3.230 Birken-Mittelmeß

 

Würdigung

 

 

Gutachten zum geplanten Natur- und Landschaftsschutzgebiet „Birken-Mittelmeß", Gemarkungen Pfohren und Neudingen, Stadt Donaueschingen; Gemarkung Unterbaldingen, Stadt Bad Dürrheim, Landkreis Schwarzwald-Baar-Kreis

 

1. Allgemeine Daten (1)

Charakterisierung: Ausgedehntes Riedgebiet mit großflächigen Feuchtgebieten und Wiesen unterschiedlicher Ausprägung

Lage: Östlich bzw. nordöstlich von Pfohren (ca. 5 km östl. Donaueschingen)

Naturraum: Baarhochmulde (Liasplatten der nördlichen Baarhochm.)

Höhe: ca. 670 bis 700 m ü. NN

Fläche: rund 168 ha als Naturschutzgebiet und 176 ha als Landschaftsschutzgebiet nach § 21 Abs. 5 NatSchG

Geologie: In den Senken Torf, alluviale und diluviale Sedimente, darunter wasserstauende Tone des Lias;in erhöhten Bereichen Dogger und Lias (innerhalb des gepl. Schutzgebiets nur unbedeutend), am Westrand kleinflächig Keuper.

Klima: Rel. niederschlagsarm (Lee-Effekt des Schwarzwalds), kontinental getönt, winterkalt; Mittlere Jahrestemperatur ca. 6,5° C (Donauesch. 6,6° C) Mittlere jährliche Niederschlagssumme ca. 750-800 mm (Donaueschingen 775 mm)

 

2. Vegetation (1-3)

 

2.1. Moorvegetation

 

2.1.1. Hochmoorgesellschaften

Hochmoorgesellschaften kommen im „Birkenried" insbesondere im Bereich des bestehenden NSG „Unterhölzer Wald" vor; es handelt sich meist um die Bunte Torfmoosgesellschaft (Sphagnetum magellanici), in der neben verschiedenen Torfmoosen (Sphagnum spec.) z.B. die Moosbeere (Vaccinium oxycoccos) und der Sonnentau (Drosera rotundifolia) vorkommen.

Auf trockenen Bulten bildet die Rauschbeere (Vaccinium uliginosum) dichte Bestände.

 

2.1.2. Zwischenmoor- und Schlenkengesellschaften

Schnabelseggenried (Caricetum rostratae bzw. Carex rostrata-Ges.)

Das Schnabelseggenried tritt in nassen Senken auf, z.B. in alten Torfstichen und Gräben.

Die namengebende Schnabel-Segge (Carex rostrata) kommt fast in Reinbeständen vor.

Zu den wenigen weiteren Arten gehören z.B.

Sumpf-Labkraut (Galium palustre), Sumpfdotterblume (Caltha palustris), Blut-Weiderich (Lythrum salicaria), Blasen-Segge (Carex vesicaria), Teich-Schachtelhalm (Equisetum fluviatile), Sumpf-Schachtelhalm (Equisetum palustre).

Fadenseggen-Ried (Caricetum lasiocarpae)

Das Fadenseggen-Ried besiedelt basen- und nährstoffreichere Standorte als das Schnabelseggenried.

Dies spiegelt sich in der Artenkombination wieder.

Neben der dominierenden Faden-Segge (Carex lasiocarpa) treten u.a. auf:

Blutauge (Potentilla palustris), Sumpf-Haarstrang (Peucedanum palustre), Gelbweiderich (Lysimachia vulgaris), Hunds-Straußgras (Agrostis canina), Sumpf-Veilchen (Viola palustris) und Sumpf-Läusekraut (Pedicularis palustris).

In manchen Beständen bilden Torfmoose (Sphagnum spec.) dichte Polster, während sich bei Grundwasserabsenkung (Entwässerung) vermehrt das Pfeifengras (Molinia caerulea) einstellt.

 

2.1.3. Flachmoore

Braunseggen-Sümpfe (Caricion fuscae)

Bezeichnende Arten der Braunseggen-Sümpfe sind neben der namengebenden Braun-Segge (Carex fusca nigra) u.a.

Hirsen-Segge (Carex panicea), Schmalblättriges Wollgras (Eriophorum angustifolium), Sumpf-Veilchen (Viola palustris), Sumpf-Sternmiere (Stellaria palustris) und Hunds-Straußgras (Agrostis canina).

