4.218 Bühler Tal und Unterer Bürg

 

Würdigung

 

 

über das geplante Naturschutzgebiet „Bühler Tal und Unterer Bürg" auf Gemarkungen Rottenburg und Kiebingen, Stadt Rottenburg und Bühl, Stadt Tübingen, Landkreis Tübingen

 

1. Landschaftliche Situation

 

1.1. Lage und Erscheinungsbild

Das Naturschutzgebiet „Bühler Tal und Unterer Bürg" öffnet sich von Süden nach Norden wie ein schmaler, langhalsiger Trichter aus dem Inneren des Landschaftsschutzgebietes Rammert zum Neckar hin.

Der ungefähr 2.400 m lange Streifen mißt an seiner schmalsten Stelle 100 m, an seiner breitesten Stelle, in der Nähe der Ortschaft Bühl, 500 m.

In südlicher Richtung greift das Gebiet von der Talaue (Höhenlage zwischen 343 m und 373 m) mehr und mehr auf seitliche Hangbereiche über.

Das landschaftliche „Rückgrat" des geplanten Naturschutzgebietes bildet der Bühlertalbach, ein Niederungsbach mit streckenweise ausgeprägter natürlicher Mäanderbildung.

Ein Eschen-Erlen-Galeriewald und Uferhochstauden säumen den Bach und seine Nebenarme.

Im Westen grenzt der Bühlertalbach fast vollständig an Laubwald, im Osten säumen ihn Wiesenstandorte.

Wald- und Wiesenbereiche sind in sich wiederum differenziert.

Auf feuchten Standorten finden sich zum einen Auwaldreste, zum anderen von Seggenrieden durchsetzte Naßwiesen.

Auf trockeneren Hanglagen wächst im Westen Eichen-Hainbuchenwald und Buchenwald, im Osten überwiegen Streuobstwiesen.

Das Naturschutzgebiet „Bühler Tal und Unterer Bürg" umfaßt eine Fläche von etwa 78,61 ha.

Es fällt in die Gemarkungen Bühl (Stadt Tübingen) und Rottenburg, Kiebingen (Stadt Rottenburg) (TK 7519 und TK 7520).

Das „dienende Landschaftsschutzgebiet" im Norden umfaßt 18,3 ha.

 

1.2. Geologie

Der Bühlertalbach und seine Nebenarme haben sich tief in dieKeuperschichten des Rammert eingeschnitten (mittlerer Keuper km1 bis km3.

Die Talaue und die in zwei flachen Stufen ansteigenden Hänge liegen in den mächtigen Schichtpaketen des Gipskeupers (km1).

Der Gesteinsuntergrund ist bedeckt von Ablagerungen des Bühlertalbaches und von Verwitterungsböden.

Die nächst folgende Formation des Schilfsandsteins (km2) tritt nur als schmales, durch eine Geländestufe abgesetztes Band an der nordwestlichen Abgrenzung des Naturschutzgebietes zu Tage.

Auch die folgenden bunten Mergel (km3) sind im Gebiet nur lokal vertreten.

Sie bilden den Gesteinsuntergrund der steil ansteigenden, wechselfeuchten Hangbereiche des isolierten Gebietes „Unterer Bürg" und des „Appenberges".

 

1.3. Klima

Wie der gesamte Landkreis liegt auch das Bühler Tal großräumig im Grenzgebiet zwischen dem ozeanischen Klima Westeuropas und dem kontinentalen Klima Osteuropas (maritimes Übergangsklima).

Milde Winter und mäßig warme Sommer wechseln entsprechend mit strengen Wintern und heißen Sommern.

Die mittlere Jahrestemperatur liegt im Gebiet etwas unterhalb von 8,2° C.

Der mittlere monatliche Jahresgang der Niederschläge zeigt im Landkreis Maxima von Juni bis August, den Monaten mit der größten Sonnenscheindauer, Minima im Februar und März. Orientierungswert für den Jahresniederschlag sei der Mittelwert von Tübingen (370 m) mit 730 mm.

Vorherrschende Windrichtungen im Landkreis sind Westwinde, gefolgt von SW- und NW-Winden.

