4.241 Mohn'scher Park

 

Würdigung

 

 

für das Naturschutzgebiet „Mohn`scher Park“

 

1. Landschaftliche Situation

 

1.1. Geographische Lage und Geologie

Das zukünftige Naturschutzgebiet Mohn’scher Park liegt auf Gemarkung Obersulmetingen der Stadt Laupheim im Landkreis Biberach.

Die entsprechende topographische Karte 1:25.000 hat die Nr. 7724.

Das Gebiet befindet sich unweit des südlichen Ortsrandes von Obersulmetingen am Rand der Rißaue auf 505 bis 510 m ü.NN.

Die Fläche beträgt ca. 7,04 ha.

Das Gebiet gehört zum Naturraum „Hügelland der unteren Riß".

Der geologische Untergrund besteht aus nacheiszeitlichen Flußablagerungen.

 

1.2. Erscheinungsbild und Nutzung

Das geplante Naturschutzgebiet ist ein ehemaliger Park, der von einer Schlinge des Rißaltwassers durchzogen, sich in der Aue erstreckt und westlich noch einen Randstreifen einer Niederterrasse einbezieht.

Den Parkcharakter prägt ein alter Baumbestand mit reichhaltiger Kraut- und Strauchschicht, unterbrochen von Wiesen.

Der Park wird zurzeit nicht genutzt, er ist offiziell der Öffentlichkeit nicht zugänglich.

 

1.3. Klima und Hydrologie

Die mittlere Niederschlagssumme liegt bei 700 mm/ Jahr.

Die Jahresdurchschnittstemperatur beträgt 7,9° Grad C (Klimaatlas Baden-Württemberg, 1953).

Die Entwässerung des geplanten Naturschutzgebiets erfolgt über die Riß.

 

1.4. Landnutzung und potentiell natürliche Vegetation

Der Park wird derzeit nicht wirtschaftlich genutzt; außerdem ist er der Öffentlichkeit  nicht zugänglich.

Bei Aufgabe der Nutzung würde in der Rißaue ein Traubenkirschen- Erlen- Eschen- Auwald entstehen (MÜLLER & OBERDORFER 1974).

 

2. Schutzwürdigkeit

 

2.1. Standort und Vegetation

Insgesamt wurden von BUSCH (1991) 209 Pflanzenarten im Gebiet bestimmt.

Die Vegetation kann aufgrund der Vielfalt und der Zusammensetzung als reichhaltig charakterisiert werden.

Gemessen an der Gebietsgröße sind sehr zahlreiche Pflanzengesellschaften auf engstem Raum zu finden.

Obwohl einige der nachgewiesenen Arten sicherlich ausgewildert sind, ist die Fläche als besonders schutzwürdig einzustufen.

Folgende Standorte und Pflanzengesellschaften konnten unterschieden werden

-Mehrmals im Jahr überschwemmte Aue, die, die Vegetation aus feuchtigkeitsliebenden und feuchtigkeitstoleranten Arten trägt.

Der niedere Teil der Aue liegt auf dem Niveau des Wasserspiegels der hier aufgestauten und kanalisierten Riß, getrennt durch einen niederen Damm.

-Die Rißaltwässer sind in drei Stauhaltungen aufgeteilt.

Aufgrund der Eutrophierung ist das Altwasser dicht mit Wasserstern (Callitriche spec.), der Kleinen Wasserlinse (Lemna minor), Wasserpest (Elodea canadensis) und im stark beschatteten Abschnitt zeitweise mit Blaualgenmatten bewachsen.

-Die Fettwiese im oberen Teil des Parks unterliegt aufgrund ihrer niederen Lage dem gleichen Eutrophierungseinfluß wie die Altwässer.

Die Pflanzengesellschaften können als „eutrophe Naßwiesen" mit „Engelwurz-Kohldistelgesellschaft" einschließlich aller Fettwiesengräser angesprochen werden.

Vom Graben her wuchern als Stickstoffzeiger Brennessel (Urtica dioica) und Klettenlabkraut (Galium aparine).

An einer Stelle hat sich aus dem nördlich liegenden Auwald die Schachblume (Fritilaria meleagris) angesiedelt, die vielfach in alten Parks verwildert auftritt.

-Die Feuchtwiese wird fast völlig beschattet, so daß hier statt der Gräser die „Staudenflur nasser Standorte" mit der „Baldrian-Mädesüßgesellschaft" dominiert.

Vom Altwasser her wachsen dichte Rasen der Ufersegge (Carex riparia) und Sumpfsegge (Carex acutiformis).