Daneben bieten die Bestände ein recht heterogenes Bild mit Arten der Großseggenriede und Hochstaudenfluren (s.u.). Regelmäßig treten z.B.

Gelbweiderich, Sumpf-Haarstrang und Blutauge hinzu, daneben Sumpf-Weidenröschen (Epilobium palustre), Blutwurz (Potentilla erecta), Mädesüß (Filipendula ulmaria), Sumpf-Labkraut, Moor-Labkraut (Galium uliginosum) und Wiesen-Knöterich (Polygonum bistorta); stellenweise kommen hier auch Sumpf-Herzblatt (Parnassia palustris) und Saum-Segge (Carex hostiana) vor, die ihren Schwerpunkt in den Kalk-Flachmooren (s.u.) haben.

Im Nordwestteil des Mittelmeßmoores konnte sich dank der günstigen hydrologischen Situation eine stattliche Population des Fleischroten Knabenkrautes (Dactylorhiza incarnata) halten.

In manchen Bereichen finden sich Polster von Torfmoosen und Arten wie

Moor-Wollgras (Eriophorum vaginatum), Rauschbeere und Aufrechtes Haarmützenmoos (Polytrichum strictum); diese Bestände können als Initialstadien der Hochmoorentwicklung bezeichnet werden.

Wenig gestörte, nährstoffarme Flachmoore kommen im Gebiet inzwischen nur noch kleinflächig vor.

In weiten Bereichen sind sie durch Entwässerung u.a. stark gestört, es tritt dann z.B. verstärkt das Pfeifengras auf.

Noch stärker gestörte und kaum noch als Flachmoore erkennbare Bestände werden unter 2.3. (Feuchtwiesen) behandelt.

Kalk-Flachmoore (Caricion davallianae)

Gut ausgebildete Kalk-Flachmoore sind infolge der Entwässerungsmaßnahmen im Gebiet nicht mehr vorhanden.

Lediglich deren Kennart, die Davalls-Segge (Carex davalliana), kommt noch stellenweise vor.

1993 konnte der seit längerem im Gebiet verschollene Blaue Sumpfstern (Swertia perennis) im Mittelmeß wiedergefunden werden.

 

2.2. Röhrichte und Großseggenriede

 

2.2.1. Schlankseggen-Ried (Caricetum gracilis)

Das Schlankseggenried ist im Gebiet weit verbreitet und nimmt große Flächen ein.

Die Schlank-Segge (Carex gracilis) dominiert in diesen Beständen sehr stark, ansonsten kommen je nach Standort unterschiedliche Arten hinzu.

Neben den Kennarten der Großseggenriede (Magnocaricion) Sumpf-Labkraut (Galium palustre agg.), Kappen-Helmkraut (Scutellaria galericulata), Gewöhnlicher Gelbweiderich (Lysimachia vulgaris) treten in Beständen trockenerer Standorte auch Arten der Hochstaudenfluren, z.B. Mädesüß, z.T. auch Arten des Wirtschaftsgrünlands auf.

 

2.2.2. Sumpfseggen-Ried (Carex acutiformis-Ges.)

Die Sumpf-Segge (Carex acutiformis) wächst in recht trockenen, oft gestörten Bereichen, oft in Kontakt zu Hochstaudenfluren (s.u.).

Der Übergang dieser Bestände zum Schlankseggenried ist fließend.

 

2.2.3. Wunderseggen-Ried (Caricetum appropinquatae)

Das Wunderseggen-Ried fällt schon von weitem durch die großen Horste der Wunder-Segge (Carex appropinquata) auf.

Diese nordische, in Süddeutschland recht seltene Gesellschaft besiedelt ziemlich nasse, anmoorige und nur mäßig nährstoffreiche Böden und steht oft in Kontakt mit dem Steifseggen-Ried.

 

2.2.4. Steifseggen-Ried (Caricetum elatae)

Das Steifseggenried nimmt unter den Großseggen-Rieden die nässesten Flächen ein.

Die Steife Segge (Carex elata) kann dank ihres bultigen Wuchses auch längere Zeiten der Überstauung ertragen.

 

2.2.5. Schilf-Röhricht (Phragmites australis-Bestände)

Während das Schilf (Phragmites australis) am Unterhölzer Weiher und an der Donau als Verlandungsgesellschaft dichte Röhrichte ausbildet, findet man es im hier betrachteten Gebiet nur kleinflächig auf staunassen Böden.

