4.265 Kochhartgraben

 

Würdigung

 

 

zum Naturschutzgebiet „Kochhartgraben“ und Ammertalhänge bei Reusten

 

1. Landschaftliche Situation

 

1.1. Geographische Lage

Das 107,11 ha große geplante Naturschutzgebiet liegt westlich der Ortschaft Reusten im Westen des Kreises Tübingen in den Gemeinden Rottenburg-Hailfingen und Ammerbuch-Reusten (Top. Karte Nr. 7419).

Der Bach Kochhart mündet in Reusten in die von Norden nach Südost abbiegende Ammer.

Beide Bäche und damit auch die Ortschaft Reusten sind umgeben von Muschelkalksteilhängen, die an ihren Oberkanten in die hier etwa 420 m hoch liegenden Gäuplatten übergehen.

Die naturräumliche Einheit „Obere Gäue" wird hier in die Untereinheiten „Korngäu" und „Sattel von Reusten" unterschieden.

 

1.2. Erscheinungsbild

Frische Wiesen säumen in den engen Kastentälern die beiden Bäche und gehen jeweils über den Hangfuß in zum Teil sehr steile in südlicher und südwestlicher Lage als Schafweiden genutzte Hangbereiche, in nord- und nordöstlicher Lage zum Teil in Streuobstwiesen über.

Der Talgrund des Kochhart liegt zwischen 370 m ü.NN (Reusten) und 422 m ü.NN, wobei die Taloberkante zwischen 10 m bei Hailfingen und 40 m beim Kirchberg in Reusten über der Sohle liegt.

Im Zentrum dieser beiden Täler, im Mündungsbereich liegt die Ortschaft Reusten.

Ihr historischer Ortskern beschränkt sich auf die Talniederung; erst die neuere Siedlung „Wolfberg" breitet sich auf den Gäuhochflächen Richtung Unterjesingen aus.

Eingegraben in die Muschelkalktalhänge sind mehrere, heute nicht mehr genutzte Steinbrüche zu finden, deren Sohle zum Teil bis ins Grundwasser reicht.

 

1.3. Geologie

Die Gäuplatten erheben sich zwischen Altingen und Poltringen in einer tektonischen Wölbung zum sog. „Sattel von Reusten".

Es ist nicht geklärt, ob sich die Täler von Kochhart und Ammer gleichzeitig mit dieser Wölbung eintieften oder ob diese Eintiefung erst später durch eiszeitliche Schmelzwassererosion erfolgte.

Das Ammertal ist jedenfalls durch Gewässererosionen während des Eiszeitalters in die oberen Muschelkalkschichten (Hauptmuschelkalk) eingegraben worden.

Die südexponierten Steilhänge weisen eine Hangneigung zwischen 60 und 100 % auf, wo Muschelkalk ansteht.

Der aufliegende Lettenkeuper dagegen, der die Hänge im westlichen Talbereich des Kochhart und am Südhang bildet, erzeugt dagegen eine Neigung von etwa 30 % und vermittelt so in weichen Formen zum südlich angrenzenden Löß.

Die Steilwände der Steinbrüche zeigen im unteren Bereich eine etwa 30 cm starke Schicht wohlgebankter plattiger Kalksteine (Nodosuskalke), darüber folgen die hellgrauen, Trigonodus-Dolomite, die nur grob und undeutlich gebankt sind und zu flachgründigen Mergelböden verwittern.

Auf der Hochfläche lagert eine flache Lettenkeuperdecke.

Ihre tonigen Verwitterungsprodukte verhindern, daß das Niederschlagswasser rasch in die Tiefe wandert.

Für die landwirtschaftliche Bodennutzung ist diese Schicht von größter Bedeutung.

Die Muschelkalkhänge der Täler werden von einem lehmigen Kalkstein- und Dolomitschuttmantel überdeckt.

Am Übergang zur Gäuhochfläche findet man skelettreiche, flachgründige Böden (Kalksteinbraunlehm), deren lehmig-toniger Verwitterungsrest entkalkt ist.

Die Profile der Steilhänge zeigen Rendzinen auf, deren Feinerde stark kalkhaltig ist.