Dieser Standort wird ebenfalls durch Hochwasser eutrophiert.

-Am Nordende des Parks bilden zahlreiche einheimische und gärtnerische Arten vom Frühling bis in den Sommer ein buntes Bild.

Die hier lokalisierte Sickerquelle ist in einer Grotte gefaßt.

Zerbrechlicher Blasenfarn (Dryopteris fragilis) und Wurmfarn (Dryopteris filix-mas) finden dort den idealen Lebensraum.

-Auewald und Auwaldgebüsche sind für das Gesamtbild des Gebietes charakteristisch.

Auf diesen Standorten mischen sich einheimische und fremdländische Gehölze in großer Vielfalt.

Diese Flächen sind für die Vogelwelt von ganz besonderer Bedeutung.

-Der Westrand ist mit einem Hainbuchenhochwald mit reicher Strauch- und Krautschicht bestockt.

Große Rasen von Moschuskraut (Adoxa moschatellina), Gelbem Buschwindröschen (Anemone ranuncloides) und Buschwindröschen (Anemone nemorosa) fallen hier auf.

An einer Stelle ist die Grüne Schaftdolde (Hacquetia epipactis), eine Staude der Südostalpen zu finden.

-Der Südrand des Gebietes wird von einem alten Hochwasserdamm gebildet, der als Grenze zur offenen Feldflur seit der Pflege voll besonnt wird.

Hier finden sich von den Frühjahrsblühern Leberblümchen (Hepatica nobilis), Immergrün (Vinca minor), Wohlriechendes Veilchen (Viola odorata), Schneeglöckchen (Galanthus nivalis), Traubenhyazinthe (Muscari racemosum), Blaustern (Scilla amoena u. S. siberica) und Vielblütiger Weißwurz (Polygonatum multiflorum).

Die fettgedruckten Arten dürften in dieser Gegend und an diesem Standort früher Bestandteil der Parkanlage gewesen und jetzt ausgewildert sein; exotische Arten sind auch hier nachgewiesen worden.

Folgende Arten stehen auf der Roten Liste von Baden-Württemberg (siehe HARMS & ANTESBERGER 1986):

Schachblume (Fritillaria meleagris R 1),* Schneeglöckchen (Galanthus nivalis R 2),* Traubenhyazinthe (Muscari racemosum R 3)* und Gekielter Lauch (Allium carinatum R 3)

Nach der Bundesartenschutzverordnung (1989) sind außerdem besonders geschützt:

Herbst-Alpenveilchen (Cyclamen cilicium),* Leberblümchen (Hepatica nobilis),* Wasserschwertlilie (Iris pseudacorus), Großes Zweiblatt (Listera ovata), Dichter-Narzisse (Narcissus poeticus),* Gelbe Narzisse (Narcissus pseudonarcissus),* Liebliche Sternhyazinthe (Scilla amoena),* Nickende Sternhyazinthe (Scilla sibirica),* Gemeiner Seidelbast (Daphne mezereum),* Gemeine Eibe (Taxus baccata),* Straußfarn (Matheucia struthiopteris)* und Hirschzunge (Phyllitis scolopendrium).*

 

2.2. Tierwelt

Genauere Untersuchungen fanden für die Avifauna statt.

Insgesamt wurden 52 Vogelarten beobachtet, davon sind mind. 28 Arten Brutvögel.

Auf der Roten Liste von Baden-Württemberg (HÖLZINGER et al. 1980) sind 5 Arten besonders geschützt:

Saatkrähe (Corvus frugilegus R 2), Rotmilan (Milvus milvus R 3), Wendehals (Jynx torquilla R 3) und Habicht (Accipiter gentilis R 3).

Besonders herausragend im Gebiet ist die nachgewiesene Saatkrähenkolonie.

In Baden-Württemberg brütet die Saatkrähe nur noch in zwei Regionen.

Sie kommt nach HÖLZINGER (1987) am Oberrhein und an zwei bis drei Stellen um Laupheim vor.

Eine dieser Stellen liegt im Schutzgebiet.

Über 200 Horste befinden sich im Schutzgebiet, d.h. am Galeriewald entlang der Riß. 1991 waren ca. 100 Horste besetzt.

Für die Bevölkerung bildet diese Ansammlung trotz des geschützten Statuses der Saatkrähe teilweise ein Ärgernis.

Daher erfolgten mehrere Abschüsse zu Beginn der Brutzeit.

In der Umgebung des geplanten NSG's wird z.B. noch der Pirol (Oriolus oriolus R 4) u.a. seltenere Arten gesichtet.

Von diesen Arten sind auch erfolgreiche Bruten bekannt.