 

2.2.6. Rohrglanzgras-Röhricht (Phalaridetum arundinaceae)

Dieses Fließgewässer-Röhricht findet sich im Gebiet stellenweise an größeren Entwässerungsgräben.

Das Rohr-Glanzgras (Phalaris arundinacea) besiedelt im Gebiet auch relativ trockene Böden im Kontakt zu Hochstaudenfluren.

 

2.2.7. Wasserschwaden-Röhricht (Glycerietum maximae)

Der Wasserschwaden (Glyceria maxima) bildet dichte Röhrichte an stark eutrophierten, langsam fließenden Gewässern mit meist kalkhaltigen Schlammböden und häufig wechselndem Wasserstand, so z.B. am Hauptentwässerungsgraben des Birkenrieds.

 

2.2.8. Teichschachtelhalm-Röhricht (Equisetum fluviatile-Gesellschaft)

Diese vom Teich-Schachtelhalm (Equisetum fluviatile) beherrschte Gesellschaft wächst ähnlich wie das Schnabelseggen-Ried (s.o.) auf meist überstauten Torfschlammböden.

Nur wenige Arten treten hinzu, u.a. Sumpf-Labkraut, Wolfstrapp (Lycopus europaeus), Wasser-Ampfer (Rumex aquaticus) und Gelbweiderich.

 

2.2.9. Sumpfreitgras (Calamagrostis canescens)-Bestände

Kleinflächig bildet das Sumpf-Reitgras (Calamagrostis canescens) auf anmoorigen Böden mit zeitweise hoher Überstauung über 1 m hohe Bestände.

Zu dieser Art gesellen sich vor allem Arten der Großseggenriede.

 

2.3. Feuchtwiesen

 

2.3.1. Bachkratzdistel-Wiese (Cirsietum rivularis)

Die vorherrschende Feuchtwiesengesellschaft im Gebiet ist die (Trollblume).

Bachkratzdistel-Wiese (Cirsietum rivularis)

Diese Gesellschaft ersetzt die Kohldistel-Wiese (Angelico-Cirsietum oleracei) in den montanen und klimatisch kontinental getönten Lagen im Osten des Schwarzwalds bis zur Schwäbischen Alb.

Sie ist durch die Bach-Kratzdistel (Cirsium rivulare) und die Trollblume (Trollius europaeus) gekennzeichnet.

Folgende weitere Arten treten regelmäßig auf:

Sumpf-Vergißmeinnicht (Myosotis palustris), Wiesen-Knöterich (Polygonum bistorta), Sumpf-Hornklee (Lotus uliginosus), Bach-Nelkenwurz (Geum rivale), Kuckucks-Lichtnelke (Lychnis flos-cuculi), Sumpf-Schachtelhalm (Equisetum palustre), Wiesen-Platterbse (Lathyrus pratensis), Wolliges Honiggras (Holcus lanatus) und Roter Schwingel (Festuca rubra).

Hinzu kommen verschiedene Seggenarten und andere Feuchtezeiger.

Deutlich läßt sich eine Ausbildung nährstoffärmerer Böden abgrenzen, die Anklänge an Pfeifengras-Gesellschaften (Molinion) zeigt, mit den Differentialarten

Pfeifengras (Molinia caerulea), Spatelblättriges Greiskraut (Senecio helenites), Nordisches Labkraut (Galium boreale), Silge (Selinum carvifolia) und Blutwurz (Potentilla erecta).

Stärker entwässerte und nährstoffreichere Böden weisen eine Ausbildung auf, die zu den Glatthaferwiesen (s.u.) vermittelt; dort tritt häufig die Kohldistel (Cirsium oleraceum) in den Vordergrund, während die Bach-Kratzdistel und Seggenarten zurücktreten.

 

2.3.2. Waldsimsen-Flur (Scirpetum sylvatici)

In Geländemulden mit hoch anstehendem Grundwasser kommt innerhalb der Feuchtwiesen kleinflächig die Wald-Simse (Scirpus sylvaticus) zur Dominanz; ansonsten weisen diese Bestände keine kennzeichnenden Arten auf.

 

2.3.3. Braunseggen-Naßwiesen

Bei den insbesondere im Bereich „Mittelmeß" großflächig ausgebildeten, nur noch unregelmäßig genutzten Streuwiesen handelt es sich um ehemalige Flachmoore, die durch Grundwasserabsenkung in ihrer Artenzusammensetzung stark verändert wurden.

