4.269 Osterried

 

Würdigung

 

 

des Naturschutzgebietes „Osterried"

 

1. Landschaftliche Situation

Das Naturschutzgebiet Osterried liegt auf den Gemarkungen Baustetten (Stadt Laupheim) und Baltringen (Gemeinde Mietingen) im Landkreis Biberach.

Seine Größe beträgt ca. 150 ha.

Die naturkundliche Bedeutung des Osterrieds erklärt sich insbesondere durch die geographische Lage im Rißtal, wo es ein Glied in einer ganzen Kette von biologisch hochwertigen Feuchtgebieten darstellt und eine internationale Bedeutung für den Vogelzug einnimmt.

Es muß als Bindeglied gesehen werden in einer Reihe von Schutzgebieten beginnend im Neckartal (als Ausgangspunkt seien hier die Wernauer Baggerseen am Neckarknie bei Plochingen genannt) über die Schäbische Alb (NSG Schopflocher Moor, NSG Schmiechener See), das Mündungsgebiet von Riß, Westernach und Rot in die Donau (LSG Öpfinger Stausee), das Rißtal (NSG Osterried und weitere Riedflächen bei Äpfingen und Warthausen, NSG Ummendorfer Ried, NSG Lindenweiher) und schließlich über das Schussental zum Bodensee (NSG Eriskircher Ried und weitere).

 

1.1. Geologie

Das Osterried entwickelte sich in der Nacheiszeit im Sedimentationsschatten des Dürnach-Schwemmkegels in der feuchten Riß-Talaue zu einem großen und zusammenhängenden Niedermoor.

Die Westgrenze markiert die Dürnach, die Ostgrenze des Naturschutzgebiets die Hangobergrenze der rißzeitlichen Terrasse.

Im Zuge von Flußbegradigungen ab den 50er Jahren wurde das gesamte Rißtal großräumig mehr und mehr durch Grundwasserabsenkung entwässert.

Damit wurden die gesamten Niedermoorflächen bis auf wenige Ausnahmen landwirtschaftlich intensiver nutzbar.

Quellaufbrüche versorgen hier allerdings die Riedfläche unmittelbar mit Wasser, so daß sich die Grundwasserabsenkungen nicht so stark bemerkbar machen.

Trotzdem konnte durch ein dichtes Grabennetz der Grundwasserspiegel etwas abgesenkt werden, dadurch wurden Aufforstungen (meist Fichtenreinbestände) möglich.

 

1.2. Heutige Nutzung

Der Nordteil des geplanten Naturschutzgebiets (Gemarkung Baustetten) besteht großteils aus Wald, wobei wenige Flächen dem naturnahen Riedwald entsprechen.

Ansonsten herrschen Fichtenreinbestände vor.

Lediglich im östlichen Abschnitt des Baustetter Riedes findet man noch größere, naturnahe Niedermoorbereiche, im Westteil allerdings einige naturkundlich äußerst interessante Lichtungen und Riedwaldbereiche, da dort das Licht bis auf den Waldboden vordringt und eine üppige Bodenflora gestattet.

Im Südteil (Gemarkung Baltringen) existieren noch größere, zusammenhängende Streuwiesenbereiche, die nur im südlichsten Bereich noch teilweise extensiv landwirtschaftlich genutzt werden.

Streifenweise hat man allerdings auch das Baltringer Osterried mit Fichten aufgeforstet.

Die sonstige freie Riedfläche würde, bleiben die Pflegemaßnahmen aus, sukzessive von Gebüschen eingenommen.

Fischereiliche Nutzung findet allenfalls entlang der Dürnach an der Westgrenze des Naturschutzgebiets statt.

Die Jagd gehört zum gemeinschaftlichen Jagdbezirk Baustetten.

Durch die geringe landwirtschaftliche Nutzung und den Strukturreichtum entwickelte sich ein überhöhter Rehwildbestand, der durch Verbißschäden den Naturhaushalt stört.

Insbesondere ist zu beobachten, daß zahlreiche krautige Pflanzenarten durch selektiven Fraß des Rehwilds mehr und mehr zurückgehen.