Insofern erfüllt das geplante NSG auch wichtige Funktionen als Teilhabitat.

Verwendete Symbole:

R : Einstufung nach der Roten Liste von Baden-Württemberg (1986)

* : Arten, die ins Gebiet eingebracht wurden

Der Gefährdungsgrad einer Art ist jeweils durch die entsprechende Zahl vermerkt.

1: Vom Aussterben bedroht

2: Stark gefährdet

3: Gefährdet

4: Potentiell gefährdet

 

3. Gefährdung

Besonders belastend auf die Standorte wirkt sich das Hochwasser der Riß aus, das in der Regel mit großer Schmutzfracht belastet ist.

Außerdem ist auch von Nährstoff- und Pestizideinträgen aus den benachbarten Feldern auszugehen.

In der Aue bewirkt dies eine überaus große Nährstoffversorgung und damit eine Förderung nitrophiler Arten (in einem ohnehin von Natur aus nährstoffreichen Standort).

In den Altwässern ist das Wasserpflanzenwachstum entsprechend dem hypertrophen Zustand sehr stark.

Das nach Hochwässern hier eintretende Sauerstoffdefizit zeigt sich bereits in der Vegetationsperiode in verstärktem Blaualgenwachstum.

Der Park ist zurzeit nicht offiziell zugänglich.

Es sind nur wenige Trampelpfade im Gebiet zu bemerken, weil der Zaun zurzeit nicht völlig geschlossen ist.

Mit Blick auf die rechtmäßige Fischerei und „Eindringlinge" muß künftig eine Besucherlenkung angestrebt werden;

keinesfalls dürfen Angelbetrieb an den Altwässern und sonstige Freizeitnutzungen im Park zugelassen werden, da das reiche Artenvorkommen der Brutvögel auf der relativen Ungestörtheit des Gebiets beruht.

Die Verfolgung der Saatkrähen ist in der Umgebung und im geplanten Schutzgebiet ein sehr ernstes Problem des Artenschutzes.

Da die Saatkrähen derzeit wegen der Verfolgung sehr prompt auf Beunruhigungen und Nachstellungen aller Art reagieren, z.B. nur beim Fotographieren schon wegfliegen, ist wegen der Kleinheit des geplanten NSGs und der Kontrollierbarkeit, für das gesamte Gebiet ein ganzjähriges Jagdverbot notwendig.

Das allgemeine Jagdverbot im Gebiet kann wegen der regionalen Bedeutung der Saatkrähenkolonie nicht nur auf die Brut- und Aufzuchtzeit begrenzt werden, da die Tiere auch außerhalb dieser Zeit empfindlich auf Beunruhigung und Nachstellungen auf andere Tierarten reagieren.

Schließlich sei darauf hingewiesen, daß die Saatkrähenkolonie vom Laupheimer Friedhof aus Gründen der Pietät mit Ausnahmegenehmigung des Regierungspräsidiums Tübingen vertrieben wird.

Das geplante Schutzgebiet soll mit einem weiteren Schonwaldgebiet bei Schemmerberg dem Rückzug der Art dienen, zumal die Stadt Laupheim im Stadtgebiet die Brutstätten für die Saatkrähen wegen Belästigungen und weiter Effekte zurückdrängen will.

Auf das Gutachten der Staatlichen Vogelschutzwarte zu dem Problem wird verwiesen.

An der südlichen Grenze zu den Feldern sollte auf Sorgfalt bei der Ausbringung von Gülle und Herbiziden hingewirkt werden, um Einträge in die floristisch besonders hochwertige Magerrasenzone zu verhindern.

 

4. Schutzzweck und Schutzziel

In der ausgeräumten Flußlandschaft des Rißtales ist das geplante Naturschutzgebiet einer der letzten Reste mit relativ naturnaher Vegetation.

Der alte Park mit seinen vielen synantropen Pflanzenvorkommen, die sich offensichtlich sehr lange bis dauerhaft halten, gibt dem Gebiet auch eine kulturgeschichtliche und zusätzlich wissenschaftliche Bedeutung.

Schutzzweck ist insbesondere

-Erhalt einer wesentlichen Lebensstätte und Rückzugfläche der naturkundlich sehr bedeutenden Saatkrähenkolonie für Südwestdeutschland;

-die Erhaltung einer solchen Fläche in Ortsrandlage mit den verschiedenen Standorten wie naturnahe Altwasserschlingen, naturnahe Auwald- und Gebüschflächen, sowie Überschwemmungswiesenflächen mit großer Artenvielfalt;

-Verhütung der Gefährdung durch Um- oder Freizeitnutzung;

-die Gewährleistung einer sinnvollen Pflege.