Es lassen sich zwei Ausbildungen unterscheiden:

Die etwas trockenere, den Pfeifengraswiesen nahestehende Flaumhafer-Braunseggenwiese (Avenochloa pubescens-Carex fusca-Molinietalia-Gesellschaft), in der neben Feuchtezeigern auch Arten der Glatthaferwiesen vorkommen,

und die feuchtere, z.T. durch Staunässe geprägte Wollgras-Braunseggen-Naßwiese (Eriophorum angustifolium-Caricion fuscae-Gesellschaft), die durch das stete Auftreten der Flachmoorarten

Schmalblättriges Wollgras (Eriophorum angustifolium), Braune Segge (Carex nigra), und Hunds-Straußgras (Agrostis canina) gekennzeichnet ist.

Teilweise sind dort auch das Fleischrote Knabenkraut (Dactylorhiza incarnata) oder der Zungen-Hahnenfuß (Ranunculus lingua) zu finden.

Auf nässere Stellen beschränkt sind Blutauge (Comarum palustre) und Grau-Segge (Carex canescens).

Beiden gemeinsam sind Feuchtezeiger wie

Sumpf-Kratzdistel (Cirsium palustre), Bach-Kratzdistel (Cirsium rivulare), Rasen-Schmiele (Deschampsia cespitosa), Wiesen-Knöterich (Polygonum bistorta), Bach-Nelkenwurz (Geum rivale), Moor-Labkraut (Galium uliginosum) und Wald-Engelwurz (Angelica sylvestris).

An einer Stelle im Birkenried wurde in jüngerer Zeit auch ein Vorkommen der Sibirischen Schwertlilie (Iris sibirica) entdeckt.

 

2.4. Glatthaferwiesen

Glatthaferwiesen (Arrhenatheretum) sind im Gebiet dort vorhanden, wo die Grünlandbewirtschaftung intensiver ist, die Böden relativ stark entwässert wurden oder der Einfluß des Grundwassers aufgrund höherer Lage nicht mehr prägend wirkt.

Auf feuchten oder wechselfeuchten Standorten treten Feuchtezeiger auf, u.a. Wiesen-Knöterich, Bach-Nelkenwurz und Kohldistel.

Bezeichnende Arten der Glatthaferwiesen sind z.B.

Margerite (Chrysanthemum leucanthemum), Wiesen-Knautie (Knautia arvensis), Wiesen-Bocksbart (Tragopogon pratensis) und Wiesen-Glockenblume (Campanula patula).

Auf höhergelegenen Wuchsorten bzw. auf stark entwässerten Niedermoorböden trocknen die Böden rasch aus; unter diesen wechseltrockenen Bedingungen treten Arten der Halbtrockenrasen hinzu, so z.B.

Aufrechte Trespe (Bromus erectus), Warzen-Wolfsmilch (Euphorbia verrucosa), Kleiner Wiesenknopf (Sanguisorba minor), Echte Schlüsselblume (Primula veris), Tauben-Skabiose (Scabiosa columbaria), Kugel-Rapunzel (Phyteuma orbiculare), Echtes Labkraut (Galium verum), Knollige Spierstaude (Filipendula vulgaris) und Großes Schillergras (Koeleria pyramidata).

Das Vorkommen von Gewöhnlichem Frauenmantel (Alchemilla vulgaris), Schwarzer Teufelskralle (Phyteuma nigrum) und Weichhaarigem Pippau (Crepis mollis) weist darauf hin, daß es sich bei den Glatthaferwiesen des Untersuchungsgebiets z. T. um Übergänge zu den montanen Goldhaferwiesen (Geranio-Trisetetum) handelt.

 

2.5. Magerrasen

Auf stark entwässerten Moorböden am Rand von Torfabbauflächen sind die Wasser- und Nährstoffbedingungen extrem ungünstig.

Hier sind lückige Magerrasen ausgebildet, sog. Thymian-Schafschwingel-Rasen (Thymo-Festucetum turfosae).

Bezeichnend für diese sehr blumenbunte Gesellschaft sind u.a.

Arznei-Thymian (Thymus pulegioides), Schaf-Schwingel (Festuca ovina), Niederes Labkraut (Galium pumilum), Tauben-Skabiose (Scabiosa columbaria), Hunds-Veilchen (Viola canina), Heide-Nelke (Dianthus deltoides), Busch-Nelke (Dianthus seguieri), Deutscher Enzian (Gentianella germanica), Wiesen-Habichtskraut (Hieracium caespitosum).

Hinzu kommen weitere Magerkeitszeiger wie Rundblättrige Glockenblume (Campanula rotundifolia) oder Zittergras (Briza media).

 

2.6. Hochstaudenfluren

 

2.6.1. Mädesüß-Hochstaudenflur (Filipendulion)

Hochstaudenfluren mit dem Mädesüß (Filipendula ulmaria) als vorherrschende Art nehmen im Gebiet große Flächen ein und prägen neben Großseggenrieden und Feuchtwiesen das Vegetationsbild in starkem Maße.

Sie wachsen in erster Linie an gestörten Standorten auf nährstoffreichen Böden, so z.B. auf dem Aushub von Entwässerungsgräben und großflächig in durch Grundwasserabsenkung trockengefallenen Seggenrieden, aber auch - nach Aufgabe der Nutzung - auf ehemaligen Feuchtwiesen oder durch Grünlandumbruch entstandenen Äckern.

Die Artenzusammensetzung ist recht heterogen und spiegelt die unterschiedlichen anthropogenen Einflüsse wieder.

Bemerkenswert ist das Vorkommen der Blauen Himmelsleiter (Polemonium caeruleum), wobei aber nicht geklärt ist, ob es sich bei dieser beliebten Gartenpflanze um  ein ursprüngliches Vorkommen handelt.

Ansonsten weisen die Mädesüß-Fluren keine botanischen Besonderheiten auf, ihre Bedeutung für die Tierwelt ist jedoch sehr hoch.

 

2.6.2. Sonstige Hochstaudenfluren

Neben den Mädesüß-Hochstaudenfluren treten weitere, pflanzensoziologisch oft schwer einzuordnende Staudenfluren auf, so z.B. den Braunseggen-Naßwiesen nahestehende Honiggras-Waldengelwurz-Hochstaudenfluren (Holcus lanatus-Angelica sylvesris-Molinietalia-Ges.), in der u.a. Silge (Selinum carvifolia), Sumpf-Schafgarbe (Achillea ptarmica) und Spatelblättriges Greiskraut (Senecio helenites) vorkommen.

Daneben kommen insbesondere entlang von Gräben nitrophile Uferstaudenfluren mit Brennessel (Urtica dioica) und anderen nährstoffliebenden Arten vor.

Die Brennessel tritt neben weiteren Ruderalarten auch an anderen gestörten Standorten (Auffüllungen, Ablagerungen usw.) auf.

 

2.7. Gehölze

Durch die Abtorfung und Entwässerungen konnten sich im Birkenried zunehmend Gehölze ausbreiten, die zuvor im Moor nur begrenzt Lebensmöglichkeiten fanden.

Die Bewaldung beginnt meist mit dem Faulbaum-Grauweidengebüsch (Frangulo-Salicetum cinereae), in dem neben dem Faulbaum (Frangula alnus) insbesondere verschiedene Weidenarten auftreten.

Der Bastard zwischen der Grau-Weide (Salix cinerea) und der Ohr-Weide (Salix aurita) - Salix x multinervis - ist häufiger als die beiden Stammeltern.

Weitere Arten sind Schwarz-Weide (Salix nigricans), Bruch-Weide (Salix fragilis) und Lorbeer-Weide (Salix pentandra), wobei letztere als nordische Art auf den kontinentalen Klimaeinschlag der Baar hinweist.

Bemerkenswert ist das stete Vorkommen des sehr seltenen Kammfarns (Dryopteris cristata).

Im fortgeschrittenen Bewaldungsstadium treten dann verstärkt die Baumarten

Hänge-Birke (Betula pendula) und Zitter-Pappel (Populus tremula) hinzu, vereinzelt auch Wald-Kiefer (Pinus sylvestris) und Fichte (Picea abies).

Eine Besonderheit stellt das Vorkommen des Strauchbirken-Kriechweiden-Gebüschs (Betulo humilis-Salicetum repentis) im nördlichen Birkenried dar.

Die Strauch-Birke (Betula humilis) ist ein Eiszeitrelikt, das in der Baar - wo aktuell nur dieses eine Vorkommen bekannt ist - die Südwestgrenze seiner Verbreitung erreicht.

Etwas weiter verbreitet ist die Kriech-Weide (Salix repens), die auch in wechselfeuchte Magerrasen eindringt.