 

1.4. Potentielle natürliche Vegetation

Die Vielfalt im Landschaftsbild des Bühler Tals entspricht nur in Auszügen einer Vegetation, die sich auf Grund lokaler Standortfaktoren einstellen würde.

Alle offenen Bereiche (Fett-, Naß- und Streuobstwiesen) sind Kulturformationen.

Dem Naturzustand entsprechen - unter gegebenen Klimabedingungen - artenreiche Sommerwälder (Querco-Fagetea).

Innerhalb dieser Vegetationsklasse wären Talaue und durchsickerte, quellige Hänge Standorte von

Erlen-Auenwäldern (Alno-Ulmion) mit Europäischer Traubenkirsche (Prunus padus) und Esche (Fraxinus excelsior).

In Geländesenken wären Erlenbrüche zu erwarten.

Die höher liegenden feuchten und frischen Standorte wären von krautreichen Eichen-Hainbuchen- und Rotbuchenwäldern besetzt (submontane Eichen-Buchenwälder des mittleren Neckarlandes).

 

1.5. Nutzungsformen

Die Wiesen der Talaue sind Schwerpunkt der Grünlandwirtschaft.

Die kleinparzellierten Flächen werden, je nach Besitzer, unterschiedlich stark gedüngt und genutzt (ein bis drei, meist zwei Mahden pro Jahr).

Grundsätzlich ist die Bewirtschaftung der Fettwiesen im vorderen Talbereich intensiver als die der z.T. gänzlich ungedüngten Naßwiesen im hinteren Tal.

Wie die Naßwiesen werden auch die Streuobstwiesen extensiver genutzt.

Der Obstanbau dient überwiegend der Gewinnung von Mostobst; Hauptobstbaumsorten sind Apfel und Birne.

Teile aller Wiesenbereiche sowie die angrenzenden Uferhochstauden werden von Schafen beweidet.

Die Stallungen des ansässigen Schäfers liegen im vorderen Talabschnitt des zukünftigen Naturschutzgebietes.

Verstreut sind im Gelände Bienenstöcke aufgestellt.

Eingezäunte Gartengrundstücke finden sich am Appenberg, dem ehemaligen Bühler Weinberg und im Gebiet „Unterer Bürg".

Ackerbaulich genutzt sind nur wenige Parzellen im Naturschutzgebiet (z.B. Anbau von Raps).

Der Waldstreifen westlich des Bühlertalbaches wird forstwirtschaftlich genutzt.

Ein kleinflächiger Nadelbaumforst bildet hier die Ausnahme gegenüber meist einheimischen.Laubbaumarten, die in verschiedenen Altersklassen vertreten sind.

Alle Bereiche des Naturschutzgebietes werden von Erholungssuchenden, naturkundlich Interessierten und von Sporttreibenden zu Fuß, per Fahrrad oder auf dem Pferderücken aufgesucht.

Am augenscheinlichsten ist die Nutzung durch den Reitbetrieb: durch Pferdehufe aufgewühlte Pfade in den Naßwiesen und im Laubwaldstreifen und heruntergetretene Uferhänge (auch Bachabschnitte werden durchritten) fallen negativ auf.

 

2. Pflanzen- und Tierwelt; Schutzwürdigkeit

 

2.1. Der Bach und seine Bewohner

Klare, schadstoffarme, natürlich mäandrierende Fließgewässer wie der Bühlertalbach sind durch Bachbegradigungen und intensive landwirtschaftliche Nutzung mit starker Düngung und Einsatz von Pestiziden selten geworden.

Das gleiche gilt für die sie begleitende Fauna und Flora.

Im Bachverlauf des Bühlertalbachs wechseln flache, steinig-kiesige Bereiche und tiefere sandig-schlammige Abschnitte mit deutlich geringerer Strömungsgeschwindigkeit einander ab.

Die abwechslungsreiche Bachstruktur bietet vielfältigen Lebensraum, beispielsweise mehreren Arten von Eintagsfliegenlarven mit jeweils unterschiedlichen Habitatpräferenzen.

Alle Arten haben einen Saprobienindex zwischen 1 und 2.