 

5. Pflege und Schutzmaßnahmen

Der Zaun um das Gebiet sollte zwecks Besucherlenkung geschlossen bleiben.

Nur dadurch kann die Ungestörtheit für die Fauna erhalten werden, wozu auch der Ausschluß der Jagd und des Angelbetriebs im Altwasser gehört.

Um den Bruchwaldcharakter stellenweise zu betonen, sollen in Zukunft umgestürzte Bäume wenigstens teilweise nicht mehr entfernt werden.

Grundsätzlich ist eine Intensivierung der bisherigen Pflege nicht zuzulassen.

Die beiden Wiesen wurden bisher lediglich einmal im Spätsommer gemäht, mit Abtransport des Mähguts.

Um die große Nährstoffzufuhr durch die verschmutzte Riß einzuschränken, wäre zur Erhaltung der für den Standort charakteristischen Wiesenvegetation in den von den Hochwässern erreichten Bereichen eine zweischürige Mahd pro Jahr mit Abtransport des Mähguts notwendig.

Eine landwirtschaftliche Nutzung der Grundstücke lag bisher im geplanten Schutzgebiet nicht vor.

Es ist daher nicht notwendig, hierzu Regelungen zu treffen.

Der an der Riß stockende Galeriewald wurde seither nicht forstwirtschaftlich genutzt.

Er stellt die standortgemäße Uferbegleitvegetation dar und ist der Bruthabitat der Saatkrähen.

Dies bedeutet, daß sich die Nutzung lediglich auf eine mit der höheren Naturschutzbehörde abgestimmte Bestandspflege beschränken soll, die den Galeriewald langfristig intakt hält.

Der ordnungsgemäßen Beseitigung von Treibholz nach Sturm in der angestauten Riß steht der Schutzzweck nicht entgegen.

Die Saatkrähenbrutkolonie sollte während der Brut- und Aufzuchtzeit möglichst überwacht werden, um Verstöße gegen das Artenschutzrecht und Störungen zu verhindern.

Eine Aufklärung der Bevölkerung über die starke Gefährdung und den Schutzstatus der Saatkrähen ist anzustreben.

 

6. Zusammenfassung

In der ausgeräumten und flurbereinigten Landschaft des Rißtals ist das geplante Naturschutzgebiet eine der letzten Überreste der alten Voralpenflußlandschaft.

Der ehemalige Park ist naturnah und bildet ein reiches Mosaik verschiedenartiger Lebensräume.

Auf einer kleinen Fläche wurde eine reiche Tier- und Pflanzenwelt festgestellt.

Die im Gebiet nachgewiesenen zahlreichen Saatkrähen, die als Koloniebrüter und vermeidliche Nahrungskonkurrenten der Verfolgung durch den Menschen ausgesetzt sind, sollen besser geschützt werden.

 

7. Literatur

Bundesartenschutzverordnung vom 18.09.1989 in: KÜNKELE, HEIDERICH & ROHLF (1991): Naturschutzrecht für Baden-Württemberg, Stuttgart.

BUSCH, W. (1991): Das geplante Naturdenkmal „Mühlwiesen" Gemarkung Ober-sulmetingen, Stadt Laupheim, Landkreis Biberach. Auftragsarb. f.d. BNL Tübingen.

Geologische Übersichtskarte von Baden-Württemberg 1:2.000, 3. Auflage 1962.

GEYER, O. & GWINNER, T. (1986): Geologie von Baden-Württemberg. 3. Auflage, Stuttgart.

HARMS, K.-H. & ANTESBERGER, C. (1986): Rote Liste der gefährdeten Tiere und Pflanzen in Baden-Württemberg, LfU, Institut für Ökologie und Naturschutz. Arbeitsbl. Naturschutz (5), 1-99.

HÖLZINGER, J. (1987): Die Vögel Baden-Württembergs. I, Teil 2, 1.298-1.302, Stuttgart.

KLIMAATLAS BADEN-WÜRTTEMBERG (1953): Deutscher Wetterdienst, 57 Karten, 9 Diagramme und Erläuterungen, Bad Kissingen.

MÜLLER T. & OBERDORFER E. (1974): Die potentielle natürliche Vegetation von Baden-Württemberg. Beih. Veröff. Naturschutz Landschaftspflege Bad.-Württ., 6.

 

 

 

Tübingen, den 23.03.1992, 

 

 

ergänzt und Gebietsname geändert am 08.06.1993

 

 

Dr. Franz-Josef Obergföll  gesehen: