4.254 Höhnriß-Neuben
Würdigung
zum Naturschutzgebiet „Höhnriß-Neuben" Stadt Münsingen, Gemarkungen
Dottingen und Rietheim
1. Landschaftliche Situation
Das Naturschutzgebiet „Höhnriß-Neuben-Eisenrüttel"
liegt im Landkreis Reutlingen im Bereich der mittleren Kuppenalb auf den
Gemarkungen Dottingen und Rietheim, Stadt Münsingen (TK 1:25000 Nr. 7522).
Es umfaßt eine Fläche von rund 50
Hektar.
Die Landschaft zwischen den
Anhöhen der Buchhalde und des Föhrenbergs ist geprägt vom Übergang der alten,
weichen Landschaftsformen des Donaueinzugsgebiets zu den jüngeren, steilen und
schroffen Formen des Neckareinzuggebiets.
Im Gewann Höhnriß verläuft die
Europäische Wasserscheide direkt durch das Naturschutzgebiet, der nördliche
Teil entwässert zum Rhein, der südliche zur Donau hin.
Als Besonderheit kommt hinzu, daß
im Gewann Neuben und Eisenrüttel ein Urgestein, der Parabasalt (Melilithit) des
Uracher Vulkangebiets, ansteht.
Dort haben sich in den ehemaligen
Steinbrüchen Tümpel gebildet.
Eine weitere Besonderheit stellen
die zahlreichen Dolinen in dem angrenzenden Kalkgestein dar.
2. Geologie
Die geologischen Gegebenheiten
sind in den einzelnen Teilbereichen des Naturschutzgebietes sehr
unterschiedlich.
Im Gewann Höhnriß findet man im
östlichen und nördlichen Bereich Hangende Bankkalke, die zum Zementmergel
überleiten.
Quartäre Lehme, toniger
schluffiger Natur, füllen ein kleines Trockental und im südlichen Bereich
befindet sich ein kleineres Vorkommen von splittrigem Kalkschutt.
Im Gewann Eisenrüttel ist unter
geologischen Gesichtspunkten der anzutreffende Parabasalt hervorzuheben, der
bis in das Gewann Neuben hineinreicht.
Erwähnenswert ist das
Vorhandensein mehrerer Dolinen bzw. Erdfälle im angrenzenden Karstgestein des
Gewanns Neuben.
3. Klima
In klimatischer Hinsicht gehört das
Naturschutzgebiet zu den rauheren Gebieten der Schwäbischen Alb.
Lediglich an etwa 135 Tagen im
Jahr liegt die Temperatur im Mittelwert über +10° C.
Im Jahresdurchschnitt fallen etwa
850-900 mm Niederschlag und rund 80 Tage im Jahr liegt eine geschlossene
Schneedecke.
4. Schutzwürdigkeit
4.1. Räumliche Gliederung
Im Gewann Neuben befand sich bis
vor ungefähr 30 Jahren auf anmoorigen und quelligen Standorten ein ausgedehnter
Ried- und Feuchtwiesenkomplex, der durch Drainage und Aufforstung mit Fichten
bis heute an Fläche verliert.
Auf zwei nicht aufgeforsteten
Parzellen ist ein Teil des ursprünglich weit ausgedehnten Sumpfseggenrieds
erhalten geblieben.
In den westlich anschließenden
Wiesen liegt ein weiteres kleines anmooriges Gebiet.
Dieser Quellbereich und auch die
Quelle auf der Südseite des Eisenrüttel entwässern in eine unterhalb gelegene,
mit alten Bäumen bestandene Doline.
Das Wasser aus dem hinteren
Riedgebiet versickert in einer zweiten, mit Fichten bepflanzten Doline.
Von diesem feuchtgeprägten
Teilbereich des Naturschutzgebiets zieht ein alter, artenreicher Waldstreifen
am Rand eines Wiesentals zu den sonnenexponierten Halbtrockenrasen und
Kiefernforsten in den Gewannen Höhnriß und Wiesach.
Ein kleiner Teil dieses Gebiets
wird als Ackerland genutzt.
Ein großer Teil der früher als
Mähwiesen genutzten Parzellen dient heute als extensive Pferdestandweide.
Eine Parzelle wird als einmähdige
Wiese bewirtschaftet.
Die ursprünglich als Schafweide
genutzten steilen Hänge sind, wie vielerorts, teilweise mit Kiefern bepflanzt
worden.
Die offenen Bereiche wurden so zu
isolierten Einzelparzellen, die nicht mehr beweidet werden.
Der südöstliche Bereich des
Höhnriß wird heute noch beweidet.
In den übrigen Bereichen ohne
Beweidung haben sich vielfach äußerst arten- und individuenreiche
Sukzessionsstandorte entwickelt.
Innerhalb des Naturschutzgebietes
führen zwei geologische Besonderheiten in direkter Nachbarschaft (Parabasalt
und vulkanische Tuffe in den Gewannen Eisenrüttel und Neuben, Zementmergel in
den Gewannen Höhnriß und Wiesach), mit ihren vollkommen unterschiedlichen
Standortbedingungen zu einem engen Beieinander von anmoorigen Gebieten und
trockenen Standorten.
Zusammen mit der kleinparzelligen
und standortsangepassten Landbewirtschaftung ergab sich hieraus ein Mosaik von
Wiesen, Weiden, Riedflächen, Dolinen, Heckenzeilen, Kiefernforsten und
Hochwäldern.
Dieser Strukturreichtum ermöglicht
im Gebiet eine außerordentlich hohe Artenvielfalt an Pflanzen und Tieren.
4.2. Vegetation und Fauna im Naturschutzgebiet
4.2.1. Flora im Gewann „Eisenrüttel" und"Neuben"
Das geschlossene Waldgebiet am
Eisenrüttel ist durch alte Fichtenbestände geprägt.
Auf Holzeinschlagsflächen wächst
ein Mischwald nach, in dem die Buche dominiert.
Besonders an lichten Stellen
finden sich im Unterwuchs größere Bestände der Waldgerste (Hordelymus europaeus
L.), so daß sich stellenweise der Waldbestand dem Elmyo-Fagetum
(Waldgersten-Buchenwald) nähert.
Nach GRADMANN (1950) kann man hier
an sich großräumig einen Kalkbuchenwald als standorttypisch ansehen.
Lokal sind jedoch die
Standortsbedingungen im kleinräumigen Wechsel unterschiedlichst ausgebildet.
Man findet nasse und sehr trockene
Bereiche, bodenfeuchte Lehmstellen, anstehendes Kalkgestein, Areale mit Schuttmaterial aus dem Steinbruchbetrieb und
ehemalige Steinbruchlöcher.
Aufgrund der besonderen
geologischen Standortsbedingungen ist in den Waldgebieten des Eisenrüttels der
Besenginster (Sarothamnus scoparius) anzutreffen.
Es handelt sich um eine Seltenheit
auf der Schwäbischen Alb, da diese Pflanzenart die auf der Alb sonst
vorkommenden Kalkböden meidet.
Auffallend ist auch der Reichtum
an Farnen, Schachtelhalmen und Moosen, Großpilzen sowie an feuchten und nassen
Standorten größere Bestände von Waldsimse (Scirpus sylvaticus) und Flatterbinse
(Juncus effusus).
Die Teiche am Eisenrüttel werden
von Beständen
des Breitblättrigen und des
Fädigen Laichkrauts (Potamogeton natans, P. filiformis), der Kleinen
Wasserlinse (Lemna minor) und vom Sumpfschachtelhalm (Equisetum palustre)
besiedelt.
Die noch vorhandenen Riedflächen
im Gewann Neuben gehören zu den Großseggenrieden (Magnocaricion W. Koch 26).
Sie sind teilweise mit einem
ausgedehnten Bestand der Sumpfsegge (Carex acutiformis) bewachsen (Carex acutiformis-Gesellschaft
Sauer 37).
Eingestreut in die
Sumpfseggenbestände findet man Bulte der Rasensegge (Carex caspitosa).
Die Rasensegge besiedelt
sickerfeuchte, kalkhaltige, humose bis anmoorige Böden und wo sie großflächiger
vertreten ist, können die Bestände als Caricetum cespitosae (Cajander 05)
Steffen 31, d.h. als Rasenseggenried angesprochen werden (OBERDORFER, 1977;
WINTERHOFF, 1971).
Carex cespitosa wird in der
Roten-Liste von Baden-Württemberg als gefährdet eingestuft und wächst hier am
Neuben nicht nur in den offenen Flächen sondern teilweise auch noch in den
Waldbereichen.
Im Gewann Neuben bietet sich so
aufgrund des vorhandenen floristischen Potentials die Chance, durch Maßnahmen
zur Wiedervernässung, ein wertvolles und ursprünglich wohl typisches
Landschaftselement der nördlichen Münsinger Alb, nämlich die Riedgesellschaften
auf den vulkanischen Tuffen und Urgesteinen, welches heute nur sehr selten noch
anzutreffen ist, zu sichern und in seiner ursprünglichen Ausdehnung
wiederherzustellen.
4.2.2. Flora im Gewann Höhnriß
Auf den Halbtrockenrasen am
Höhnriß gedeiht eine reiche Palette von Pflanzenarten.
Bisher konnten über 200
verschiedene Arten gefunden werden.
Von diesen sind 21 Arten als
bedroht, geschützt oder selten eingestuft.
Eine Kostbarkeit des Höhnriß sind
die reichhaltigen Orchideenbestände.
Die Arten Fliegenragwurz,
Hummelragwurz, Bienenragwurz, Helmknabenkraut, Fuchs'Knabenkraut, Große
Händelwurz, Weiße Waldhyazinthe, Großes Zweiblatt, Braune -und Breitblättrige
Sumpfwurz, Weißes Waldvögelein (Ophrys insectifera; O. fuciflora; O. apifera;
Orchis militaris; Dactylorhiza fuchsii; Gymnadenia conopsea; Platanthera
bifolia; Listera ovata; Epipactis atrorubens; E. helleborine; Cephalanthera
damasonianum) sind bis jetzt im Gebiet nachgewiesen worden.
Auch andere bedrohte
Halbtrockenrasenarten wie
das Katzenpfötchen (Antennaria
dioica), die Küchenschelle (Pulsatilla vulgaris), der Frühlingsenzian,
Deutscher Enzian und Gefranster Enzian (Gentiana verna, G. ciliata, G.
germanica), sowie die Silberdistel und die Golddistel (Carlina acaulis; C.
vulgaris) bilden reiche Bestände im Gebiet.
Die offenen Flächen des
Halbtrockenrasens am Höhnriß werden von einem Kiefernwald begrenzt.
Der Übergangsbereich zwischen
Halbtrockenrasen und Wald ist locker ausgebildet und insbesondere in solchen
Übergangszonen sind auch noch zahlreiche der bereits genannten
Halbtrockenrasenpflanzen zu finden.
Der untere südliche Teil des
Kiefernwaldes ist reich an
Roter Heckenkirsche (Lonicera
xylosteum), Wolligem und Gemeinem Schneeball (Viburnum lantana und V. opulus)
sowie an Traubenholunder (Sambucus racemosa).
Verschiedentlich kommen Bestände
an Waldgräsern wie
der Riesenschwingel (Festuca
gigantea), die Waldtrespe (Bromus ramosus) oder die Waldhirse (Milium effusum)
vor.
4.3. Tierwelt
Das Gebiet ist insgesamt auch ein
wertvoller Lebensraum für zahlreiche Tierarten.
So wurden bis jetzt über 70
Vogelarten beobachtet, darunter die bedrohten Brutvogelarten
Waldschnepfe (Scolopax rusticola),
Wachtelkönig (Crex crex), Rebhuhn (Perdix perdix), Neuntöter (Lanius collurio),
Raubwürger (Lanius excubi-tor), Gartenrotschwanz (Phoenicurus phoenicurus),
Dorngrasmücke (Sylvia commu-nis), Wespenbussard (Pernis apivorus) und
Schwarzspecht (Dryocopus martius).
Das Vorkommen dieser seltenen und
bedrohten Vogelarten mit an sich unterschiedlichen Habitatsansprüchen in einem
relativ kleinflächigen Gebiet ist nur aufgrund des hohen Strukturreichtums der
Flächen möglich und unterstreicht die große Bedeutung des Naturschutzgebiets im
Hinblick auf die Erhaltung der Artenvielfalt in diesem Landschaftsraum.
Der Reichtum an verschiedenen
Pflanzenarten gibt einer artenreichen Kleintierfauna Existenzmöglichkeiten.
So ergab eine Nachsuche auf den
Halbtrockenrasen das Vorkommen von 16 Heuschreckenarten.
Darunter befindet sich auch die
seltene Art Decticus verrucivorus (Warzenbeißer).
23 Tagfalterarten konnten bis
jetzt nachgewiesen werden, darunter der stark bedrohte Zwergbläuling (Cupido
minima) und der Schwalbenschwanz (Papilio machaon).
In den Feuchtflächen des Gebiets
finden Amphibien Laichmöglichkeiten.
An Reptilienvorkommen wurden bis
heute die Blindschleiche (Anguis fragilis), die Zauneidechse (Lacerta agilis)
und die Bergeidechse (Lacerta vivipara) festgestellt.
4.3. Naturgeschichtliche und landeskundliche Aspekte
Im Gewann Neuben fallen dem
Betrachter mehrere trichterförmige Senken im Gelände auf.
Es handelt sich dabei um Dolinen,
die auch als „Erdfälle" bezeichnet werden.
Sie gelten als typisches
Kennzeichen für die Karstlandschaft.
Dolinen können dadurch entstehen,
daß unterirdische Hohlräume einstürzen oder in Geländemulden durch
versickerndes Wasser der Kalk im Untergrund aufgelöst wird, was wiederum zu
Senkungen führt (BRONNER 1988; PFEFFER 1990).
Dolinen verdeutlichen somit
weitgehend unabhängig von der jeweiligen Oberflächennutzung die Verkarstung im
Untergrund und sind damit ein Beleg für die Genese der betreffenden Landschaft.
Bei dem Parabasalt, der im Gewann
Eisenrüttel ansteht, handelt es sich um einen der wenigen Fälle, in denen bei
den Eruptionen des Uracher Vulkans Magma durch die Juraplatte gedrungen ist.
Dieses Gestein wurde bis um die
Jahrhundertwende am Eisenrüttel abgebaut und als Schotter und Pflasterstein
verwendet.
Auf diese Gesteinsgewinnung wird
bereits in der Oberamtsbeschreibung von Münsingen aus dem Jahr 1825
hingewiesen.
5. Schutzzweck
Schutzzweck ist
-die Erhaltung und Pflege eines
außergewöhnlich vielgestaltigen Biotopmosaiks aus Halbtrockenrasen,
Sukzessions-, Ried-, Wald- und Wiesenflächen als Lebensraum für zahlreiche
seltene und bedrohte Pflanzen- und Tierarten;
-die Erhaltung des
vielgestaltigen, reizvollen Landschaftsbildes und
-die Sicherung von
Landschaftsteilen (Dolinen, Gesteinsvorkommen usw.)als Zeugnis für die
besondere geologische Situation in diesem Landschaftsraum.
6. Gefährdung
Allgemein ist in neuerer Zeit die
Landnutzung vielfach intensiviert worden.
Fortschreitender Wegebau
ermöglichte eine leichte und schnelle Erreichbarkeit und damit auch die
nachhaltige Nutzung abgelegener Landschaftsteile, gleichzeitig veränderte sich
durch Mechanisierung, Mineraldüngung und Chemieeinsatz die
Bewirtschaftungsform.
An sich extensiv genutzte Flächen
konnten nun nicht mehr rentabel bewirtschaftet werden und wurden deshalb einer
anderen Nutzungsform zugeführt bzw. nicht mehr bewirtschaftet.
