4.264 Rappenberg

 

Würdigung

 

 

Naturschutzgebiet „Rappenberg“

 

1. Landschaftliche Situation

 

1.1. Geographische Lage

Das 15,76 ha große Naturschutzgebiet und das 24,36 ha große dienende Landschaftsschutzgebiet liegen südlich der Stadt Rottenburg auf den Gemarkungen Dettingen und Weiler, Stadt Rottenburg a.N., Landkreis Tübingen.

Sie sind Teil des sich von Südwest nach Nordost hinziehenden, bewaldeten Höhenrückens Rammert.

Zwischen dem Neckar und seinen beiden rechts gelegenen Nebenflüssen Steinlach und Starzel, wird der Rammert ungefähr in seiner Mitte vom Katzenbachtal durchschnitten.

An den dadurch entstandenen, am Ausgang des Quertales zum Oberen Gäu hin gelegenen Hängen liegt das Schutzgebiet.

Es erstreckt sich in Ost-West-Richtung, ist größtenteils südexponiert und befindet sich in Höhe von 500 bis 585 m ü.NN.

Das Gebiet ist auf der topographischen Karte Nr. 7519 als Biotop Nr. 11 der Biotopkartierung für Baden-Württemberg aufgeführt.

 

1.2. Geologie

Der Rammert ist Teil des geschlossenen Keuperwaldgebietes.

Er zählt zum Keuperstufenland, das innerhalb des süddeutschen Schichtstufenlandes die größte Fläche einnimmt.

Der Stubensandstein ist durch seine Widerstandsfähigkeit gegenüber der Abtragung für die Verteilung der Hänge verantwortlich:

Wo er aufliegt, ging die Erosion nur langsam vor sich, wo nicht, geraten die darunter liegenden weicheren Mergelschichten ins Rutschen.

 

1.3. Landnutzung

Brachgefallene Halbtrockenrasen sind von der Hangoberkante her stark verbuscht und werden ansonsten als Standweide für Pferde genutzt.

Fichtenaufforstungen sind nur sehr vereinzelt vorhanden, während die aus sozialen Gründen brachgefallenen Flächen vom randlichen Gebüsch erobert werden.

Es kommen außerdem großflächig Hochstamm-Obstbestände vor, die meist noch genutzt sind.

 

2. Schutzwürdigkeit

 

2.1. Flora

Halbtrockenrasen in der Ausbildung kolliner Mesobrometen mit großem Orchideenreichtum, die zugehörige Saumgesellschaft (Geranio-Peucedanetum cervariae und das Trifolio-Agrimonietum eupatoriae) auf den brachgefallenen Rasenflächen und das anschließend sich ausbreitende Schlehen-Liguster-Gebüsch (Pruno-Ligustretum) bilden ein verzahntes, typisches Mosaik der etwas vernachlässigten, wenig intensiv genutzten südwest-exponierten Keuperhänge des Naturraums Schönbuch-Glemswald.

Die Repräsentativität des Gesellschaftsmosaiks und damit seine Bedeutung für das Landschaftsbild der Region einerseits und der Reichtum an seltenen Arten, darunter 11 Orchideenarten:

Orchis pallens (Blasses Knabenkraut.G.3), Orchis militaris (Helm-Knabenkraut), Orchis purpurea (Purpur-Knabenkraut G.3), Himantoglossum hircinum (Bocks-Riemenzunge G 2), Ophrys insectifera (Fliegen-Ragwurz G 3), Cephalanthera damasonium (Weißes Waldvögelchen), Platanthera bifolia (Weiße Waldhyazinthe), Neottia nidus-avis (Nestwurz), Listera ovata (Großes Zweiblatt), Gymnadenia conopsea (Mückenhändelwurz), Epipactis helleborine (Breitblättriger Sumpfstendel) und andere charakteristische Arten der Halbkulturgesellschaften

Wilder Wein (Vitis vinifera), Essigrose (Rosa gallica), Fenchel (Foeniculum vulgare), Rauhblättrige Rose (Rosa jundzilii) unterstreichen die besondere Hochwertigkeit dieses Lebensraumes.

Hangabwärts schließen geschlossene Hochstamm-Obstwiesen mit bunten Salbei-Glatthaferwiesen an.

Sie machen im Wesentlichen das Dienende Landschaftsschutzgebiet aus.

Der Erhalt sowohl der Hochstammobstbäume wie auch der kaum gedüngten und teilweise spät (nicht vor dem 20.6.) gemähten Salbei-Glatthafer-Wiesen sind hier wesentlicher Schutzzweck.

