3.199 Grüninger Ried

 

Würdigung

 

 

Gutachten über das geplante Naturschutzgebiet „Grüninger Ried" Gemarkung Grüningen, Stadt Donaueschingen, Gemarkung Klengen, Gemeinde Brigachtal, Landkreis Schwarzwald-Baar-Kreis

 

1. Lage, Geologie, Klima (1 )

Charakterisierung: Mosaik aus verschiedenen Feuchtwiesentypen und Brachestadien

Lage: Knapp 5 km nordwestl. Donaueschingen (nördl. Grüningen)

Naturraum: Baarhochmulde (Villinger-Bräunlinger Schwarzwaldvorland)

Höhe: um 685 m ü. NN

Fläche: rund 10 ha

Geologie: Alluviale Sedimente (vorwiegend tonig), am Ostrand Mittlerer Muschelkalk (mergelig-tonig), darüber Absturzmasse des Oberen Muschelkalks (außerhalb des gepl. Schutzgebiets); Quellschüttungen zwischen Mittlerem und Obererem Muschelkalk führen zur Durchfeuchtung der Talsohle des Brigachtals.

Klima: Rel. niederschlagsarm, kontinental getönt (Lee-Effekt des Schwarzwalds);

Mittlere Jahrestemperatur zw. 6 und 7° C

Mittlere jährliche Niederschlagssumme ca. 750 mm (Donaueschingen)

 

2. Vegetation

 

2.1. Feuchtwiesen

Vor allem in der Nordhälfte des Gebiets finden sich teilweise noch genutzte Feuchtwiesen unterschiedlicher Ausprägung; besonders bemerkenswert sind die verschiedenen Ausbildungen der Bachkratzdistel-Wiese (Cirsietum rivularis).

Diese Gesellschaft ersetzt die Kohldistel-Wiese (Angelico-Cirsietum oleracei) in den montanen und klimatisch kontinental getönten Lagen im Osten des Schwarzwalds bis zur Schwäbischen Alb.

Sie ist durch die Bach-Kratzdistel (Cirsium rivulare) und einige weitere Arten wie z.B. die Trollblume (Trollius europaeus) gekennzeichnet.

Ansonsten weisen die verschiedenen Ausbildungen unterschiedliche Artenkombinationen auf.

Im Gebiet vorherrschend ist die Ausbildung (Subassoziation) mit der Hirsen-Segge (Carex panicea) auf nassen bis anmoorigen Böden, in der regelmäßig auch der Sumpf-Baldrian (Valeriana dioica) auftritt.

Je nach Standortsverhältnissen kommen verschiedene andere Arten hinzu, z.B.

Großer Wiesenknopf (Sanguisorba officinalis) Kamm-Segge (Carex disticha) Braune Segge (Carex nigra) Sumpf-Segge (Carex acutiformis) Schmalblättriges Wollgras (Eriophorum angustifolium) Wald-Simse (Scirpus sylvaticus).

An leicht quelligen, anmoorigen Standorten tritt die Ausbildung (Subass.) mit der Davall-Segge (Carex davalliana) auf.

Sie ist außerdem durch das Vorkommen der Sumpf-Kreuzblume (Polygala amarella ssp. austriaca) gekennzeichnet; die Streuwiesenarten Spatelblättriges Greiskraut (Senecio helenites) und Pfeifengras (Molinia caerulea) sind hier zahlreicher zu finden als in anderen Ausbildungen.

Im Grüninger Ried kommen weiterhin die Flachmoorarten Schmalblättriges Wollgras und das Moos Campylium stellatum hinzu.

Besonders an Störstellen (z.B. Radspuren) findet sich die Glieder-Binse (Juncus articulatus) und vereinzelt auch der seltene Sumpf-Dreizack (Triglochin palustre).

An Standorten, die des Öfteren oberflächlich abtrocknen, tritt stellenweise der Frühlings-Enzian (Gentiana verna) auf, während an stärker quelligen Stellen die Horste der Rispen-Segge (Carex paniculata) auffallen.

Die Bachkratzdistel-Wiesen gehen in Geländesenken in eine von der Wald-Simse dominierte Gesellschaft (Scirpus sylvaticus-Gesellschaft) über, in der die Bach-Kratzdistel fehlt und als Differentialart das Sumpf-Labkraut (Galium palustre ssp. palustre) auftritt.

Auf nährstoffreicheren, (ehemals) gedüngten Standorten im Norden des geplanten Schutzgebiets finden sich Glatthaferwiesen (Arrhenatheretum elatioris) in verschiedenen Ausprägungen.

Feuchte und wechselfeuchte Standorte werden durch Arten gekennzeichnet wie Wiesen-Bocksbart (Tragopogon pratensis) Margerite (Chrysanthemum ircutianum) Große Bibernelle (Pimpinella major) Weiche Trespe (Bromus mollis)

nasse Bereiche u.a. durch Kohl-Distel (Cirsium oleraceum) Bach-Kratzdistel (Cirsium rivulare) Wasser-Greiskraut (Senecio aquaticus) Kuckucks-Lichtnelke (Lychnis flos-cuculi).

