4.230 Hohenäcker-Imenberg
Würdigung
zum Naturschutzgebiet „Hohenäcker-Imenberg" Gemeinde Lichtenstein
Landkreis Reutlingen
1. Landschaftliche Situation
Das Naturschutzgebiet
„Hohenäcker-Imenberg" liegt im Landkreis Reutlingen auf der Gemarkung
Unterhausen, Gemeinde Lichtenstein (TK 1:25.000 Nr. 7521).
Es umfaßt eine Fläche von 75,7 ha.
Das Naturschutzgebiet beinhaltet
im Wesentlichen die westlichen, südlichen und östlichen Hangflächen des 660 m
hohen Imenbergs.
Im oberen Teil wird das
Naturschutzgebiet begrenzt durch den Waldgürtel um den Ursulahochberg und im
unteren Teil grenzt es mit seinem Gewann Hohenäcker an die Zellertalwiesen an.
Das Naturschutzgebiet gehört
naturräumlich zu den Roßberg-Randhöhen der Mittleren Kuppenalb.
2. Geologie
Das Gebiet liegt im Wesentlichen
am Südhang des Imenberges (660 m), der zum von Nordost nach Südwest
verlaufenden Zellertal hin abfällt.
Der Sporn im Westen steht auf
einem flach verlaufenden Sockel aus tonigen, zu Rutschungen neigenden Schichten
des oberen Braunjura, überdeckt durch Weißjura Hangschuttmassen.
Sonst beginnt der Hangfuß mit dem
mergeligen Weißjura, dessen oberster und unterster Abschnitt durch
Wasserführung gekennzeichnet sind, im unteren Teil ebenfalls überschüttet mit
jüngerem Weißjura Hangschutt.
Darauf folgen die harten Kalkbänke
des Weißjura. (hier werden die höchsten Neigungsgrade des Gebietes von bis zu
40 Grad erreicht), auf dessen Terrasse der Wanderweg Wollenfels läuft.
Seine klüftigen und somit sehr
durchlässigen Schichten ermöglichen dem Niederschlagswasser schnell zu
versickern.
Da es sich in dem tonigeren
Untergrund leicht staut, kann es zu Wasseraustritten oder Rutschungen des
durchnäßten und dann leicht nachgebenden Weißjura kommen.
Anschließend setzen die
verflachten Hangpartien des wieder mergeligen Weißjura ein, bevor der kalkige
Weißjura den letzten Steilansteig und die Hochfläche des Ursulahochberges
bildet.
3. Klima
Nach der Wuchsklimakarte von
Baden-Württemberg liegt das Gebiet in der Übergangszone vom relativ kontinental
geprägten Klima auf der Schwäbischen Alb (stärkere Schwankungen von Temperatur
und Niederschlägen relativ trocken) zum ausgeglicheren und feuchteren ozeanisch
getönten Bereich im Albvorland.
Am Albtrauf ist die Gefahr starker
Winterkälte nicht groß, und mit Spätfrösten braucht kaum gerechnet werden.
Dies ist eine Folge des guten
Kaltluftabzuges an den steilen Traufhängen, so daß im Winter im Tal tiefere
Temperaturen herschen können als in der Höhe.
Es werden aber nicht nur kalte
Temperaturen im Winter abgemildert, sondern auch hohe im Sommer, da die Temperatur
mit zunehmender Höhenlage abnimmt.
Im Großen und Ganzen entsteht also
ein ausgeglichener Charakter ohne Extreme.
Dem stehen aber die starken
Unterschiede im Kleinklima gegenüber, die sich durch die Exposition, dem
Neigungswinkel und dem Bewuchs ergeben können.
Der größte Teil des Gebietes ist
nach Süden ausgerichtet und somit der höchsten Sonneneinstrahlung ausgesetzt.
Dies verstärkt sich noch, je
steiler der Hang und je spärlicher der Bewuchs ist.