Gleichzeitig nahmen der Anteil der
versiegelten Flächen in der Landschaft und der Erholungsdruck auf die freie
Landschaft zu.
Diese allgemein zu beobachtenden
Tendenzen gehören auch im Naturschutzgebiet „Höhnriß-Neuben-Eisenrüttel"
zu den Gefährdungsfaktoren.
Hier sind es vor allem drei
Faktoren, die zu einer Gefährdung des Naturschutzgebietes beitragen:
-Änderung der Landnutzung
-Erschließung und Erholungsbetrieb
-Änderung der Vegetation infolge
Nichtbewirtschaftung.
6.1. Änderung der Landnutzung
Aufforstung
Wenig ertragreiche oder schlecht
zu bewirtschaftende Wiesen und Weiden wurden und werden noch heute mit
Nadelhölzern aufgeforstet.
Im Teilgebiet Neuben führte dies
zu einer starken Beeinträchtigung des dort vorhandenen Riedbereichs,
insbesondere aufgrund der damit in Verbindung stehenden Drainagemaßnahmen.
Der Prozess der Aufforstung ist
noch heute im Gange.
Es droht eine weitere Umwandlung und
damit eine langfristige negative Veränderung des Gebiets.
Von den ursprünglich als
Schafweide genutzten Halbtrockenrasen des Teilgebiets Höhnriß sind große Teile
mit Kiefern aufgeforstet worden.
Durch Samenanflug der Waldbäume
drohen heute auch noch die letzten vorhandenen offenen Areale verloren zu
gehen.
Eine Wiederbewaldung hätte den
Verlust der außergewöhnlich artenreichen Halbtrockenrasenflächen zur Folge.
Wiesenumbruch und Silagewirtschaft
Durch diese Veränderungen in der
Bewirtschaftung ist der Reichtum an Wiesenblumen auf den bis heute meist 2-3
schürig bewirtschafteten Wiesen gefährdet.
Aufgrund des frühen
Schnittzeitpunkts bei der Silagegewinnung kommt der große Teil der Wiesenflora
nicht mehr zur Samenreife und ist so langfristig vom Rückgang bedroht.
Düngung und Chemieeinsatz
Starke Düngung führt zu einer
Verdrängung der schwächer wüchsigen Pflanzenarten auf den Mähwiesen.
Auch der im Gebiet vorhandene
Feuchtwiesenbereich ist durch Düngung bzw. Düngereintrag aus den benachbarten
Wiesenflächen gefährdet.
Mit zunehmendem Nährstoffgehalt im
Boden können nämlich Arten der Fettwiesen auf den an sich nährstoffarmen
Feuchtwiesenstandort vordringen und das Artenspektrum dort verändern.
Chemikalieneinsatz bei der
Bewirtschaftung der Flächen vernichtet die Wildkräutergesellschaften auf den
behandelten Arealen und ist besonders problematisch in dem Feuchtwiesenbereich.
6.2. Gefährdung durch Erholungsbetrieb und Erschließung
Allgemein ist die Erschließung der
Feldflur und der Waldbestände in den zurückliegenden Jahrzehnten weit
fortgeschritten.
Der Ausbau des Wegenetzes führt
jedoch zu einer Zerschneidung und Parzellierung der Landschaft.
Die asphaltierten Flächen
behindern insbesondere kleinere bodengebundene Tiere beim Austausch der
Individuen zwischen den einzelnen Populationen.
Eine weitere nachteilige
Auswirkung gut ausgebauter, bituminöser Feld- und Waldwege besteht darin, daß
der Besucherverkehr durch Fahrzeuge und Wanderer zunimmt.
Eine stärkere Beunruhigung der
Landschaft ist die Folge.
Im Naturschutzgebiet Höhnriß-Neuben-Eisenrüttel
sind die meisten zentralen Bereiche bisher noch wenig durch ausgebaute Wege
erschlossen.
Der Ausbau und die Unterhaltung
des Wegenetzes sollten daher äußerst schonend geschehen.