 

2. Schutzwürdigkeit

Pflanzenwelt

Im Osterried haben eine beträchtliche Anzahl geschützter und vom Aussterben bedrohter Pflanzen eine letzte Zufluchtstätte gefunden.

Darunter befinden sich auch etliche Arten, die in den klassischen oberschwäbischen Mooren Federsee und Wurzacher Ried fehlen: Färberscharte, Hainampfer, Sumpfschafgarbe.

Insgesamt wurden 242 Gefäßpflanzenarten nachgewiesen, 38 davon sind gefährdet, 2 stark gefährdet (Rote Liste Baden-Württemberg).

Folgende Arten sind nach der Landesartenschutzverordnung geschützt:

Fleischrotes Knabenkraut, Breitblättriges Knabenkraut, Traunsteiners Knabenkraut, Prachtnelke, Langblättriger Sonnentau, Rundblättriger Sonnentau, Lungenenzian, Frühlingsenzian, Deutscher Enzian (mitsamt der äußerst seltenen Moorform), Gemeine Siegwurz, Mücken-Händelwurz, Glanzstendel, Großes Zweiblatt, Fieberklee, Kleines Knabenkraut, Sumpfläusekraut, Waldläusekraut, Gemeines Fettkraut, Weiße Waldhyazinthe, Mehlprimel, Trollblume, Kleiner Wasserschlauch und Echter Wasserschlauch.

Betont werden muß, daß sich von Pflanzen der Verlandungsgesellschaften bis zu trockenheitsliebenden Arten im Hangbereich am Ostrand des Naturschutzgbiets ein großartiges Spektrum an Pflanzen in diesem Landschaftsraum aufhält.

Die vielfältige Tierwelt unterstreicht dies deutlich.

Tierwelt

a) Avifauna

Die Verbreitung der verschiedenen Vogelarten zeigt eindrucksvoll die Folgen der Aufforstung in diesem Landschaftsteil.

Während in den Fichtenschlägen mit wenigen Ausnahmen nur weit verbreitete Vogelarten vorkommen, konzentriert sich der Schwerpunkt der seltenen und gefährdeten Arten auf die ehemaligen Streuwiesenbereiche.

Die Angaben beziehen sich auf eine Zusammenstellung von Herrn Klaus BOMMER aus Beobachtungen der Jahre 1973-1983.

Grundlage sind 300 gezielt durchgeführte Exkursionen und Kartierungsgänge.

Insgesamt wurden 171 verschiedene Vogelarten in diesem Zeitraum beobachtet.

Diese Zahl repräsentiert über 50 % der in Mitteleuropa überhaupt vorkommenden und durchziehenden Arten.

Dies unterstreicht einmal mehr die Bedeutung des Riß- und Schussentales als Durchzugsgebiet für wandernde Vogelarten.

Es besteht hier ähnlich wie im Rheintalgraben eine Zugstraße zwischen Norddeutschland und dem Bodensee bzw. dem Sprung über die Alpen (siehe oben).

Bei diesem strapaziösen Zug brauchen die Vogelarten Ruhe- und Mauserplätze.

Für die Wasservögel sind hier der Öpfinger Stausee, das Eriskircher und das Wollmatinger Ried von besonderer Bedeutung, für die Watvögel und den großen Rest der Zugvogelarten der Schmiechener See, das Osterried, das Ummendorfer Ried und ebenfalls die Verlandungsbereiche am Bodensee.

Nahezu sämtliche Vogelarten sind in Baden-Württemberg nach der Landesartenschutzverordnung geschützt, folgende Arten der Roten Listen Baden-Württemberg kommen im Osterried regelmäßig vor:

Vom Aussterben bedroht: Bekassine

Stark gefährdet: Wasserralle, Wachtel, lUferschwalbe, Neuntöter, Braunkehlchen

Gefährdet: Sperber, Rebhuhn, Flußregenpfeifer, Teichrohrsänger, Schafstelze, Weidenmeise

Potentiell gefährdet: Dorngrasmücke, Pirol

Sämtliche oben genannte Vogelarten brüten im Bereich des geplanten Naturschutzgebietes.

Folgende Vogelarten sind nach 1940 im Osterried als Brutvögel ausgestorben:

Weißstorch (1940), Birkhuhn (1949), Grauammer (1962), Tüpfelsumpfhuhn (ca. 1960), Großer Brachvogel (1972), Sumpfohreule (ca. 1950), Raubwürger (1973), Krickente (1976), Wiesenpieper (1970) und Schilfrohrsänger (1977)

Bei anhaltender Entwässerung und Bewaldung muß in den nächsten Jahren mit dem Aussterben folgender Arten gerechnet werden:

Bekassine, Wachtel, Braunkehlchen, Schafstelze, Teichrohrsänger, Rebhuhn, Dorngrasmücke, Kiebitz und Baumpieper.

Diese genannten Arten benötigen für ihre Entwicklung freie Wiesenflächen, die hier nur durch Pflegemaßnahmen zu erhalten sind.

b) Schmetterlinge

Gerade die seltenen Schmetterlingsarten haben besondere Standortansprüche, die zum Großteil im Osterried noch vorhanden sind.

Trotzdem sind nach Beobachtungen der Herren Axel SCHOLZ und Franz HOHENSTEINER in den letzten Jahren 6 Arten ausgeblieben, die nunmehr als verschollen gelten müssen.

Eine Art (der Eibischfalter - stark gefährdet) wurde durch Ablagerung von Abfällen und Bauschutt ausgerottet.

Folgende Arten der Roten Liste Baden-Württemberg wurden in den letzten Jahren im Osterried kartiert:

Stark gefährdet: Eibischfalter, Kleiner Moorbläuling, Randring-Perlmutterfalter, Blauäugiger Waldportier, Habichtskrautspinner und Schmalflügelige Schilfrohreule.

Gefährdet: Schwalbenschwanz, Wald-Wiesenvögelchen, Großer Schillerfalter, Violettgraues Grauspinnerchen, Steinklee-Widderchen, Birkengabelschwanz, Karmeliter-Spinner, Birkenspinner, Rotgelbe Wieseneule, Weidenkarmin, Weißgerippter Haarbuschspanner, Weißgebänderter Lappenspanner

und 18 weitere potentiell gefährdete Arten.

Bei der Schmetterlingsfauna macht sich der Steilhang am Ostrand des Naturschutzgebietes ebenfalls positiv bemerkbar.

Viele Arten brauchen feuchte Wiesen als Nahrungsrevier und trockene Stellen zur Eiablage oder zur Überwinterung.

Gerade der wärmegetönte Steilhang ist deshalb für die Entwicklung besonders bedeutsam.

c) Übrige Insekten

Zahlreiche Libellenarten (sämtliche nach der Landesartenschutzverordnung geschützt), Köcherfliegen, Schlupfwespen und viele andere Insektenarten, die in der Kulturlandschaft keinen Lebensraum mehr finden, kommen im Osterried vor.

d) Amphibien und Reptilien

Die Klasse der Amphibien ist im Osterried noch zahlreich vertreten:

Grasfrosch, Wasserfrosch, Bergmolch, Teichmolch, Erdkröte, Kreuzkröte, Laubfrosch und Gelbbauchunke.

An Reptilien findet man die Zauneidechse und die Blindschleiche.

Die Kreuzotter ist vermutlich ausgestorben.

Zusammenfassung der biologischen Daten

Die Listen der im Osterried vorkommenden Tier- und Pflanzenarten machen dieses Naturschutzgebiet zu einem bedeutenden Refugium, das ohne weiteres mit den großflächigen Riedlandschaften um den Federsee und im Wurzacher Becken verglichen werden kann.

Deshalb sind auch schon seit mindestens 30 Jahren Bestrebungen des privaten und behördlichen Naturschutzes im Gange, das Osterried als Naturschutzgebiet auszuweisen.