Dieser Umstand, der im Sommer zu
hohen Temperaturen an der Bodenoberfläche führt, wird im Winter wiederum sehr
tiefe Werte ermöglichen, da tagsüber der Schnee schnell schmilzt und auf kahlem
und zusätzlich vegetationsarmen Boden die Ausstrahlung am höchsten ist.
Da an den Hängen des Imenberges
alle Expositionen vorhanden sind, sich die Neigungen sehr unterscheiden und der
Bewuchs von sehr lückenhaft bis gänzlich den Boden bedeckend wechselt, kann
hier mit zahlreichen unterschiedlichen Mikroklimaten gerechnet werden.
Die Niederschlagssumme beträgt im
jahr 850-900 mm.
In der für die Vegetation
wichtigen Zeit von Mai bis Juli sind es 300 mm.
Diese recht hohe
Niederschlagssumme entsteht durch das Abregnen von Luftmassen, die am
plötzlichen Albanstieg gezwungen sind aufzusteigen.
Dazu kommt, daß dieser Teil des
Albrandes nicht mehr so stark im Regenschatten des Schwarzwaldes liegt, wie
weiter südwestlich gelegene Albrandgebiete.
4. Landnutzung
Im Naturschutzgebiet findet heute
vorwiegend eine extensive Landnutzung statt.
Am westlichen Hangfuß des
Imenbergs werden einige Flächen als Mähwiese bewirtschaftet.
Die übrigen offenen Bereiche
werden mit Schafen beweidet; dabei werden die unteren Hangflächen bevorzugt
abgeweidet, weil sich hier die Fieder-Zwenke, die von den Schafen gemieden
wird, noch nicht so stark ausgebreitet hat wie im oberen Bereich.
Bis in die Mitte der 50er Jahre
wurde in den unteren Flächen aber auch teilweise noch Ackernutzung betrieben.
Die Bürger konnten dort für ein
Jahr lang sogenannte Hackteile von der Gemeinde pachten, und so wurden die
unteren, flachen Hänge aufgeteilt und je nach Bedarf bewirtschaftet.
Noch heute zeugen die mit Hecken
bewachsenen Lesesteinriegel und der Name „Hohenäcker" davon.
Der Ackernutzung folgte die
Nutzung als einmähdige Wiese und als Weidefläche.
Die oberen Rasenflächen wurden
auch früher schon nur als Wiese genutzt.
Da auf den steilen Hangflächen in
der Mitte des Gebietes weder eine Acker- noch eine Wiesennutzung möglich war,
wurden sie früher im steileren westlichen Teil als Weidewald und im flacheren
östlichen als Schafweide genutzt und dann Anfang des 19. Jahrhunderts mit
Forchen und Fichten aufgepflanzt.
Die anfängliche Niederwaldnutzung
wurde seit etwa 1920 allmählich auf eine Hochwaldwirtschaft umgestellt, aber
auch diese hat mehr extensiven Charakter.
5. Schutzwürdigkeit
5.1. Vegetation und Flora
Das Naturschutzgebiet enthält die
verschiedensten Pflanzengesellschaften in
unterschiedlicher Ausprägung.
Glatthafer-Wiesen (Arrhenatherum
elatioris Scherr. 25), Trespen-Halbtrockenrasen (Mesobromion erecti Br.-Bl. et
Moor 38 em. Oberd. 57), Übergänge zwischen diesen beiden letztgenannten
Pflanzengesellschaften, Kalk-Magerwiesen (Mesobrometum verna-Rasse Kuhn 37),
Trepsen-Halbtrockenrasen mit beginnender Versaumung, Saumbereiche (Trifolio-Agrimonietum
eupatoriae Th.Müll. 61), Gebüsche (Pruno-Ligustretum Tx 52) und mehrere
Waldgesellschaften (Waldgersten-Rotbuchenwald, Seggen-Buchenwald,
Waldlabkraut-Traubeneichen-Hainbuchenwald) sind vertreten.
Bis jetzt wurden rund 260 Pflanzenarten
im Gebiet festgestellt.
Darunter ist eine große Anzahl
seltener, bedrohter und geschützter Pflanzenarten.