Allgemein zunehmende Freizeit und
die Anlage neuer Siedlungsflächen in den umliegenden Gemeinden führen zu einem
erhöhten Naherholungsverkehr in der umgebenden Landschaft und dadurch zur
Beunruhigung empfindlicher Tierarten und beim häufigen Betreten zu einer
Beeinträchtigung der Vegetation.
Auf den Halbtrockenrasenflächen am
Höhnriß sind durch diesen Besucherverkehr deutliche Trittschäden an der
Vegetation entstanden, die bei weiterem ungeregelten Betreten zu einer noch
nachhaltigeren Beeinträchtigung der Vegetation führen werden.
Neben den oben angesprochenen
Auswirkungen des Besucherverkehrs (Trittschäden, Störungen) wirken weitere
nachteilige Faktoren auf das Gebiet ein.
Im Teilgebiet Eisenrüttel
zerschneiden mehrere Skilanglaufloipen das geschlossene Waldgebiet.
Störungen empfindlicher Tierarten
in den ohnehin kritischen Zeiten mit Schneelage sind die Folge.
In diesen nahrungsarmen Zeiten
droht vielen Tieren durch die schnellen Bewegungen bei der Flucht ein
Energieverlust, der schwer ausgeglichen werden kann und der im Extremfall zum
Erschöpfungstod führen kann.
6.3. Vegetationsänderung durch fehlende Pflege
Bei fehlender Pflege der
Halbtrockenrasen, z.B. durch Aufgabe der Mahd oder Beweidung, verbuschen bzw.
bewalden diese an sich offenen Standorte.
Hierdurch verändern sich die
Wuchsbedingungen für die standortstypischen, in der Mehrzahl seltenen und
bedrohten Halbtrockenrasenpflanzen (z.B. Orchideen und Enziane).
Am Höhnriß sind davon vor allem
die Halbtrockenrasen der am westlichen Abhang gelegenen Flächen betroffen,
während die Flächen im östlichen Bereich noch beweidet werden.
7. Pflege- Schutz- und Entwicklungsmaßnahmen
Schutzzweck ist die Erhaltung der
naturnahen Kulturlandschaft mit wertvollen Feucht- und Trockenbereichen und
zahlreichen Feldgehölzen.
Das Gebiet ist aufgrund
unterschiedlicher Standortbedingungen und der hieraus resultierenden Vegetation
grob in zwei Teileinheiten gegliedert:
-Trockene Wiesen, Weiden und
Waldbereiche am Höhnriß.
-Feuchte Wiesen, Riedflächen und
Wälder im Neuben und Eisenrüttel.
Diese unterschiedlichen
Ausgangsbedingungen müssen bei der
Erstellung des Pflegeplanes zur Optimierung des Gebietes differenziert beachtet
werden.
Der Pflegeplan sollte deshalb
folgende Vorgaben berücksichtigen:
7.1. Maßnahmen im Teilgebiet „Höhnriß"
Ein wichtiges Kernelement des
Teilgebiets Höhnriß ist der Halbtrockenrasen mit seinen Übergangsbereichen zu
dem Kiefernwaldbestand.
Der überaus artenreiche
Halbtrockenrasen ist aus ehemaligen Schafweiden hervorgegangen.
Eine Beweidung findet heute nur
sehr selten und extensiv durch ziehende Schäfer im Frühjahr und Herbst statt.
Dadurch können sich reiche
Pflanzenbestände übers Jahr ungestört entwickeln.
Gleichzeitig geht von dieser sehr
extensiven Nutzung aber auch die Gefahr der Wiederbewaldung aus.
Um das Gebiet im jetzigen,
artenreichen Sukzessionsstadium zu erhalten, sind regelmäßige Pflegemaßnahmen
notwendig.
So sollte im mehrjährigen Abstand
nach Ende der Vegetationsperiode gemäht werden, um den aufkommenden Baumbewuchs
und die Verfilzung der Grasnarbe durch die sich ausbreitende Fiederzwenke
(Brachypodium pinnatum) zu entfernen.
