4.280 Altwiesen

 

Würdigung

 

 

zum gepl. Naturschutzgebiet „Altwiesen" Gemarkung und Gemeinde Bodelshausen, Landkreis Tübingen

 

1. Landschaftliche Situation

 

1.1. Geographische Lage

Das etwa 23,7 ha große geplante Naturschutzgebiet liegt im südwestlichen Albvorland östlich von Bodelshausen auf der Gemarkung Bodelshausen in der gleichnamigen Gemeinde im Landkreis Tübingen Flurkarte (SW 13 04).

Auf der topographischen Karte Nr. 7619 ist das Gebiet als Biotop Nr. 32 der landesweiten Biotopkartierung aufgeführt.

Das ebene bis flach geneigte geplante Naturschutzgebiet liegt auf einer Höhe von 500 m über dem Meer direkt westlich der B 27.

Den Kernbereich bilden Frisch- und Feuchtwiesen, die von zwei Gräben durchzogen werden.

 

1.2. Geologie und Böden

Das Vorland der Schwäbischen Alb wird vom Braunen Jura gebildet.

Das geplante Naturschutzgebiet liegt im unteren Bereich der Opalinustone, der ca. 100 m mächtigen, untersten Stufe des braunen Jura, die als 1 bis 2 km breiter Sockel die steileren Hänge des Albvorlandes umsäumt.

Der Opalinuston wird aus dunkelgrauen, schiefrigen Tonsteinen aufgebaut.

Als Bodentyp ist der Pseudogley vorherrschend, der stellenweise zur Staunässe neigt.

 

1.3. Klima

Das Albvorland liegt großräumig gesehen im Übergangsbereich zwischen dem ozeanischen Klima Westeuropas und dem kontinentalen Klima Osteuropas.

Milde Winter und mäßig warme Sommer wechseln entsprechend mit strengen Wintern und heißen Sommern.

Die mittlere Jahrestemperatur liegt im Gebiet um 7,8° C.

Der mittlere monatliche Jahresgang der Niederschläge zeigt Maxima von Mai bis Juli, also während der Hauptvegetationsperiode.

Die mittlere jährliche Niederschlagsmenge beträgt ca. 750 mm.

Die vorherrschenden Winde kommen aus West und Südwest.

 

1.4. Landnutzung

Das geplante Naturschutzgebiet besteht überwiegend aus Wirtschaftsgrünland mit zweischürigen, extensiv genutzten Frisch- und Feuchtwiesen.

Inmitten der Wiesen liegt eine ca. 0,3 ha große unbewirtschaftete Senke mit nässezeigenden Hochstauden.

Im Westteil sind einige Parzellen mit Fichten und Pappeln aufgeforstet.

Nahe dem Quellbereich des Wiesentalbaches im Westen wurde 1978/79 ein Tümpel angelegt.

Die Parzellen 5109, 5110, 5046, 5047, 5060 u.5061 werden noch ackerbaulich genutzt.

Der größte Teil der überwiegend in Privateigentum befindlichen Wiesen wird von einem Landwirt bewirtschaftet; die Art und Intensität der Bewirtschaftung legt auf diesen Flächen derzeit ein Extensivierungsvertrag fest.

 

2. Schutzwürdigkeit

 

2.1. Vegetation und Flora

Der vorhandene Komplex verschiedener Frisch-, Feucht- und Naßwiesengesellschaften ist in besonderem Maße schutzwürdig.

Feuchtwiesen zählen bundesweit zu den besonders gefährdeten Pflanzengesellschaften; die landesweite Biotopkartierung hat gezeigt, daß Feuchtwiesen im Landkreis Tübingen äußerst selten geworden sind.

Sehr selten im Kreis sind die ausgedehnten Trollblumenbestände in den Feuchtwiesen, insbesondere zwischen den beiden Gräben.

Die Trollblumenbestände reichen aber auch in die umgebenden weniger feuchten Glatthaferwiesen hinein, wo sie vermutlich ein Überbleibsel einer früheren Feuchtwiesengesellschaft darstellen, die infolge einer allmählichen Ent-wässerung mehr und mehr von Arten der Glatthaferwiese eingenommen wurde.

Die vorhandenen Feuchtwiesen gehören großteils zur Gesellschaft der Bachdistelwiesen und sind ihrer Artenzusammensetzung nach zum großen Teil nach §24a Naturschutzgesetz geschützt.

Neben der als gefährdet eingestuften Trollblume (Trollius europaeus, RL  3) sind u.a. folgende Arten für diesen Wiesentyp charakteristisch:

Bachdistel (Cirsium rivulare, RL 5), Großer Wiesenknopf (Sanguisorba officinalis), Sumpfdotterblume (Caltha palustris), Kuckuckslichtnelke (Lychnis flos-cuculi), Sumpfschafgarbe (Achillea ptarmica), Blaues Pfeifengras (Molinia caerulea) und Mädesüß (Filipendula ulmaria)

In nassen Wiesenmulden wachsen Flammender Hahnenfuß (Ranunculus flammula) und Knickfuchsschwanz (Alopecurus geniculatus, RL 5).