Am flacheren Hangfuß häuft sich dann die Feinerde an und somit kann eine langsame Entkalkung einsetzen (Lehmrendzinen).

 

1.4. Hydrologie

Der Kochhartgraben hat aufgrund der Verkarstung des Muschelkalks weitgehend den Charakter eines Trockentales.

Der von mehreren Quellen im Lettenkeuper gespeiste, von Westen herkommende, kleine Bach versickert bei Hailfingen nach und nach im Untergrund.

Früher floß kein Wasser oberirdisch über die Gemarkungsgrenze nach Reusten (SCHMIDT, 1923).

Heute sorgt die an der Straße von Hailfingen nach Tailfingen liegende, mechanisch-biologische Kläranlage der Gemeinden Hailfingen und Bondorf für einen kontinuierlichen Wasserzufluß.

Aus der Kläranlage fließen bei Trockenwetter 400 bis 600 m3 Wasser pro Tag ab.

Dieses Wasser versickert zwar zu einem großen Teil, doch kommt es kaum noch zu einer völligen Austrocknung des Baches im weiteren Talverlauf.

Rund 100 m westlich der Kläranlage fließt Wasser einer bei der Flurbereinigung angelegten Drainage aus einem Rohr an der vorderen Hangkante aus.

Das Wasser reicht aus, um den Hang zu vernässen, jedoch erreicht es kaum das unmittelbar darunter vorbeiführende Bachbett.

Dieses Wasser kam früher aus einer Quelle an der hinteren Hangkante und floß durch einen muldenförmigen Einschnitt den Hang hinunter.

Der etwas nördlich der Kläranlage aus dem Lettenkeuper entspringende Pfandbrunnen ist zum Teil gefaßt und fließt über eine Rohrleitung zu einem Brunnen auf dem bei der Kläranlage befindlichen Parkplatz und von dort in den Bach.

Der übrige Teil des Wassers gelangt über einen Straßengraben zum Bach.

Im weiteren Verlauf besitzt der Kochhartgraben noch drei Quellen, die alle aus dem Lettenkeuper kommen.

Das aus der Quelle des nördlichen Seitentals kommende Wasser fließt zunächst in einem offenen Graben, um dann an der Grenze zum Muschelkalk plötzlich im Untergrund zu versickern.

Im oberen Bereich des südlichen Seitentals befindet sich ein Quellsumpf, der, zumindest oberirdisch, kaum Wasser abführt.

Der 200 m östlich der Autobahn im oberen Bereich des südlichen Talhangs austretende Ahlenbrunnen fließt über die Hangkante des Muschelkalks hinweg, um dann innerhalb des Waldes zu versickern.

Nach starken Niederschlägen werden dem Bach aus den Quellen und aus der Kläranlage kurzfristig große Wassermengen zugeführt, so daß er dann ein Vielfaches der normalen Wassermenge führt.

Außerdem fließt ihm dann noch Wasser aus einem Regenwasserreinigungs- und Rückhaltebecken der Autobahn zu.

Dadurch kommt es im Unterlauf des Baches immer wieder zu Überschwemmungen.

Im Rahmen der Flurbereinigung wurde 1991 das Bachbett neu gestaltet und die Ufer bepflanzt.

Zweck der Renaturierung sollen die Erhöhung der biologischen Selbstreinigungskraft und die Rückführung früherer Kanalisierungsmaßnahmen sein.

 

1.5. Klima

Die mittlere jährliche Niederschlagssumme liegt kanpp unter 700 mm.

Das Gebiet gehört somit zu den niederschlagsärmeren Gebieten des Landes Baden-Württemberg.

Die Hauptwindrichtungen sind West und Südwest.

Die extrem steilen Hänge des engen Taleinschnitts unterliegen sehr unterschiedlicher Sonneneinstrahlung.

Auf die Südhänge strahlt die Sonne ganzjährig in relativ steilem Winkel ein.

Dadurch herrschen hier die höchsten Temperaturen des Talraums, was vorrangig zur hohen Verdunstungsrate und somit zur großen Trockenheit der Hänge beiträgt.

Die Nordhänge werden im Sommer in relativ flachem Winkel von der Sonne bestrahlt.

Während des Winters liegen diese Hänge weitgehend im Schatten, nur da, wo sie flacher geneigt sind, kann die Sonne einstrahlen.