Die steinigen Bachabschnitte sind dicht besiedelt mit Köcherfliegenlarven und Bachflohkrebsen,

Lebensgrundlage für die Bachforelle (Salmo trutta; G 2 )NN und die Groppe (Cottus gobio; G2), die im Bach in bemerkenswert hoher Dichte auftritt.

Zu unterstreichen ist auch das Vorkommen des Bachneunauges (Lampetra planeri; § NNN , G3).

N.1) Maß (zwischen 1 und 5) für die Belastung bzw. Verschmutzung eines Gewässers.

1: unbelastetes bis gering belastetes Gewässer

2: mäßig belastetes Gewässer

NN.2) Rote Liste-Arten sind im Text mit dem jeweiligen Gefährdungsgrad angeführt.

GO: ausgestorben oder verschollen

G1: vom Aussterben bedroht

G2: stark gefährdet

G3: gefährdet

G4: potentiell gefährdet

NNN. Tier- und Pflanzenarten, die nach der Bundesartenschutzverordnung unter Schutz stehen, sind im folgenden Text durch ein „§" gekennzeichnet.

 

2.2. Die Ufervegetation und angrenzende Feuchtgebiete

Ufervegetation, im Naturschutzgebiet ein Eschen-Erlen-Galeriewald mit Uferhochstauden, Naßwiesen und Auwaldresten, ist nach § 16 Naturschutzgesetz grundsätzlich schützenswert.

Derartige Biotope nehmen im Bühler Tal ungefähr 1/3 der gesamten Fläche ein.

Der Eschen-Erlen-Galeriewald zeichnet sich durch großen Artenreichtum in der Baum- und Strauchschicht aus:

Traubenkirsche (Prunus padus), Hybridpappel (Populus x. nigra), Silberweide (Salix alba), Stiel-Eiche (Quercus robur), Winter-Linde (Tilia cordata), Hainbuche (Carpinus betulus), Hasel (Corylus avellana), Feld-Ahorn (Acer campestre), Berg-Ahorn (A. pseudoplatanus), Schwarz-Erle (Alnus glutinosa), Hartriegel (Cornus sanguinea), Schwarzer Holunder (Sambucus nigra), Pfaffenhut (Euonymus europaeus) und Wolliger Schneeball (Viburnus lantana).

Die Uferhochstauden bestehen u.a. aus:

Mädesüß (Filipendula ulmaria), Baldrianarten (Valeriana spec.), Kratzdisteln (Cirsium spec.) und Echtem Beinwell (Symphytum officinale).

Stellenweise sind alle Teile der Ufervegetation von Hopfen (Humulus lupulus) und Waldrebe (Clematis vitalba) zu einem Dickicht verwoben.

Hier finden sich hervorragende Nistmöglichkeiten für Singvögel, Unterschlupf für Kleinsäuger und Nahrungspflanzen für eine Vielzahl von Insektenarten.

Auwaldreste mit hochstämmigen Schwarzerlen und Eschen befinden sich im Laubwaldstreifen des Naturschutzgebietes auf grundfeuchten, meist bachnahen Böden, an Altarmen des Bühlertalbaches und seiner Nebenarme.

Die Artenzusammensetzung der Strauchschicht gleicht im Wesentlichen der des Galeriewaldes, den Unterwuchs bilden Arten wie:

Haselwurz (Asarum europaeum), Aronstab (Arum maculatum), Wald-Ziest (Stachys sylvatica) und Echte Nelkenwurz (Geum urbanum).

Daneben finden sich flächendeckende Bestände von Winterschachtelhalm (Equisetum hyemale).

Den größten Bereich der Feuchtgebiete nehmen die Naßwiesen ein.

Auf ungedüngten Parzellen wachsen Trollblumen (Trollius europaeus; G3) in einem Meer von Teufelsabbiß (Succisa pratensis).

An Spurrillen und kleinen Tümpeln blühen Dotterblumen (Caltha palustris), und Blutweiderich (Lythrum salicaria).

Die Kohldisteln (Cirsium oleraceum) sind zur Blütezeit dicht umschwärmt von zahlreichen Schmetterlingen verschiedener Arten.