Mit Verordnung vom 01.12.1965 hat das Landratsamt Biberach die größte Fläche des nunmehr als Naturschutzgebiet vorgesehenen Bereichs als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen.

Diese Rechtsform konnte jedoch die Bewaldung und Entwässerung allenfalls verlangsamen, jedoch nicht verhindern.

 

3. Schutzzweck

Das Naturschutzgebiet soll eine außerordentlich artenreiche Riedlandschaft mit Quellbereichen, Schilfgebieten und einem unmittelbar benachbarten Trockenhang mit einem Mosaik äußerst seltener und vom Aussterben bedrohter Tier- und Pflanzenarten sichern sowie ein wichtiges Rastgebiet in einer Vogelzugstraße erhalten.

 

4. Gefährdung

Durch die Entwässerungstätigkeit des Menschen wurde dem Ried der wichtigste Faktor, das hoch anstehende Grundwasser entzogen.

Nur in den zentralen Bereichen konnte sich der Wasserstand in der Nähe der Quellaufbrüche halten.

Deshalb sind jegliche Maßnahmen, die zu einer Absenkung des Grundwasserstandes führen würden im und auch außerhalb des Riedes zu unterlassen.

Aufforstungen, die die Artenvielfalt im Naturschutzgebiet unterbinden, dürfen künftig ebenfalls nicht mehr vorgenommen werden.

Sollten bestehende Waldflächen nach der Holzernte wieder bestockt werden, soll ein Nadelholzanteil von 50 % nicht überschritten werden, der Rest sollte aus Eschen, Erlen, Eichen und Traubenkirschen sowie anderen, riedtypischen Laubbaumarten bestehen.

Die landwirtschaftliche Nutzung kann wie bisher festgeschrieben werden, eine Intensivierung in Form der Umwandlung heutiger Streuwiesen in Mähwiesen bzw. von Wiesenflächen in Ackerflächen muß unterbleiben.

Aus Gründen des Vogelschutzes (durchziehende Vogelarten und Brutvögel) soll die Jagd folgendermaßen beschränkt werden:

-Treibjagd nur vom 01.11. bis 31.12.;

-Die Jagd auf Wasservögel ist zu untersagen (sie spielt derzeit keine Rolle, kann jedoch bei Änderungen des Grundwasserstandes jagdlich interessant werden);

-Die Wildfütterung hat bis auf die winterliche Notzeit (plötzliche hohe Schneedecke oder außerordentlicher Kälteeinbruch) zu unterbleiben.

Die Futterstellen müssen im Gelände definiert werden (Standorte seltener Pflanzen müssen ausgenommen bleiben);

Aus landschaftspflegerischen Gründen sind jagdliche Einrichtungen nur in Form einfacher Leiterhochsitze gestattet, abgängige Jagdkanzeln sind ebenfalls durch einfache Leiterhochsitze zu ersetzen.

Die Fischerei wird seither im Naturschutzgebiet nicht oder allenfalls gelegentlich entlang der Dürnach durchgeführt.

Künftig soll zum Schutz der Vegetation und zur Vermeidung von Störungen die Fischerei entlang der Dürnach vom Naturschutzgebiet aus nicht mehr erfolgen.

Diese Einschränkung ist sicherlich problemlos tragbar, da von der anderen Seite der Dürnach aus weiterhin (außerhalb des Naturschutzgebiets) gefischt werden darf.

 

5. Pflege

Die Pflege regelt ein Pflegeplan der Bezirksstelle für Naturschutz und Landschaftspflege vom November 1986, nach dem von verschiedenen Organisationen parziell gepflegt wird.

Auf diesen sehr detaillierten Pflegeplan wird verwiesen.

 

6. Literatur

LANDESANSTALT FÜR UMWELTSCHUTZ BADEN-WÜRTTEMBERG (1980): Landschaftsschutzgebiet Osterried bei Laupheim. Führer Natur- und Landschaftsschutzgebiete Bad.-Württ. 3. (hier ausführliches Literaturverzeichnis).

 

 

 

Tübingen, den 20. August 1991

 

 

Dr. Klepser