Diese kältesten Bereiche des Tales weisen gegenüber den Südhängen eine deutlich kürzere Vegetationsperiode auf.

Die Feuchtigkeit ist infolge geringerer Verdunstung höher als am Südhang.

Die Kaltluft aus der umgebenden Gäufläche fließt hier im Tal ab, wo der Talgrund von Spätfrösten betroffen sein kann.

Da die Streuobstbestände alle mehr als 10 m höher liegen als der Talgrund, kann vermutet werden, daß eine gewisse Spätfrostgefahr vorhanden ist.

 

1.6. Potentielle natürliche Vegetation

Lichte, wärmeliebende Eichenwälder und auf den Felskuppen unbeschattete trockene Pioniervegetation ging hangabwärts in einen artenreichen mesophytischen Laubwald über, wenn zum jetzigen Zeitpunkt jeder menschliche Eingriff aussetzen würde.

Der Talboden wäre bedeckt mit Erlen-Eschen-Laubwald und auf etwas trockeneren Standorten wohl mit Eichen-Hainbuchen-Beständen durchsetzt.

Kaum verändert zeigten sich wohl die Steinbruchseen und die steilen Felswände mit ihrer Pioniervegetation.

 

1.7. Landnutzung

Bis zum Anfang des vorigen Jahrhunderts wurde auf weiten Teilen der Hänge Weinbau betrieben.

Die noch vorhandenen Weinbergmauerreste lassen dies bis heute erkennen.

Diese Nutzung wurde abgelöst durch den Anbau von Streuobst und das Anlegen von Gärten einerseits und zum größ-ten Teil durch Schafweide andererseits.

Die Hangweiden wurden bis 1992 unterschiedlich stark und häufig befahren.

Deutlich erkennbare Trittspuren hinterließen die Schafherden an den steilen Südhängen des Kochhartgrabens.

Stellenweise traten bereits starke Erosionsschäden auf.

Manche Flächen wurden mehrmals im Jahr von Schafen begangen, andere wiederum gar nicht oder nur kurz, was nach Auskunft des Schäfers darauf zurückzuführen war, daß die umliegenden Wiesen den Zugang teilweise erschwerten.

Seine Schafherde zählte ungefähr 200 Muttertiere.

Anderweitig landwirtschaftlich genutzte Flächen sind an den Ammertalhängen und im Kochharttal: Zweischürige Wiesen, Obstbaumwiesen und einzelne Parzellen mit Ackerbau.

Die ausschließlich als Mähwiese genutzten Flächen liegen vor allem im Talgrund und im unteren Bereich der flacher geneigten Nordhänge.

Hangaufwärts werden diese zweischürigen Wiesen von schmaleren, mit zahlreichen Feldrainen durchzogenen Baumwiesen abgelöst, die wegen unbequemer Bewirtschaftungsmöglichkeit teilweise nur noch einmal jährlich gemäht werden.

Der Erhaltungszustand der Obstbäume ist sehr unterschiedlich, einzelne Bäume sterben ab.

Die ehemaligen Weinberge mit ihren Steinmauern werden heute, soweit sie nicht brachgefallen sind, als Beerengärten, Gemüsegärten oder Ziergärten mit oder ohne Geschirrhütte und Zaun genutzt.

Die heute aufgelassenen Steinbrüche dienten früher der Schottergewinnung und teilweise auch zum Brechen von Mauersteinen. Sie alle sind spätestens seit den 60er Jahren nicht mehr in Betrieb.

Die größten dieser Steinbrüche am Reustener Kirchberg im Merkental und am Schloßweinberg weisen Grundwasserseen auf, in denen heute Angelfischerei betrieben wird.

Ein ehemaliger Steinbruch, der zeitweise als Mülldeponie genutzt wurde und heute verfüllt und rekultiviert ist, liegt westlich der K 6916 von Reusten nach Hailfingen.

Ebenfalls wieder verfüllt ist der Steinbruch auf dem Hailfinger Gewann „Steingrube".

 

1.8. Forstwirtschaft

Wenige kleine Fichtenaufforstungen sind im Gebiet zu finden.

Sie sind landschaftsuntypisch und sollten in Laubgehölze verwandelt werden.