23 der im Gebiet vorkommenden
Pflanzenarten stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Tiere und Pflanzen
Baden-Württembergs, 9 Pflanzenarten sind aufgrund der
Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt.
Für die aus Naturschutzsicht
hervorzuhebenden Pflanzenarten seien u.a. genannt:
Anacamptis pyramidalis L. (Hundswurz),
Aquilegia vulgaris L. (Gewöhnliche Akelei), Aster amellus L. (Kalk-Aster), Carlina
acaulis L. (Silberdistel), Cirsium tuberosum L. (Knollige Kratzdistel), Daphne
mezereum L. (Kellerhals-Seidelbast), Dianthus carthusianorum L. (Karthäuser-Nelke),
Gentiana ciliata L. (Gefranster Enzian), Gentiana cruciata L. (Kreuz-Enzian),
Gentiana germanica Willd. (Deutscher Enzian), Gentiana lutea L. (Gelber Enzian),
Gentiana Verna L. (Frühlingsenzian), Globularia punctata
Lapeyr. (Gewöhnliche Kugelblume), Gymnadenia odoratissima L. (Wohlriechende
Händelwurz), Helleborus foetidus L. (Stinkende Nieswurz), Lilium martagon L. (Türkenbund),
Muscari botryoides L. (Kleine Traubenhyazinthe), Ophrys apifera Huds. (Bienen-Ragwurz), Ophrys
holosericea Burm. (Hummel-Ragwurz), Ophrys insectifera L. (Fliegen-Ragwurz),
Orchis pallens L. (Blasses Knabenkraut), Orchis ustulata L. (Brand-Knabenkraut),
Orobanche minor Sm. (Kleine Sommerwurz), Orobanche teucrii Hol. (Gamander
Sommerwurz), Phyteuma orbiculare L. (Kugelige Teufelskralle), Pulsatilla
vulgaris Mill. (Gewöhnliche Küchenschelle), Rhinanthus serotinus Schönh. (Großer
Klappertopf), Stachys germanica L. (Deutscher Ziest), Tetragonolobus maritimus L.
(Spargelschote), Teucrium montanum L. (Berg-Gamander) und Thesium pyrenaicum
Pourr. (Wiesen-Leinblatt).
5.2. Fauna
Vereinfacht gilt, daß floristisch
artenreiche Bestände auch eine artenreiche Fauna beherbergen.
Dies trifft auch im
Naturschutzgebiet „Hohenäcker-Imenberg" zu.
Zahlreiche der hier vorkommenden
Tierarten stehen auf der Roten Liste von Baden-Württemberg oder sind aufgrund
der Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt.
Aufgrund der abiotischen
Gegebenheiten im Gebiet (süd- und südwestexponierter Hang) prägen
wärmebedürftige und trockenheitsliebende Arten das Artenspektrum der hier
besonders artenreichen Kleintierwelt, wobei bisher Erkenntnisse vor allem über
die Schmetterlings-, Heuschrecken- und Käferzönosen vorliegen.
Die Strukturdiversität im Gebiet
(offene Bereiche, Gebüsch- und Heckenzeilen-, Saum- und Waldbereiche) bietet
auch ideale Bedingungen für eine mannigfaltige Vogelwelt.
Im Gebiet brütet u.a. der in
Baden-Württemberg stark gefährdete Neuntöter (Lanius collurio), und weitere 23
Vogelarten konnten bisher dort ermittelt werden.
6. Gefährdung
Eine Gefährdung des Gebiets
besteht vor allem an der Westgrenze durch die sich immer weiter nach Osten
vorschiebende Bebauung von Unterhausen.
Die bisherigen Nutzungen
(einmähdige Wiese am Südhang, zweimähdige Wiese am Westhang) sollten
beibehalten werden.
Eine Gefährdung kann auch eine zu
intensive Beweidung darstellen, da hierdurch Schäden entstehen können.
Abhilfe kann hier das Erstellen
eines Beweidungsplanes schaffen, der besonders empfindliche Pflanzenstandorte
berücksichtigt und unter Beachtung der ökonomischen Aspekte der Beweidung dafür
Sorge trägt, daß die Flächen im Naturschutzgebiet auch künftig offengehalten
werden.