Die außerhalb der geschlossenen
Waldbestände stockenden Kiefern sind weiter auszulichten.
Besonders dringend ist dies im
Südwestbereich des Hanges.
Hier muß ein 15-20 Meter breiter
Streifen um den älteren Kiefernbestand weitgehend von den aufwachsenden
Jungbäumen befreit werden, wenn der Halbtrockenrasen und die darin vorhandenen
Bestände der Bienen- und Hummelragwurz erhalten bleiben sollen.
In den lichten Kiefernbeständen
kommt ein sehr artenreicher Steppenheidewald auf.
Sein Übergangsbereich zu den
Flächen des Halbtrockenrasens sollte locker und stufig gehalten werden.
Wünschenswert wäre auch eine
Anbindung der Weidbuchen an die Freiflächen.
Das Betreten des Gebiets durch
Spaziergänger hat zu einigen wilden Pfaden und deutlichen Schäden an der
Vegetation geführt.
Der Wanderbetrieb sollte auf
wenige Pfade konzentriert werden.
Dazu sind besucherlenkende
Maßnahmen (z.B. Bepflanzung von „wilden" Pfaden mit Wildrosen und
Wacholdern, Wiederbegrünung, Absperrungen) erforderlich.
Weitere wünschenswerte Maßnahmen
zur langfristigen Optimierung des Gebietes sind:
-Durchforstung der am Südhang des
Höhnriß stehenden Kiefern und Fichtenstangenhölzer, um die Bodenvegetation auf
Dauer zu erhalten.
-Erhaltung und Förderung der
Schafbeweidung im östlichen Bereich des Naturschutzgebiets.
-Das auf einer Kuppe im Gewann
Wiesach stehende Waldstück ist durch seine abwechslungsreiche Struktur ein
wertvolles Waldbiotop; es sollte als Schonwald gepflegt werden.
-Die Acker- und Wiesenflächen im
Gewann Wiesach sollten möglichst als Extensivgrünland genutzt werden.
-Der Altholzstreifen im
Verbindungsstück zwischen Höhnriß und Neuben sollte als Altholzinsel nicht mehr
bewirtschaftet werden, da alte Bäume vielen Tierarten Brutplätze und Nahrung
geben.
7.2. Maßnahmen in den Teilgebieten „Neuben und Eisenrüttel“
-Die Wiesenflächen im Neuben
tragen auf Grund der vorhandenen Bodenfeuchte und der guten Böden eine typische
Fettwiesenflora.
-Um den Blütenreichtum der Wiesen
zu erhalten, sollte der früheste Mähtermin auf den 15. Juli eines jeden Jahres
festgelegt werden; hierzu sollten Extensivierungsverträge abgeschlossen werden.
-Ein Wiesenumbruch sollte nicht
erfolgen.
-Die Wiesenparzellen, in denen die
Feuchtfläche liegt, sollten ohne Düngung bewirtschaftet werden, um eine
Beeinträchtigung der typischen Feuchtwiesenflora zu verhindern; der engere
Feuchtbereich sollte jährlich nur einmal mit leichtem Gerät gemäht werden,
wobei das Mähgut abgeräumt werden soll.
-Die Einzelbäume an der Doline
sollten erhalten werden; sie sind als landschaftsprägendes Element von hohem
Wert für das Gesamtgebiet.
-Der noch verbliebene Riedkomplex
im Neuben sollte unbedingt erhalten bleiben und verbessert werden.
Da die Wildackerfläche, welche
oberhalb der Feuchtflächen angelegt wurde, durch den Nährstoffaustrag eine
Gefahr für die Arten des Riedgebiets darstellt, sollte ein Ersatzstandort
erwogen werden; eine Rückverwandlung in eine einmähdige Wiese würde die Beeinträchtigung
der Riedvegetation verhindern.
-Der ehemalige Feuchtwiesenkomplex
im Bereich der Fichtenkulturen sollte nach Möglichkeit wiedervernässt als Riedgebiet
renaturiert werden.