 

1.9. Jagd und Fischerei

Drei Steinbruchseen liegen im Schutzgebiet

1. Reustener See am Fuß des Kirchbergs,

2. Merkentalsee im Steinbruch im Merkental und

3. Poltringer See im Gewann Schloßäcker.

Sie sind jeweils Eigentum von Fischereivereinen.

Im Reustener See wird zurzeit von 2 Fischern geangelt.

Es handelt sich um ein tiefes, kaltes Gewässer, in das nach Aussage des Fischereisachverständigen nahezu alle Fischarten eingesetzt worden sind, die gedeihen können - einschließlich Karpfen -.

Ähnlich verhält es sich im Poltringer See, in den außerdem vollkommen standortfremd Aale eingesetzt worden sind.

Zukünftig sollte die Bewirtschaftung der Seen im Naturschutzgebiet so gestaltet werden, daß sich natürliche Unterwasser- und Ufervegetationen aufbauen können und daß neben den Nutzfischen in angemessenem Umfang heimische, Nicht--Wirtschaftsfischarten vorkommen, z.B. Kleinfische wie Ukelei und Schmerle.

Der Raubfisch Aal ist in diesen Gewässern nicht als heimisch anzusehen, er verdrängt besonders ufer- und bodennah lebende Fischarten.

Vorrangig wichtig ist in diesen sauberen und ungestörten Gewässern Biotopschutz und Schutz vor „Störung durch Besatz mit standortfremden Arten".

Derzeit befinden sich an den Ufern auf den Grundstücken 3023, 3006 (im Anschluß an das Gebäude) und 3004 (an der Südwestseite) Stege, die dem Angeln dienen.

Stellenweise läßt der Baumbewuchs am Ufer noch zu wünschen übrig; er sollte mit einheimischen Gehölzarten noch aufgebessert werden.

Das Betreten des längsseitigen Ostufers muß zum Schutz der balzenden und brütenden Wanderfalken in der Zeit zwischen 01.12. und 15.06. verboten werden.

 

2. Schutzwürdigkeit

 

2.1. Flora

Halbtrockenrasen sind aus floristischer Sicht der wichtigste Bestandteil des Schutzgebietes.

Von scharfer Beweidung mit starker Trittbelastung bis zu Brachestadien mit und ohne Schlehengebüsch sind alle Übergangsstadien zu finden.

Felsspaltengesellschaften und auf den sonnig warmen und trockenen, flachgründigen Standorten Felsgrusvegetation mit

Sedum acre (Scharfer Mauerpfeffer), Erophilia verna (Frühlings-Hungerblümchen), Calamintha acinos (Steinquendel), Alyssum alyssoides (Kelch-Steinkraut), Thlaspi perfoliatum (Stengelumfassendes Hellerkraut) und Holosteum umbellatum (Spurre) gehen in sehr trockene Ausbildungen der Halbtrockenrasen mit Linum tenuifolium (Zarter Lein, G 3) über

Veronica spicata (G 2 Ähriger Ehrenpreis), Potentilla heptaphylla (Rötliches Fingerkraut), Veronica praecox (G 2 Früher Ehrenpreis), Carex praecox (G 3 Frühe Segge), Aster linosyris (G 3 Goldaster), Minuartia hybrida (G 2 Zarte Miere), Pulsatilla vulgaris (G 3 Gewöhnliche Küchenschelle) und Orchis morio (G 2 Kleines Knabenkraut).

Die beweideten Halbtrockenrasen sind charakterisiert durch

Cirsium acaule, (Stengellose Kratzdistel), Carlina acaulis (Silberdistel), Gentiana ciliata (Gefranster Enzian), Gentiana germanica (Deutscher Enzian) und Koeleria pyramidata (Pyramiden-Kammschmiele).

Dazwischen sind wenige Exemplare des Wacholders (Juniperus communis) zu finden.

Als Besonderheiten können hier außerdem Stachys germanica (G 3 Deutscher Ziest) und Odontites lutea (G 3 Gelber Zahntrost) erwähnt werden.

Noch relativ junge Brachestadien, z.B. am Altinger Steinbruch sind dominiert von

Anthericum ramosum (Ästige Graslilie) Geranium sanguinium (Blutstorchschnabel) und Stachys recta (Aufrechter Ziest).