Auf einer heute unbewirtschafteten sehr nassen Fläche haben sich Hochstaudenfluren (Baldrian-Mädesüß-Fluren) sowie Seggen- und Waldsimsenbestände entwickelt.

Auch die Gräben werden gesäumt von schmalen Hochstaudenfluren mit

Mädesüß (Filipendula ulmaria), Behaartem Weidenröschen (Epilobium hirsutum), Blutweiderich (Lythrum salicaria), Teufelsabbiß (Succisa pratensis RL 5) und anderen.

In der Umgebung des angelegten Teichs und entlang des Fichtenwaldes östlich des Teichs bestimmen kleine Schilf- und Sumpfseggen-Bestände sowie Sumpfstorchschnabel-Fluren das Bild.

Die Wasserfläche des Teiches ist großteils mit Rohrkolben und Teichbinse zugewachsen.

Somit sind die genannten Kleinstrukturen ebenfalls als geschützte Biotope zu sehen, ausgewiesen sowohl durch ihre „naturnahe Ufervegetation" und „Verlandungszonen" als auch durch ihr Artenspektrum.

 

2.2. Fauna

Bei stichprobenartigen faunistischen Untersuchungen wurde ein bemerkenswerter Reichtum an verschiedenen Tagfalter-, Heuschrecken-, Libellen- und Wanzenarten beobachtet.

Allein 27 verschiedene Wanzenarten wurden festgestellt.

Unter den Tagfaltern verdient der gefährdete Kleine Feuerfalter (Palaeochrysophanus hippothoe, RL 3) besondere Beachtung, eine charakteristische Art der Feuchtwiesen, die stark im Rückgang begriffen ist.

Unter den 9 untersuchten Heuschreckenarten ist der Wiesengrashüpfer (Chorthippus corsatus, RL 3) hervorzuheben, der vorzugsweise auf mäßig feuchten Wiesen lebt.

Die unbewirtschaftete Feuchtfläche ist als Rückzugsgebiet für Arten wie das Große Heupferd und die Große Goldschrecke, die auf Hochstauden angewiesen sind, von großer Bedeutung.

Libellenvorkommen konzentrieren sich an dem angelegten Tümpel; 10 Arten wurden beobachtet.

Als Besonderheit zählt die Glänzende Binsenjungfer (Lestes dryas, RL 3).

Unter den Amphibien ist das Vorkommen des stark gefährdeten Laubfrosches (RL 2) besonders bemerkenswert, der im Bereich des angelegten Tümpels einen geeigneten Lebensraum findet.

 

2.3. Landeskultur

Bereits in der Urnummernkarte aus dem letzten Jahrhundert werden die damals noch zahlreichen Grundstücke im Gewann „Altwiesen" mit der Signatur für Wiesen belegt.

Die Gräben und Bäche waren damals typisch für ein Quellgebiet auf der Wasserscheide; sie waren jedoch noch so minimal dimensioniert, daß sie in der Karte nicht eigens beschrieben worden sind.

Nördlich grenzte nicht Wald an sondern dort lagen zahlreiche kleine Grundstücke mit Obstbäumen (Gewanne Baumgarten und Flecken).

Die fortschreitende Gefährdung durch Intensivierung in Form von Entwässerung, Umwandlung in Ackerland, Zusammenfassung zu großen Nutzungseinheiten, und die Aufforstung eines großen Streuobstbestandes ist hier also stellvertretend für den gesamten Wandel unserer Kulturlandschaft belegt.

 

2.4. Wissenschaftliche Bedeutung

Die Fläche eignet sich für wissenschaftliche Untersuchungen über die Veränderung des Artengefüges einer Feuchtwiese in Abhängigkeit der Nährstoffzufuhr, des Schnittzeitpunktes und des Grundwasserstands.

 

3. Bedrohung

Das regelmäßige Ausputzen mit fortschreitender Eintiefung der Gräben, das von seiten der Gemeinde Bodelshausen durchgeführt wird, führt zu einer Entwässerung der Wiesen und einer schleichenden aber nachhaltigen Verarmung der Wiesenvegetation und -fauna.

Die Gefahr durch Überdüngung und zu häufigen Wiesenschnitt ist momentan durch Gültigkeit von Extensivierungsverträgen für den größeren Bereich des Gebietes gebannt, nicht jedoch für das ganze Gebiet und nicht auf Dauer.

 

4. Zusammenfassende Bewertung

Wertbestimmender Faktor für das geplante Naturschutzgebiet Altwiesen ist der Komplex aus Frisch-, Feucht- und Naßwiesengesellschaften (Calthion), der in dieser Ausprägung und Größe im Landkreis Tübingen eine Seltenheit darstellt.

Die reichhaltigen Trollblumenbestände sowie die vielfältige Insektenfauna unterstreichen die besondere Schutzwürdigkeit des Gebiets.

 

5. Schutzzweck

Wesentlicher Schutzzweck ist die Erhaltung und Pflege der Frisch-, Feucht- und Naßwiesengesellschaften mit ihren reichhaltigen Trollblumenvorkommen als Lebensraum für eine insgesamt vielfältige Pflanzen- und Tierwelt.