 

3. Tierwelt (1-4)

 

3.1. Vögel

Bemerkenswert ist insbesondere die große Population des stark gefährdeten Braunkehlchens (Saxicola rubetra), das im geplanten Schutzgebiet mit ca. 60 Brutpaaren vorkommt.

Es handelt sich um die bedeutendste Brutpopulation der Baar und eine der größten Populationen Baden-Württembergs.

Die Reviere dieses Bodenbrüters finden sich vorwiegend im Übergangsbereich zwischen den ungenutzten Rieden und den feuchten Mähwiesen, wobei Hochstauden als Sing- und Ansitzwarte eine besonders große Bedeutung haben.

Als weitere Arten der Wiesen und offenen Landschaften brüten im Gebiet

Wachtel (Coturnix coturnix), Grauammer (Miliaria calandra), Wiesenpieper (Anthus pratensis), Schafstelze (Motacilla flava), Feldlerche (Alauda arvensis) und Kiebitz(Vanellus vanellus).

Hinzu kommen als Arten der Röhrichte, Großseggenriede und Hochstaudenfluren:

Sumpfrohrsänger (Acrocephalus palustris), Feldschwirl(Locustella naevia), Rohrammer (Emberiza schoeniclus).

Außerdem ist das vereinzelte Auftreten der Dorngasmücke (Sylvia communis) erwähnenswert.

Bis in die 70er Jahre brüteten auch Bekassine (Gallinago gallinago) und Brachvogel (Numenius arquata) im Gebiet.

Auch der Wachtelkönig (Crex crex) kann zu den ehemaligen Brutvögeln gerechnet werden.

Bei der Wasserralle (Rallus aquaticus) kommt es möglicherweise noch gelegentlich zu Bruten.

Die im benachbarten Unterhölzer Wald brütenden Arten

Rotmilan (Milvus milvus), Schwarzmilan (Milvus migrans), Sperber (Accipiter nisus), Wespenbussard (Pernis apivorus), Baumfalke (Falco subbuteo) und Graureiher (Ardea cinerea)

sind regelmäßig auf der Nahrungssuche anzutreffen.

Als Sommergäste wurden z.B. Rohrweihe (Circus aeruginosus) und Wanderfalke (Falco peregrinus) registriert.

Eine sehr große Bedeutung hat das geplante NSG als Überwinterungsgebiet für eine Reihe von Vogelarten.

An erster Stelle ist hier die Jahrzehnte, möglicherweise Jahrhunderte alte Überwinterungstradition der Kornweihe (Circus cyaneus) zu nennen, wobei insbesondere die Mädesüß-Hochstaudenfluren als Schlafplatz dienen.

Durchschnittlich halten sich etwa 10 Vögel (maximal 25-30) von Oktober bis April im Gebiet auf; damit handelt es sich um einen der bedeutendsten Kornweihen-Schlafplätze in Baden-Württemberg.

Weitere regelmäßige Wintergäste sind:

Wanderfalke (Falco peregrinus), Merlin (Falco columbarius), Rauhfußbussard (Buteo lagopus), Wasserpieper (Anthus spinoletta), Raubwürger (Lanius excubitor).

 

3.2. Übrige Tiergruppen

Die übrigen Tiergruppen wurden bisher im Gebiet noch nicht systematisch erfaßt.

Die im Gebiet vorkommenden kleineren Tümpel und teilweise auch die Wassergräben sind Laichbiotop von Amphibien wie

Grasfrosch (Rana temporaria), Erdkröte (Bufo bufo), Wasserfrosch (Rana esculenta/lessonae) und Bergmolch (Triturus alpestris).

Ein aktuelles Vorkommen der Gelbbauchunke (Bombina variegata), die in früherer Zeit hier regelmäßig vorkam, ist wahrscheinlich.

Über die Insekten liegen nur wenige Daten vor.

Bemerkenswert ist das Vorkommen einer großen Population der gefährdeten Wanstschrecke (Polysarcus denti-cauda)

 

4. Wertung

Trotz massiver Eingriffe in das Ökosystem - insbesondere durch Entwässerungsmaßnahmen - ist das geplante Naturschutzgebiet „Birken-Mittelmeß" eines der bedeutendsten Feuchtgebiete der Baar.

Nach Abtorfung großer Teile entwickelte sich sekundär ein Mosaik verschiedener Sukzessionsstadien der Moo-rentwicklung auf engem Raum nebeneinander.