An stark vernäßten Stellen haben sich innerhalb der Naßwiesen Seggenriede gebildet mit einer Vielfalt von Sauergräsern und Binsen

(Carex acutiformis, C. rostrata, C. flava, C. panicea, C. acuta, C. fusca, Scirpus sylvaticus, Juncus conglomeratus, J. effusus).

Alle diese Bereiche sind für das Überleben der insgesamt geschützten und stark bedrohten einheimischen Amphibien- und Reptilienfauna von höchster Bedeutung.

An besonders gefährdeten Arten dieser Tiergruppen leben im Gebiet, neben 7 weiteren registrierten Arten,

Gelbbauchunke (Bombina variegata; §, G3) und Ringelnatter (Natrix natrix; §, G3).

 

2.3. Die Talwiesen, Streuobstwiesen und Waldsaumgesellschaften

Im Tal frische, hangwärts mäßig trockene Salbei-Glatthaferwiesen z.T. mäßig gedüngt und extensiv bewirtschaftet, tragen wesentlich zum Reichtum der Insektenfauna bei.

Von größter Wichtigkeit ist darüber hinaus ihre Funktion als Pufferzone für den angrenzenden Bach und die Ufervegetation.

Die alten Streuobstwiesen mit hochstämmigen Obstbaumsorten sind sowohl kulturelles Erbe als auch ökologisch hochwertige Lebensräume.

Im Bühler Tal bilden sie landschaftlich reizvolle Übergänge zwischen dem Ortsrand, den Talwiesen und den bewaldeten Hängen des Rammert.

Die prachtvollsten Baumveteranen, darunter weit über 100jährige Exemplare, finden sich im Bereich „Unterer Bürg" und „Bühlrain".

Ökologisch stellt ein alter Obstbaum, vom Wurzelwerk über knorrige Astlöcher bis in den Kronenbereich, eine Vielzahl von Ressourcen die von Insekten, Kleinsäugern und Vögeln als Nahrungs-, Rückzugs- und Nistbiotop genutzt werden.

Innerhalb der Streuobstwiesen finden sich auf mageren Standorten bemerkenswerte Vorkommen des Kleinen Knabenkrautes (Orchis morio, § G2), auch die Traubenhyazinthe (Muscari botryoides; § G3) kommt hier und da noch vor.

Über wechselfeuchten Hangbereichen im Gebiet „Unterer Bürg" liegt im Spätsommer der Duft der Prachtnelke (Dianthus superbus; §, G3).

Zu den zahlreichen Brutvogelarten des Streuobstwiesenbereiches zählen viele Höhlenbrüter, sogar noch Wendehals (Jynx torquilla; G3) und Mittelspecht (Dendrocopus medius; § G3).

In den Heckenstreifen brütet hier noch regelmäßig in mehreren Paaren der Neuntöter (Lanius collurio; §, G2).

Greifvogelarten, die die Streuobstwiesen als Jagdgebiet nutzen, sind ganzjährig Habicht (Accipiter gentilis; §, G3) und Sperber (Accipiter nisus; §, G3), sporadisch auch Baumfalke (Falco subbuteo; §, G2) und Wanderfalke (Falco peregrinus; §, Gl).

Seltener Durchzügler ist der Wiedehopf (Upupa epops; §, G2).

Zum Wald hin sind die Streuobstwiesen verbracht und durch vom Wald vorstoßende Schlehenhecken verbuscht.

Ein Heckenriegel bildet eine notwendige Pufferzone gegen die östlich angrenzenden Nadelwaldforste.

In den Waldmänteln, Schlehen-Liguster-Gebüschen, trockenen Magerwiesen und Halbtrockenrasen, besonders in dem von Wald umgebenen Osthang, leben 29 gefährdete Schmetterlingsarten (20 von ihnen ausschließlich in diesem Teil des geplanten Naturschutzgebietes).

Sie alle stehen (meist gleichermaßen) auf den Roten Listen der Bundesrepublik und Baden-Württembergs.