Zur Erhaltung des feuchten Kernbereichs ist eine extensiv genutzte Pufferzone, die aus mäßig frischen und trockeneren Wiesen besteht, notwendig.

Die im Gebiet noch vorkommenden Äcker sollen mittelfristig in Wiesen rückgeführt oder dauerhaft extensiv genutzt werden, da ihre Ackerbewirtschaftung grundsätzlich durch zu starken Nährstoffeintrag dem Schutzzweck zuwiderläuft.

Die derzeit extensive Bewirtschaftung, begünstigt durch Extensivierungsverträge, kommt dem Schutzzweck sehr nahe.

Eventueller Rückbau der Entwässerungsgräben stünde dem Schutzzweck nicht entgegen.

 

6. Schutz- und Pflegemaßnahmen

 

6.1. Landwirtschaftliche Nutzflächen

Die extensive Wiesennutzung, die seit 01.01.1988 über einen Extensivierungsvertrag geregelt ist, berücksichtigt die Ziele des Naturschutzes.

Im Naturschutzgebiet darf innerhalb der ökologischen Vorrangflächen (siehe Karte) grundsätzlich, der 1. Schnitt nicht vor dem 1.07. des Jahres erfolgen.

Auf den zentralen, sehr nassen besonders Flächen (siehe Schutzgebietskarte: Naßwiesen) muß auf jegliche Düngung verzichtet werden und darf nicht vor dem 20.07. gemäht werden.

Der zweite Schnitt soll grundsätzlich erst nach dem 01.09. erfolgen.

Die noch vorhandenen kleinen Ackerflächen sollen langfristig in Grünland oder dauerhaft extensiv genutzte Äcker umgewandelt werden.

 

6.2. Pflegemaßnahmen

a) Zur Verbesserung des Wasserhaushalts soll in Zukunft auf ein Ausputzen der Gräben weitestgehend verzichtet werden.

Zur besseren Entwicklung von nassen Staudenfluren sollen beidseitig der Gräben Randstreifen von jeweils 5 m Breite von der Wiesennutzung ausgeschlossen werden.

Die Streifen können in zwei- bis dreijährigem Rhythmus abschnittsweise beim 2. Schnitt mitgemäht werden.

b) Die bestehenden Fichtenaufforstungen entlang des Grabens im Westteil des geplanten Naturschutzgebiets, die den angelegten Tümpel vom Restgebiet stark isolieren, müssen beseitigt werden, damit der Graben wieder freigelegt werden kann und so ein Austausch von Tierarten zwischen Tümpel und den großflächigen Feuchtwiesen wieder möglich wird.

c) Das Indische Springkraut, das insbesondere am Südrand des Teichs stark in Ausbreitung begriffen ist, muß zurückgedrängt werden.

Im Teich selbst können gelegentlich Rohrkolben entfernt werden, soweit dies regelmäßig leistbar ist, um dauerhaft einen Teil der Wasserfläche offenzuhalten.

Die natürliche Verlandung des künstlich angelegten Tümpels widerspricht aber dem Schutzzweck nicht.

d) Entlang der B 27 sollten Gebüsche und kleinere Heckenabschnitte mit standortsgerechten einheimischen Arten gepflanzt werden, um das Gebiet vor Immissionen aller Art zu schützen.

Von größeren Gebüschpflanzungen entlang der Gräben sollte abgesehen werden, da dadurch der weiträumige Charakter des Gebietes zerstört würde.

 

6.3. Pflegeplan

Alle Maßnahmen und Ziele sind in einem Pflegeplan darzustellen

 

7. Zusammenfassung

Die wertvollen, im Rückgang begriffenen Naß- und Feuchtwiesen im Gewann Altwiesen in Bodelshausen sollen in ihrer Ausprägung vor möglichen negativen Veränderungen geschützt werden.

Nutzungsart (Düngung und Schnittzeitpunkt), Entwässerungsgrad und Immissionen von der Bundesstraße 27 und aus den angrenzenden Äckern spielen hierbei die größte Rolle.

Wiedervernässung und Beibehalten bzw. Fördern extensiver landwirtschaftlicher Nutzung sind die Ziele, mit denen die größtmögliche Artenvielfalt des Standorts erhalten werden soll.

 

8. Literatur

SAUER, M. (1985): Untersuchung der Schutzwürdigkeit und biologische Bestandsaufnahme im gepl. NSG Altwiesen bei Bodelshausen, Auftrags-arb. d. BNL.

RISSLER, U. (1986): Untersuchung der Pflanzenartenvielfalt auf ausgewählten Flächen des Betriebes Zimmermann in Bodelshausen, i. Auftr. des RP Tübingen, Abt. Landwirtschaft.

1986: Rote Liste der gefährdeten Tiere und Pflanzen in Baden-Württemberg, Arbeitsblätter Naturschutz (5)

 

 

 

Tübingen, den 29.09.1995

 

 

Venth