Orchideenarten spielen auf den Halbtrockenrasenstandorten der Ammertalhänge kaum eine Rolle, was auf die starke Schafbeweidung zurückzuführen ist.

 

2.2. Fauna

Die z.T. uralten Streuobstbestände weisen eine außergewöhnlich hohe Brutvogeldichte, insbesondere an Höhlenbrütern auf.

1991 konnten allein im westlichen Teil des Gebiets 50 verschiedene Brutvogelarten mit über 550 Brutpaaren festgestellt werden.

Dazu gehören seltene und gefährdete Arten, die ihren Verbreitungsschwerpunkt in den Streuobstwiesen haben, wie Wendehals (G 3), Gartenrotschwanz und Kleinspecht.

Besonders reich strukturierte Streuobstwiesen mit extensivster Bewirtschaftung sind potentielle Brutgebiete des Rotkopfwürgers (G 1), der 1979 im Gewann „Obere und Untere Heide" noch nachgewiesen werden konnte.

Buntspecht, Kohl- und Blaumeise, Feldsperling und Star - allesamt Höhlenbrüter - besiedeln in hoher Dichte die Streuobstwiesen.

Die genannten Vogelarten zeigen, daß auch dieser Teilbereich des Ökosystems Kulturlandschaft im Kochhartgraben von hohem ökologischem Wert ist.

Neuntöter (G 2) und Dorngrasmücke (G 4), beide im Gebiet häufig, bevorzugen Landschaften mit hoher Strukturvielfalt, z.B. Sukzessionsstadien von Kulturbrache.

Rebhuhn (G 3), Braunkehlchen (G 2) und Grauammer (G 3) sind Charakterarten für eine gut erhaltene, extensiv bewirtschaftete Kulturlandschaft.

Hervorzuheben ist ferner das Brutvorkommen des Wanderfalken (G 1) im Steinbruch im Merkental.

Die Umgebung des Steinbruchs dient außerdem dem vom Aussterben bedrohten Raubwürger (G 1) als Überwinterungsbiotop, der dafür ein Mindestareal von 0,5 km2 extensiv genutzter Fläche benötigt.

Die große Zahl seltener und gefährdeter Vogelarten beweist, daß die biologischen Verhältnisse in und um den Kochhartgraben recht ausgewogen sind im Gegensatz zu den auf den Hochebenen anschließenden ausgeräumten und bereinigten Landstrichen.

Außer der Vogelwelt ist im Gebiet Kochhartgraben und Ammertalsüdhänge speziell die Heuschreckenfauna gut untersucht.

Hier fallen die sehr seltenen und besonders gefährdeten Arten Gemeine Sichelschrecke (Phaneroptera falcata) und die Blauflügelige Ödlandsschrecke (Oedipoda coerulescens) auf.

Sie lieben die stark sonnenexponierten und lichten Bergkuppen, besonders als Balzplätze.

Außer ihnen sind im Gebiet 13 weitere Heuschreckenarten bekannt.

30 Schmetterlingsarten, darunter der Zwergbläuling (Cupido minimus), der Silbergrüne Bläuling (Lysandra coridon) und der Himmelblaue Bläuling (Lysandra bellargus) und 58 Wanzenarten zeigen ebenfalls die hohe Wertigkeit des Gebietes an.

 

2.3. Wissenschaftliche Bedeutung

Die hohe Biotopvielfalt, die hier aufgeführten langen Listen zum Teil sehr seltener Tier- und Pflanzenarten, die Zusammensetzung aus unterschiedlichsten Biotoptypen, die ihrerseits unsere Kulturlandschaft widerspiegeln, und die derzeit noch relativ geringe Störung dieser Lebensräume macht die Bedeutung des Gebietes auch für weitere wissenschaftliche Fragestellungen erkennbar.

Die vorliegende Arbeit über Abundanz und Diversität in der Vogelfauna sei hier als Beispiel erwähnt.

 

3. Bedrohung

Die Lage der Ammertalsüdhänge zwischen Wohnbereichen und Straßen beeinträchtigt diese Teilgebiete stark.