 

2.2. Fauna

Die durch Gebüsche, Streuobstbestände und Halbtrockenrasen vorhandene Vielfältigkeit der Lebensräume äußert sich auch in einem auffallend artenreichen Vorkommen von Insekten mit Seltenheiten wie Schmetterlingshaft und Bergzikade sowie zahlreichen gefährdeten Schmetterlingen:

Iphiclides podalirius (Segelfalter G 2), Papilio machaon L. (Schwalbenschwanz G 3), Coenonympha glycerion Bkh. (Rotbraunes Wiesenvögelchen G 4), Mellicta britomartis As. (Assmanns Scheckenfalter G 4), Hamaeris lucina L. (Brauner Würfelfaler G 3), Cupido minimus Fuessl. (Zwergbläuling G 3), Plebicula thersites Cant. (Esparsetten-Bläuling G 3), Clossiana dia L. (Hainveilchen-Perlmutterfalter G 3), Nymphalis polychloros L. (Großer Fuchs G 3) und Malacosoma castrensis L. (Wolfsmilch-Ringelspinner G 2).

Für die vielfältige Vogelwelt - 1991 konnten 34 Brutvogelarten nachgewiesen werden (STADELMAIER) - sind die Streuobstbestände von großer Bedeutung:

Hier ist der Anteil der Höhlenbrüter (verschiedene Meisenarten, Star, Grün- und Buntspecht) außergewöhnlich hoch.

Der Neuntöter (G 2), der extensiv genutztes Grünland oder Brachflächen, jeweils mit Hecken beansprucht, findet im gesamten Gebiet gute Bedingungen und ist häufig vertreten.

Das Rebhuhn (G 3) als Offenlandart hat in den Randbereichen der Obstwiesen an Böschungen und Rainen ideale Nahrungs- und Brutmöglichkeiten.

 

2.3. Landeskultur

Die südexponierten Hänge am Rand des fruchtbaren Gäus sind wohl früh in Kultur genommen und mit Weinpflanzen bebaut worden.

Dabei bildete die Grenze zum Stubensandstein (z.T. etwas fließend wo die Hangkante durch Erosion abrutscht) über die historischen Zeiten hinweg eine natürliche Waldgrenze.

Die ackerbauliche bzw. weinbauliche Nutzung, die im Realteilungsgebiet eine starke Zerstückelung der Parzellen mit sich brachte, ging im Zuge der Intensivierung der Landwirtschaft mit Hilfe des Kunstdüngers auf den fruchtbaren Gäuäckern in Grünlandnutzung verschiedenster Art über.

Triebweidenutzung verbunden mit oder abgelöst durch einschürige Mahd waren etwa seit 1850 weit verbreitet und damit auch Halbtrockenrasen verschiedenster Aushagerungsstufen, Waldsäume und lichter Laubwald über der Stubensandsteinhangkante.

Erst mit der Umorientierung der Dorfbevölkerung von der heimischen Landwirtschaft in Richtung Industriearbeitsplätze fielen zahlreiche Parzellen brach und waren der sich ausbreitenden Schlehe ausgesetzt.

Wenige Parzellen sind auch aufgeforstet worden.

Die größte Veränderung für das Gebiet brachte die seit etwa 1970 betriebene Standbeweidung durch Reitpferde mit sich, weil hierdurch, wie eine wissenschaftliche Untersuchung darlegt, die Grasnarbe stellenweise stark beschädigt und die Vegetation insgesamt erheblich beeinträchtigt wird.

 

2.4. Wissenschaftliche Bedeutung

Neben allgemeinen naturraumspezifischen Untersuchungen zoologischer oder botanischer Art ist von besonderem wissenschaftlichen Interesse, daß die natürlich bedingte historische Waldgrenze entlang der geologischen Grenze zwischen Sandstein und Mergelböden erhalten bleibt.

Soweit bisher bekannt ist, sind derartige Grenzbiotope wertvollste und gleichzeitig sehr seltene Lebensräume für Relikte aus der nacheiszeitlichen Wärmezeit.

Untersuchungen hierzu gibt es über die Bienenfauna (WESTRICH) und über botanische Glazialrelikte (WITSCHEL).

 

3. Bedrohung

Nach SUKOPP/TRAUTMANN/KORNECK (1978), die die Pflanzenlebensräume der Bundesrepublik in 20 Einheiten unterteilen, steht die Formation der Trocken- und Halbtrockenrasen an 2. Stelle der Gefährdungsrangfolge.