Daneben ist insbesondere die beachtliche Größe des Gebiets hervorzuheben.

Von überregionaler Bedeutung sind die Bestände des Fadenseggenrieds (Caricetum lasiocarpae), des Wunderseggenrieds (Caricetum appropinquatae), des Thymian-Schafschwingelrasens (Thymo-Festucetum) und des Strauchbirken-Kriechweiden-Gebüschs (Betulo humilis-Salicetum repentis).

Im Gebiet konnten fast 60 nach der Roten Liste gefährdete oder schonungsbedürftige Pflanzenarten nachgewiesen werden, davon sind 8 stark gefährdet (siehe Anhang).

Von besonders hoher Bedeutung ist das Gebiet für die Vogelwelt.

Unter den Vogelarten der Riede und Feuchtwiesen ist in erster Linie das stark gefährdete Braunkehlchen hervorzuheben, das mit ca. 60 Brutpaaren im Gebiet vorkommt; es handelt sich dabei um eine der größten Populationen in Baden-Württemberg.

Bemerkenswerte Brutvögel sind weiterhin Wachtel, Kiebitz, Grauammer, Wiesenpieper, Sumpfrohrsänger, Feldschwirl und Rohrammer.

Das Gebiet ist außerdem einer der bedeutendsten Überwinterungsplätze der Kornweihe in Baden-Württemberg.

Eine ganze Anzahl von Nahrungsgästen, Durchzüglern und Wintergästen vervollständigen das Bild.

Die übrigen Tiergruppen wurden bisher nicht systematisch erfaßt, jedoch ist auch hier eine Reihe gefährdeter Arten zu erwarten.

Die Voraussetzungen für die Ausweisung eines Naturschutzgebiets nach § 21 Naturschutzgesetz sind also in hohem Maße gegeben.

Die Bereiche zwischen den Teilflächen des geplanten NSG und weitere vorwiegend als Grünland genutzte Flächen sollen als Landschaftsschutzgebiet nach § 21 Abs. 5 NatSchG ausgewiesen werden, da Ihnen eine wichtige Funktion im Rahmen der Vernetzung der NSG-Teilflächen und u.a. als Nahrungsbiotop für verschiedene Vogelarten (z.B. Braunkehlchen) und andere Tierarten zukommt.

Es handelt sich überwiegend um Flächen, für die bereits in der Vergangenheit von der Naturschutzverwaltung Extensivierungsverträge angeboten wurden.

 

5. Gefährdungen, Schutz- und Pflegemaßnahmen (1-3)

Gefährdungen des geplanten NSG ergeben sich im Wesentlichen aus folgenden Faktoren:

-Absenkung des Grundwasserspiegels,

-Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung,

-Zunehmende Erschließung bzw. verstärkter Besucherdruck,

-Sukzession, Verbuschung.

 

5.1. Wasserhaushalt

Die wirtschaftliche Bedeutung des Rieds bestand in früherer Zeit in erster Linie im Torfabbau, der dazu führte, daß die Hochmoore weitgehend zerstört wurden.

Sekundär bildeten sich aber wieder wertvolle Lebensräume.

In den letzten Jahrzehnten wurden umfangreiche Entwässerungsmaßnahmen vorgenommen, um das Gebiet landwirtschaftlich nutzbar zu machen.

Dies hatte weitere gravierende Vegetationsveränderungen zur Folge.

Durch Absenkung des Wasserspiegels und Mineralisierung des Torfbodens wurden auf großen Flächen die moorspezifischen Arten zurückgedrängt und durch konkurrenzkräftige „Allerweltsarten" ersetzt.

Der letzte massive Eingriff in das Wasseregime erfolgte Anfang der 70er Jahre, als mit Hilfe einer unterirdischen Rohrleitung der Wasserabfluß des östlichen Mittelmeßrieds in Richtung Birkenried umgeleitet wurde, um so eine angebliche Hochwassergefährdung durch das aus dem Mittelmeßgebiet in Richtung Pfohren abfließende Wasser zu vermeiden.

Vordringlich sind demzufolge Maßnahmen, um eine weitere Grundwasserabsenkung zu verhindern bzw. die bisherige Absenkung zumindest partiell wieder rückgängig zu machen.

Eine Regeneration von Hochmooren erscheint wegen der Mineralisierung bzw. Eutrophierung kaum mehr möglich.

