgende 9 Arten:

Vom Aussterben bedroht: Andrena ferox

                                       Nomada braunsiana

stark gefährdet:               Andrena fulvago

                                       Halictus laevigatus

                                       Osmia parietina

                                       Nomada cinctiventris

                                       Nomada facilis

                                       Andrena pandellei

2.3     Wissenschaftliche Bedeutung

Die dargelegten Erkenntnisse und Untersuchungen über den Naturraum, die

Spezifik der Kulturlandschaft und ihrer Biozönosen, die Selten­heit dieses

 Mosaiks und auch die Seltenheit der vorkommenden Tier‑ und Pflanzenarten

sprechen von sich aus für die Bedeutung der Vollmershalde für die Wissen­-

schaft.

Insbesondere das Vorhandensein der historischen Waldgrenze, also der Wald­

grenze, die über die längste Zeit innerhalb der mensch­lichen Besiedlungs­zeit

erhalten geblieben ist, soll hier noch einmal hervorgehoben werden. WITSCHEL

(1986, Botanik) und WESTRICH (1989, Wildbienen) belegen in ihren

wissenschaftlichen Arbeiten, daß hochspezialisierte und im Areal stark

eingeschränkte Arten an diesem Grenzstandort, soweit er noch erhalten ist, bis

heute überdauern konnten. Weitere aut‑ und synökologische Fragen, die u.a.

für den Artenschutz bedeutend sind, könnten hier im Gebiet untersucht werden.

3.       Gefährdung

          Nach dem 2. Weltkrieg erfuhren die bis dahin als Futterlieferanten bedeu­tenden Hangwiesen im Zuge der Intensivierung der Landwirt­schaft auf guten Böden und im Zuge der Industrialisierung der Arbeitsplätze verschiedene einschneidende Veränderungen. Größten­teils fielen die Wiesen brach, mit der Folge, daß sich die Vege­tation stark verändert und die Verbuschung zunimmt. Umbruch, Ent­fernen von alten Obstbäumen, Aufforsten mit Fichten und Kie­fern, Entfernen alter Weinbergmauern, Nutzung als Wochenendgrundstück und der Einsatz von Bioziden und Düngung sind weitere schwere Beein­trächtigun­gen des Lebensraumes. Hiermit zeigt sich, daß auch in Gebieten, in den Halbtrockenrasen zum gängigen Inventar des Natur­raumes gehören, sie durch dieselben Eingriffe und im selben Maße wie in anderen Gebieten Deutschlands gefährdet sind, was dazu führt, daß sie allgemein nach den Feuchtgebieten an zweiter Stelle der Roten Liste der gefährdeten Biotoptypen stehen.

4.       Schutzzweck

Schutzzweck ist die Erhaltung der historischen Kulturlandschaft mit ihren

verschiedenen Lebensräumen für zahlreiche vom Aussterben bed­rohte Tier‑

und Pflanzenarten. Hierzu gehören u.a. magere Streu­obstwiesen,

Halbtrockenra­sen, wärmeliebende Gebäusche und Säume, Reste der

historischen Weinbergnut­zung, z.B. Mauerreste und Kultur­flüchtlinge aus dieser

Zeit. Dem Schutz­zweck widerspricht jede Art von Bebauung mit Geschirrhütten

oder Wochenend­häuschen, Einzäu­nungen aller Art, jede Veränderung der

Bodenbeschaffenheit und das Einbringen von Bioziden nicht biologischer Art.

5.       Pflegemaßnahmen

Um die größtenteils brachgefallene Kulturlandschaft im historischen Zustand zu

erhalten, müssen die Halbtrockenrasen gemäht, Gebüsche soweit möglich

entfernt und im speziellen die historische Wald­grenze wieder freigelegt werden.

Hochstammobstbäume müssen erhalten bzw. erneuert werden.

          Die Pflegemaßnahmen werden in einem Pflegeplan detailliert fest­gelegt.

7.       Literatur

Beschreibungen des Oberamts Rottenburg 1828, Neuausgabe 1976, Hrsg.

                            Prof. Memminger, Stuttgart und Tübingen

BIERKAMP, M. (1982): Vegetationskundliche Untersuchung im gepl. NSG

                            "Kapfhalde", Zulassungsarbeit Tübingen

GRADMANN, R. (1950): Das Pflanzenleben der Schwäbischen Alb, Bd. 2, 4.

                             Aufl., Stuttgart

Landkreis Tübingen, Amtliche Kreisbeschreibung (1967/72), Tübingen

RENNER, K.‑H. (1971): Hemmendorf. Die Entstehung eines Dorfes und seiner

                            Flur im Schwäbischen Albvorland (historisch‑geographisch).

                            Zulas­sungsarbeit Universität Karlsruhe

Ruf, H. (1982): Vegetationskundliche Untersuchungen an den Südwesthängen

                            des Rammert bei Hemmendorf, Zulassungsarbeit Universität

                             Tübingen

Schenk, U. (1981): Vegetationskundliche Untersuchung an den westlichen

                            Hängen des Rammert, Zulassungsarbeit Universität

                            Tübingen

STADELMAIER, H. (1991): Ornithologische Untersuchungen im gepl. NSG Voll­

                            mershalde ‑ Auftragsarbeit der BNL Tübingen.

WESTRICH, P. (1983): Zur Bienenfauna (Hymenoptera, Apoida) der

                            Rammerthänge bei Hemmendorf, BNL Tübingen

WESTRICH, P. (1989): Die Wildbienen Baden‑Württembergs, Eugen

                            Ulmer‑Verlag.

Tübingen, 26.11.1991

Venth