Aus dem von den Autoren aufgestellten Katalog der hierfür verantwortlichen Ursachen treffen auf das Naturschutzgebiet vor allem die Punkte „Aufgabe der Nutzung" und damit die Wiederbewaldung und „mechanische Einwirkungen", d.h. Trittschäden durch Standbeweidung zu.

Das sich ausbreitende Schlehengebüsch einerseits, zu dem teilweise noch künstliche Aufforstung dazukommt und die intensive Standbeweidung mit hohen Trittschäden und punktueller starker Verunkrautung andererseits sind derzeit die Hauptgefahren für die zurzeit noch hochwertige Südhalde.

Die in dem dienenden Landschaftsschutzgebiet zusammengefaßten Streuobstwiesen sind potentiell von einer Intensivierung der Nutzung bedroht, wenn nicht weiterhin, wie seither Heuwerbung mit spätem Mahdtermin und ohne wesentliche Düngung erhalten bleibt.

 

4. Schutzzweck

Die belegte Seltenheit und der Gefährdungsstand zahlreicher Pflanzen und Tierarten, die gegebene Mannigfaltigkeit der Pflanzengesellschaften und damit die Stabilität und Repräsentativität dieses Mosaiks für den Naturraum Schönbuch-Glemswald, die nachgewiesene synökologische Bedeutung im Zusammenhang mit der mittleren Gebietsgröße belegen unzweifelhaft die Schutzwürdigkeit des Gebietes „Rappenberg".

Die andererseits dargelegte schleichende Gefährdung durch Brachfallen und die aktuelle Gefährdung durch intensive Standbeweidung mit Pferden stehen im krassen Gegensatz zur natur- und kulturhistorischen Bedeutung der Landschaftseinheit, die wiederum deren hohen Erlebniswert zeigt und gleichzeitig die dringende Notwendigkeit zum Schutz belegt.

Schutzzweck ist damit das historisch bedingte Mosaik von Pflanzengesellschaften an extensiv gemähten Südhängen, das Lebensraum für die zahlreichen Pflanzen und Tierarten des Halbtrockenrasens, des zugehörigen Saums und Waldmantels bedeutet.

Schutzzweck des dienenden Landschaftsschutzgebietes ist der Erhalt der Hochstammobstwiesen und ihrer Salbei-Glatthaferwiesen.

Die Nutzung dieser Heuwiesen (zweimalige Mahd, nicht vor Ende Juni) soll, soweit möglich, durch gezielte Förderung unterstützt werden.

Durch Pflege in Form von Entbuschung und Mahd (auch extensive Beweidung ist möglich) sollen die historisch überkommene Waldgrenze wiederhergestellt und die mageren, trockenen Steilhangwiesen in ihrer Wertigkeit erhalten werden.

 

5. Pflegemaßnahmen

Die hierzu notwendigen Pflegemaßnahmen werden im Detail in einem Pflegeplan dargestellt, der dem o.g. Schutzzweck dienen soll.

Wichtigste Arbeiten sind dabei:

-Entfernen von zu stark sich ausbreitendem Gebüsch,

-Mähen der Halbtrockenrasen und

-Freistellen der historischen Waldgrenze.

 

6. Literatur

SUKOPP, TRAUTMANN, KORNECK (1978): Zum Gefährdungsgrad der Pflanzenformationen in der Bundesrepublik Deutschland.-Beih. Veröff. Naturschutz und Landschaftspflege 11, Karlsruhe.

WITSCHEL, M. (1980): Xerothermvegetation und die alpinen Vegetationskomplexe in Südbaden, Landesanstalt f. Umweltschutz, Beih. 17

WESTRICH, P. (1989): Die Wildbienen Baden-Württembergs, Eugen Ulmer Verlag

SCHENK, U. (1981): „Vegetationskundliche Untersuchungen an den Westhängen des Rammert", Zulassungsarbeit Tübingen

STADELMAIER, H. (1991): Ornithologische Untersuchungen im gepl. NSG Rappenberg - Auftragsarbeit der BNL Tübingen

SAUER, MICHAEL (19  ): Naturschutzgebiet „Rappenberg", Auftragsarbeit der BNL Tübingen

SCHARFE, FRIEDERIKE (1992). Nutzungskartierung des geplanten Naturschutzgebietes „Rappenberg" (Weiler/Dettingen)

 

 

 

Tübingen, den 7.3.1995

 

 

Venth