-Die Waldgebiete des Eisenrüttel sind
hoch ertragreiche Bestände; eine ordnungsgemäße Waldbewirtschaftung an diesem
Standort ist dem Schutzgedanken nicht abträglich, es sollten jedoch
standortgerechte Baumarten gepflanzt werden.
-Neue befestigte Wege sollten
nicht mehr angelegt werden und bei der Waldbewirtschaftung sollte auf die
Vegetation der Waldteiche geachtet
werden.
-Zur Vermeidung von Störungen
sollte die Führung der Loipenspur durch den Wald kritisch geprüft werden.
-Insgesamt sollten im
Naturschutzgebiet außerhalb der bereits vorhandenen Waldflächen keine Aufforstungen
mehr erfolgen.
-Für den empfindlichen Kernbereich
sollten besucherlenkende Maßnahmen geprüft und gegebenenfalls umgesetzt werden.
8. Zusammenfassung
Das Naturschutzgebiet
„Höhnriß-Neuben-Eisenrüttel" liegt in einer Trockentalmulde zwischen den
Bergrücken von Buchhalde und Föhrenberg in 750 m-800 m Höhe.
Das Vorhandensein von zwei
geologischen Besonderheiten (Parabasalt und Zementmergel) in direkter
Nachbarschaft, schuf in Verbindung mit kleinparzelliger, standortsangepasster
Landnutzung, ein Gebiet von außerordentlicher Vielfalt und hohem Artenreichtum.
Eine große Zahl seltener und
bedrohter Pflanzen- und Tierarten findet hier ihren Lebensraum.
Eine geologische Besonderheit ist
der anstehende Parabasalt am Eisenrüttel.
Sein Vorkommen beruht auf einen
der seltenen Magmenaustritte bei den Eruptionen im Uracher Vulkangebiet.
Es sind hierdurch
Standortbedingungen entstanden, die von hoher regionaler Seltenheit sind.
Insbesondere erwähnenswert sind
auch die im Naturschutzgebiet vorhandenen Dolinen als typisches Zeugnis für das
Karstgebiet.
9. Literatur
BRONNER,G.(1988): Schutz von
Karstformen in Baden-Württemberg.- Veröff. Naturschutz Landschaftspflege
Bad.-Württ., 63: 9-49; Karlsruhe
DÖDDERER, H. ENGELHART, V. GÖTZ,
M. ROSENAUER (1982): Schafweiden und Wacholderheiden aus: Münsingen;
Geschichte, Landschaft, Kultur. J. Thorbecke Verlag Sigmaringen.
GEOLOGISCHES LANDESAMT BADEN-WÜRTTEMBERG
(1974) : Geologische Karte von Baden-Württemberg. TK 1:25000 Urach
GRADMANN R.(1950): Das
Pflanzenleben der Schwäbischen Alb, Stuttgart
LANDKREIS MÜNSINGEN,Hrsg.(1972):
Beschreibung des Oberamts Münsingen 1825. Druckhaus Baader, Münsingen
OBERDORFER, E.: Süddeutsche
Pflanzengesellschaften. Teil I. Gustav Fischer Verlag, Stuttgart, New York, 311
S.
PFEFFER, K.H.(1990): Süddeutsche
Karstökosysteme - Beiträge zu Grundlagen und praxisorientierten
Fragestellungen. Tübinger Geographische
Studien, Heft 105, S. 1-33.
RIEBESELL M., H. STADELMAIER
(1982): Untersuchung auf Schutzwürdigkeit, „Höhnriß und Ochsenboschen"
Gemarkung Rietheim.
Auftragsarbeit der Bezirksstelle
für Naturschutz und Landschaftspflege Tübingen.
WINTERHOFF, W.,(1971): Zur
Verbreitung und Soziologie von Carex cespitosa L. auf der Schwäbischen Alb. Jh.
Ges. Naturk. Württ. (Stuttgart) 126, S. 270-279.
Tübingen, den 20.Oktober 1993
Bearbeiter: Eberhard Lang
Dr. Pauritsch-Jacobi