 

2.4. Ein besonderer Blick auf die Insektenfauna des Gebietes

Rege Untersuchungen von Spezialisten haben bis heute 771 Insektenarten aus 10 Ordnungen erfaßt, darunter zwei Erstnachweise für Baden-Württemberg.

Die Schwerpunkte der Erhebungen lagen bei den Schmetterlingen, von denen 201 Arten im Bühler Tal nachgewiesen wurden, und bei den Hautflüglern mit 353 erfaßten Arten.

Alle diese Arten haben unterschiedliche ökologische Ansprüche, und ihr Nebeneinander auf engem Raum ist nur durch die abwechslungsreiche Kleinstrukturierung der Vegetation im Bühler Tal möglich.

Gerade dieser Umstand macht das Gebiet entomologisch so herausragend.

Von den erfaßten Schmetterlingen, zu denen beispielsweise

Schwalbenschwanz (Papilio machaon), Schillerfalter (Apatura iris, A. ilia) und Trauermantel (Nymphalis antiopa)

gehören, sind unter landesweiten Gesichtspunkten 39 Arten gefährdet (Tagfalter: 3mal G4, 8mal G3, 1mal G2; Nachtfalter: 6mal G4, 18mal G3, 3mal G2).

Bei den Hautflüglern wurden vor allem Blatt-, Halm- und Holzwespen untersucht.

Hier stehen 41 von 215 Arten auf der Roten Liste.

Fünf dieser Arten gelten als vom Aussterben bedroht und zwei, Onycholyda kervillei und Nematus leucotrochus, bereits als verschollen.

Eine optisch auffallende Insektenordnung im Bühler Tal sind noch die Libellen.

Acht Arten dieser insgesamt geschützten Gruppe wurden bis heute nachgewiesen, darunter die Blauflügel-Prachtlibelle (Calopteryx virgo; §, G3) und die Zweigestreifte Quelljungfer (Cordulegaster boltoni; §, G3).

 

3. Gefährdung des Bühler Tals

Als zeitweilig beabsichtigter Standort einer Talsperre zur Niedrigwasseranreicherung des Neckars war das Bühler Tal in seiner Gesamtheit gefährdet.

Teilbereiche sind darüber hinaus aktuell bedroht: durch den Wandel der dörflichen Wirtschaftsstruktur sind die abgelegenen Naßwiesen unökonomisch geworden.

Im hinteren Talabschnitt widersprechen Gewannamen wie „Hintere Wiese" und „Scheurenwiese" schon seit langem dem Bestand: dichtem Nadelwald.

Die Umorientierung pflanzt sich allmählich nach Norden fort.

Nicht mehr gemähte Naßwiesen verbuschen oder werden aufgeforstet.

Aufforstungen verringern auch die Streuobstwiesen, vor allem im Bereich „Unterer Bürg", Gemarkung Kiebingen, der vom Dorf her gesehen etwas im Abseits liegt.

Eine weitere Gefährdung besteht durch Nutzintensivierung und durch Ausweisung von Baugebieten in Ortsrandlagen.

Nutzintensivierung mit verstärkter Düngung könnte auch im Bereich der Fett- und Naßwiesen die Florenzusammensetzung empfindlich stören und würde zudem die Wassergüte des Bühler Talbaches verschlechtern.

Mahd und Beweidung, für die Erhaltung weiter Teile unbedingt notwendig, können zum falschen Zeitpunkt gefährdete Wiesenpflanzen bedrohen.

Beide Bewirtschaftungsformen greifen momentan die Ufervegetation an.

Der Charakter der naturnahen Laubwaldgesellschaften ist durch die Anpflanzung standortfremder Laubholzarten und durch Nadelwaldforste bedroht.

Im Wald und in den Wiesen reißen Trampelpfade z.T. gravierende Narben in die Pflanzendecke.

Hierbei muß besonders das Problem der starken Inanspruchnahme durch Reiten hervorgehoben werden.

 

4. Schutzzweck

Schutzzweck ist die Erhaltung, Pflege und Weiterentwicklung eines Lebensraumes, der durch seine Vielgestaltigkeit ein Refugium für seltene Pflanzen und bedrohte Tiere darstellt.