 

2.2. Brachestadien

Auf nicht mehr genutzten Wiesenflächen haben sich verschiedene Brachestadien entwickelt:

In aufgelassenen Glatthaferwiesen erreicht der Glatthafer (Arrhenatherum elatius) teilweise Deckungswerte von über 50 %.

Hinzu kommen neben weiteren Arten der Glatthaferwiesen auch Saumarten, wie z.B. Kreuz-Labkraut (Cruciata- laevipes) und Echtes Johanniskraut (Hypericum perforatum).

Sind die Standorte durch Sickernässe gekennzeichnet, werden die brachgefallenen Flächen meist von der Sumpf-Segge (Carex acutiformis) dominiert; an stärker durchfeuchteten Stellen tritt die Steife Segge (Carex elata) hinzu.

Diese Bestände sind durch die dichte Streuschicht oft sehr artenarm.

Weitaus die größte Fläche nehmen von Mädesüß (Filipendula ulmaria) beherrschte Brachflächen ein, auf denen je nach Standortsverhältnissen und Alter der Brachen mehr oder weniger Arten der Gesellschaften vorkommen, aus denen sie entstanden sind.

Dabei zeigt sich, daß das Mädesüß an den staunässeren Standorten schneller überhand nimmt als an weniger nassen.

In Bereichen mit stärkeren Wasserstandsschwankungen tritt die Steife Segge (Carex elata), z.T. auch Rohr-Glanzgras (Phalaris arundinacea) hinzu.

Stellenweise kommen auch Wald-Weidenröschen (Epilobium angustifolium) oder Gemeine Pestwurz (Petasites hybridus) zur Dominanz.

 

2.3. Großseggenrieder und Röhrichte

Im Grüninger Ried finden sich innerhalb der Brachflächen folgende Großseggenrieder, die jeweils von der namengebenden Großseggenart dominiert werden.

Schlankseggen-Ried (Caricetum gracilis), in Geländemulden; neben der Schlank-Segge (Carex gracilis) treten dort regelmäßig Kamm-Segge (Carex disticha), Blasen-Segge (Carex vesicaria), Sumpf-Labkraut (Galium palustre ssp. elongatum) und Kappen-Helmkraut (Scutellaria galericulata) auf.

Steifseggen-Ried (Caricetum elatae), in zeitweise überfluteten Bereichen; kann starke Wasserstandsschwankungen ertragen.

Rispenseggen-Ried (Caricetum paniculatae) an quelligen, sickernassen Standorten; bis 1 m hohe Bulten der Rispen-Segge.

An der östlichen, sickernassen Geländestufe bildet das Schilfrohr (Phragmites australis) teilweise dichte Bestände; von hier aus durchdringt es auch die angrenzenden Gesellschaften.

Am Altarm der Brigach im Süden des geplanten Schutzgebiets treten weitere Arten hinzu, wie Breitblättriger Rohrkolben (Typha latifolia), Rohr-Glanzgras (Phalaris arundinacea) und Aufrechter Merk (Berula erecta).

 

2.4. Gehölze

Das Grüninger Ried weist nur vereinzelt Gehölze auf, z.B. am Brigach-Altarm und entlang von Gräben.

Erwähnenswerte Gehölzarten sind Schwarz-Weide (Salix nigricans) Grau-Weide (Salix cinerea) Schwarz-Erle (Alnus glutinosa).

 

3. Tierwelt

Die Tierwelt des Grüninger Rieds wurde bisher nicht systematisch untersucht.

Am meisten ist über die Vogelwelt des Gebiets bekannt (ZINKE mdl.).

Hervorzuheben ist vor allem das stark gefährdete Braunkehlchen (Saxicola rubetra), von dem einige Paare im Gebiet brüten.

Recht gut vertreten ist

der Sumpfrohrsänger (Acrocephalus palustris), seltener sind Teichrohrsänger (Acroce-phalus scirpaceus), Feldschwirl (Locustella naevia) und Rohrammer (Emberiza schoeniclus).

Weitere Brutvögel sind Baumpieper (Anthus trivialis) und Dorngrasmücke (Sylvia communis).

Zumindest in früheren Jahren wurde auch der Neuntöter (Lanius collurio) nachgewiesen.

Der Kiebitz (Vanellus vanellus), der Mitte der 80er Jahre noch im Gebiet brütete, ist inzwischen leider verschwunden;

auch die in der Biotopkartierung (1973-1982) angegebenen Arten Bekassine (Gallinago gallinago), Wachtelkönig (Crex crex) und Wasserralle (Rallus aquaticus) konnten in jüngerer Zeit nicht mehr bestätigt werden.

Im Bereich des an das Gebiet angrenzenden Bahndamms konnten in der Vergangenheit mehrfach Kreuzottern (Vipera berus) beobachtet werden.