Betretung zu jeder Tag- und Nachtzeit und Feuerstellen müssen unterbunden werden.

Die Schafbeweidung ist für weite Teile des Grünlandes nicht nur als Nutzung sondern auch als Landschaftspflege anzusehen.

An den steilsten Hängen jedoch und an Engstellen kommt es durch häufiges Befahren zu enormen Trittschäden und Erosionserscheinungen.

Einige Privatgärten werden auch heute noch in steiler Hanglage bearbeitet.

Sie gewähren einerseits den Erhalt der Trockenmauern und damit des Landschaftsbildes der terrassierten, ehemals als Weinberg genutzten Sonnenhänge, stellen aber andererseits eine Gefahr dar, wenn sie zu intensiv bebaut und sauber gehalten und mit Zaun umgeben werden, und wenn von hier aus chemische Mittel die Umwelt beeinträchtigen.

Der Bestand an Gärten, die durch Schaftritt entstandenen Erosionsstellen, die unnatürlich wirkenden Fichtenkulturen, die bestehenden Gartenhäuschen und Zaunanlagen und eventuelle installierte Grillstellen außerhalb privater Gärten sind in einem Bestandsplan aufgenommen worden.

Die Rechtmäßigkeit der Einrichtungen in der freien Landschaft muß überprüft und im Rahmen des rechtlich Möglichen auf ein Minimum reduziert werden.

 

4. Schutzzweck

Schutzzweck ist:

-die Erhaltung der vielgestaltigen Kulturlandschaft des Kochhartgrabens und der Ammertalhänge in ihrer besonderen Eigenart und Schönheit als Komplex aus Trockenrasen, Halbtrockenrasen, Saumgesellschaften, Schafweiden, Hecken, Streuobstwiesen, aufgelassenen Steinbrüchen, Bachaue und Brachestadien aller Art;

-die Erhaltung der Strukturvielfalt als Lebensgrundlage für eine artenreiche Pflanzen- und Tierwelt; insbesondere der Trockenrasen als Lebensraum für zahlreiche z.T. geschützte und gefährdete Pflanzen- und Insektenarten und der Streuobstwiesen als Lebensraum einer großen Zahl geschützter und z.T. gefährdeter Vogelarten.

 

5. Pflegemaßnahmen

Die notwendigen Pflegemaßnahmen werden in einem Pflegeplan dargelegt.

Im Wesentlichen handelt es sich um Maßnahmen zur Gehölzpflege entlang der Abhänge des Kochhartgrabens.

 

6. Zusammenfassung

Um die vielgestaltige, gut erhaltene Kulturlandschaft des Kochhartgrabens und die hier beheimateten Pflanzen- und Tierarten zu erhalten und vor menschlicher Fehlnutzung oder Übernutzung zu schützen, soll das in den Muschelkalk eingegrabene Tal unter Schutz gestellt werden.

Ziel ist, dieses Ökotop möglichst in der überkommenen Art, wie z.B. durch Schafweide zu nutzen und durch Mähen der Wiesen, Pflegen der Hecken und Streuobstbestände und Renaturierung der Wasseradern, in seiner Vielgestaltigkeit zu erhalten.

Menschliche Eingriffe, meist im Rahmen von Freizeitnutzung, müssen zurückstehen hinter dem Erhalt und der Pflege dieser Biotopqualitäten.

 

7. Literatur

KRAUTTER, Horst, 1986: Der Kirchberg-Kochhart-Graben. Diplomarbeit, Fachhochschule Nürtingen.

JÄGER, Oswald, 1981: Ornithologische Bestandsaufnahme auf Gemarkung Ammerbuch (Reusten). Auftragsarbeit der BNL Tübingen.

SAUER, Michael, 1985: Südwesthänge des Ammertales. Auftragsarbeit der BNL Tübingen.

Die potentielle natürliche Vegetation von Baden-Württemberg. Beih. 6 zu den Veröff.d.Landesst.f.Natsch.u.Lapfl. Ba-Wü 1974

STADELMAIER, Hartwig, 1991: Ornithologische Untersuchungen im gepl. NSG Kochhartgraben - Auftragsarbeit der BNL Tübingen

 

 

 

Tübingen, den 09.02.1994

 

 

gesehen: Venth