Durch seine Größe und seine Biotopvielfalt verbindet das Schutzgebiet Brut- und Lebensräume zahlreicher Tierarten und garantiert auch bei Arten mit größeren Revieransprüchen eine gewisse Bestandsdichte, die für das Überleben dieser Arten erforderlich ist.

Die Bewahrung des harmonischen Nebeneinanders naturnaher und kulturell geprägter Landschaftsräume soll dazu beitragen, durch seine Schönheit Besuchern Idee und Werte des Naturschutzes zu vermitteln.

Das Bühler Tal ist eines der wenigen Täler dieser Größenordnung, die bisher weder durch Verkehrswege noch durch Siedlung in Anspruch genommen wurden.

 

5. Pflegemaßnahmen

Kulturformationen (Fettwiesen, Naßwiesen, Streuobstwiesen) sollen durch Mahd und Beweidung offengehalten werden.

Einer zu starken Verbuschung von den Waldrändern her soll durch entsprechende Maßnahmen entgegengewirkt werden, allerdings ohne die Saumbestände selbst zu sehr zu dezimieren.

Insgesamt sollen ungedüngte, ein- bis zweimähdige Wiesen erhalten bzw. geschaffen werden.

Der Ufersaum ist in einem Abstand von 2 m von Mahd und Beweidung auszunehmen.

Standorte mit Orchideen und Trollblumen sollen erst nach der Blüte gemäht bzw. beweidet werden.

Das Mähgut soll aus dem Schutzgebiet .entfernt werden.

Nicht offengehalten werden soll der südliche, bereits verbuschte Naßwiesenbereich (Parzellen 1595-97/1677).

Er wird der Sukzession überlassen.

Im Waldbereich sind alle Nadelhölzer langfristig durch standortgemäße einheimische Laubwaldarten zu ersetzen.

Ziel ist die Entwicklung natürlicher Laubwaldgesellschaften.

Der Bühlertalbach und seine Nebenarme sollen frei durch die Talsohle mäandrieren können.

Das schließt Eingriffe an Bachbett und Ufervegetation aus.

Im Bachbett selbst soll eine nicht mehr benötigte Pegelmeßstation zurückgebaut werden, die eine negative Blockade für die Wasserfauna bildet.

Die Trampelpfade im Gebiet sollen reduziert und in einem durchdachten Rundweg integriert werden.

Das Reiten muß schutzzielverträglich reglementiert werden.

Die im Norden angrenzenden Streuobstwiesen liegen im dienenden Landschaftsschutzgebiet.

Sie sind ebenfalls von hoher Wertigkeit in zoologischer Hinsicht, wenn auch etwas stärker gedüngt.

Sie sind offenzuhalten und vor baulichen Einrichtungen aller Art zu verschonen.

 

6. Zusammenfassung

Das noch unverbaute und verkehrsmäßig unerschlossene geplante Naturschutzgebiet „Bühler Tal und.Unterer Bürg" zieht sich als Band beidseits des Bühlertalbachs von Norden nach Süden durch das Landschaftsschutzgebiet des Rammert.

Naturnahe und kulturhistorisch geprägte Landschaftsabschnitte werden hier durch Schutz als Standorte für die Tier- und Pflanzenwelt erhalten und, wo nötig, durch entsprechende Maßnahmen gepflegt und erweitert.

Das Naturschutzgebiet umfaßt zu ungefähr einem Drittel verschiedene Feuchtgebietstypen (Auwaldreste, Ufervegetation, Naßwiesen), daneben abwechslungsreiche Wiesenstandorte und alte Streuobstbestände.

Der Vielfalt der Biotope entspricht die hohe Zahl gefährdeter und geschützter Tier- und Pflanzenarten, die in ihrer Gesamtheit den hohen Wert des Naturschutzgebietes „Bühler Tal und Unterer Bürg" begründen.

 

7. Literatur- und Quellenverzeichnis

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1962:  Str. 51 Nr.53326 und 53327

1986:  Str. 4 Nr.56 und 57

 

 

 

Tübingen, den 25.01.1992

 

 

Venth