Über die Insekten liegen nur einige wenige Beobachtungen vor (ZINKE mdl.).

So wurden die gefährdeten Heuschreckenarten Wanstschrecke (Polysarcus denticauda) und Weißrandiger Grashüpfer (Chorthippus albomarginatus)

und die Schmetterlingsarten Schwarzbrauner Bläuling (Eumedonia eumedon) und Schwalbenschwanz (Papilio machaon) festgestellt.

 

4. Wertung

Das geplante Naturschutzgebiet „Grüninger Ried" zeichnet sich durch ein äußerst vielfältiges und strukturreiches Mosaik aus unterschiedlichen Grünlandgesellschaften (u.a. Glatthafer-Wiesen und Bachkratzdistel-Wiesen in vielen unterschiedlichen Ausprägungen), verschiedenen Brachestadien, Großseggen-Riedern, Röhrichten und einzelnen Gehölzen aus.

Diese inzwischen meist selten gewordenen Vegetationstypen weisen eine ganze Anzahl von gefährdeten Pflanzenarten auf, von denen viele auf der „Roten Liste" zu finden sind (siehe Anhang).

Obwohl die Tierwelt des Gebiets bisher nicht systematisch untersucht wurde, konnten auch hier etliche gefährdete Arten festgestellt werden.

Die Voraussetzungen für die Ausweisung eines Naturschutzgebiets nach § 21 Naturschutzgesetz sind also in hohem Maße gegeben.

 

5. Gefährdungen, Schutz- und Pflegemaßnahmen (1)

Obwohl die verschiedenen Brachestadien auch im jetzigen Zustand einen gewissen ökologischen Wert aufweisen, ist die Bedeutung der extensiv genutzten Grünlandgesellschaften ohne Zweifel höher einzuschätzen; dies wird bereits an der wesentlich höheren Artenzahl und der größeren Zahl an gefährdeten Arten deutlich.

Daher sollten einerseits die noch dem Grünland zuzuordnenden Bereiche (die aktuell z.T. nicht mehr genutzt werden) extensiv genutzt bzw. gepflegt werden, wobei der Großteil der Flächen einmal jährlich nicht vor Mitte Juli gemäht werden sollten, auch um eine ungefährdete Brut des Braunkehlchens zu ermöglichen.

Andererseits sollten die Pflegemaßnahmen auch auf bereits seit längerer Zeit brachgefallene Bereiche ausgedehnt werden, wobei zunächst Flächen auszuwählen sind, in denen die Artenzahl bzw. die Anzahl an Grünlandarten noch relativ hoch ist, da dort eine Rückführung in Feuchtwiesen am ehesten Erfolg verspricht.

Dies ist vor allem im Zentrum des Gebiets der Fall, während in weiten Teilen der Südhälfte vorerst nicht in die Brachflächen eingegriffen werden sollte.

Eine Düngung ist im ganzen Gebiet zu unterlassen; in noch genutzten Bereichen, die evtl. bisher gedüngt wurden (Glatthaferwiesen), aber auch in zu pflegenden Flächen sollten den Landwirten Pflege- bzw. Extensivierungsverträge angeboten werden.

Im Osten des Grüninger Rieds befinden sich oberhalb der Geländekante vorwiegend Äcker, von denen sicherlich ein gewisser Nährstoffeintrag in das Gebiet ausgeht; dieser scheint aber nicht so gravierend zu sein, daß eine Einbeziehung dieser Bereiche in das Schutzgebiet geboten wäre.

Ggf. sind hier Extensivierungsverträge anzubieten; sollte sich durch eine Intensitätssteigerung oder andere Maßnahmen eine Gefährdung des Schutzgebiets ergeben, so ist § 21 Abs. 4 NatSchG anzuwenden. 

Um Störungen - z.B. für die Vogelwelt - so gering wie möglich zu halten, ist das Verlassen der Wege zu untersagen.

Hunde sind an der Leine zu führen.

Die ordnungsgemäße Ausübung der Jagd in der bisherigen Art und im bisherigen Umfang kann weitgehend beibehalten werden; die Errichtung von jagdlichen Einrichtungen und die Anlage von Wildäckern sind allerdings im Hinblick auf die Empfindlichkeit der Vegetation zu untersagen.

Für die Fischerei kommt lediglich der Altarm der Brigach am Südende des Gebiets in Frage; da sich dieser Bereich durch störungsanfällige Vogelarten und trittempfindliche Vegetation auszeichnet, sollte eine fischereiliche Nutzung hier unterbleiben.

In Anbetracht der engen Nachbarschaft zur Brigach dürfte dies für die Fischereiberechtigten keine maßgebliche Einschränkung bedeuten.

 

 

 

Freiburg, den 30.09.92,

 

Bezirksstelle für Naturschutz und Landschaftspflege Freiburg

 

 

Dr. Seitz, Oberkonservator

 

Fuchs, Landeskonservator