Damit kann einer weiteren
Gefährdung, der Verbuschung bzw. Sukzession der Flächen infolge Aufgabe
jeglicher Nutzung entgegengetreten werden.
7. Zusammenfassende Wertung
Das Naturschutzgebiet
„Hohenäcker-Imenberg" beinhaltet die verschiedensten
Pflanzengesellschaften mit zahlreichen seltenen, gefährdeten und geschützten
Arten.
Ebenso reichhaltig ausgeprägt ist
die im Gebiet vorkommende Tierwelt.
Die Biotopkartierung von
Baden-Württemberg schlägt für dieses Gebiet den Schutzstatus
„Naturschutzgebiet" vor, und die Waldfunktionenkarte weist im
Naturschutzgebiet enthaltene Waldflächen als Bodenschutzwald und als Wald mit
schutzwürdigen Tier- und Pflanzenarten sowie seltenen Pflanzengemeinschaften
aus, so daß im Überblick die Ausweisung als Naturschutzgebiet fachlich
umfassend begründet und dringend geboten ist.
Eine besondere Bedeutung erhält
das Gebiet durch die in der Nähe gelegenen Halbtrockenrasenflächen im
Reißenbachtal, die zu dem Naturschutzgebiet „Wonhalde-Spielberg" zählen.
Beide Naturschutzgebiete können im
Sinne eines Biotopverbundes gesehen werden.
8. Schutzzweck
Schutzzweck ist:
-die Erhaltung, Pflege und
Verbesserung eines Biotopmosaiks aus großflächigen Halbtrockenrasen, Wiesen,
Hecken, Gehölzen, Saumbereichen und Waldflächen als Lebensraum zahlreicher, vor
allem wärme- und trockenheitsliebender Pflanzen- und Tierarten, darunter viele
seltene, gefährdete und geschützte Arten;
-die Erhaltung und Pflege des
reizvollen Landschaftsbildes dieser typisch ausgeprägten, extensiv genutzten
Hangbereiche im Echaztal;
-die Erhaltung, Pflege und
Verbesserung des Biotopverbundes zwischen den Halbtrockenrasen im
Naturschutzgebiet und den südwestlich gelegenen Halbtrockenrasen im
Reißenbachtal.
9. Pflegemaßnahmen
Wünschenswert wäre eine Nutzung
als Mähwiese.
Dabei sollte der Mahdtermin Ende
Juli liegen und das Mähgut abtransportiert werden.
Eine Schafbeweidung im Spätsommer
könnte zusätzlich auf diesen Flächen erfolgen.
Da aber das Interesse an der
landwirtschaftlichen Nutzung solcher extensiven Wiesen zurzeit sehr gering ist,
kommt der Beweidung mit Schafen eine entscheidende Rolle bei der Pflege der
offenen Bereiche im Naturschutzgebiet zu.
Dazu wurde ein Beweidungsplan
erarbeitet, der in einem noch zu erstellenden Pflegeplan berücksichtigt werden
soll.
10. Literatur
ELLENBERG, H. (1954): Wuchsklimakarte
von Baden-Württemberg 1:200.000.
GEOLOGISCHES LANDESAMT
BADEN-WÜRTTEMBERG (1988): Geologische Karte Nr. 7521 Reutlingen, 1:25.000.
GÜNTHER, M. (1988): Die Pflanzengesellschaften
am Imenberg. Dipl.-Arbeit, FH Nürtingen, 97 S.
LÖDERBUSCH, W. (1982): Geplantes
Naturschutzgebiet „Hohenäcker", Lkrs. Reutlingen, Werkvertrag der BNL
Tübingen, 34 S., unveröffentl.
SCHEDLER, J. (1982): Würdigung zum
geplanten Naturschutzgebiet „Hohenäcker", 25 S., BNL Tübingen,
unveröffentl.
Tübingen, den 2.2.1993
Dr. Pauritsch-Jacobi