Bei den Flachmooren ist eine Wiedervernässung erfolgversprechender, da sie von Natur aus nährstoffreicher sind.

Auf die im Einzelnen durchzuführenden Maßnahmen (Anstau von Entwässerungsgräben etc.) soll hier nicht näher eingegangen werden; hierüber liegt bei der BNL umfangreiches Material vor.

 

5.2. Landwirtschaft

Neben der Anlage von Entwässerungsgräben geht die größte Gefahr von einer zu starken Düngung aus.

Besonders empfindlich gegen Nährstoffeintrag sind Kleinseggenriede, Übergangsmoore und Magerrasen.

Eine negative Wirkung der Düngung ist auch ein früherer Mähtermin, der insbesondere für Bodenbrüter fatale Folgen haben kann.

Eine Düngung ist daher im Naturschutzgebiet zu untersagen.

Im abhängigen LSG soll durch das Angebot von Extensivierungsverträgen der Düngereintrag möglichst niedrig gehalten werden.

Eine Mahd von Teilflächen der Streuwiesen und Flachmoore ist aus der Sicht des Naturschutzes wünschenswert, jedoch sollten nicht zu große Flächen auf einmal gemäht und kein schweres Gerät verwendet werden.

Insbesondere wegen der Bodenbrüter sollte eine Mahd nicht vor dem 1. August erfolgen.

Die Koppelung bzw. Pferchung von Schafen ist im geplanten NSG zu untersagen.

 

5.3. Wegeerschließung, Besucherlenkung

Die großteils asphaltierten Feldwege werden z.T. trotz Sperrung mit Kraftfahrzeugen befahren.

Auch mit dem Fahrrad oder zu Fuß sind Teilbereiche des geplanten Schutzgebiets sehr gut zu erreichen.

Es muß daher Sorge getragen werden, daß der Besucherdruck auf das Gebiet nicht zu groß wird und zu Beeinträchtigungen führt.

Dies kann über ein Wegegebot, evtl. weitere bzw. effektivere Sperrungen und eine entsprechende Überwachung erreicht werden.

Mittelfristig sind ggf. Maßnahmen der Besucherlenkung und Besucherinformation in Erwägung zu ziehen.

 

5.4. Sukzession

Im Wesentlichen bedingt durch die Veränderungen im Wasserhaushalt, kommt es insbesondere im Birkenried zu einer Verbuschung von Teilbereichen.

In anderen Flächen - z.B. im Mittelmeß - ist auch nach längerer Zeit des Brachliegens kaum eine Ansiedlung von Gehölzen zu verzeichnen.

Auch die Zunahme von Hochstauden nach Aufgabe der landwirtschaftlichen Nutzung ist aus der Sicht des Naturschutzes eher negativ zu bewerten.

Insgesamt ist ein kleinräumiges Mosaik von gemähten Flächen und Brachflächen anzustreben.

 

5.5. Sonstige Gefährdungen

Gegenwärtig nicht erkennbare, aber potentielle Gefährdungsursachen sind u.a.

-die Etablierung eines regelmäßigen Reitbetriebs in den Randzonen der Riede,

-der Betrieb von Modellflugzeugen oder Ultraleichtflugzeugen,

-die Anlage von Fischteichen,

-größere Veranstaltungen (Volkswanderungen o.ä.).

Die Ausübung der Jagd in der gegenwärtigen Weise ist hingegen weitgehend unproblematisch.

Im Hinblick auf eine evtl. Verbesserung der hydrologischen Situation und einer damit verbundenen Zunahme von Wasservögeln ist die Jagd auf diese ggf. zu untersagen.

Des Weiteren sollte die Errichtung jagdlicher Einrichtungen (Fütterungen, Kirrungen, Wildäcker etc.) im Naturschutzgebiet untersagt werden.

Die Fischerei wird nach unseren Informationen im Gebiet bisher nicht ausgeübt und sollte auch unterbleiben.

Im LSG sind insbesondere der weitere Umbruch von Grünland in Ackerland und die Auffüllung von Geländemulden zu untersagen.

Weitere wünschenswerte Ziele sollten im Rahmen des Angebots von Pflege- bzw. Extensivierungsverträgen verfolgt werden.

 

 

 

Freiburg, den 29.04.94

 

Bezirksstelle für Naturschutz und Landschaftspflege Freiburg

 

 

Dr. Seitz, Oberkonservator

 

Fuchs, Landeskonservator